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Neue jüdische Presse · 1909-06-11 · Heft 22 (11.6.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 22 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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6 eite 4. Krankfurker MraelÄsHeS FavülieMakt. ' Nr. 22. und eine jugendlich Helle Stimme rief fragend: ,Mer ist da?" „Graf Turnek," erwiderte Arnulf, indem er in das zweite Zimmer trat, wo Tirza auf dem Ruhebette in halb liegender Stellung verweilte. „Verzeihet, wenn ich stören sollte —" Tirza war im Moment wie mit Glut übergossen, doch hatte sie sofort ihre Unbefangenheit wieder gefunden. „Ihr störet nicht, Herr Graf; nur muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich Euch nicht entgegentommen kann, aber ich —" „Ich weiß es, bei Eurer edlen Absicht, meiner gottseligen Frau Mutter ein Stärkungsmittel zu überbringen, seid Ihr verunglückt, — und darum drängt es mich, meinen Dank Euch auszusprechen und mich nach Eurem Wohlergehen zu erkundigen. Ist Euer Fuß schon auf dem Wege der Besserung?" „Ich danke für die Nachfrage, Herr Graf, meinen Fuß hoffe ich in einigen Wochen wieder gebrauchen zu können; aber weit mehr als der verhältnismäßig geringfügige Unfall hat es mich geschmerzt, daß Eure hochverehrte Frau Mutier, deren Andenken gesegnet sei, dadurch die Arznei nicht erhalten hat, vielleicht wäre sonst ihr Ende weiter hinausgerückt worden." „Wenn Ihr ihr die Mixtur überbracht hättet, würde sie höchst wahrscheinlich noch unter uns weilen. Sie hat Euch sehr, sehr lieb gehabt, liebe Jungfer, meine Leute könne» nicht aufhören, mir davon zu erzählen." „Ja, ste war sehr gütig zu mir, so lieb und so freundlich. — Sie hat mir auch von ihren Söhnen erzählt. — Verzeihet, Herr Graf — seid Ihr Graf Arnulf oder Gras Kurt?" „Für wen haltet Ihr mich?" fragte er lächelnd, sein interessantes Gesicht mit dem treuherzigen Ausdruck ihr zuwendend. Sie blickte prüfend zu ihm auf, dann sagte sie mit Bestimmtheit. „Ihr seid Graf Arnulf, daraus möchte ich wetten." „Getroffen, liebe Jungfer. Doch, woran habt Ihr mich erkannt. Hat meine Mutter mich sc genau beschrieben?" „Das grccke nicht. Aber Eure Frau Mutter hat zu mir gesagt, der Herr Graf Kurt wäre auch sehr gut und ein feiner Kavalier, aber wenn er einmal kommen sollte, sollte ich mich doch vor ihm in acht nchnien; aber den Herrn Grafen Arnulf brauchte ich nicht zu fürchten, dem könnte ich vertrauen nach jeder Richtung hin." „Das hat meine Mutter gesagt? und danach habt Ihr mich erkannt? — Ich danke Euch, Jungfer! Eure Worte haben mir wohlgetan. — Und nun, da ich weiß, daß Ihr mir Vertrauen schenkt, darf ich mir wohl erlauben, mich zu Euch zu setzen, um Euern Vater zu erwarten?" Der Graf setzte sich neben Tirza, und es entspann sich eine lebhafte Unterhaltung. Arnulf war gradezu entzückt von dem Liebreiz des jungen Mädchens;;etzt glaubte' er seine Mutter vollkommen zu verstehen, glaubte, auch ihn hätte der Schlag treffen Knüffen» wenn er erfahren hätte, sein holdes Gegenüber wäre verunglückt. Und wie ste, die sich doch sicherlich noch nie im Leben mit einem vornehmen Herren unterhalten hatte, so unbefangen zu plaudern wußte. Er merkte garnicht, wie die Zeit verflog, und so halte die Unterhaltung bereits .länger als eine Stunde gedauert, als Tirza ihr Bedauern aussprach, daß ihr Vater grade heute so spät komme. Da sprang er erschreckt auf. „Verzeihung, liebe Jungfer, daß ich Euch so lange belästigt habe, ich habe es wahrhaftig nicht gewußt, in Eurer angenehmen Gesellschaft verfliegt einem die Stunde wie eine Minute." Tirza lachte. „Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern müßte, ich bin an eine derartige Sprache nicht gewöhnt. Aber belästigt habt Ihr mich nicht, ist bin ja doch an das Zimnier gefesselt. Ich bedauere nur, daß Ihr meinen Vater nicht getroffen habt." „Wenn ich sicher wäre. Euch in Wirklichkeit nicht zu belästigen, so würde ich um Erlaubnis bitten, noch länger zu verweilen bis zur Heimkunft Eures Vaters — oder Ihr müßtet mir gestatten, morgen wieder zu kommen. — Saget Jungfer, was wäre Euch lieber?" ,Menn Ihr nichts Dringendes mit meinem Vater zu besprechen habet, dann wäre es mir lieber, wenn Ihr Euch morgen wieder herbemühen wolltet — Denn wenn der Vater so spät nach Hause kommt, dann ist er jedenfalls hungrig, vielleicht auch müde. — Das dürfte Euch nicht angenehm sein." „Nein, .gewiß nicht. Also werde ich mir erlauben, morgen Mittag wieder vorzusprechen. Bis dahin Gott befohlen! liebe Jungfer." — (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Derantwortllchkell der Redaktion.) Präludium zum 13. Juni. Als vor Jahren der Landesvcrein für isr. Kultusgemeinden des Königreichs Bayern mit dem klar ausgeprägten Programm» den kleinen und leistungsunfähigen Gemeinden tatkräftig unter die Arme zu greifen, von der freien Rabbinerkonferenz in's Leben gerufen wurde, ahnte man nicht, daß die Väter dieses Kindes eimnal in die Lage kommen würden, ihr Unter vielen Sorgen großgezogenes Kind' öffentlich verleugnen zu müssen. Heute sind wir soweit. Wie es geschah, ist noch in aller Erinnerung. Die stürmischen Debatten bei der vorjährigen Hauptausschußsitzung des Landesvereins zeigten mit erschreckender Deutlichkeit, daß gerade dort, wo den bayrischen Gemeinden Einheit dringend not tut, alles andere eher zu finden ist. Wie Grabgesang klingt es aus den Zellen des Nürnberger P. K. - Korrespondenten in letzter Nummer des „Israelit". Man hält es nicht einmal der Mühe wert zu kämpfen. Vorbei. Aus den Ruinen soll dein Vogel Phönix gleich ein' neuer Verein glänzend emporsteigen. Die Kluft, die sich zwischen der „Bank der Geistlichkeit''' und der „Bank der Kommerziell- und Justizräte" aufgetan hat, erweitert sich mehr und mehr, und von gewisser 'Seite wird /mit aller Macht daraufhingearbeitet, eine Einigung für alle Zeiten unmöglich zu machen. Zwei Gegensätze, die das Judentum eigentlich gar nicht kennen dürfte, Hierarchie und Laientum sind die Ursachen des Streites. Oder glaubt man wirklich, einem sehenden Publikum Vortäuschen zu wollen, daß der altbewährte Kampfruf „die Religion ist in Gefahr" in diesem Streite eine Berechtigung haben sollte? Glauben die unsichtbaren Drahtzieher, auf deren „vielseitige Anregung" — (lofe es so hübsch in der Einladung heißt — i eine Versammlung zur Gründung eines „Vereins zur Förderung des gesetzes treuen Judentums in Bayern" für den 13. Juni nach Würzburg einberufen wurde, daß in Bayern nntcr den heutigen politischen Verhältnissen eine Revision des Judenedikts von 1813 oder gar eine Finanzgemeinschaft der jüdischen Gemeinden zustande kommen konnte, wenn die religiösen Führer sich mit einem solchen Gesetz nicht abzufinden vermögen. Ein Gang zu Dr. Schädler, und ein derartiges Gesetz wäre abgetan für alle Zeiten. Weshalb soll nun durch die Gründung des Vereins ein Keil in die einheitliche Bewegung getrieben werden? Es ist Verrat an der hl. Sache des Judentums, es ist Verrat an den um ihre Existenz kämpfenden Gemeinden, es ist Verrat an den Hoffnungen der jüdischen Lehrerschaft, die hart ringend um eine sichere, rechtliche Posllion seit Jahren den Ruf nach Einigung erschallen läßt, wenn die Lösung dieser großen Frage durch lleinliche Bedenken gehindert wird. Was große Organisatoren für das Deutsche Reich in der Freien Vereinigung zu Franksurt geschaffen haben, das suchen' deren Epigonen jaus bayrische Verhältnisse zu übertragen, ohne sich bewußt zu sein, wie wenig ein solcher Zwergverein den großen Aufgaben gerecht zu werden vermag. Der geringe Mindestbeitrag von 50 Pfg. pro Mitglied schließt jede durchgreifende Hilfsaktion aus. Und haben nicht stets Freie Vereinigung und Landesvcrein ihren Vereinszweck erfüllt? Was veranlaßt nun einige tvenige Eigenbrödler zu diesem unfaßlichen Vorgehen, das in Gestalt des zu gründenden Vereins für immer eine trennende Wand blldet. Mit der Einladung, die von einzelnen Rabbinern als Amtssache mit dem Adreßvermerk, „frei durch Ablösung" an die Gemeinden und Lehrer hinausging, — ein schon öfter bei Wahlen behördlich gerügter Amtsmißbrauch — wurde auch ein Statutenentwurf mitversanbt, der mit aller Schärfe bekämpft werden muß. Uebrigens haben sich nicht alle Gemeinden der Einladung zn erfreuen, sichtlich aus dem einen Gruiide, jede Opposition fernzuhalten und den Willen einer dreifach gesichteten Versammlung als die einmütige Meinung der gesamten bayrischen Gemeinden hinzustellen. Welchen Knechtsinn mutet man den Vereinsmitgliedern zu, wenn ß 5 der Statuten jedem Jsraelllen ünd jeder Israelitin, Gemeinden und Vereinen ohne Unterschied der religiösen Anschauungen den Beitritt gestattet, diese oder mindestens einen Teil derselben aber dadurch rechtlos macht, daß 8 11 bestimmt: „zu Vorstandsmitgliedern des Vereins können nur solche Mitglieder gewählt werden,^ die in Leben und Lehre auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen." Das heißt die Intoleranz in Permanenz erklären. Entweder man nimmt nur solche Personen und Vereine auf, die den Anforderungen des 8 H entsprechen, oder man gewährt allen Mitgliedern gleiche Rechte. Wo bleibt in diesem Falle die gerechte Opposition, die seinerzeit kräftig gegen jeden Knebelungsparagraphen im Organisationsstatut des Gemeindebunds einsetzte, wenn man solche Bestimmungen der Oeffentlichkeit in Vorschlag zu bringen wagt? Welchen Befähigungsnachweis muß man denn erbringen, um in den hohen Rat ausgenommen werden zu können? Große Verwirrung wird die Gründung des Vereins innerhalb der Lehrerschaft Bayerns Hervorrufen. Es ist klar, daß der Verein, der so sehr .auf die Mithilfe der Lehrer angewiesen ist, uns Lehrern keinen Segen bringen kann. Der Verein ist nicht imstande, unsere Forderung, die Schaffung einer Zentralkasse, zu verwirllichen. Nur die Einigkeit der bayrischen Gemeinden kann uns zum Siege führen. Bei der vorjährigen Generalversammlung des Lehrervereins, gab Dingfelder die Parole aus: erst unser Recht und .unser Brot, dann wollen wir wieder ideale Güter pflegen. Ist dieser Ruf' schon wieder vergessen? Kann; der Verein unseren dienstunfähigen Kollegen, unseren Witwen und Waisen Pensionen gewähren und das durchführen, was nicht einmal dem Landesverein gelang? Kann uns der Verein das bieten, was eine Finanzgemeinschast zu bieten vermöchte? Nein! Der Verein ist und bleibt für sich allein nur ein kleiner Bestandteil der bayrischen Judenheit und kann vom Hauptteil getrennt ^fast nichts erreichen, wohl aber kann er gährender .Sauerteig innerhalb der Gesamtheit werden. Darum wirkt der unter dem Aufruf angeführte Name pincs in leitender Stellung befindlichen Lehrers höchst befremdend. Möge dieser Mahnruf Widerhall sinken, bannt Fehler vermieden werden, die später nur schwer zu verbessern wären. N. E. F. Geehrte Redaktion! In Nr. 20 Ihrer geschätzten Zeitschrift erschien im Sprechsaal ein Artikel gegen den Vorstand der altisraelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden. Hierauf Folgendes: Vor ctlva Jahresfrist ist es unserm Herrn Rabbiner unter großer Mühe gelungen, die Ausweisung zweier polnischen Familien, die gegen eine nassauische Verordnung verstoßen hatten, rückgängig zu machen. Ein Vorstandsmitglied, dem zu Ohren gekommen, daß sich der in dem erwähnten Artikel genannte „Ben tauroh" derselben Gefahr ausgesetzt habe, hat denselben privatim gewarnt. Die Behauptung des Ploni, daß jener Bentauroh vom Lernen zurückgehalten werden sollte, bedarf ebensowenig der Widerlegung, wie jene andere, daß das Hans N. das einzige hier ist, in dem ein täglicher Gemoroh - Schiur stattfinde. Die in dem Ploni-Artikel erhobenen Verdächtigungen bilden ein Glied in der Kette der zahlreichen Jntriguen gegen das Genieindewohl von seiten des Almoni. Wir bitten Sie sreundlichst, diese Richtigstellung in ihrem Blatte aufnehmen zu wollen. Mit Hochachtung Der Vorstand der altisraelitischen Kultusgemeinde. Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Bhenmatismns bewährt. nan MW. Pension nmm -tw mitDep.Prinzeubof. Prospektgratis. Max Hecht. Hofjuweliei*! Kaiser str. 1, Frankfurt a. M. Inhaber: htL. WallaU. Perlon, Juwelen, Goldwaren. " Auf Wunsch Auswahlsendungen. — : [Welt-Mundwässer: Der Menschheit Wohltäfer. Rehorhe-Flasche Mk.1.25 Überall erhältlich! Wocheu-Saleir-er. (Zeitangaben nach dem Luach.) SamStag, den 12 Juni (= 23 Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7. Uhr 45 Min. ' Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 35 Min. in Berlin 9 Uhr 35 Min. Wochenabschnitt: Schelach-lecho. — Die Kleingläubigkeit des Volkes. Trotz der - göttlichen Versicherung, daß Palästina ein gutes Land -ist. Srden sie zwölf Kundschafter dorthin, angesehene änner, darunter Josua und Kaleb. Nach 40 Tagen kehren diese heim, bringen riesengroße Amuben mit, auch Datteln und Feigen. Sie loben bas Land, flößen aber dem Volke Furcht und Grauen ein vor den riesengroßen Ureinwohnern. — Das Volk murrt, will eine neue Regierung einsetzen und nach Egypten zurück. Josua und Kaleb suchen zu beruhigen; das Volk will sie dafür steinigen. — Da erscheint Gottes Herrlichkeit. Wie bei der Sünde des goldnen Kalbes St die ganze Nation vernichtet werden, mm auf oses allein ein anderes, besseres Volk aufzubauen. Moses fleht inbrünstig. Die Strafe wird gemildert. Das ganze lebende Geschlecht — Josua und Kaleb ausgenommen — soll in einer -vierzigjährigen Wüstenwanderung die .Sünde abbüßen; nur - das jüngere Geschlecht wird ins gelobte Land kommen. Die Lügenkundschafter -starben sofort. Trotz Verwarnung will das Volk auf eigene Faust hineinziehen. Zu spät — sie werden geschlagen. ,

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