Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 21 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 21 ckes FraMmler IsmekWm FamilMblaites. Soziale Hygiene bei den Inden. Von Dr. Gustav Löffler (Frankfurt). (Schluß). Auf dem Gebiete der Ernährungs -Hygiene weist Eisenstadt mit Recht eindringlich auf die Gefahren hin, die der zunehmende Alkohol-Konsum für die Juden zeitigt. Seiner Meinung nach ist der „bevorstehende Untergang der wohlhabenden deutschen Juden" nur durch deren völlige Abstinenz von geistigen Getränken zu verhüten. Wenn ich auch' mit Bezug auf die preußischen Juden nicht so schwarzscherisch bin wie Eisenstadt, so muß ich doch seine >">chdrückliche Warnung vor dem Alkoholals für die Juden durchaus zu 'Recht bestehend bezeichnen. Die von vielen Psychiatern beobachtete Zunahme der Idiotie (d. h. des angeborenen Schwachsinnes) und der straffälligen Vergehen (speziell der Rohheits-Delikte) in den jüdischen Kreisen, die dem Alkohvlgcnusse fröhncn, außerdem die von den meisten Acrzten anerkannte Tatsache, daß die Töchter der Trinker die Fähigkeit verlieren, ihre Kinder selbst zu nähren und damit der besten Garantie zur Erhaltung ihrer Art verlustig gehen, müssen tvarnende Schreckgespenster für jeden einsichtigen Juden sein. Nicht im gleichen Maße wie bei der Alkoholfrage können wir Eiscnstadt bei der Bewertung beipflichten, die er dem Vegetarismus in Bezug auf die Gesunderhaltung resp. Wiedergesundung der jüdischen Rasse bcimißt. Persönlich schätze ich zwar ein lleberwicgen der Pflanzen-,, Milch- und Eierkost bei der Ernährung sehr und weiß mich daher frei von Voreingenoinmenheit gegenüber den heute vielfach zu beobachtenden Bemühungen von Aerzten und Laien, den Vegetarismus auf den Schild zu erheben. Auch sind wohl die meisten Aerzte der Ansicht, daß der übermäßige Genuß von Fleisch, zumal stark gewürztem, eine Reihe von Krankheiten, besonders Gicht, vorzeitige Verkalkung der Adern und nervöse Reizbarkeit verschulden kann. Aber nur das Uebcrmaß des Genusses von animalischer Kost, meistens in Gemeinschaft auch 'mit sonstiger üppiger Lebensführung, provoziert diese Erkrankungen. Welche Schädigungen aber andererseits die ausschließlich oder vorwiegend vegetabilische Ernährung im Gefolge haben kann, ist noch zu wenig erforscht. Daß sie nicht ausbleiben, beweist das blasse, hagere Ansehen so manches Apostels des Vegetarismus und läßt die physiologische Erwägung vermuten, daß der menschliche Berdauungskanal die stete Belastung mit der unverdaulichen Cellulose der Pflanzen nicht ungestraft hinnehmen wird. Daß die Juden von ehedem ihr oft hohes Alter und ihr besseres physisches Befinden einer stärkeren Betonung des vegetabilischen Regimes bei ihrer Verköstigung zu verdanken hatten, dünkt mich eine recht schwach begründete Hypothese Eisenstadts. Gerade die Mahmtttfi des Talmud, in jedem Haushalte sollten Gemüse vorrätig sein, weist darauf hin, daß die alten Juden dem Fteischgenusse gerne den Vorzug gaben und darum ein Monitum verdienten. Und wenn Maimonides, indem er von der natürlichen Nahrung des Menschen spricht, die vegetabilischen Substanzen vor dem Tierslcisch nennt, so dürfte dies aus stiltechnischen Gründen zu erklären sein; er spricht nämlich hernach eingehender über die Güte des den Judert erlaubten Fleisches! Nach alle dem scheint es mir nicht ratsam, der jetzigen Judenheit ganz generell den Vegetarismus überschwänglich anzupreisen. Vielmehr dürste sich für die wohlhabenden Kreise recht wohl eine energische Einschränkung der animalischen Kost empfehlen, für das jüdische Proletariat aber eher eine Bereicherung ihrer Tafel mit Fleisch, soweit dies die materielle Lage der Familie gestattet. Auf dem Gebiete der- S e x u a l h y g i e n e erscheint Eisenstadt nach wie vor die Frühheirat als der Jdealzustand. Auch wir können nur wünschen, daß die Erreichbarkeit dieses schönen Ideals in großem Stile möglich wäre. Gar mancher jüdische junge Mann bliebe vor sittlicher Verirrung, vor Krankheit und späterem Siechtum, manche jüdische Familie vor Kninmer und Schande bewahrt! Aber kaum eine Zeit gestaltete diesen Wunsch illusorische^ wie gerade die jetzige mit ihrer wirtschaftlichen Kalamität. Rur der darf eine Ehe eingehen, der imstande ist, für den Unterhalt von Weib und Kind zu sorgen. Wozu die Nichtbeachtung dieser, eigentlich selbstverständlichen Forderung führt, das zeigt in trüben Bildern ein großer Teil unserer armen östlichen Glaubensbrüder, bei denen die Frnhhcirat noch gang und gäbe ist. Sie sind oft beglückt von reichem Kindersegen. Aber jeder neue Ankömmling nimnit von der ohnedies schon kleinen, schlecht gelüsteten Wohnung ein Fleckchen weg, ißt mit aus der Schüssel, die durch ihn nicht voller wird; damit aber verschlechtern sich die Existenzbedingungen für jeden Einzelnen einer solchen jüdischen Proletarierfamilie, und die jüdische Rasse hat davon schlechten Gewinn! Im Hinblicke aber auf solche Erscheinungen bei der unbemittelten jüd. Bevölkernng >vill der heutige junge Mann aus besser situierter jüdischer Familie erst dann einen eigenen Herd begründen, wenn er glaubt, seine Position gestatte ihnr, den maßlosen Ansprüchen gerecht zu werden, die das Leben an ihn stellt. Die Frühheirat wird daher unter obwaltenden Umständen bei dem jüdischen Proletariat eher eine numerische Einschränkung denn eine Erweiterung erfahren müssen und bei den materiell besser gestellten Juden nur eine Ausnahme - Erscheinung darstellen. Gerade deshalb wird man aber mir allem Nachdrucke die wohlhabenden Juden vor dem llcberhandnchmen des Zwei- odergar Einkiudcrsystems warnen müssen; die Erhaltung der jüdischen Art müßten sie weit mehr, als dies in den letzten zwei Generationen üblich war, als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachten. Daß sich übrigens gerade die Vertreter der jüdischen Orthodoxie dieser Pflicht vielfach entzögen, ist eine nicht erwiesene Behauptung Eiscnfladts. Der Beweis vom Zutreffen des Gegenteils wird jeden! ein Leichtes sein, der die Auffassung wahrhaft religiöser jüdischer Männer und Frauen von ihrer religiösen Aufgabe in dieser Hinsicht kennt. — Mußten wir uns soweit gegenüber dem Eiscnstadt'schen Vorschläge der Frühheirat,, die in der Tat mit einem Schlage die Verhältnisse ans dein Gebiete des Geschlechtslebens umgestaltet hätte, skeptisch, ja aus der ökonomischen Lage heraus ablehnend äußern, so erwächst uns daraus die Pflicht, gegenüber den akut bleibenden Gefahren der Prostitution und Geschlechtskrankheiten ans die Notwendigkeit einer strengeren Erziehung der jüdischen Jugend in sittlichen Anschauungen mit aller Entschiedenheit hinzuweisen. W i c die sittliche Stärkung durch Erziehung niöglich wäre, — das ist eine noch ungeklärte Frage, die einer baldigen Beantwortung durch die führenden Geister der heutigen Judenheit toürdig tvärc, und die es verdiente, zuni Mittelpunkte der Besprechung eines „Judentages" gemacht zu werden. Hatten wir bis jetzt zu den Reformvorschlägen Eisenstadts, soweit sie die Sozialhygiene der Judenheit mit einschließen, Stellung zu nehmen, so bleibt uns noch die wichtige Aufgabe, einige kräftige Pfeiler zu dem von Eisenstadt geplanten Bau neuzeitlicher Sozialhygiene herbeizutragen, ohne die eine Gesunderhaltung des jüdischen Volkes unmöglich erscheint. Auch bei den Juden setzt sich die große Masse, der Kern des Volkes, von dessen gesundheitlichem Befinden der Bestand unserer Rasse abhängig ist, nicht aus den Besitzenden, resp. Wohlhabenden, sondern aus den Minder- und Unbemittelten zusammen. Wohl haben sich die Verbesserungen auf dem Gebiete der Sexualhygicne auch auf diese Kreise zu erstrecken, und daß die Ernährnngsfrage, wenn auch in einer gegenüber der Eisenstadt'schen Fassung modifizierten Form, für die meisten unter ihnen die Lebensfrage ist, wer möchte daran zweifeln! Aber während der jüdische Sozialhygieniker die Lösung dieser Schwierigkeiten dem Nationalökonomen überlassen darf und ncuß, harren seiner einige, für ihn prädestinierte Aufgaben, deren Erfüllung äußerst schwer, aber eine unausschiebliche Notivendigkeit ist. Ich denke da an 1. W o h n u n g s h y g i c n e, 2. Fürsorge für die Säuglinge und unmündigen Kinder und 3. Kamps gegen die Tuberkulose unter der armen jüdischen Bevölkerung. Gar mancher jüdische Arzt, gar manche mildtätige Frau, die in unseren Großstädten (wo die notleidenden Juden ja zumeist zusammengepfercht wohnen) häufig in die Behausungen der Armut kommcn, wissen ein Klagelied von Rot und Elend zu singen, das tute ein Hohnruf aus Hygienikerkongrcsse und öffentliche oder private Armcnfürsorge klingt. Daß in einem einzigen, engen Raume Vater, Mutter und vier Kinder wohnen, die dürftige Nahrung zubereiten und verzehren und auf zwei Betten verteilt, schlafen müssen. — dieser Fall dürste wohl zu den Ausnahme- Erscheinungen gehören. Aber Einzelzimmer, die zugleich als Küche, Wohn- und Schlasraum für Eltern und l—2 Kinder dienen, dabei den dringlichsten Forderungen der Wohnnngshygicne betr. Lnftmenge und Ventilation, Helligkeit und Trockenheit der Wände bei weitem nicht genügen, sind wahrlich keine Seltenheit. Daß solche Wohnungen ivedcr der Gesundheit ihrer Insassen, noch auch der normalen Entwickelung des sittlichen Empfindens der Kinder förderlich sind, das ist eine oft gesagte, aber nicht genug zu unterstreichende Binsenwahrheit. Tic Reform der Wohnungssürsorge muß in allernächster Zeit die Instanzen beschäftigen, denen jüdische Armenpflege obliegt. Heraus aus den engen, dunklen Gassen, mit ihren muffigen, feuchten Wohnungen und hinein in die gesunden, hellen und billigen Aktienbauten, die in jeder größeren Stadt von fürsorglichen Gesellschaften für die ärmere Bevölkerung errichtet werden, — das muß unsere Losung sein. Dort wird und muß auch ein anderer, mit der Wohnungsfrage eng verknüpfter Mißstand beseitigt werden, — der Mangel an Reinlichkeit in Wohnung, Kleidung und Körperpflege bei nicht wenigen der jüdischen Armen, zumal der notleidenden Ausländer. Armut und Reinlichkeit sind zwei Begriffe, die einander keineswegs auszuschließen brauchen; wo aber letztere fehlt, da wirkt die Rot mitunter mehr abstoßend als Mitleid erregend! Das jüdische Volk erhielt von ReligionSivcgen Gebote der Reinlichkeit; eS ist aber ans hygienischen und ästhetischen Gründen betrübend, sehen zic Müsse», >vic diese Gebote mitunter nur rein äußerlich genommen und befolgt werden. Ungenügender Reinlichkeitssinn rächt sich nun nirgends mehr als an den Kindern im Säuglingsalter. Bekommt der Säugling eine Nahrung, die auch nur minimale Verunreinigung aufiveist, so kann die heftigste, das Leben gefährdende Verdauungs-Krankheit resultieren. Darum war es eine nahe liegende Pslichr der soziale Hygiene treibenden, jüdischen Personen und Vereinigungen, „M i l ch k ü ch e n" zu errichten, aus denen für die Kinder der Unbemittelten die Nahrung keimfrei und gebrauchsfertig abgegeben loird. Tie Eröffmmg solcher Institute, deren Erfolg bereits erwiesen ist, an allen' größeren Plätzen, Ivo jüdisches Proletariat in größerer Zahl weilt, muß ein Postulat der Sozialhygiene unter den Juden sein. Doch die Kinderfürsorge darf sich nicht auf das Säuglingsalter beschränken. Für die noch nicht schulpflichtigen Kleinen müssen Kindergärten in hinreichender Zahl gegründet werden, damit die Kinder wenigstens anr Tage in großen Räumen und bei schönem Wetter in der freien Natur sich aufhaltcn können und nicht in Abwesenheit der Eltern in den ungesunden Stuben eingeschlossen, sich selbst überlassen bleiben und dort zu blassen, scheuen Wesen heranwachsen. Für die schulpflichtige Jugend käme im Interesse der Gesundheit die Schulspeisung in Betracht, die in einigen Großstädten als kommunale In-