Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 19. Seite 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kaufmann Kayfer sein Kind von dem Religionsunterricht der hiesigen israelitischen Gemeinde ab- und - für den Religionsunterricht der orthodoxen Religionsgesellschaft anzumelden. Doch er hatte die Rechnung ohne den Oberrat gemacht, auf dessen Veranlassung der Oberschulrat entschied, daß auch orthodoxe Eltern verpflichtet seien, ihre Kinder von dem liberalen Rcligionslehrer unterrichten zu lassen, solange sie der badischen israelitischen Landeskirche angehören. Infolge dieser Verfügung sahen wir letzten Samstag hier ein seltenes Schauspiel; um 12 Uhr wurde nämlich das Kind des orthodoxen Weinhändlers Marschall von einem Schutzmann unter dem Hallo der Schuljugend in den liberalen Religio ns unterricht geschleppt. ± Straßburg i. Elf. In dem vergangene Woche bei Herlisheim verunglückten 0. - Zuge war auch das Konsistorial-Mitglied Aron D u r - lach von hier, welcher mit großer Ruhe und Kaltblütigkeit den Verwundeten Hilfe spendete. Er trug zwar selbst eine kleine Verletzung an der Hand davon, achtete jedoch der Schmerzen nicht, sondern war nur bedacht, seinen Mitmenschen zu helfen. Wie ein Arzt legte er Notverbände an und erteilte allscitigen Rat, bis die herbeigerufenen Aerzte an der Unglücksstelle erschienen waren. Heinrich Weil, ein früherer Lehrer, saß in demselben Zuge uud kam ebeusalls unversehrt aus der Gefahr. Auch er beteiligte sich mutig am Rettungswerke. Der am ersten von de» Colmarer'Aerztenan der Unglücksstelle erschienene Arzt war Dr. I o s e f M e h e r. (L) Posen,.14. Mai. In der geörigen Stadtv c r o r d n e t e n v e r s a m m l u n g wurde die Mitteilung gemacht, daß Herr Otto Stern, namens der Geschwister Goldenring in Posen-Berlin- Straßburg i. E., der Stadt Posen eine Spende von 12 000 Mark überwiesen hat. Der Betrag soll zu Verschönerungszwecken, insbesondere zur Aufstellung eines Kunstwerkes der Plastik, Verwendung finden. Der P r o v i n z i a l r a t hat sich vor kurzem endlich mit dem Statut befaßt und entschieden, daß die. Beschwerden der Stadt gegen die Beschlüsse des Bezirksausschusses zurückgcwiesen werden, d. h. daß die Ausnahmebestimmung für sabbathtreue jüdische Geschäftsleute, des Sonntags zu gewissen Stunden hinter verschlossene» Türen arbeiten zu dürfen, nicht zngclasfen worden ist. Oesterreich-Ungar«. Wien. In der Prager »Selbstwehr" lesen wir über den A l l g. O e st e r r. Israel. G e m e i n d e t a g, dessen Verlauf Iwir bereits in der vorwöchentlichen Nummer berichtet haben: „Ein kläglicheres Schauspiel als den Bundestag der österreichischen Kultusgenieinden, der am 4. Mai in Wien stattfand, kann man sich kaum denken. Einige 40 Herren saßen da beisammen, stimmten ab, wenn es dem Präsidenten paßte, und kümmerten sich sonst nicht viel um Proteste, »ui Minorität. Kurz, sie benahmen sich wie eben „moderne" Kultnsgemeindegrößen. Freilich, das frechste Attentat auf das jüdische Gefühl, die Ausschließung der galizischen Judenschaft aus der geplanten Gekamtorganisation, scheiterte an dem energischen Nein des jüdischen Klubs. Den Geist, der in dieser Versammlung herrschte, charakterisierte anr besten das Verlangen eines Herrn nach deutschfreiheitlichem Wesen und die Sehnsucht eines Herrn Steiner aus Kolin nach Berücksichtigung der tschechischen Juden. So wurde der wunderbare Plan einer Organisierung des Judentums zugrunde gerichtet. Denn die gefaßten Beschlüsse haben nicht einmal akademischen Wert. Sie sind von einzelnen Leuten gefaßt worden, die sich selbst Mandate verliehen haben. Das jüdische Volk mnß darauf verzichten, auf. solche Weise vertreten zu sein und gerettet zu werden." Großbritannien. London. Anläßlich ihres 70. Geburtstages stiftete Frau Arnold Gabriel dem „Jews' Hospital and Orphan Asyluni" 10000 Pfund Sterling zum Bau und zur teilweisen Unterhaltung eines Waisenhauses für .50 Kinder. Rntzland. Petersburg. Der H a n d e l s m i n i st e r hat es abgelehnt, ein Gesuch an Allerhöchster Stelle wegen Erteilung einer Erlaubnis an Juden zum Kuraufenthalt . in den kaukasischen Mineralbadeorten zu richten, da ein solches Ersuchen keine Aussicht auf Erfolg habe. — In Kiew wurden zwei jüdische Dentisten ilnd zwei jüdische Hebammen zur Ausweisung und zur Konfiszierung ihrer gesamten Handelswaren verurteilt, weil sie sich neben ihrem Spezialfach auch nebenbei mit Handelsbetrieb befaßt hatten. Palästina. Jerusalem. In der Poliklinik des palästinensischen Hülfsvereins „L e in a a n Z i o n" wurde» im Monat April behandelt: 723 diverse Kranke und 698 'Augenkranke. Die A p o t h e k e des „Lemaan Zion" verfertigte 1197 Rezepte. Personalien. Frankfurt a. M. Im Alter von 59 Jahren starb Herr Bankier I s a a c D r e y f u s, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. Der Vorstand hat in dem Heimgegangenen einen intelligenten, tüchtige» Mitarbeiter, die Gemeinde eines ihrer wohltätigsten Mitglieder verloren. Auf dem .Friedhofe würdigten Rabbiner Dr. M. Horovitz, Direktor H e r z b e r g (für den Vorstand der jüdischen Gemeinde), Direktor Meier (für de» Vorstand des Nauheimer Kinderheims), Professor Dr. Caro (für den Vorstand der israelitischen Waisenanstalt) und ein Vertreter der Frankfurt-Loge die Verdienste des Verstorbenen. Berlin. Dr. Gustav Altmann ist zum städtischen Oberlehrer in Charlottenburg ernannt worden. — In Brandenburg verschied Frau AmtSgerichtsrat I e u n ij Kempuer, die frühere langjährige Vorsitzende des Israelit. FrnuenvcrcinS in Kvnigshütte. Berlin. Karl Leovold Netter, Mitglied des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde und der Jewish Colonisation Association, ist von dem Zentralkomitee des Hilfsvereins der Deutschen Juden in dessen geschäftsführenden Ausschuß gewählt worden. ch Stratzburg 1. Elf. Im besten Mannesalter verschied der sehr geachtete Ehrenpräsident des Vereins „Mcnachem Awelim" Herr G u st a v Liebs ck, ü tz. — Der 14jährige Schüler Lazarus, der in Colmar eine Schule besuchte, wurde auf dem Heimwege nach Herlisheim von christlichen Jungen a»- gegriffen, zog sein Taschenmesser und stieß es einem Knaben in den Rücken. Die Verletzung war glücklicherweise nur eine leichte, doch wurde Lazarus für seine in blindem Zorn getane Uebeltat aus der Schule verwiesen. Siegburg. Samuel Löwen st ein) der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde des Siegkreises, verschied im 58. Lebensjahre. (l-.i Posen. Rechtsanwalt Jarecki und Generalagent S. Oelsner wurden zu Stadtverordneten gewählt. Basel. Jonas Gidion, Insasse des israel Altersasyls in Lengnau, begeht am 12. Juni seinen 100. Geburtstag. Wien. Der Kaiser hat der Tochter Sonnenthals, Hermine von S o n n e n t h a l, eine lebenslängliche G n a d e n p e n s i o n verliehen. — Wie die „Drohobyczer Ztg." mitteilt, gebar die 20jährige Frau Chaje Weinreb aus Jassienica, als sie in Stryj bei ihren Eltern zu Besuch weilte, v i e r .K n a b e n, die nur eine Stunde lebten. Frau Weinreb befindet sich wohl. Reichenberg (Böhmen). Kaiser! Rat Karl Reumann erhielt den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse. London. Innerhalb weniger Tage hat die englische Judenheit zwei ihrer angesehensten Mitglieder verloren: zuerst den 98 jährigen -Reformrabbiner Professor D a v i d W o o l f M a.r k s und dann den 78 jährigen Philanthropen Ellis Abraham Franklin; beide gehörten einer Anzahl jüdischer Institutionen in leitender Stellung an. A«S den Vereinen. Berlin. Im Neuen jüd. Gemerndeverein sprachen Dr. Witkowsky und Dr. Zwirn über das.Thema „1847—1909, das alte und das neue Judengesetz." /Dr. Witkowsky führte aus: das Gesetz vvn 1847 wollte die Judenheit zersplittern: es verlieh deshalb der einzelnen Gemeinde, die keinen rechtlichen Zusammenhang mit den Schwestergemeinden hat, volle Selbstständigkeit. Der neue Entwurf dagegen will die gesamte preußische Judenheit zu einem Ganzen zusammenfassen. Das ist aber in dem neuen Entwurf auch der einzig nennenswerte Fortschritt gegenüber dem alten Gesetze. Das Wahlrecht ist insofern verschlechtert worden, als nach der Gemeindesatzung die Steuerpflicht, von der das Wahlrecht abhängig ist, erst bei einem Einkommen von 1800 Mark'beginnen kann. Das Borsteheramt kann event. von einem einzigen Mitglieds bekleidet werden, wodurch die Gefahr eines willkürlichen Regiments entsteht. Der Referent schließt seine Ausführungen mit der Erklärung, daß der in einem unmöglichen Deutsch geschriebene Entwurf unannehmbar sei. Dr. Zwirn führte aus: Neben der gesetzlichen Vertretung der Gesamtjudenheit Preußens hatte der Entwurf zur Aufgabe, die kleinen Gemeinden von ihrer schweren Bürde für die Aufgaben des Kultus zu entlasten und neues Leben in die erstarrten'jüd. Gemeinden zu bringen. Die ersten beiden Forderungen sind in dem Entwürfe nicht zur energischen, klaren Durchführung gekommen. Uud die Erfüllung jener Hoffnungen, daß die neue Verfassung das Interesse für jüdische Dinge in weitesten jüdischen Kreisen neu beleben wird, erscheint überhaupt völlig ausgeschlossen. Die Landesgemeinde ist gar nicht als Vertretung der Gesamtjudenheit Preußens anzusehen. Der Provinzialgemerndetag wird gebildet von einer kleinen Schicht Privilegierter, nämlich von Repräsentanten und Vorstehern, die ihrerseits wieder nach einen! plutokratischen Wahlprinzip zur Würde gelangt sind. ' Und der Landgemcindetag wie deren Vorstand rekrutiert sich auch immer wieder nur aus demselben Kreise und nach demselben Modus, nämlich den Delegierten der Provinzialgemeinden. Ganz unerhört ist die Stellung, die der Entwurf dem Rabbiner zuweist, dem er nur das eine Recht gewährt, in seiner Gemeinde zu gewissen religiösen Fragen seine Ansicht dem Vorstand gegenüber zu äußern; im übrigen wird ihm nicht der geringste Einfluß in der Gemeinde eingeräumt. Die Landesgemeinde, eine Versammlung von Laien, maßt sich sogar das Recht an, die Prüfungsordnung für die Rabbinerprüfung festzustellen. 'Aus allen diesen Gründen bedarf der Entwurf einer vollständigen Umarbeitung. Lffenbach a. M. Wohltätigkeitsverein Israelit. Ausländer. — Aufkeimendcs Selbstbewußtseiu haben die hier wohnenden russischen Juden durch das Begründen des „Vereins G'milauth - Chassodim" („Wohltätigkeitsverein Israelit. 'Ausländer)" bekundet, dessen Tendenz es ist, seinen Mitgliedern unverzinsbare Darlehen auf kleine Ratenabzahlungen zu gewähren. Bon einem gewissen Teil seiner Mitglieder, der die Notwendigkeit' eines solchen Vereines erkannte, organisiert, wurde der Verein vor Jahresfrist ins Leben ge-- rufen. Seine Tätigkeit während dieses ersten Jahres seines Bestehens war, trotz sehr geringer Mittel, eine segensreiche. Als Vorstandsmitglied des genannten Vereins bot sich Schreiber dieser Zeilen genügend Gelegenheit, wahrzunehmen, wie leicht es ist, mit Darlehen von 30 bis 50 Mark, kritische' Situationen rechtschaffener, arbeitssamer Familienväter, die durch den Mangel an Mitteln an den Rand, des Elends gerieten, zu regulieren. Ein imposantes und erfreuliches Bild stellte die ordentliche Generalversammlung des Vereins dar, die am 2. .ds. abgehalten wurde und an der außer der Mitgliederschaft auch einige Gäste teilnahmen. — Lautlose, fast feierliche Ruhe herrschte unter den Versammelten, während der Vorsitzende eine kurze Begrüßungsansprache hielt und darauf der Schriftführer einen präzisen Jahresbericht erstattete. Nachdem sodann der alte Vorstand entlastet worden war, folgte eine einstündige angeregte Diskussion, in der sich die Mitglieder mit ernstem, warmem Interesse mit Beseitigung mancher noch vorhanden gewesener Mängel, wie überhaupt mit Ratschlägen zur reiferen Ausgestaltung und Ausdehnung des Vereins befaßten. Dann fand die Wahl des neuen Vorstandes statt, die gleichfalls in .aller Ruhe und angemessener Disziplin verlief. Mit warmen Worten einiger Herren des Vorstandes, die die Versammlung ermunterten und der guten Grundidee des Vereins Nahrung verliehen, schloß die Versammlung in begeisterter Stimmung. Diamant. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Rabbi Jizchak hatte seine Tochter noch am Abend von dem Wunsch der Gräfin in Kenntnis gesetzt, am folgenden Morgen wäre er schwerlich dazu gekommen. Noch vor beendetem Gottesdienst war ein herrschaftlicher Wagen gekommen, der den Arzt auf ein ungefähr eine Stunde entferntes Schloß bringen sollte, dessen Besitzer schwer erkrankt war. Rabbi Jizchak hatte sich kaum Zeit genommen, zu frühstücken, hatte nur eiligst sein chirurgisches Besteck in die eine Tasche geschoben, einige Medjkaniente in die andere und war davongefahren, vor Mittag konnte er schwerlich wieder zurück sein. Tirza wurde daher auch durch keine unaufschiebbare Arbeit zurückgehalten, dem Wunsche ihrer hohen Gönnerin zu entsprechen. Rechtzeitig machte sie sich auf den Weg. pünktlich wm neun Uhr wollte sie auf dem Schlosse sein, damit die Gräfin die Medizin, die sie ihr brachte, zur bestimmten Stunde nehmen könne. Es war ein Verhängnis, daß ihr Vater grade heute hatte fortfahren nmssen; wäre er daheinr gewesen, er hätte schwerlich zugegeben, daß sein