Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 21 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692635--04743-2699581- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 16. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 21. stttutionen bestehen und ohne zu große Aufwendungen an Geld und Mühe in den konfessionelljüdischen Schulen durchführbar wäre. Wanderungen und Walderholungs-Heime für die Zeit der Ferien sind ein weiteres Glied in der Kette der immer besser auszubauenden sozial-hygienischen Maßnahmen, die geeignet sind, eine körperlich und seelisch gesunde, jungjüdische Generation heranzubilden. Alle die genannten hygienischen Forderungen erscheinen mir zugleich als cm äußerst wirksames Mittel zur Bekämpfung der Volkskrankheit, die auch aus den Rechen der Juden immer noch viel zu viele Opfer heischt, — der Tuberkulose. Eisenstadt nimmt zwar in seiner Arbeit auf Grund einer Wiener Statistik Rosenfelds an, die Juden hätten eine geringere Empfänglichkett für Tuberkulose. Wer aber, wie Referent, einen erschreckend hohen Prozentsatz von leicht oder schwerer Lungenkranken unter den aus östtichen Ländern stammenden Glaubensbrüdern gefunden hat, der kann dieser trostreichen Zusicherung Eisenstadts wenig Vertrauen entgegenbringen, muß vielmehr einen fortgesetzten, erbitterten Kamps gegen diesen schlimmsten Feind der ganzen Menschheit und auch der Juden fordern. Gerade unter Berücksichtigung dieser Seuche muß eine tatkräftige Wohnungshygiene etnsetzen, da die heuttgen Wohnstätten der armen jüdischen Bevölkerung geradezu 'eine Brutstätte der Tuberkulose darstellen. Dringend erwünscht ist auch die Errichtung einer geschlossenen jüdischen Lungenheilstätte (NB. In Deutschland), da aus rituellen Rücksichten viele jüdische Lungenkranke die vorzüglichen interkonfessionellen Anstalten nicht aussuchen wollen. Wir haben in Obigem die leitenden Gedanken skizziert, von denen die Sozialhygiene unter den heuttgen Juden, insbesondere unter dem jüdischen Proletariats, beherrscht sein muß. Bei deren Umsetzung in die Tat müssen die Aer'zte, als die berufenen Hüter der Volksgesundheit, die Direktive in Händen hatten. Freilich dürfen sie keine Machtbefugnis verlangen, wie sie Eisenstadt für den Aerztestand vindiziert, daß sie nämlich beispielsweise die Fortpflanzung trunksüchttger und nichtstillfähiger weiblicher Personen vermeiden sollten, (!) von anderen, fast unglaublichen Forderungen Eisenstadts gar nicht zu reden. Die sozialhygienisch geschulten Acrzte müssen die Berater der jüdischen Institutionen sein, denen die Exekutive für die oben dargelegten Aufgaben zukommt; es sind 'dies die vielen, schon heute bestehenden Vereinigungen caritattv wirkender Männer und Frauen, die sich in den Dienst der sozialen Fürsorge gestellt haben. Wenn diese, in den Aufgaben und Mitteln der Sozialhygiene gut unterttchtet (durch Vorttäge, allenfalls durch eine Zeitschrift, wie Eisenstadt vorschlägt), mtt heiligem Ernste ans Werk gehen, sich in die verschiedenen Gebiete der sozialhygienischen Fürsorgetätigkcit teilen, — so kann der Erfolg nicht ausbleiben: Die jüdische Rasse wird wie in früheren Zetten fortbestehen als ein Vorbild für vernünftige, mäßige und doch zufriedene Lebensführung, und sie wird dadurch zu einem kleinen Telle ihrer kulturellen Mission unter den Völkern gerecht. Ans den Vereine«. Frankfurt a. M-, 3. Juni. Der .Centralvercin israel. Ge mein de Mitglied er" hatte auf gestern Abend eine Versammlung einberufen. Dr. med. W. Hanauer referierte über den Gemeindetag, dem er als Delegierter des Centralvereins beiwohnte. Man habe dem Deutsch- Israel. Gcmeindebunde den Vorwurf gemacht, daß er nicht erst die allgemeinen Gesichtspunkte des Entwurfs habe festlegen lassen; das sei aber bei dem Rosin'schen Entwürfe geschehen und die den Entwurf ausarbeitende Kommission hatte nunmehr die Aufgabe, alles die religiöse Autonomie der Gemeinden Beeinträchttgende auszumerzen, eine Ausgabe, die freilich nicht gelöst worden ist. Ein zweiter Vorwurf sei der, daß man bei der Ausarbettung des Entwurfs nicht Vertreter verschiedener Richtungen herbeigezogen habe. Auch daß der Entwurf zu spät publiziert wurde, daß ihm keine Begründung beigegeben war und daß auf dem Genreindetage keine Generaldebatte stattfanb, sei mtt Recht bemängelt worden. Redner geht nun auf die bekannten Einzelheiten des Entwurfs in anschaulicher Schilderung ein und beleuchtet die merkwürdige Stellung, welche den Delegierten des Gemeindetages zugewiesen wurde, indem mau ihnen mehr eine beratende als eine beschließende Stimme einräumte, sodaß es nur zu zwei Abstimmungen kam. Moritz A. Loeb gibt gleichfalls seine Eindrücke wieder. Die Geschäftsführung sei gegen jeden parlamentarischen Brauch gewesen; man habe Wohl einen Generalrefercut bestellt, aber keine Generaldebatte gestattet; auch wurde den Rednern nicht nach der Reihenfolge das Wort erteilt. Der angeblich parteilose Deutsch-Israel. Gemeindebund bestellte sämtliche Referenten von neologer Seite. Redner beleuchtet auch seinerseits die zahlreichen Schwächen des Entwurfs und geht dann aus die Bemühungen der Gemeindebund-Kreise näher ein, das ihnen ungünstige Resultat der Abstimmung umzuändern; als ob es dabei auf fünf Stimmen Minorität oder Majorität ankomme; auch scheinen die Kreise nicht zu bedenken, daß der Deutsch-Israel Gemeindebund noch lange nicht alle Gemeinden Preußens umfasse und daß der Gesetzentwurf nur dann durchgebracht werden kann, wenn alle Richtungen der preußischen Judenhcit einig sind. Er habe den Eindruck gewonnen, daß die große Majorität der preuß. Judeuheit den aufrichtigen Wunsch nach wahrem Frieden habe, der nur eine ungehinderte Entfaltung. des religiösen Lebens verbürge, und daß die Gegenbestrebungen nur von den Lettern einiger Großgcmeinden ausgehen. Den beiden Referaten schloß sich eine lebhafte Debatte an, die sich hauptsächlich mit der Erreichung eines modernen Wahlrechts in der Frankfurter Gemeinde beschäftigte, da ein Gesetz für die gesamte Preußische Judeuheit nun doch für lange Zeit verschoben sein dürfte. Es wurde der Antrag Singer angenommen, daß der Vorstand des Centralvercins sich mit dein Vorstand des Freisinnigen Vereins behufs gemeinsamen Vorgehens in Sachen der baldigen Aenderung des Wahlrechts in Verbindung setze und falls eine Einigung nicht erzielt werde, einer späteren Mitgliederversammlung geeignete Vorschläge mache. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Franks. Jsr. Familienbl. gingen ein: I. L. Goitein gratuliert herzlichst dem früheren Mitarbeiter im Vorstande, Herrn Lehrer Abraham Reinhardt, Cöln, zu seiner Vermählung. Wette 2,— JL Saly Geis gratuliert Lehrer Reinhardt- Cöln zur Vermählung, Dr. Marschak-Petach- Tikwah und Julius Hollander-Altona zur Verlobung, Herrn und Frau Jakob S. Poseu-Frankfurt zur silbernen Hochzeit 2 — „ Berlin. In Anerkennung der Bedeutung, die der Kulttvierung des von Herrn Agronom lAaronsohn in Palästina entdeckten Urweizens für die Landwirtschaft von Tunis zukommt, hat der Bey von Tunis auf Vorstellung des französischen Generalresidenten Herrn Aaronsohn zum „Office er du Ni sch an Jftikar" ernannt. Dies ist eine der höchsten Auszeichnungen, die der Bey von Tunis zu vergeben hat. Herr Aaronsohn begibt sich jetzt im Aufträge des unter der Leitung von Prof. Dr. O. Marburg stehenden „Komitees zur Errichtung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina" nach Kalifornien, Arizona, Nebraska und den Baumwollstaatcn Texas, Mississippi etc. Mit Rücksicht auf die klimatischen Analogien, die zwischen Palästina und Kalifornien bestehen, ist cs für die Zukunft der palästinischen Landwirtschaft von allergrößtem Werte, die Fortschritte der Landwirtschaft in Kalfornien genau zu studieren, wo bekanntlich die subttopischen Kulturen die höchste Blüte erreicht haben. Ganz besonders soll Herr Äaronsohn in Kaliforien die nach den neuesten Ergebnissen der Wissenschaft eingerichteten Versuchsstationen, die großartigen Orangerien, Oelbaum-, Mandel- und anderen Baumkulturen, die bekanntlich für Palästina von großer Bedeutung sind, einer gründlichen Besichtigung unterziehen. Auch der Konservenfabrikation, die voraussichtlich schon in aller Kürze für Palästina von praktischer Bedeutung werden dürfte, wird Herr Aaronsohn gelegentlich seines Aufenthaltes in Kalifornien die größte Aufmerksamkeit zuwenden. Außerdem wird Herr Aaronsohn in den mittleren- Gebieten (Nebraska usw.). die nach dem System des bekannten amerikanischen Gelehrten Campbell zur Anwendung gelangenden BodenLehandlungswethoden in trockenen Gegenden (Dry-Farming) genau studieren und schließlich bei der Pflege und Ernte der Baumwolle zugegen sein. Nancy «Frankreich). Am 29. Mai fand bier eine zion. Versammlung statt. Rechtsanwalt Lambert begrüßte das zahlreich erschienene Publikum und stellte den bekannten Palästina-Pionier Belk i n d, Direktor der von ihm gegründeten Ackerbauschule „Keriat Sefer", als den Redner des Abends vor. Der Referent sprach über „Wirtschaftliche Arbeit in Palästina"; er wünscht, daß jetzt alle Kraft, auch die Mittel des Nationalfonds, für Landankauf verwendet wird. _ I. B. Personalien. Berlin. Fabrikbesitzer und Handelsrichter Jacob Weinberg und Rentier Moritz Wreschner verschieden dieser Tage. Ersterer gehörte der Repräsentanz der jüd. Gemeinde und der Leitung verschiedener jüd. Vereine an, letzterer war Gründer und Vorstandsmitglied des Jsr. Vereins Nächstenliebe. (L.) Posen. Dr. Leopold Caro erhielt den Charakter als Sanitätsrat. — Kaufmann Peyser hat zum Andenken an die langjährige Tätigkeit seines Vaters als Mitglied des Magistratskolleginms in Samte r dieser Stadt einen Springbrunnen geschenkt. ch Stratzbnrg. Im 57. Lebensjahre verschied der Kaufmann Abraham Oppenheimer, langjähriges Mitglied der Synagogenverwaltung. — Hier hat der junge jüdische Bildhauer Arthur Weil eine „Richard Wagner"-Büste ausgestellt, die allgemciiie Bewunderung erregt. Breslau. Magistratsbaurat Nathansohn erhielt in Anerkennung seiner Verdienste um die Bauten der Stadt Breslau den Roten Adlerordeu 4. Klasse. — Sanitätsrat Dr. Berliner in Kattowitz wurde der Charakter als Geh. Sanitätsrat und D r. Glaser, Chefarzt des Kattowitzer städtischen Krankenhauses, der Charakter als Sanit ä t s r a t verliehen. Petersburg. Rechtsanwalt Josef Pergament, eines der fähigsten Mitglieder der Kadetten, hat sich — wie man sagt — selbst entleibt. P. war im Begriff, die Machenschaften des Verbandes der echten Russen, genannt „Schwarze Hundert", in der Duina mit unwiderleglichen Dokumenten aufzudeckcn, und deshalb wurde ihm schleunigst ein Prozeß wegen einer Fluchtverhelfung angehängt, um ihn unschädlich zu machen. P. war, trotzdem er getauft war, ein energischer Verfechter der Rechte der Juden; in die Liste der Dumaabgeordncten hatte er sich als „Jude griechisch-orth. Konfession" eingetragen. Sprechsaal. (Ohne Berantworlltchkeit der Redaktton.) Die „Jüd. Rundschau" brachte in ihrer Nr. 20 einen Sprechsaal-Artikel des Herrn Dr. Feuchtwanger über eine kurz zuvor hier stattgehabte Misrachiversammlung, dessen tendenziöser und teilweise unrichtiger Inhalt mich veraulaßte, der Rundschau unternr 19. Mai eine ausführliche Richtigstellung zu übersenden. Heute erhalte ich von der Redaktion der Rundschau folgendes Schreiben: Charlottenburg, 1. Juni 09. Sehr geehrter Herr! Wir senden Ihnen mit bestem Dank beiliegenden Artikel zurück, da wir die Angelegenheit durch die zwei verössentlichten Artikel für erledigt halten. Hochachtungsvoll „Jüd. Ruudsch au." gez. Dr. I. Becker. Von den 2 erwähnten Artikeln ist unter dem ersten eben der des Herrn D'r. F. zu verstehen, unter dein 2. ein solcher des „Frkftr. Jsr. Familicnblattes", der in eigener Sache geschrieben war, und niit dem Bericht des Herrn Dr. F. über meine Ausführungen nichts zu tun hatte. Obwohl es nun außer Zweifel steht, daß ich unter Berufung auf das Preßgesctz die Aufnahme einer Entgegnung in der „Jüd. Rundschau" erzwingen könnte, ziehe ich vor, die Sache ruhen zu lassen, in richtiger Würdigung ihrer ganzen Bedeutung. Es darf aber füglich betont trerden, daß cs einer Redaktion, die Wert darauf legt, als loyal zu gelten, nicht ansteht, Angriffen Raum zu geben und später den Angegriffenen die Gelegenheit zur Verteidigung zu versagen. Zur Sache selbst ist zu erklären: Es ist unrichtig, daß ich „zugestandenermaßen nicht aus Interesse zur Sache gesprochen" hätte. Als ich in betr. Versammlung auf irgend eine Bemerkung lebhaften Zwischenruf erfuhr, wies ich darauf hin, daß ich ja auf das Wort verzichten könne, da weder Ehrgeiz noch persönliches Interesse mich zuni Sprechen '.veraulaßte.. Woraus zu folgern, daß eben nur sachliches Interesse für mich maßgebend war. Daß ich ferner gesagt haben soll „man dürfe sich durch die Worte des Herrn Prof. Weyl nicht täuschen lassen," ist frei erfunden; es ist mir nicht eingefallen, auch nur etwas entfernt ähnliches zu behaupten; — den wirklichen Inhalt, meiner Ausführungen hat s. Zt. das Frkst. Jsr. Finbl. angedeutet. Soweit ineine persönlichen Erklärungen. — Was den sachlich unrichtigen Bericht betrifft, habe ich keine Veranlassung, nachdem die Rundschau die Polemik geschlossen hat, meinerseits an anderer Stelle eine neue zu eröffnen. Vielleicht darf ich aber Herrn Dr. F. bitten, wenn er in Zukunft Be-