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Neue jüdische Presse · 1909-05-21 · Heft 19 (21.5.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 19 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M ilc. 19 des Imnftfurtet IjmMMm Famlimklalks. Soziale Hygiene bei den Inden. Von Dr. Gustav Löffler (Frankfurt). Von der Redaktion des „Israelit. Familienblattes" wurden mir zwei Abhandlungen zur Besprechung übersandt, die sich streng wissenschaftlich mit sozial-hygienischen Problemen der früheren- und jetzigen Judenheit befassen. Sind diese Arbeiten somit in erster Linie für den Mediziner und Sozialpolitiker von Interesse, so haben sie in ihren Grundgedanken doch berechtigten Anspruch darauf, von der Allgemeinheit gekannt und gewürdigt zu werden. Beiden soll darnnr an dieser Stelle eine ausführlichere und zwar kritische Besprechung zuteil werden. Sic sollen uns aber auch als Ausgangspunkt für die Erörterung einiger, praktisch nicht unwichtiger Fragen aus dem Gebiete der modernen Sozialhygiene unter den Juden dienen. Aus der Feder von Dr. Max Sichel, einem jüdischen Assistenzärzte an der hiesigen Irrenanstalt, stammt die Studie*) „Psychiatrisches aus der Literatur und Geschichte des jüdischen Volkes". Sichel hat erst vor einigen Monaten eine Arbeit erscheinen lassen, in der er auf Grund des statistischen Materials an der hiesigen Anstalt für Epileptiker und Irre Nachweisen will, daß die übliche Behauptung, die Juden stellten zu den Geisteskranken ein ganz überwiegendes Kontingent, unrichtig sei. Offenbar in geistigem Zusammenhange mit dieser früheren Arbeit steht seine oben genannte. Man merkt es den beiden Mhandlungen an, daß ihr Verfasser bei der Niederschrift von 'Freude darüber erfüllt war, seinen Stammesgeiwssen durch geistiges Schaffen einen Dienst erweisen zu können, daß Sichel als beloußter Jude schrieb! Und dafür müssen wir ihm von vornherein unsere Anerkennung zollen. In der mir vorliegenden, klar und knapp geschriebenen Studie schreibt Sichel über die geistigen Erkrankungen und Kranken, von denen in der Bibel, im Talmud und schließlich bei Maimonides die Rede ist. Bei der Bibel hebt er die häufigen Schilderungen von geistiger Trübung infolge Alkohol-Genusses und die Brandmarkung von Trinkern hervor und kommt dann zu einer für den psychiatrisch geschulten Arzt interessanten, kritischen Betrachtung des Krankheitsbildes von König Saul und dem Babyloniers- Könige Nebukadnezar. Einen besonderen Abschnitt widmet er der „Prophetie", die er, gleich manchen anderen vor ihm, vom Standpunkte des Psychiaters und als Aeußerung von seelisch-krankhaften, wenn auch sonst bedeutenden Menschen ansieht! Mit dieser Auffassung wird Sichel natiirlich auf Seiten aller gläubigen Juden Ablehnung erfahren. Aber ich muß ihm auch opponieren, wenn ich der Frage nach dem Wesen der Prophetie mit den Werkzeugen der nüchternen Vernunft nähertrete. Ich komme da zu einem Erklärungsversuche — nur um den Versuch einer Erklärung kann es sich ja bei Fragen aus dem Bereiche des religiösen Glaubens handeln! —, der der Auffassung des feinsinnigen Philosophen und Physiologen Wundt nahe kommt. Freilich fasse ich die W.'sche Ansicht nach Sichels eigenem Zitat etwas anders auf als letzterer selbst. Nicht aus den „Zeitverhältnissen" heraus erklärt Wundt die Erscheinung des Prophetentums, sondern aus den durch die Eindrücke der Zeit und Umgebung bedingten „seelischen und sinnlichen Erregungen". Wenn nun freilich Wundt einen Schritt weiter geht und diese sinnlichen- Erregungen und Steigerungen der Sinnesfunktionen und die durch sie bedingten Acußerungen und Handlungen der Propheten als ettvas- Krankhaftes, als Hallucinationen ansieht, so tue ich diesen Schritt als einen willkürlichen, zur Hypothese führenden, nicht mit. In einer Zeit, da wir die Telegraphie ohne Draht erlebt haben, da wir hören, daß Tiere das Nahen von Erd¬ *) Erschienen im Neurolog. Centralblatte 1909, Nr. ü und 6. bebenickwn Stunden lana vor den Mensche» eglpsircheu, ist es uns da so ganz unfaßbar, daß es auch Menschen geben könne, die für gewisse Vorgänge in der Außenwelt ein besonders feines Empfinden haben und darauf außergewöhnlich stark reagieren können? Man braucht wahrlich nicht erst unter die Reihen der Spiritisten zu gehen, um für Uebercmpfindlichkeit mancher Menschen eine Erklärung zu finden. Wenn der große Dichterphilosoph Björnson in „Uebex die Kraft" seinen Wunderpfarrer infolge des unerschütterlichen Vertrauens auf die göttliche Hilfe Taten wirken läßt, die seine Umgebung wunderbar anmuten, so führt er uns einen Weg, auf dem wir uns intuitiv eine Vorstellung von dem Wesen solcher außergewöhnlichen, „über die Kraft" wirkenden Naturen . bilden können. Die Willensstärke — nicht „willenlose", wie Sichel meint — Hingabe an Gott weckte in den Propheten „übermenschliche" Kräfte. Viel Rühmliches weiß Sichel von dem psychiatrischen Verständnis der Talmudgelehrten zu sagen. Sie kannten bereits verschiedene Grade von Alkoholismus, die Epilepsie und wußten auch, daß es sogen, „periodische Geistesstörungen" gibt, d. h. Zustände, bei denen Zeiten geistiger Klarheit mit s olchen von Verwirrtheit abwcchseln. „Diese Erkenntnis bedeutet nicht nur einen nosologischen (d. h. bezüglich der Lehre von den Krankheiten), sondern auch einen gerichtlich-psychiatrischen Fortschritt", indem nämlich die mit solcher periodischer Geistesstörung Behafteten zur Zeit der geistigen Trübung für unzurechnungsfähig, in gesunden Tagen für zurechnungsfähig erklärt wurden. Daß natürlich in den Köpfen der Talmudisten noch manche verworrene, ja sogar abergläubische Vorstellungen, besonders bezügl. der Ursache geistiger Erkrankungen herrschten, ist nicht eben verwunderlich. Hat doch noch heute ein recht großer Teil des Publikums direkt unglaubliche Begriffe von Geisteskrankheiten. In den jüdischen Schriften aus nachtalmudischer Zeit findet Sichel zu seinem Bedauern wenig Aufzeichnungen, die psychiatrisch verwertbar sind, selbst nicht in den Arbeiten des berühmten Arztes und Gelehrten Maimonides. Ich glaube aber fast, die geringe Ergiebigkeit des Quellenmaterials ist z. T. darauf zurückzuführen, daß Sichel die jüdischen Schriften nicht im Originale kennt, sondern nur aus Uebersetzungen und Auszügen teilweise von der Hand nichtjüdischer Forscher. Sichel dürfte beispielsweise wohl kaum in dem von ihm benutzten Quellenmaterial verzeichnet gefunden haben, was ihm interessant sein wird, daß der um 1150 lebende jüdische Gelehrte Benjamin von Tutela in seinem berühmten Reisewerke von einer Irrenanstalt spricht, die er in Bagdad 'sah! Bei aller Freude an der gediegenen Arbeit Sichels nmß ich deren Besprechung darum doch mit dem Wunsche schließen, daß künftighin unsere jüdischen Schristsorscher bei ihren Studien mehr auf das Medizinische und speziell Psychiatrische in den von ihnen durcharbeiteten Werken achten möchten, und daß dann nach einiger Zeit das gleiche Thema nochmals gemeinsam von einem Kenner des jüdischen Schrifttums und einem Psychiater, vielleicht von Sichel selbst, überarbeitet werde. Der zweiten uns vorliegenden Arbeit, einer Abhandlung von Dr. H. L. Eisenstadt (Berlin) über „Die Renaissance der jüd. Sozialhygiene" können wir zunächst das gleiche Lob erteilen wie der Sichel'schen Studie, daß sie den Stempel der Begeisterung ihres Autors für das Judentum trägt. Aber ich konnte mich doch bei der' Lektüre dieser Schrift des Eindrucks nicht erwehren, daß hier der Jude mit dem kritisch wägenden Forscher durchgegangen ist. Kennte ich Eisenstadt nicht aus anderen Arbeiten (in der „Medizin. Reform") als einen tüchtigen, ernsten Sozialpolitiker, so hätte ich ihn auf Grund seiner 'Auslassungen über die „Renaissance der jüdischen Sozialhygiene" für einen Phantasten gehalten. Ihm widerfuhr, wovor Sichel eindringlich warnt: Cr gibt das „Produkt des eigenen Geistes" sür „historische Ueberlieferung" aus! Eisenstadt spricht wie von einer feststehenden Tatsache, daß Moses» unser gewaltiger Gesetzeslehrer, ein bedeutender „Arzt" war, „der sein ganzes Leben die Kunst der Krankheitsverhütung studiert hatte" und der „das auf naturwissenschaftlicher und klinischer Be- ’ obachtung aufgebaute System der Krankheitsverhütung besonders von der altägyptischen Medizin ausgenommen hatte"! Bei dieser Auffassung Eisenstadts vom Wesen und der Wirksamkeit des großen Befreiers und Führers der Judenheit kann man es verstehen, daß er den bekannten Satz aus dem 5. Buch Mosis: „Siehe, ich nehme heute den Himmel und Erde zum Zeugen, daß ich vor Dich gestellt Leben und Tod, Segen und Fluch usw." als die Quintessenz der hygienischen Lehren Mosis ansieht. Mer gerade an dieser Stelle läßt sich am leichtesten Nachweisen, wie erzwungen die Deutung Eisenstadts ist. Handelt doch der betreffende Thora-Abschnitt von der erneuten Einprägung aller göttlichen, d. h. religiösen, Ge- und Verbote, die Moses vor seinem Abschiede vornimmt, lind des zum Zeugen, daß er seine göttliche Mission erfüllte, ruft er Himmel und Erde als Eideshelfer an. Moses war — wenn man will — der Seelenarzt seines Volkes; er betrachtete in der Befolgung der heiligen Gebote die beste Grundlage zur „Zufriedenheit" und die absolute Gewähr für ein langes Leben. Im Sinne der Seelenhygiene — sit venia verbot — sind auch alle Gebote und Vorschriften des Pentateuch zu verstehen. Die Bibel, speziell die 5 Bücher Mosis, auf die Eisenstadt ja vorwiegend exemplifiziert, sind nun einmal keine Encyklopädie der sozialen Hygiene, sondern das „Religionswerk des Judentums". Das kann nicht genug betont werden gegenüber den weder für Wissenschaft noch Religion fruchtbaren Geistesproduktionen aller derer, die ein jüdisches Gebot nur verstehen können, wenn sie es in den Rahmen der modernen Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft, eingekeilt haben. Daß die vom Geiste höchster Ethik getragenen Gesetze zum Teil auch moderne hygienische Forderungen umschließen, darf uns Juden mit besonderem Stolze erfilllen,, berechtigt uns aber noch lauge nicht, sie als von Meistern der Hygiene und zu deren Dienste geschaffen zu betrachten. (Schluß folgt). 11. Deutsch-Israel. Gemeindetag. (Spezialbericht.) Das Resultat der Beratung des elften jüdischen Gemeindetages dürste sein, daß der Entwurf ad calendas graecas vertagt ist. Es wurden folgende Anträge angenommen: Mit 183 gegen 178 Stimmen: Antrag Friedemann-Glogau, Kochmann-Gleiwitz, Holz-Königsberg, Dr. Rosenkranz-Tilsit, Lazar-Königsberg, Berger-Königshütte, Dr. Mayer-Düsseldorf. ,Mei der Organisation der jüd. Gemeinden Preußens ist über die Lokalgemeinde, über Bezirksgemeinde eine weitere Organisation nur insoweit zu schassen, als es zur Bildung und Unterhaltung von Bezirksgemeinden sowie zur Bildung von Ruhegehaltskassen erforderlich ist. Eine Organisation von Bezirksgemeinden und der Landesgemeinoe ist nur insoweit zu bilden, als durch dieselbe die Selbständigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtig!: wird." Antrag Landgerichtsrat Löwe-Berlin: „Ich beantrage, den vorliegenden Gesetzentwurf der gemischten Kommission als Material für weitere Arbeiten unter Berücksichtigung des heute angenommenen Antrages Friedemann zu überweisen." Antrag Makower-Derlin: ,Zch beantrage über die Frage der Opportunität eine Einreichung des Gesetzentwurfes an die gesetzgebenden Faktoren auf dem jetzigen Gemeindetage nicht zu beschließen, sondern in dieser Beziehung später nach Anhörung' des Gemeindetages, gemeinsam mit dem.Verband der deutschen Juden vorzugehen." Es ist nun zweifelhaft, ob die gemischte Kommission, nachdem der Antrag Friedemann angenommen ist, noch bereit ist, weiter zu arbeite^ Jedenfalls erllärten die Mitglieder der Kommission, Landgerichtsrat Löwe-Berlin und Direktor Dr. Minden-Berlin, ausdrücklich, daß das in dem Belieben der Kommission stände und sie dafür keine «Garantie 48

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