Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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€>ette 2 frankfurter Israelitisches FmnÜienölatt Nr. 19 meindcn und Bildung von Ruhcgchaltskassen", soll sich die Zusamenschlicßung erstrecken, doch Einmischungen auf r c l i g i ö s e in Gebiete sollen nicht geduldet werden, da ist jede Gemeinde autonom und soll ihre Selbständigkeit nach wie vor behalten. So hat denn i— wenn »auch der engere Zusamenschluß iin Prinzip als erwünscht von der Mehrheit befunden worden ist — das Unduldsame und Vergewaltigende, das Charakteristische des Entwurfes, Fiasko erlitten; der Entwurf wird als Material unter Beachtung der gefaßten Resolution dem Ausschüsse zur Wiederberatung gegeben. Der Ausgang der Beratung muß einen jeden wirklich tolerant denkenden Menschen zufrjedenstellcn. Was aber im hohen Maße befremdend erscheint, ist die Tatsache, daß eine starke Minderheit — beinahe die Hälfte der Anwesenden — ans einem Boden der Unduldsamkeit und Vergewaltigung sogar in religiösen Dingen steht. Denn wie ist die nach Annahme der Resolution Friedeinann von Landgerichtsrat Loewe gestellte Anfrage, ob sich unter diesen Umständen eine Weiterarbeit empfehle, anders zu verstehen, als: entweder eine Organisation, die autokratisch auch in religiösen Sachen waltet — oder gar keine. Und was soll überhaupt die Gegnerschaft — 178 Stimmen waren es — gegen die Resolution Friedemann anderes, als den ausgesprochenen Wunsch der Einmischung und Bevormundung auch in Sachen des Gewissens bedeuten? Ist es nicht eine wahre Schmach, daß liberale Männer sich anschicken, die eigenen destruktiven Anschauungen, die doch größtenteils im Jndifferentismus und Bequemlichkeit wurzeln, andern gewaltsam durch einengende Paragraphen aufzuzwingen! Wenn Unduldsamkeiten in anderen Lagern gegen andere Konfessionen vorkamen, so ist es — wenn auch ungerecht und daher verwerflich — zu begreifen, da - die anderen Konfessionen sich gar häufig in den Dienst der Gewalt, Unkultur und Reaktion stellen; allein wie ist es beim Judentuin zu be- -greisen? Das Judentum ist doch durch und durch demokratisch und erzieht seine Träger zu Tugend, Recht und Gerechtigkeit. Wahrlich beschämend genug für aufgeklärte Juden! Doch der Ausgang des Israelitischen Gemeindctages sei für unsere Liberalen eine Mahnung. Der Bankerott der Jto. Ueber die letzte Phase in der Jto schreibt uns unser Londoner M.-Mitarbeiter: Der innere Bankerott der Jto ist jetzt vollständig. Sie hat ihre Herrschaft selbst auf die East- Londoner Mectingmassen verloren. Das letzte Massenmeetürg war verhältnismäßig schwach besucht (2—3000 Zuhörer). Frühere ähnliche Veranstaltungen der Jto zogen 10—15 000 Hörer in die Monstrehalle von Whitechapel. Die Ausführungen Zangwills haben ein Gefühl der Resignation und der Verzweiflung in den Interessierten Kreisen hervorgerufen. Von all der diplomatischen Geheimtuerei, von all den Plänen und Projekten ist nur der „Plan" Mesopotamien übrig geblieben. Und Mesopotamien können die Jto-Führer ebensowenig ihr Land nennen, wie Cyrenaica, Cypern und Uganda. Die Kritik, die Zangwill in seiner letzten Rede an Palästina geübt hat, trifft auch auf Mesopotamien zu. Auch dieses Land gehört noch nicht uns, auch Mesopotamien muß von Grund auf wirtschaftlich, politisch und kulturell erobert tverden wie Palästina. Aber während wir schon in Palästina sehr viel vorgearbeitet haben, während der fünfte Teil der Bevölkerung Palästinas jüdisch ist, — haben wir in Mesopotamien gar nichts; — und dann die Imponderabilien... Während die Territorialisten mit gemischten Gefühlen die Verheißungen ihres Meisters aufnahmen, nahmen die Zionisten mit einer gewissen Befriedigung die an Widersprüchen und Unlogik reiche Rede Zangwills auf. Nicht als ob sie glaubten, daß die Hintermänner Zangwills, eingefleischte Assimilanten wie Lucien Wolfs und Konsorten, nunmehr die Einheit des jüdischen Volkes als historischpolUisches Gebilde zu einem Punkte ihres jüdisch, politischen Prograinms gemacht haben; — nein — es war ihnen nur eine große Genugtuung, von dem Leader der Jto zu hören, daß die Führer dieser Herren- Bewegung, die Volkspolitik ohne das Volk machen wollten, sich überzeugt haben, auf falschem Wege gewesen zu sein. Zangwill sprach viel von der jüdischen Volkseinheit, — von der Notwendigkeit einer einheitlichen jüdischen Volkspolitik, wie in seiner guten zionistischen Zeit; aber in derselben Rede behauptete er, die Judenfrage, die die Jto lösen will, sei nur ein ökonomisches Problem. Aber ebensowenig, wie man Volkspolitik ohne das Volk machen kann, ebensowenig ist die Judenfrage ein lediglich ökonomisches Problem. Der geniale Herzl sah doch hier viel weiter. Seine Parole war: Rückkehr zum Judentuine... Alle die, die die Rede Zangwills gehört haben, hatten das Gefühl, daß Zangwill, in eine Sackgasse verrannt, jetzt seinen Irrtum eingesehen und unbeholfen seine Fühler nach deni Zionismus ausstreckt. Was soll diese wiederholte Berufung auf die Sympathie des Zionismus für seinen neuen Plan besagen, — was diese persönliche Sympathiekundgebung für den Zionismus? Noch vor kurzem ein Saulus, heute schon ein Paulus. . . Die Lage Zangwills ist keine beneidenswerte. Er für seine Person hätte schon den Mut, dem Zionismus direkt die Hand zu reichen und sich ihm anzuschließen; aber heute ist er gebunden, — er ist Chef einer eigenen „Partei", er hat viele Hunderttausende für seine Parteizwecke bekommen, er hat Kommissionen ins Leben gerufen, eine ganze Maschinerie geschaffen, die er doch nicht ohne weiteres verlassen kann. . . Seine Parteigänger, speziell seine Finanzmänner, werden ihm mit Recht nachsagen, daß er sie zum besten. gehalten habe. — Und jetzt ringt er verzweifelt, er will aus der Sackgasse heraus und lmin nicht, . er kann nicht sein von ihm gebautes Luftschloß zerstöre». Und so sucht jetzt Zangwill mit seinem neuesten Plan indirekten Anschluß an den Zionismus. Mit dem Aufrollen dieses neuen Planes will er zweierlei erreichen: Die Existenz seiner Parteiund seine eigen epolitischePersönlichkeit retten und gleichzeitig in der zionistischen Bewegung durch Kooperation Fuß fassen. Allein es ist mehr als Ivahrscheinlich, daß ihmbeidesnichtgelin genwird. Die maßgebenden Zionistenführer in England sind politisch klug genug, um einzusehen, daß man in diesem politisch höchst kritischen Moment in keinem Falle die Palästinaarbeit politischen Abenteuern opfern und wegen eines zweifelhaften Planes die zionistischen Kräfte zersplittern wird. — „Heute," so erklärte mir ein maßgebender zionistischer Führer, „sind wir mehr denn je verpflichtet, an Palästina sestzuhalten und jeder Zersplitterung der Kräfte vorzubeugen. Gewiß gehört Mesopotamien zu den Nachbarländern Palästinas und ergo indirekt ins zionistische Progranim. Aber erst das Mutterland und dann die Kolonien!" — „Von der wirtschaftlichen Eroberung Palästinas durch die Nachbarländer kann bei der heutigen politischen Situation keine Rede mehr sein. Was sich auf direktem Wege »lachen läßt, braucht man nicht auf Schleichweg zu machen. Im übrigen ist diese politische Einsicht veraltet..." Zangwill wird also direkt kapitulieren müssen. — Indirekt hat er schon in seiner letzten Rede kapituliert. Die ganze Politik der Jto war von vornherein antinational, sie wollte die Sache des Bolkcls besorgen, ohne das Volk gefragt zu haben, und ihr heutiges Schicksal war, wenn in der Politik keine Wunder geschehen, vorauszusehen. Und sie hat ihr Schicksal verdient... Aus de» Geschehnissen des Tages. Das Oberkriegsgericht in Mülhausen hat den Rittmeister v. Gersdorfs wegen vorschriftswidriger Behandlung des durch Selbstmord geendeten Einjährigen Bloch in Verbindung mit Beleidigung zu 15 Tagen Stubenarrest üenirteilt, ein Urteil, das den in Deutschland üblichen Kriegsgerichtsurteilen entspricht. Denn wohl liegt die Möglichkeit vor, daß der Einjährige aus Furcht vor dem ihm abholden Rittmeister in den Tod ging, aber eine direkte Schuld des Rittmeisters an dem Tode ließ sich nicht Nachweisen. Trotz seines Bestreitens scheint der Angeklagte Ausdrücke gebraucht zu haben, die den Einjährigen als Juden aufs tiefste verletzen mußten. Wir wundern uns nicht darüber. Ist es doch eine Tatsache, daß der jüdische Soldat häufig durch antisemitische Aeußerungen und Schikanierungen zu leiden hat! Und daran tragen die Offiziere sogar meist die Hauptschuld. Es genügt, wenn ein Offizier in der Jnstrnktionsstunde das Wort „semitischer Handelsgeist" fallen läßt oder auf dem Kasernenhofe von „orientalischer Lebhaftigkeit" spricht, um den unteren Chargen und .den Kameraden das Zeichen zu geben, daß sie sich gegen den jüdischen Soldaten etwas erlauben dürfen. Wir begreifen daher nicht die Aufregung mancher jüdischer Blätter über den Fall Bloch, als ob jetzt plötzlich eine ganz neue Entdeckung gemacht worden wäre. Man muß mit dem Antisemitismus als mit einer unabänderlichen Tatsache rechnen, die auch nicht durch den Fortschritt gemildert wird, denn er ist nicht minder in den liberalen wie in den konservativen Kreisen der Bevölkerung vorhanden. Und bei dem rauhen, rücksichtslosen Ton, der bei Militär herrscht, muß der Antisemitismus erst recht in Wirkung treten. Mit deni Jammern über antisemitische Affären löst man die Judenfrage nicht. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir haben das Allerheiligenstraße 76 (gegenüber dem Cafö Goldschmidt) ausgestellte Modell des Salomonischen Tempels in Augenschein genommen und haben den Ruf, der dem Kunstwerk vorausging, bestätigt gefunden. Lebhaft tritt dem Beschauer durch diese bis auf das kleinste historisch getreue Nachbildung die einzigartige Größe und Pracht des Salomonischen Tempels vor Augen, und er begreift es, wenn christliche Geistliche und jüdische Rabbiner ihre Bewunderung für das hier von einem Nichtfachmann so kunstvoll Geschaffene in begeisterten Worten zu Papier gebracht haben. Möge auch in Frankfurt der Aussteller für 8ine 9jährige mühevolle Arbeit durch zahlreichen esuch belohnt werben! Die Besichtigung kostet 1 Mk. für Erwachsene und 50 Pfg. für Kinder, am Sonntag und am Mittwoch die Hälfte. Berlin. Die Vorbereitungen zu dem Pfingsten stattfindenden 4. Jüdischen Turntag sind im vollen Gange, und es darf nach den bereits eingegangenen Zusagen der zahlreichen auswärtigen jüdischen Turnvereine auf eine imposante Anzahl von Turntagsteilnehmern gerechnet werden. Die Oeffentlichkeit werden insbesondere die Turntagsverhandlungen, welche im Hotel de Hambourg, (Heiligegeiststr. 17/18) am Pfingstmontag Nachmittag stattsinden, vor allen Dingen aber das Pfingstsonntag nachmittags 5 Uhr im Feen-Palast stattfindende Schauturnen interessieren. Es empfiehlt sich — mit Rücksicht auf die zu erwartende große Zahl von Zuschauern, — jchon jetzt sich Eintrittskarten im Vorverkauf zu besorgen. Biel Beteiligung dürste auch die Dampferfahrt nach Potsdam finden, welche am dritten Pfingsttag um 9Vs Uhr an der Weidendammer Brücke beginnt. Auch die Spiele und die volkstümlichen Uebungen, welche am Pfingstmontag auf dem Spielplatz des Jüdischen Turnvereins Bar- Kochba im Grunewald, Franzensbader Garten (Hubertus, 10 Minuten vom Bahnhof Halensee) abgehalten werden, verdienen einen regen Besuch. Diejenigen, welche den Wunsch haben, möglichst an allen Veranstaltungen des Turntages teilzunehmen, werden gut tun, sich rechtzeitig Teilnehmerhefte, die zum Besuch aller dieser Veranstaltungen berechtigen uno in der Buchhandlung von Louis Lamm, Neue Friedrichstraße 61/63 sowie in den großen Filialen der Zigarrenfirmen Carl Martienzen im Vorverkauf zu haben sind, zu' besorgen. Karlsrtthe. Die badische Judenheit hat in den letzten Wochen einige Beispiele für die Segnungen der staatlichenOrganisation erlebt. Wählt da die Gemeinde in Freiburg einen Rabbiner, doch der „Oberrat der Israeliten" bestätigt ihn nicht, weil er nicht — Badenser ist und zwei badische Rabbinatskandidaten auf eine Stelle warten. Das nennt man Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden. Aber es gibt auch ein Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, solange er nach dem Willen des Oberrats handelt. Erlaubt sich da der