Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11. mäßige, äußerliche Formen sich beschränkt, — da sind diejenigen fast zu zählen, Lei denen die ReligionsLetätigung und die Lebensführung den konsequenten Ausfluß einer hohen und edlen inneren Gesinnung bilden. Leider werden diese höheren Gestalten immer weniger, ihre Reihen lichten sich immer mehr, — und woher soll der Nachwuchs kommen, wenn die Vorbilder fehlen, an denen sich unsre Jugend stets ein nachahmenswertes Beispiel nehmen kann und soll!- „Hawol al deawdin, w'lo mischtak'chin!" So konnte, so durfte man auch dieser Tage hier ausrusen, denn die Frankfurter Judenheit hat einen echten Bürger, die israelitische Religionsgesellschaft eines ihrer Kesten Mitglieder verloren: Herr Meir Rothschild weilt nicht mehr unter den Lebenden, nach kurzer, schwerer Krankheit hat er sein edles Dasein beendet, seine an Arbeit so reiche, irdische Lebensbahn beschlossen. — Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Mitteilung von seinem Hinscheiden am Freitag durch die Stadt, und Niemand glaubte an die Möglichkeit, ihn missen zu können, denn jeder meinte, ihn sehen zu müssen, so sehr war man au seine siebe Nähe seit mehr als vier Jahrzehnten hier gewöhnt. — Welch großer Beliebtheit und Verehrung sich der Verblichene, zu erfreuen hatte, das konnte man so recht an der außergewöhnlich großen Beteiligung bei seinem Leichenbegängnis erkennen. Eine große Trauergemeinde hatte sich im Sterbehause versammelt, um dem allseits hochverehrten Toten das letzte Geleite zum Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschaft zu geben, wo Herr Rabbiner Dr. Breuer das Wort ergrisf, um dem großen Schmerze Ausdruck zu verleihen, den die Gemeinde und mit ihr ganz Klal Jisroel erleide. In meisterhafter und formvollendeter Weise knüpfte der verehrte Redner an das verlesene Thorawort an, dabei den herrlichen Ausführungen des Ksaw Sofer zur Stelle folgend. An der Hand des im Midrasch zur Erklärung hier herangezogenen Psalmwortes: „chischafti brochai weoschiwo raglai el edasesecho" zeichnete der ehrwürdige Rabbiner das Lebensbild Meir Rothschilds. Jede Regung seines Herzens, jeder Gedanke, jede Handlung, all sein Trist und Lassen — sie wurden alle stets einer Selbstprüfung unterzogen, so daß er immer auch von sich hätte sagen können „weoschiwo raglai el edausccho", denn auch ihn, den teuer» Dahingeschiedenen, haben seine Schritte stets hingeführt zu den Gotteshäusern und zu den Lehrstätten, — wie der Midrasch diese Stelle weiter ausführt. Und der Geist, den er hier einpfangen, die Weihe, die ihn im Gottcshause beseelte, — er nahm sie stets mit hinaus ins tägliche Leben, sie verliehen seinem ganzen Denken und Fühlen, seinem ganzen Wollen und Handeln den Stempel der Lauterkeit und Feinheit, sie ließen den teuer» Verblichenen als einen echten Jehudi erkennen, dessen überaus große Bescheidenheit, dessen biederes Wesen, dessen aufrichtige Frömmigkeit ihres gleichen suchten. — An der Seite seiner gleich edeln Gattin führte er ein Haus, das im Sinne unserer Weisen ein Mikdasch mcat war, in dem die Armen stets ein Heim, die Bedrückten stets eine Zufluchtsstätte fanden. — Herr Bankier Felix M e r z b a ch feierte den Dahingeschiedenen als einen seltenen Charakter, den treue Pflichterfüllung seit mehr als 4 Dezennien mit seinem Hause in aufrichtiger Verehrung und Freundschaft verband. — Stets war er ein Beispiel an Gradheit und Ehrlichkeit, an Lauterkeit der Gesinnung und gewissenhafter Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten. Frei von jedem Falsch und Fehl, war er in jeder Weise ein Vorbild für Jedermann, ein Mensch, der alle Tugenden in reichem Maße so echt harmonisch in sich vereinigte. — Im Namen der Verwandten und Freunde widmete Herr Stadtverordneter Josef Fromm noch einige kurze und innige Worte des Abschiedes. Er pries die Ehrlichkeit, die Rechtschaffenheit des lieben Freundes, der in seiner Bescheidenheit so groß, in seiner Größe so bescheiden stets war. Er schilderte n. a., in welch erhabener Weise der Dahingeschiedenc als echter Freund der Armen sich stets gezeigt, nicht nur, daß er ihnen nach Kräften jederzeit Almosen gegeben, sondern wie er auch stets ein offenes Ohr für sie gehabt, ihnen sein ganzes Ich gleichsam übergeben habe. — — Alle Redner priesen die herrlichen Eigenschaften Meir Rothschilds, der als Mensch und Jude gleich groß gewesen, ein jeder empfand, daß durch seinen Heimgang eine große Lücke entstanden, und alle schieden von der Friedensstätte mit dem Bewußtsein, daß man einen großen Toten begraben. — e. Frankfurt a. M. Unser geschätzter Mitarbeiter Dr. Jehuda Marschak, Lehrer in der jüdischen Kolonie Pctach-Tikwah bei Jaffa, verlobte sich urit Fräulein Lina Gottlieb, Lehrerin an der Höheren Mädchenschule der hiesigen Israelitischen Religionsgesellschaft. New-Uork. Oskar S. Straus, der bisherige Staatssekretär, hat das Anerbieten Tafts, als Gesandter nach der T ü r k e i zu gehen, angenommen. Straus war bereits unter den Präsidenten Cleveland, Harrison und Mac Kinley Gesandter in Konstantinopel. Das Ende eines Hanswursts! (Novell e.) Im Grunde genommen, hat ihn jede Stadt. Wo Juden wohnen und eine größere oder kleinere Gemeinschaft bilden, kann man sicher sein, daß man bei seinen Besuchen, geschäftlichen Besorgungen, oder in seinenr eigenen Hause zu irgend einer Tageszeit einem seiner Doppelgänger begegnen wird. Plötzlich ist er da, ohne daß man eigentlich weiß, wie er ins Zimmer gekommen. Gewöhnlich pflegt er dem Dienstmädchen auf der Treppe zu begegnen und sich von ihr die Türe zum Borflur öffnen zu lassen. Eine Gelegenheit, die er zu dem Versuche benutzt, durch in väterlichem Tone gehaltene Erkundigungen schon hier die Sahne von allen „Neuigkeiten" abzuschöpsen. Nichts ist seinem Interesse dabei zu gering. Ob die kleine Selma Bauchweh hat, oder ob ein Tapezierer einen Auftrag bekam, eins der Zimmer neu herzurichten, bereitet seinen Ohren den gleichen Schmaus. Geradezu scharfsinnig aber wird er, wenn es sich darum handelt, eine Verlobung aufzuspüren, aus kleinen Anzeichen auf da» große Ereignis zu schließen. Bei solchen Gelegenheiten verdoppelt er sich geradezu, er wächst über sich hinaus, er bauscht sich auf wie eine Ballonhülle unter dem Druck des Gases. Ueberhaupt sind Verlobungen und Hochzeiten seine Spezialität. Nicht umsonst führt er den Namen: „Die Stadtpost." In meiner Vaterstadt nannte man ihn Wolf, Abraham Wolf. So hieß er wenigstens in meiner Kindheit. Ob er inzwischen einen Nachfolger bekommen hat, weiß ich nicht. Es sind zu viel Jahre verflossen, seit ich meine Vaterstadt zum letzten Male gesehen habe. Wenn er zu uns kam — und das geschah dann als sehr oft —, so pflegte er zwei Absichten damit zu verbinden. Erstlich kam er, um sich zu unterhalten, sich zu erkundigen, Meinungen auszutauschen und seine „Neuesten" brühwarm znm besten zu geben; sodann um bei Bedarf etwas von seinenr Wein an de» Mann zu bringen. Er handelte nämlich mit Weinen, Ungar- und Bordeauxweinen, die ihm einer seiner Verwandten in Kommission gab. Davon lebte er — und bei seinen nicht sehr großen Bedürfnissen lebte er sogar ganz gemächlich. Erst später, als unsere Stadt von Weinreisenden überschwemmt wurde und eine starke Konkurrenz seinen Absatz um ein beträchtliches verminderte, fing er an, seine Gemütsruhe zu verlieren. Aber das war damals noch nicht der Fall. Er klagte wohl auch initunter, doch geschah cs nur selten. Für uns Kinder ivar er jedenfalls das Vorbild eines stets heiteren und sorgenlosen Menschen, der immer irgend eine lustige Geschichte zu erzählen wußte, und mit dem man sich auch ungestraft einen Spaß erlauben durfte. Dabei hatten wir das unbestimmte Gefühl, daß es mit ihm eine andere Bewandtnis hatte als mit den andern „Großen", die für uns Respektspersonen waren, daß er vielmehr von ihnen nicht recht für voll angesehen wurde. Kinder haben ja für jenes halb niitleidige, halb -herablassende Benehmen, dessen sich die Mehrzahl der Menschen Personen gegenüber befleißigt, denen sie sich unendlich überlegen glaubt, ein so scharfes Auge. Und Wolf nahm die mehr oder minder Übeln Scherze, die wir uns mit ihm erlaubten, keineswegs übel. Sein fleischiges, von einem dünnen Vollbart eingerahmtes Gesicht legte sich dann in Falten, der Mund wurde breit, die kleinen Aeuglein nahmen den Ausdruck an wie bei einem Clown, der' eben einen dummen Witz gerissen hat. Was aber unserer „Stadtpost" einen besonders originellen Zug verlieh, das war eine gewisse Intelligenz, die, trotz allem, seiner Erscheinung und, wenn er es darauf anlegte, auch seiner Sprechweise anhaftete, ein Eindruck, den das goldene oder vergoldete Pincenez, das er trug, noch verstärkte. Und Fremde, die seine Wesensart nicht kannten, ließen sich dadurch verleiten, ihn für einen ganz andern zu nehmen als er wirklich war. Jeder, der eine gewisse Strecke des Lebens zurückgelegt hat und in einer einsamen Stunde sich umsieht und Rückschau hält, wird da irgend etwas finden, an dem er den Werdegang seines inneren Menschen, die Etappen, wo unser Geist, reifer und weitsichtiger geworden, alte Ansichten und zu eng gewordene Gedanken wie ein verschlissenes Kleid abwirst, uni neue anznlegen, zurückverfolgen kann. Ost ist es ein Gegenstand, den man Zeit seines Lebens M liebes Andenken in Verwahrung hatte, oft ist es eine Anlage in der Nähe unseres Vaterhauses, oft aber auch ein Mensch, dem man in verschiedenen Lebenslagen und unter verschiedenen Umständen begegnet ist. Denn das ist bas Eigentümliche an ihnen: mit dem Wechsel der Jahre wechselt auch die Beleuchtung, in der wir sie sehen, ändert sich das Spiel der Farben, die sie umfließen. Und da wir-die Farbenschattierungen meist im Gedächtnis behalten, können wir an solchen Dingen oder Personen aus der bloßen Verteilung von Licht und Schatten gleichsanr wie an Sonnenuhren die abgelansenen Stunde» unseres Lebens wieder abzählen. Im Anfänge ist alles licht und hell. Man ist jung und läuft noch der Sonne nach. Denn sie ist ja nur ein Ball, nicht viel größer als der, den uns Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. So dauert es eine Weile. Ans einmal kommt ein leiser, dunkler Unterton in das Licht. Die Schatten jvachsen, werden größer und größer und plötzlich ist alles dunkel um uns' — und die Sonne ist in die Ferne gerückt — so weit — so weit. Mraham Wolf ist einer von denjenigen Menschen, die ich in meinem Lebe» oft und, sozusagen, mit „ausgewechselten" Augen gesehn habe. Daß er im Grunde nur ein Spaßmacher war, hatte .ich bald heraus. Daß aber auch Hauswürste, ob sie nun wollen oder nicht, ihre Rolle in Tragödien' spielen inüssen, die von unsichtbaren Händen ge. schrieben werden, habe ich erst später gelernt. E§ ivar im Sommer. Ich saß in unserem Garten und hatte einen Band Schiller, seine Gedichte, vor mir aufgeschlagen. Eifrigst war ich damit beschäftigt, den Sonnenringeln zuzusehn, die sich durchs Laub der Bäume schlichen und dann in glänzenden Tupfen über die Blätter des Buches liefen, als mich etwas Unerwartetes aus meinen friedlichen Betrachtungen aufstörte. Die Gartentüre wurde aufgerissen und Herr Wolf, jappend und nach Atem ringend, stand Plötzlich vor mir. „Wo ist die Mama," keuchte er hervor und wischte sich nrit einem großen Taschentuche den Schweiß von der Stirn. Eine Weile starrte ich ihn mit offenem Munde an. — So — so hatte ich Wolf noch nie gesehn. Ja, war er es denn überhaupt? Wolf, der heitere, der bedächtige, der sich sonst nie echauffierte, der bei seinen Gängen hübsch gemächlich eine Trottoi» sliese nach der anderen erledigte? Bon dem ich glaubte, daß er einer seelischen Erregung gar nicht zugänglich wäre. Mer schließlich erholte ich mich von meinem Schrecken und gab Herrn Wolf ziemlich gelassen zur Antwort, daß meine Nkntter ausgegangen wäre. „Wohin ist sie denn gegangen?" „Ich weiß nicht," sagte ich kurz, da mich der Tonfall seiner Frage ärgerte, und gewohnt, nicht viel Rücksichten auf Wolf zu nehmen, begann ich, um ihm meine zwölfjährige Wichtigkeit mit voller Wucht unter die Nase zu reiben, zu deklamieren: „Flechtet zum Kranze die goldenen Aehren, Windet auch blaue Cy — — —" Weiter, so wollte es das Schicksal, sollte ich jedoch nicht kommen. Mit einem jähen Ruck legte Wolf seinen Filzhut auf den Tisch, ließ unter Aechzen und Schnaufen seine zwei Zentner auf einen Gartenstnhl fallen und ries in einem Tone, der sogar den Steinen ein mitleidiges Rühren hätte abzwingen können: „Diese Reisenden, David, diese Reisenden. Sie werden inich sicher noch in die Grube bringen." „Sind es denn solch böse Menschen," erwiderte ich scheinheilig. „Sie ruinieren inich ja." Und diese Worte wurden mit einer Vehemenz und einer Zerrissenheit in der Klangfarbe hervorgestoßcn, die mit dem bekannten Schrei aus gepreßtem Herzen große Aehnlichkeit hatten. „Aber von den Reisenden ganz abgesehen. .Sogar Leute von hier, Leute, mit denen man tagein, tagaus verkehrt hat, beteiligen sich daran. Denen man gutes getan hat. Nicht einnral — tausend Mal. Und die tun sich nun zusammen, um einem das letzte Stückchen Brot abzujagen. Es gibt eben keine Freundschaft mehr heutzutage." Und Plötzlich sah er mich, die Hände auf den wulstigen Knieen, voll an und sagte mit einer vor Erregung ganz leise geir-ordenen Stimme: ,FLeißt Du aber schon das Neueste? Die Brande hat eine Agentur für Palästinaweine übernommen." „Nun, das ist doch keine solche Sünde," wagte ich die Angegriffen? zu verteidigen. „Man wird ihr die Agentur eben angeboten haben." (Fortsetzung folgt.) Vereins-Kalender. Samstag. Verein „M e k o r - C h a j i m", 12 Uhr im Hörsaal Friedberger - Anlage: „Menauras Hamoaur"-Vortrag (Kantor Steinberger); 4Vr Uhr Schützenstr. 2: Mikro-Vortrag (Joses Bamberger). — Hatchio, 5% Uhr: Letzter Bortrag vor den Sommerserien. Arbeitsnachweis für Israeliten. Wir bitten dringend uns Vacanzen und jede Art von Arbeitsgelegenheit anfgeben za wollen. Arbeitsnachweis der Frankfurt-Loga und des Isr. Hilfsiereins, Kansestrasse 30, I. Telepbon 373S.