Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 22 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr- 22. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Die Konferenz war auch von mehreren Rabbineir besucht und war von Rabbiner Dr. Landau- Johannisburg, der als hebräischer Dichter „Heillel ben Schochar" zeichnet und der sich vorübergehend hier aufhielt, präsidiert. Die Konferenz hat ein gutes Stück Arbeit geleistet/ und ihre Führer, tatkräftige Männer und begeisterte Juden, bürgen für einen guten Erfolg. London. M. Aus den Geschehnissen des Tages. Der von Geh. Kommerzienrat Goldberger auf der Generalversammlung des Berliner Lokalkomitees der Alliance Jsraelite Universelle erstattete Bericht liegt nunmehr im offiziellen Wortlaut vor. Er entkräftet keineswegs die seit Jahren gegen die Alliance erhobenen Vorwürfe, er bestätigt sie vielmehr. Die Alliance hat ein autokratisches Gefüge, wodurch sie gegen den von demokratischen Grundsätzen geleiteten Hilfsverein der Deutschen Inden aufgebracht ist, statt ihm nachzueifern: sie ist ihrem Geiste nach assimilatorisch und muß deshalb die zionistische Bewegung als ihr gegensätzlich empfinden, sowie aus gleichem Grunde das traditionelle Judentum als rückständig betrachten. Die Polemik des Berichts gegen den Hilfsvercin, den Zionismus und die Orthodoxie zeigt das klar und deutlich. Man höre nur folgende gehässigen. Ausführungen gegen den Hilfsverein: „Sie wissen aus den Berichten des Hilfsvereins, daß diese Organisation, da sie im Orient kaum die Möglichkeit fand, eine Schule zu gründen, sich gleichsam eine Spezialität aus den Kindergärten gemacht hat. In diesen Kindergärten unterrichtet man nur hebräisch, singt man nur zion. Lieder, sind die Lehrer alle oder säst alle Zionisten, die keine» Wert darauf legen, die Kinder zu religiösem Sinn zu erziehen, sondern sich bemühen, aus der ihnen anvertrauten Jugend Zionisten zu machen. Das Hebräische ist für sie nur das Mittel zur Verbreitung national-zionistischer Ideen. Weiß der Hilfsverein das nicht? oder mag er es nicht wissen?" Der Bericht hat noch viele Stellen, die charakteristisch für die Alliance sind, aber dieser eine Passus über den Hilfsverein genügt schon zu ihrer Beurteilung. Zuerst legt der Passus von einem Eigendünkel Zeugnis ab, wie solchen nur die Autokratie gibt, denn ohne diesen Eigendünkel hätte man es wahrlich nicht gewagt, sich ohne jede Veranlassung in die Angelegenheiten einer anderen Organisation zu mischen. Auf das Unerhörte dieser Handlungsweise einzugehen, die nichts weiter beabsichtigen kann, als den Hilfsverein vor der Oeffentlichkeit zu diskreticreii — und dabei sind die Behauptungen unrichtig (so unterrichtet nicht ein einziger Lehrer an den Kindergärten, sondern nur Lehrerinnen) —, halten wir für unnötig, weil ein solches Vorgehen sich selbst richtet. Einen weiteren Anhaltspunkt für die Beurteilung der Alliance bietet ihr Vorwurf, daß die Unterrichtssprache des Hilfsvereins das Hebräische sei. Dieser Vorwurf ist das große Lob des Hilfsvereins; der Hilfsverein will für jüdisches Geld Juden erziehen, während die Alliance mit dem Französischen als dpr wichtigsten Sprache und der nebensächlichen Behandlung des Hebräischen zu ihrem Ziel, wie es im Bericht heißt, die „geistige Befreiung" hat, aber leider häusig auch die von den Traditionen des jüdischen Volkes. Der Bericht spiegelt trotz alledem eine Stimmung wieder, die uns eine allmähliche Bekehrung der Alliance - Leiter erhoffen läßt. Früher ließ die Herren das jüdische Leben außerhalb der Alliance-Kreise vollständig kühl, — jetzt aber erhitzen sie sich,- und das ist ein hosfnungsfrcudiges Zeichen. Zum Schluß noch eine Bemerkung: Die Aeußerungen der Alliance gegen den Hilfsverein beweisen, wie recht wir seiner Zeit hatten, als wir von Jntriguen aus den Kreisen der Alliance gegen den Hilssverein sprachen. Aus a\Xev Well. Deutsches Reich. ch Mülhausen i. Elf. Das Israel. K o nsistorium des Ober-Elsaß hat dieser Tage eine neue einheitliche Gemeinde-Ordnung ausgearbeitet und sie in Broschürensorm den einzelnen Gemeinden behufs Verteilung an die Mitglieder zugestellt. Um die Kultusgemeindenverwaltungen auf Grund dieser neuen Ordnung zu reorganisieren, hat das Konsistorium beschlossen, die sämtlichen Vorstandskommissionen des Bezirks neu zu wählen. Als Tag der Wahl ist der 4. Juli d. Js. bestimmt worden. Die Amtsdauer der neu gewählten Vorstände beträgt in Zukunft vier Jahre. Das Konsistorium hat mit der neuen Gemeindeordnung einen bedeutenden Schritt auf dem Wege der Selbständigmachung der Gemeinden getan, indem es, den jetzigen Zeitverhältnissen entsprechend, der Selbstverwaltung der Gemeinden durch die Vorstände und Verwaltungskommissionen eine rechtliche Grundlage gibt und ein geordnetes Wahlverfahren schafft. Oesterreich-Ungar». Wieu. Dem rumänischen Abgeordneten Professor N i k u I o r g a, einem der berüchtigsten Antisemiten des antisemitischen Rumäniens, wurde von der österr. Grenzbehörde das Betreten des.österr. Gebietes verboten. Er war im Begriff, eine antisemitische Agitationsreise nach Oesterreich ju machen. Lemberg. Der Verein «Tikwath Zion" plant die Errichtung eines j ü d. Volks Hauses, das eine Synagoge, einen großen Bersammlungssaal und Räume für ein jüd. Theater umfassen soll. Es sind bereits größere Beträge gezeichnet worden. — In Tarnopol haben die Repräsentanten der jüd. Gemeiltde ans Antrag des Zionisten Dr. Blemmer beschlossen, einen Entwurf für das allgemeine Wahlrecht zuni Kultusrat binnen vier Wochen auszuarbeiten. Amerika. Rew-Bork. Die Verhandlungen über die Erneuerung des Handelsvertrags zwischen Rußland u n d A m e r i k a sind bereits im Zuge. Wie erinnerlich, hgt bei der letzte» Präsidentenwahl in Amerika die Forderung der Republikaner nach Anerkennung des a m e r i k a n i s ch e n Passes in Rußland ohne Rücksicht auf die Konfession des Paßin Habers eine große Rolle gespielt. Der gewählte Präsident William Taft hatte sich auch verpflichtet, auf die gewünschte Anerkennung der Pässe amerikanischer Bürger jüdischen Glaubens zu bestehen. Diese Forderung der amerikanischen Regierung liegt nun der russischen Regierung vor. Wie nun „Rjetsch" und andere russische Bläter melden, hat jedoch diese Forderung der amerikanischen Regierung keine A u s s i ch t auf Erfolg. Interessant sind die Gründe der Ablehnung russischerseits. Zunächst befürchtet die russische Regierung, daß im Falle der Anerkennu"g der Pässe von amerikanisch-jüdischen Bürgern zahlreiche Juden bloß zu dem Zwecke nach Amerika fahren würden, um dort das Bürgerrecht zic erwerbe» und dann, mit amerikanischen Pässen versehen, nach Rußland zurückzukehren und sich daselbst ständig niederzulassen und die Rolle amerikanischer Bürger in Anspruch zu nehmen. Außerdem hat die russische Regierung das Bedenken, daß die Anerkennung der amerikanisch - jüdischen Pässe seitens der übrigen Staaten als Präzedens betrachtet und auch von diesen die gleiche Forderung gestellt werden könnte. Schließlich meint man, in Rußland habe Amerika überhaupt nicht das Recht, eine solche Forderung zu stellen, denn auch in den Vereinigten Staaten werden nicht die Pässe aller Ausländer respektiert, indem auch dort für bestimmte Kategorien, so z. B. bezüglich der Chinesen, Ausnahmsbestimmungen bestehen. New-Aork. Im Mai sind hier 2239 jüd. Einwanderer gelandet, von denen 1738 aus Rußland stammten. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). „Weswegen?" fragte Kurt, „weil unsere gottselige Mutter das kleine Judenmädchen gern gehabt hat?" „Eben wegen dem, denn wenn die Hochselige das Kind nicht gar so gern gehabt hätte, würde sie wahrscheinlich noch leben." „Redet doch keinen Unsinn!" tadelte Arrlulf. „Ich rede keinen Unsinn, Herr Graf, aber was wahr ist, ist wahr; und was wahr ist, oarf man sagen. Die Sache verhält sich nämlich so. Es war Glatteis, und wenn der Doktor zu Hause gewesen wäre, hätte er das junge Mädchen wahrscheinlich gar nicht fortgehen lassen; aber er war schon in der Frühe nach auswärts zu einem Kranken gerufen worden und hatte der Tochter vermutlich schon am Abend gesagt, daß sie die Medizin auf's Schloß tragen soll. Wie das Kind das tun will, fällt es und bricht den Fuß. Inzwischen wartet unsere Gnädige hier aus die Medizin und vermutlich noch mehr auf das junge Mädchen. Alle Minute schickt sie herunter und läßt fragen, ob. die Jungfer noch nicht in Sicht sei. Und zuletzt läßt ne mir sagen, ich soll einen von den Leuten hinunter zu dem Jndendoktor schicken und fragen lassen, warum die Jungfer die Medizin nicht bringt. Und dabei läßt sie sagen, der Bote soll sich tninmeln und rasch zurückkommen und wenn er heimkommt, soll er gleich zu ihr hinauf und ihr Antwort bringen. Na, der Michel ist ein braver Bursch, aber ein dummer Kerl ist er auch, und Gott mag wissen, von wem er sich den Bären hat aufbinden lassest, — kurz und gut, er kommt nach Haus und — wie es ihm befohlen war — gleich herauf zu ihro Gnaden und sagt, die Gnädige ncüsse verzeihen, daß die Jungfer die Medizin nicht gebracht hat, aber sie hätte das Genick gebrochen. — Na, was die Gnädige da getrieben hat! — Ihro Schrei'n hat man unten in der Halle hören können, so daß man hat glauben müssen, daß einer sie morden will. — Alte sind wir heranfgelaufen, und wie wir herein koinmen, liegt sie hier auf den Knien und ringt die Hände und schreit: „Dir bist nicht gerecht, Gott! Dn strafst zu hart! — Das Kind ist doch unschuldig!" — Und die Gnädige hat in einem fort geweint und geschrieu und gebetet, — und bevor mau es sich versehen hat, ist der grausige Anfall gekommen — nicht atmen hat sie können, dunkelrot ist sie gervorden und dann blau — und die Augen — o, es war grausig! —" Noch in der Erinnerung au das Entsetzliche durchzuckte es ihn wie ein Schauer: auch die Söhne atmeten erschüttert schwer auf. „Ihr glaubt in Wirklichkeit, daß die Angst um den vermeintlichen Unfall des Judenkindes unserer hochseligen Mutter den Todesstoß versetzt hat?" fragte Kurt nach längerem Schweigen. „Dabei ist nichts zu glauben," erwiderte der Verwalter, „das weiß ich mit Bestimmtheit, und das wissen alle, die dabei gewesen sind." „Entsetzlich!" flüsterte Arnulf. „Freilich ist es entsetzlich," stimmte Kurt bei, „ist das Mädchen noch sehr jung und schön?" „Sie dürfte fünfzehn, höchstens sechzehn Jahre zählen und ist von gradezu wunderbarer Schönheit; nie habe ich ein so liebreizendes Kind gesehen." „Na, na!" versetzte Kurt lächelnd, „Ihr geratet ja gradezu in Extase, wenn Ihr Euch der liebreizenden Jungfer erinnert; — die muß man kennen lernen. Das wird doch hoffentlich nicht schwer halten?" „Augenblicklich dürfte es auch schwerlich gelingen, des jungen Mädchens ansichtig zu werden; sie liegt und wird vermutlich noch mehrere Wochen liegen müssen. — Mer, Herr Graf, ich muß mir erlauben, darauf aufmerksam zu machen, auch wen» die Jungfer wieder ausgehen wird, Ihr dürfet ihr nicht zu nahe treten — Eure hochselige Frau Mutter hat sie sehr, sehr lieb gehabt." „Eben deshalb würde es inich interessieren, sie kennen zu lernen. — Aber ich muß leider übermorgen abreisen —" „Aber Du wirst wiederkommen, Ostern haben wir doch immer hier verbracht —“ „Weil die Mutter cs hat haben wollen; ob ich aber dieses mal zu Ostern komme, das ist noch fraglich. Doch zu Deiner Hochzeit komme ich sicher." „Du sprichst von meiner Hochzeit, und ich bin noch nicht einmal verlobt." „Ach, das ist doch längst abgemacht zwischen unserer Mutter und dem Onkel Holms." „Ich habe mit Euphemia noch nie darüber gesprochen, und wir gehören doch auch dazu." „Freilich gehört Ihr dazu! Ob Ihr in der Sache aber viel zu sagen habt, das weiß ich nicht." „Kurt, laß diese Angelegenheit ruhen, denn es widerstrebt mir, in diesen Tagen der Trauer um unsere dahingeschiedcue Mutter mich n:it dem zu beschäftigen, was doch das Glück meines Lebens begründen soll." „Verzeihe Arnulf, ich weiß es ja längst. Du bist besser als ich." * Kurt war abgereist. Arnulf hatte vollauf zu tun, sich in seinen neuen Beruf einzuarbeiten; der Verwalter ivar ihm nach jeder Richtung hi» zur Seite. „Ich möchte mir auch erlauben, den Herren Grasen aufmerksam zu machen, daß dem Doktor gezahlt werden müßte. Ich selbst werde ihm das Honorar überbringen und Eueren Dank hinzufügen für die ausgezeichnete Behandlung, die er der Hochseligen hat zuteil werden lassen." „Daran habe ich auch schon gedacht," versetzte Arnulf, indem eine leise Röte sein sonst etwas bleiches Gesicht überzog, „nur möchte ich's umgekehrt machen. Ihr, Werner wisset besser als ich, welches Honorar dem Doktor gebührt, also saget Ihr, wieviel er haben soll, dann werde ich es ihm überbringen." . „Ihr selbst wollt es ihm überbringen? Das wird ihm eine große Ehre sein." „Daran habe ich nicht gedacht. — Ich könnte ja sagen, daß cs mich drängt, dem treuen Arzt unserer dahingeschiedcnen Mutter, der, wie Ihr sagt, so oft ihre Schmerzen gelindert hat, persönlich meinen Dank auszusprechen. — Tatsächlich ist das auch der Fall. Aber — ich tausche mich nicht gern und möchte auch Euch nicht täuschen, darum füge ich hinzu: ob es mir eingefallen wäre, dem Doktor persönlich meinen Dank ausznsprechen, wenn ich nicht auch sehr neugierig wäre, das schöne junge Mädchen zu sehen, daS unsere Gottselige so lieb gewonnen hatte, das weiß ich doch nicht." — — Am anderen Tage trat Arnulf in das Haus des Arztes. Er hatte der Form entsprechend an die nächste Tür geklopft, dieselbe jedoch gleichzeitig geöffnet und war eingetreten. Der Raum war leer, doch die Tür zum Nebenzimmer stand halb ossen.