Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ite 4 Töchterchen den doch ziemlich weiten Weg durch die holperigen Straßen antrete. Die Luft war zwar frisch und rein und umfächelte liebkosend die rosigen Wangen des schönen Kindes. Aber am gestrigen Abend war Tauwetter eingetreten, dem ein scharfer Frost in der Nacht gefolgt war. Es war, wie der Volksmund es nennt, Glatteis geworden, und die strahlenlose Wintersonne hatte in den Morgenstunden noch nicht die Kraft gehabt, das Eis zu schmelzen. Schon bei den ersten Schritten, die das junge Mädchen gemacht hatte, lvar ihr Fuß wiederholt ausgeglitten. Sie war zwar nicht gefallen, es war ihr immer noch gelungen, das Gleichgewicht wieder zu erlangen; — ob es aber nidjt bod) geraten wäre, umzukehre» und zu warten, bis das Eis geschmolzen? — Aber nein, die arme reiche Frau da oben in dem Schlosse war doch krank und wartete vermutlich voll Ungeduld auf die kräftigende Medizin, die sie ihr bringen sollte, und sie wußte, — sie wartete auch auf ihren Besuch. Wieder ging sie einige Schritte weiter, wieder glitt sie aus, doch bisher war sie noch nicht gefallen. — Ob es ihr Vater gutheißen würde, daß sie auf diesen: glatten, unebenen Wege weiter giyg? — Aber, wie ost war er nicht bei Glatteis zu Kranken gerufen worden, und wenn sie in ihrer Angst um ihn, ihn hatte zurückhalten wollen, dann hatte er gewöhnlich gesagt: „Fürchte nichts. Kindlieb. Aus dem Weg zu einer Mizwah verunglückt man nicht!" So wußte sic doch, wie ihr Vater über derartiges dachte. Drum frisch braus los! Mutig schritt sic weiter. Und in Wirklichkeit, je weniger sie auf die Glätte des Weges achtete, desto weniger empfand sie sie. Wenn sie so weiter eilte, konnte sie in einer Viertelstunde oben sein. Doch kaum hatte sie das Ende der Gasse erreicht, als ihr Fuß abermals ausglitt — und sie der Länge nach zu Boden stürzte. Ein Schreckenslaut entrang sich ihren Lippen, hastig wollte sie sich aufrichten; doch bei dem ersten Versuch, den sic machte, das rechte Bein zu bewegen, empfand sie einen wütenden Schmerz,. wimmernd sank sie zurück. - Da kamen aber auch schon niehrere Leute,' die sie hatten falle» sehen und wollten ihr beim Aufstehen behilflich sein. „Nicht so, nicht so," stammelte sie mit farblosen Lippen, „ich kann isicht aufstehe», mein rechtes Bein ist gebrochen, grade über dem Fuß." „Gott soll sich m'rachem sein!" schrie ein alter Mann, der sich um sie bemüht hatte. „Geht zurück, Reb Schimme!" rief ein Jüngerer. „Ich werd' die Füße nehme» und das gebrochene vorsichtig stützen, — und Ihr, Reb Elja fasset das Kind unter die Arnie. — Jst's so recht, Jungfer?" Sie nickte zustimmend. „Dank Euch!" stammelte sie. „Bitte, bringt mich nach Hause!" „Ewadde werden sie Dich nach Haus tragen. Kindlieb," tröstete Reb Schimme, „und dann wird der Vater kommen, — und gleich wird alles gut sein." Sie erwiderte nichts; so vorsichtig die Männer sie auch trugen, cs verursachte ihr unsägliche Qualen. Endlich hatten sie das Haus des Arztes erreicht. Die beiden treuen Dienstboten schrien laut auf, als sie ihre junge Gebieterin wie leblos in den Armen der Männer erblickten. „Schem jischmereui!"*) schrie Ritvkah, „was is geschehen?" Die Männer berichteten es, indem sie das junge Mädchen vorsichtig auf das Ruhebett legten. „Wisset Ihr nicht, zu wem Rabbi Jizchak is gegangen? Ich möcht um ihn laufen, daß er heim kommt." „Wehe! Wehe!" rief der alte Schmul, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, „Rabbi Jizchak is doch nicht im Mokom,**) er is weg gefahren zu dem alten Baron Kinski. Bor Mittag kommt er nicht heim." „Das ist zu lang, so lang kann das arme Kind nicht warten, — man wird einstweilen den Bader rufen müssen. Soll ich um ihn gehen?" „Nein, nein!" flüsterte Tirza, „ich warte, bis der Vater kommt. Vom Bader lasse ich mich nicht anrühren." Wie ein Lauffeuer hatte sich die.Kunde von dem Unfall verbreitet. Alle nähere Bekannten waren herbcigeeilt, näheres zu erfahren und ihre Hilfe anzubieten. Aber das junge Mädchen, sonst so fteundlich, so gefügig, wies alle ihr angebotencn Hilfeleistungen wimmernd zurück, nur nach ihrem Vater verlangend, unablässig ihren Vater rufend. Einzig und allein der alten Riwkah gestattete sie, einen nassen Umschlag auf den heftig schmerzenden Fuß zu legen, weil die Alte behauptete, solches von ihrem Herrn gesehen zu haben. Sie lag in dem zweiten Zimmer auf dem Ruhebette. Nur die besten Freunde des Hauses befanden sich hier bei ihr, während man die Verbindungstür zum ersten Zimmer hin geschlossen hätte. Dieses war überfüllt von mitleidigen, teilnehmenden Menschen, die sich zwar in gedämpften, doch keineswegs inr Flüsterton lebhaft unterhielten, — und wenn dann hin und toiedcr ein schlecht unterdrücktes Wimmern des verunglückten Kindes zu ihnen drang. *) Gott schütze mich! **) Ort. Frankfurter Israelitisches Famklierchlakt. Nr. 19 dann vergrößerte ihr Mitleid den Unfall ins Maßlose. Die einen sprachen die Vermutung aus, daß beide Beine durch mehrsachen Bruch nahezu zertrümmert wären. Andere behaupteten, das wäre noch das Geringste; aber man könne nicht wissen, ob nicht auch innere Verletzungen vorhanden und das Rückgrat gebrochen wäre. Alle ersehnten voll Ungeduld die Heimkunft des Arztes, und manche sprachen die angstvolle Frage aus: „Wenn er nur nicht zu spät kommt?" Auch im Schlosse herrschte unmutige Erregung. Die Gräfin konnte nicht begreife», daß ihre Tochter, nach der glühende Sehn;ucht ihr Herz erfüllte, noch nicht bei ihr war. Zwar hatte der Arzt gleich gestern sie gebeten, nicht ungeduldig zu werden, wenn Tirza noch nicht um neun Uhr da sein würde; aber jetzt hatte sie bereits anderthalb Stunden vergebens gewartet! Dreimal schon hatte sie ihre Kammerfrau hinauf auf die Zinnen des Turmes geschickt, um nachschauen zu lassen; ob das junge Mädchen noch nicht sichtbar geworden. — Grollend und die Judenbrut verfluchend, die es ihrer gnädigen Herrschaft „angetan" haben mußte, hatte Anneniarie den Auftrag ihrer Herrin vollzogen, — die gleisnerische Jüdin hatte sie nirgends erblickt. Endlich duldete es die Gräfin nicht länger. Sie ließ den Verwalter rufen und befahl ihm, einen ihrer Leute hinunter in die Judengassc, in die Wohnung ihres Arztes zu senden und fragen zu lassen, warum dessen Tochter die Medizin, die der Arzt ihr versprochen, noch nicht gebracht habe. „Ich werde, den Michel hinunter schicken," erwiderte der vorsichtige Mann, „die Wege sind heute glatt und schlüpfrig, die älter» Bedienten könnten Schaden nehmen." „Schickt, wen Ihr wollt; aber saget ihm, er solle sich sputen. Und sobald er zurückkommt, schickt Ihr ihn herauf zu mir." Der Verwalter verneigte sich und ging, uni den Auftrag der Gebieterin auszuführen. Er beorderte den Jüngsten seiner Leute, den Stallburschen Michel, sich unverzüglich auf den Weg zu machen. „Aber sei vorsichtig, Michel, es ist heute schlecht zu gehen. Am besten. Du schnallst die Stegeisen an; da gehst Du sicher und kommst rascher vorwärts. Aber daß Du Dich nirgends aushälst, ihro Gnaden erwartet Dich voll Ungeduld; und sowie Du' zurückkommst, gehst Du gleich hinauf in's Boudoir und berichtest der gnädigen Gräfin selbst, was Du erfahren haben wirst." Der Bursche brummte einige zustimmcnde Worte als Erwiderung, schnallte das mit eisernen Spitzen versehene Hufeisen unter die Absätze seiner Stiefel und machte sich raschen Schrittes auf den Weg. Er war noch nicht lange im Dienste der Gräfin Turnek, war von ihr noch nicht zu ihrem Arzt geschickt worden, aber dessen Wohnung hatte er rasch erfragt. Als er in das erste Zimmer trat, in dem sich die Mehrzahl der Freunde der Familie befand, glaubten einige, die die Livree des Hauses Turnek erkannten, er wolle den Arzt zu seiner Herrin rufe». „Der Doktor ist nicht daheim," sagte der eine. „Er ist schon heute in der Frühe fortgcsahren zu dem Baron Kinski," fügte ein anderer hinzu, „der alte Herr liegt im Sterben." „Möglich, daß der Doktor nlittags zurückkommt," bemerkte ein dritter, „dann kann man's ihm sagen, daß er aus's Schloß kommen soll." „Er braucht nicht zu kommen," versetzte der Bursche, „die gnädige Gräfin läßt nur fragen, warum die Jungfer nicht gekommen ist, die Medizin bringen?" „Gott!" schrie einer der Anwesenden, „bei dem Glatteis hat das Kind gesollt die Medizin rausbringen in's Schloß! — Nebbich! nebbich! und bei dem hat es gebrochen die Beine und ewscher*) auch das Genick." „Was?" rief der Bursche, „die Jungfer ist tot? sie hat das Genick gebrochen? „Ich Hab' nur gesagt: Ewscher hat sie auch das Genick gebrochen," milderte der Erregte seine Diagnose, „mer kann doch nischt wissen, der Doktor ist nicht daheim." Aber der Bursche glaubte bereits genug zu wissen, spornstreichs rannte er zurück, seiner Gebieterin die grausige Neuigkeit zu überbringen. „Maria und Josef! was einem nicht alles zukommen konnte! — Gestern rot und heute tot!" — (Fortsetzung folgt.) Kunst «ud Literatur. Erez Israel (Das jüdische Land), Reiseerinncrungen von I. H. Kann. 185 Seiten, 41 Textillustrotionen und 2 Palästinakarten. (3,50 M, geb. 5 JL) Köln, Jüdischer Verlag. Das vorliegende Buch unterscheidet sich durch seine Ausstattung recht vorteilhaft von den in den letzten Jahren erschienenen den gleichen Stoff behandelnden Büchern. Gutes Papier, schöner Druck und zahlreiche Abbildungen haben ihm eine Auf- *) Vielleicht. . machung gegeben, wie solche der Geschmack des Publikums heute, verlangt. Aber auch der Versa;ser hat Vorzüge gegenüber den meisten anderen Verfassern von Büchern über Palästina. Er hat sich nämlich als Bankier reiche Erfahrungen im wirtschaftlichen Leben erworben, hat einen hellen, klaren Blick für die reale Wirklichkeit und ist daher reich an gesunden Urteilen und Anregungen. So wird denn auch überall dort, wo das Sehen des praktischen, lebensklugen Menschen in Frage kommt, seine sonst ziemlich nüchterne Schreibweise lebendig. Eine Beobachtung mußte Rezensent leider auch in diesem Buche wieder einmal machen: nämlich die, daß führende zionistische Persönlichkeiten für die Tradition des jüdischen Volkes kein Verständnis besitzen. Denn wie könnte sonst Autor erzählen, daß Pesach, das nationalste Fest des jüdischen Volkes, für ihn seit seiner Jugend in der Praxis gegenstandslos ist. Oder wie dürfte sich sonst folgende' Stelle finden: „Im deutschen Hotel in Beirut gab es wieder reichlich Schweinefleisch, wobei ich die Benierkmig machen konnte, daß ich auch in Bezug auf meinen Magen ein richtiger Jude bin." Ha' C h e d e r. Lehrbuch der Pädagogik fiir hebräische Lehrer. Von I. I. G l a ß. St. Petersburg, 1908. S. 238, Oktav. Preis ßiubel 1.50 (zu beziehen durch die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland". St. Petersburg, Sawjatin Nr. 1). Mit Recht hebt der Verfasser in seiner Vorrede die im Zeichen der historischen Abnormität unseres Diasporadaseins stehende Tatsache hervor, daß das jüdische Volk, „das Volk des Buches", welches die Schule und den Unterricht so hoch einzuschätzen verstand, so unverzeihlich wenig Aufmerksamkeit für die Pädagogik übrig hatte. Wir fühlen uns daher dem bewährten pädagogischen Schriftsteller Herrn I. I. Gl aß umsomehr . gu Dank verpflichtet, als er trotz diesem Mangel an Vorarbeiten die Mühe nicht scheute, ein umfangreiches Lehrbuch der Pädagogik für die jüdische Lehrcrwelt zu verfassen. Eine eingehende Besprechung dieses ersten hebräischen Lehrbuches der Pädagogik sei den Fachgelehrten überlassen. Wir möchten nur bemerken, daß dieses Lehrbuch nicht lediglich das Verdienst hat, in hebräischer Sprache geschrieben zu sein; die Rücksichtnahme dieses Buches auf die spezielle jüd. Schule macht es zu einem jüd. Lehrbuch der Pädagogik. Das Buch ist von der „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland" preisgekrönt. Unsere Tora. Religiöser Bortrag von Rabb. Dr. Joseph Eschelbacher. Berlin 1909. Louis Lamm. Den Ursprung der Tora, ihre Bedeutung für Israel und die ganze Menschheit, die Pflege, deren sie sich bei atten Juden, Gelehrten und Ungelehrten, Männern und Frauen, stets erfreute, werden uns in beredten Worten vorgeführt als Einleitung zu einer längeren Abhandlung über das Verhältnis zwischen Tora und Wissenschaft, deren Tenor dahingeht: die Tora kann nicht mit der jeweiligen Wissenschaft in Einklang gebracht werden, weil sie über allen Zeiten steht. 8. Moderne Theologie und Kultur. Essai von Th. Kappstein. Berlin, Marquardt & Co. Modern versteht Kappstcin im Sinne von zeitgenössisch, und so versucht er, uns die zeitgenössische Theologie an der Hand ihrer bedeutendsten Vertreter vorzuführen. Neben Harnack finden.wir hier Pfleiderer, Adolf Schlatter, Ernst Mühe, Ludwig Lemme u. «. eingehend gewürdigt, die Stellung der Theologen zu aktuellen Fragen wie Duell erörtert. Kappstein bemüht sich, den evangelischen Theologen aller Richtungen — nur solche führt er an — gerecht zu werden; für die Orthodoxen und Pietisten fällt dabei immerhin doch manches kleine ironische Stichelchen ab. Auch die Theologen des alten Glaubens werden gelegentlich etwas unsanft gestreift. Das Buch ist sehr anregend geschrieben; seine Ausstattung hinlänglich bekannt, wenn ich angebe, daß es als 29. und 30. Band der Gurlittschen Sammlung „Die Kultur" erschienen ist. 8. Probe rabbinischer Philosophie von Salomon Maimon. Aus der Berliner Monatsschrift 1789. Anastatischer Neudruck. Berlin 1909. Louis Hamm. Das 10 Seiten zählende Büchlein ist eine in ihrer Genauigkeit entzückende Reproduktion der Ausgabe von 1789 und wird jedem Bibliophilen große Freude bereiten. 8. Tapezier u. Dekorateur L. Dorfxaun, BSrnestrasae 27. Auskünfte! Grosse Detectiv-Zentrale!!! über Vermögens-, Familieno. Gesahäftsverbältnlsse, Beobaohtnngen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt. Telephon 4359. Halzhans 6, I.