Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16. übernehmen könnten. Sollte die Kommission jedoch weiter arbeiten, was sehr leicht möglich wäre, so sind meiner Ansicht nach doch die Meinungsverschiedenheiten zwischen den verschiedenen Richtungen zu groß, als daß es trotz der versöhnlichen Erklärungen und trotz der Bereitwilligkeit, mit der sich alle Richtungen bereit erklärten, an dem Zustandekommen eines Entwurfes mit tätig zu sein, zu einem Resultat führen könnte. Nun das Bemerkenswerteste aus der Diskussion. . Gleich nach dem Eintritt in die Verhandlung über den Gesetzentwurf kam es zu erregten Debatten. In einer Vorversammlung, der viele Delegierte aber nicht beigewohnt hatten, hatte man sich dahin geeinigt, eine Generaldiskussion nicht zuzulassen, es sollte vielmehr ein Generalreferat und fünf Spezialreferate gehalten werden, und nur zu den Spezialreferaten sollte diskutiert werden. Ein entsprechender Antrag wurde von Prof. Phil i p P - s o n gestellt mid trotzdem besonders Justizrat Friedemann-Glogau und Moritz A. Locb- Frankfurt a. M. mit zutreffender Begründung scharf vpponierten, schließlich mit 278 gegen 202 Stimmen angenommen. Nachdem nunmehr Prof. Philippson das Generalrefcrat gehalten hatte, referierte Dir. Dr. Minden-Berlin über § 1—38 des Entwurfes, die von der Bildung, Auflösung und Mitgliedschaft der Synagogengemeinden, die Verfassung im allgemeinen, die Zuständigkeit der Gemeindebehörden, die Gemejndesatzungen und die Anstellung der Gcmeindebeamten handeln. — In der Diskussion wendet sich Blum enthal-Cassel gegen jede Einschränkung der Autonomie der Gemeinden und rügt, daß in § 1 die nähere Bestimmung fehle, was Zweck der Gemeinde ist. Er entbehrt auch die Bestimmung, daß jede Gemeinde einem Rabbinate angehören müsse. Ferner bedauert B., der hervorhcbt, daß er liberal sei, daß dem Rabbiner laut § 28 nur das Recht zustehe, sich zu Beschlußfassungen des Vorstandes, die kultuelle oder rituelle Fragen betrefsen, zu äußern, daß diesen Aeußerur.ger aber keinerlei Wirkungen au? d.e Beschlüsse . eingeräumt werde. — Rektor Feiner-Hamburg verlangt, daß den Rabbinern und Lehrern das aktive und passive Wahlrecht eingeräumt werde. — Moritz A. Loeb - Frankfurt a. M. erklärt, daß die Gcsetzcstreuen bereit seien, an dem Entwurf milzuarbeiten, wenn er sich auf verwaltungsrechtliche Fragen beschränke. Er wendet sich entschieden gegen die Verschlechterung des Wahlrechtes, das Proportional-Wahlrecht müsse obligatorisch sein. Er kritisiert scharf, daß den Armen das Wahlrecht genommen werden solle. — Auch Dr. Witkowski- Charlottenburg wendet sich gegen diese Entrechtung der Armen, mindestens sollten dann auch diejenigen, die ihre Kinder haben taufen lassen, nicht wahlberechtigt sein, denn wenn man dem Materiellen einen Einfluß einräume, so sollte man es auch dem Ideellen einräumen. — San.-Rat Dr. Apf el- Köln will keinen Gewissenszwang und wünscht deshalb, daß alles, was zu Gewissenszwang führen könnte, aus dem Gesetz herausgelassen werde. — Klausner -Berlin wünscht dasselbe. Hierauf wird ein Antrag auf Debatteschluß angenommen. LandgerichtsratLöwe -Berlin führt aus, daß die Versammlung Aenderungen au dem Entwurf nicht vornehmen dürfe, da ja nur zusammen mit dem Verband der deutschen Juden der Entwurf abgeändert werden könne; man möge daher keine Anträge zur Abstimmung bringen lassen, sondern sie nur als Material für die drite Lesung der Kommission überweisen. Leider wird dieser Anregung Folge gegeben und daher keine Klarheit darüber geschaffen, wie sich der jüdische Gemeindetag zu so wichtigen Fragen, wie die des Wahlrechts, stellt. Das zweite Referat hält Pros. Dr. Blaschke- Berlin über §§ 62—79, die die Anstellungsverhältnisje der Rabbiner, Lehrer und Vorbeter und die Sorge für den Gottesdienst und Schulunterricht. Es kommt bei diesem Thema zu erregten Auseinandersetzungen. Fast einmütig wird von den Rabbinern die lebenslängliche Anstellung und das Vetorecht gegen Beschlüsse des Gemeinde-Vorstandes in religiösen Fragen verlangt. Es könne höchstens darüber diskutiert werden, ob dem Vetorecht aufhebende oder suspenswe Wirkung zugestanden werden solle. Für diese Forderungen treten besonders lebhaft ein: Dr. Gutmann-Breslau, Dr. Kopfstein-Beuthen, Dr.Werner-München, Dr. Löb-Emden und Dr. Grone mann- Hannover. Nur Rabbiner D r. S e l i g m a n n - Frankfurt a. M. wendet sich in Sachen des Vetorechts gegen seine Kollegen, in dem er meint, sie seien mit dieser Forderung um 100 Jahre zu spät gekommen. Damals, als der, Schulchan-Aruch von den jüdischen Gemeinden noch anerkannt worden sei, hätte das Vetorecht eine Berechtigung gehabt, heute gäbe es keine Gemeinden mehr, in der der Schulchan-Aruch als maßgebend angesehen wird. —' Gegen diese Aeußerung wendet sich in einer persönlichen Bemerkung Dr. Frank-Altona und protestiert in einer besonderen scharfen, aber fachlichen . Erklärung D r. Werner- München. — Justizrat Lilienthal-Berlin und Justiz¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. rat Blau-Frankfurt a. M. lehnen entschiede» die lebenslängliche Anstellung und das Vetorecht ab. — K o m ni. -Rat Hirsch- Halberstadt ist für lebenslängliche Anstellung, aber gegen das Vetorecht. Er bedauert, daß seine orthodoxen Gesinnungsgenossen es stets abgelehnt haben, seinen Aufsorderungen an dem Entwurf mitzuarbeiten, Folge zu leisten. — D r. Löb- Emden stellt fest, daß er sich zur Mitarbeit bereit erklärt habe, aber abgelehnt sei. — Es wird dies von Prof. Philipps o n auf ein Mißverständnis zurückgeführt. Es wird konstatiert, daß die Reljgionsgesellschast zu Frankfurt a. M. aufgefordert worden sei, jemanden zur Mitarbeit zu delegieren, aber diesen in einem Brief von sechs Worte», abgelehnt habe. — Prof. Philippson gibt die Erklärung ab, er würde sich freuen, wenn die konservativen Juden Mitarbeiten würden, sic würden das größte Entgegenkommen finden, er wolle ja nichts weiter als Harmonie. — Löwy -- Rawitsch rügt, daß die Entscheidung in religiösen Fragen Laienbehärdcn überlassen werden soll, von allen Rechten sei die Rede nur nicht vom jüdischen Rechte. — Steinhardt-Magdeburg tritt für die Forderungen der Lehrer ein. R.-A. M a ch o l l - Königstein referiert über die Uebergangsbestimmungen. In der Debatte wird von verschiedenen Seiten die Eliminierung des § 131 verlangt, der bestimmt, daß das Gesetz nur eingeführt werden soll, wenn mindestens % der Synägogengemeinden der betr. Provinzen es verlangen. Dr. G r o n e m a n n - Hannover, Dr. L ö b - Emden, Lehrer Katz-Nienburg sind gegen Einführung des Gesetzes in Hannover, da sie mit den jetzt dort geltenden Gesetzen zufrieden sind. — Hiergegen wendet sich entschieden Senator Fischer- Hannovcr. — Landgerichtsrat Löwe- Berlin erstattet den Bericht über Provinzial- und Landesgemeindcn. In der D i s k u s k i o n wendet sich Dr. Ix H o r ov i tz - Frankfurt a. M. dagegen, daß den Provinzial- und Landesgemeinden in religiösen Fragen irgend welcher Einfluß gegönnt werde, hierdurch würde nur Spaltung verursacht, während doch Einigung Zweck, des Gesetzes sein soll. Die §8 63, 77 und 78II müssen vollständig fallen, ebenso 861 und 991; im anderen Falle müßten auch in der Provinzial- und Land es gemeinde, ebenso wie in der einzelnen Kultusgemeinde, besondere Kultuskommissionen errichtet werden und die Möglichkeit des Austritts gewährleistet sein. Nur in Fragen der Abwedr und in solchen relig. Fragen, bei denen eine Diverjenz der relig. Richtungen ausgeschlossen, könnte allenfalls eine Landesgemeinde das Judentum nach außen hin vertreten; hier die einzelnen Punkte genau festzustellen, werde nunmehr eine Hauptaufgabe sein. Justizr. Friedemann-Glogau begründet seinen oben erwähnten Antrag, der nunmehr auf Antrag von Moritz A. Loeb-Frankfurt a. M. zur Abstimmung gebracht wird. — Das Referat über die Steuern, das Herr Emil Cohn- Berlin hält, ist .in der allgemeinen Erregung unverständlich. Es werden dann noch die oben erwähnten Anträge zur Abstimmung gebracht. — Nach Annahme des Antrages Friedemann wirft Landgerichtsrat Löwe die Frage aus, ob sich noch eine «weitere Beratung des Entwurfes empfehle, denn dem Entwurf sei das Wesentliche genommen und es sei die Frage, ob die Kommission unter diesen Umständen noch weiter arbeiten würde. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Die Zion. Vereinigung veranstaltete Montag einen Vortragsabend im Kaufmännischen Vereinshause. Herr Professor Dr- M argul i e s sprach «über das Thema: „D e r Z i o - nismus als soziale Bewegnng." Er führte folgendes aus: Jedes andere Volk hätte unter de» Verhältnissen, unter denen wir Juden bereits seit 2000 Jahre leben, nicht einmal wenige Jahrzehnte bestehen können. Denn jedes Volk benötigt positive Institutionen, und wir Juden haben uns mit abstrakten, negativen Institutionen erhalten. Andere Völker führen ein konkretes Leben, sie haben alle Berufsstände unter sich, haben eine ihnen eigene Kultur und sind eine festgefügte, seßhafte nationale Masse; wir Juden dagegen haben uns erhalten mit einem abstrakten Denken, mit einer einzigen Erwerbsschicht, dem Kleinbürgertum, ohne eine eigene Kultur, sondern nur mit 'Kulturfähigkeit und atz ein wanderndes, über die ganze Welt zerstreutes Volk. Wir Juden haben nie zur Ruhe kommen können, da stets von dem Moment ab, in dem unser Wirtsvolk sich national zusammenschließt, wir als Fremdkörper empfunden und eleminiert werden. Im Mittelalter waren wir stets unseren Wirtsvölkern um 2—3 Jahrhunderte voraus, wir brachten ihnen höhere Kulturwerte, und wenn sie dann eine gewisse Kultur erreicht hatten und zum Bewußtsein ihres eigenen Wertes gekommen waren, stießen sie uns ab, da sie uns dann als Fremdkörper empfanden. Daß wir die zwei Jahrtausende des Golus unter solch' anormalen Verhältnissen überstanden, daran Nr. 19. ist der Umstand schuld, daß bei uns die Differenz zwischen den tatsächlichen Möglichkeiten und den von uns erstrebte» Zielen von Anfang an ungewöhnlich groß war und durch dieses Hin- und Herschleudern zwischen Wollen und Können eine Vergeistigung, ein Sinn für das Abstrakte ausgebildet wurde. So war unser König nichts als der erste Diener des Staates zu einer Zeit, in der sonst überall der König der ununischränkte Gebieter über Leben und Eigentum war; so verwirklichten wir die Freiheit eines jeden Menschen, während außerhalb unserer Grenzen das Sklaventum in Blüte stand, und predigten den Monotheismus zu Zeiten, da die ganze Welt in Vielgötterei befangen war. Heute ist der Osten dem Westen nicht niehr um einige Jahrhunderte voraus, wie es war, als seiner Zeit der Westen die Juden nach dem Osten abstieß. Die Juden, die der Osten eleminiert, nimmt der Westen nicht auf. Und da der Jude sich durch seine besondere Art, die die Jahrtausende in ihm herausgebildet haben, sich nicht assimilieren kann (Redner zeigt dies an Spinoza und Heine), so gibt es nur eine Lösung und die heißt: Palästina. Der Redner schloß unter lebhaftem Beifall der Zuhörer. Philippopel (Bulgarien). 14. Mai. Sonntag wurde hier der Schekeltag gefeiert. Im Schulhof versammelte sich ein ziemlich großes Publikum, an das mehrere Redner Ansprachen richteten. Erwähnenswert ist der populäre und doch inhaltreiche Bortrag des Herrn Pressiado Romano über die Entstehung und Entwicklung des Zionismus. Alle Redner wiesen auf das durch die Ereignisse in der Türkei herbeigeführte günstige Moment.für den Zionismus hin und forderten in einem avarmcu Appell alle Schichten des Volks zur Mitarbeit auf. Beim Schluß der Feier wurde eine Anzahl Schekalim verkauft, sowie vielfach für den Nationalfonds gespendet. — In den übrigen Städten Bulgariens ist der Schekeltag mit' noch größerem Eifer gefeiert worden. Am imposantesten fiel die Feier in Basardjeck aus. Ben - Haamiki. Jerusalem, 6. Mai. Der M i s r a ch i macht in der hl. Stadt erfreuliche Fortschritte. Gestern hielten unsere kurdistanischen Glaubensgenossen, hier schlechtweg Gurschis genannt, eine größere Volksversammlung ab, in welcher Dr. Grünhut und Herr Bentowim als Redner auftraten. Der Erfolg war ein glänzender. Die neugewonnenen Mitglieder konstituierten sich zu einer eigenen Misrachigruppe, die gewiß sämtliche Gemeindemitglieder, etwa 200 an der Zahl, umfassen wird. Die Kurdistaner Glaubensgenossen, durchgehends religiöse Leute, ernähren sich redlich von Handel und Gewerbe. Die Chaluka kennen sie nicht. Sie bewohnen eine eigene Kolonie, nächst dem Damaskustor gelegen, und gehören dem Ritus nach zu den Sephardim. Dieser Umstand ist um so erfreulicher, als sich bekanntlich die Sephardim bis heute dem Zionismus gegenüber ablehnend verhielten. H. Aus -er Lehrerwelt. (L.) Pose«. Aus dem Verwaltungsbericht der Stadt Posen für 1907/08 ist über den Besuch der Privatschulen folgendes statistisch nachgewiesen. Die Knotheschule zählte 358 Mädchen, darunter 104 jüdische, die v. Hartmannschule 141 Mädchen, 46 jüdische. Während für den Religionsunterricht der nichtjüdischen Schülerinnen die betreffenden Schulleiterinnen Sorge tragen, geschieht in diesem Falle für die jüdischen Mädchen nichts. Ein Teil derselben besucht zwar die Feilchenfeld'sche bezw. Bloch'sche Religionsschule, aber ein bedeutender Prozentsatz wächst heran, ohne eine Ahnung von jüdischem Reli - gionsunterricht zu haben. So geschah es, daß bei einer Schulrevision auf die Frage: „Wer ist der größte Prophet in Israel gewesen?" kein jüdisches Mädchen dies zu beantworten wußte. Halle» 15. Mai. Heute entschlief nach längerer Krankheit im Alter von 62 Jahren Rabbiner Dr. Siegmund Fessler. Hamburg, 18. Mai Oberrabbiner Marcus Hirsch ist im 77. Lebensjahre verschieden. Wir behalten uns eine Würdigung dieser bedeutenden Persönlichkeit für die nächste Nummer vor. Stratzburg. Am. 1. Juni findet hier die Generalversammlung des Elsaß-Lothr. R ab bin er Verbandes statt. Personalien. Frankfurt a. M. „Jezias zadik min hamokaum auße rauschom" — die Wahrheit dieses Satzes wird uns so recht vor Augen geführt, wenn seltene Menschen, die ausgestattet mit den höchsten Tugenden, unseren Reihen entrissen werden. In einer Zeit, in welcher der religiöse Jndifferentismus leider eine so verbreitete Volkskrankheit geworden ist, in einer Zeit, in der das religiöse Leben leider in so vielen Fällen, ja in so vielen Gemeindekreisen auf gewohnheitS-