Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 19 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hedaktion und H>efchäfts^elre: Zrankfurt 2. Iß., vildklerßraße 4/6, Ecke Lleichstraße Getefan 10507. Asrausgebsr: Aali; H>ei-s. r - ~ 1 — " — Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzcile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr.- In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1.02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 1 Freitag, den 1. Siwan 5669 (21. Mai 1909). 7. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Buch und Leben. — Ein Entwurf als Material. — Der Bankerott der Jto. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Famili en Nachrichten. — Barmizwohs. Buch und Leben. Zum „S d) e tu u a lt s" -Fe st e. Von Dr. I. N a ch t. Die jüdische Lehre ist realistisch, sie fußt auf Wirklichkeit. Das Buch der Bücher ist das glänzendste Zeugnis dafür: „Damit Du lange lebst auf dem Boden, den der Ewige geschworen. Deinen Eltern zu geben." Solche und ähnliche Rede- Wendungen gehören zu den charakteristischstcu Merkmalen der heiligen Schrift. Das bedingt init ihre Größe. Die jüdische Lehre ist für das Leben bestimmt, sie rechnet mit dem Leben. Sic ist heilig, weil sie die Heiligkeit des Lebens atmet; sie ist wahr, weil sie auf Lebenswahrheit begründet ist. „Gelobt seist Du. Ewiger, unser Gott, der uns die Lehre der Wahrheit gegeben und ewiges Leben in uns gepflanzt." „Die Lehre der Wahrheit" ist vom Leben nicht zu trennen. Sie hat als Lehre des Lebens für Individuum und Gesamtheit gleiche Bedeutung. Sie fördert und bedingt das Leben des einzelnen: „Das sind die Mizwaus, die der Mensch tue, auf daß er lebe." Die „Mizwaus" sind dazu bestimmt, in dem Menschen dcnLebensrciz in des Wortes edelster Bedeutung zu erhalten. Daß er ja nicht dem Pessimismus, der Lebensverneinung, anhcimfalle, dafür seien ihm die „Mizwaus" eine feste, unerschütterliche Stütze. „Der Mensch soll durch sie zuni Leben gelangen und nicht zum Sterben. * Unsere Thora fördert und bedingt das Leben des Volkes. Wenn Du dem Volke seine Sünden nicht vergibst, wenn es dem 'Untergange geweiht werden soll, „so tilge mich aus dem Buche, das Du -geschrieben hast," fleht unser großer Lehrer Moses. Wozu das Buch, wenn der Träger des Buches fehlt? Wozu das Buch, wenn das Volk nicht mehr da ist, das dem Buche Leben und Bewegung gibt? Wie Moses taten es später all' die Großen in Israel. Als Haman dem jüdischen Volke Vernichtung schwor, da sollte am . Pesach ein Fasttag abgehalten werden- So wollte es die jüdisch-nationale Sitte in Zeiten der Bedrängung und Gefahr. Allein Mordechai fürchtete, der Pesach könnte durch das Fasten (an Feiertagen ist das Fasten nicht gestattet) entweiht werden, worauf die Volksretterin Esther: „Du bist der Weise (Alte) in Israel. „Wenn keine Juden, wozu die Mizwaus, wenn kein Volk, wozu die Thora?" Buch und Leben, Thora und jüdisches Volkstum bilden eine .Einheit, jeder Trennungsversuch zwischen diesem Zwillingspaar bedeutet Vernichtung, Auflösung, Tod des Ganzen. Es ist ein schwerer Fehler, den jene begingen, welche die Thora ohne Volkstum wissen wollten. „Wie töricht sind die Babylonier, welche die Thora Hochhalten, während sie sich um den großen Manu nicht kümmern," sagen unsere Talmudistcn. Dieser „große Mann" ist das Volk. Wer von ihm nichts wissen will, der handelt töricht und frevelhaft. Wer es glaubt, „die Thora ohne Volk" erhalten zu können, der begeht die schwerste Sünde gegen den jüdischen Geist. Er wird wohl eine Thora haben. Seine „Thora", die ihm bequem ist, aber nicht die „Thora" Israels) eine Thora des „schönen Friedhofs", eine Kultur der Grabesstimmung, des „Kadisch'" .... aber keine Thora der glorreichen Vergangenheit, und großen Zukunkt: keine Thoras chaijim" (Lehre des Lebens). Eine Thora wird er wohl haben, aber eine „Thora" ohne Ganzheit, die sich allem anzupassen sucht und dabei ihres Grundcharakters verlustig geht: der Wahrheit. Einen schweren Fehler begingen und begehen jene, die jüdisches Volkstum ohne „Thora" wissen wollen. Solches Volkstum kann nicht gedeihen, ist nach jüdischer Auffassung ein Unding. Auf Pesach muß „Schewuaus" folgen. Die Freiheit muß umgrenzt und beschränkt, von höheren Gesetzen geleitet werden, ioenn sie zum Segen gereichen soll. Ohne jede Schranke ist die Freiheit ein Fluch, ohne die Satzungen der „Thora" ist die höhere Freiheit unmöglich. Die Freiheit von etwas bedars der Freiheit zu etwas. Dieses „zu etwas", auf das die jüdische Volkssreihcit angewiesen, ist das „Aul Tauroh" (das Joch der Thora). Das jüdische Volk schüttelt von sich dieses Thora-Joch ab, — und es gibt auch hiermit sein Volkstum auf. * Am Schewuaus schmücken wir unsere Häuser und Synagogen mit Grün. Junge Zweige und junge Blüten verbreiten Frühlingsduft in heiliger Stätte. Ein ersrischender, erquickender Lebenshauch streicht durch das Gotteshaus. Uns ist, als hörten wir die segnenden Worte Jsaks an seinen Sohn Jacob: „Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft des Feldes, das Gott gesegnet." Ist es nicht ein Segen, wenn nebst der „Stimme Jakobs, die in den Synagogen und Lehrstätten gehört werden soll," auch "der Erdgeruch, der frische Lebensodem gespürt wird? „Schewuaus" mit seinem Grün, seinem saftigen Blätterschmuck in Haus und Synagoge ist eine Aufforderung zur Vereinigung von Buch und Leben, von Volk und Thor a. Als Salomon den Tempel errichtete, bemalte er die Wände mit den schönsten Pflanzen Pflanzen und Bäumen. Mit dem Erwachen des Frühlings in der Natur ging es auch durch die Bäume des Heiligtums wie ein Blühen und Leuchten. Die Bäume 'trugen Früchte, alles hüllte Nr. 19. sich in schönste Blütenpracht. Der Strom des jungen Lebens ergoß sich auf alle Pflanzungen des Heiligtums. Wie es draußen keimte und blühte und lebte, so keimte es und blühte und lebte drinnen: im Heiligtume. Draußen braust der Frühling. Er entfaltet seine volle Pracht. Alles lebt und blüht. Lassen wir die Bäume, die an diesem Feste das Gotteshaus schmücken, eine Mahnung silr uns sein: „Wenn es draußen zu keimen, zu blühen und zu leben beginnt, muß es auch drin, im Gotteshaus, keimen, blühen und leben." Die „Thora", die uns am Schewuaus zuteil geworden, ist ein „Baum des Lebens". Er saugt seine Kraft vom Volke, vom jüdischen Volke. Man entziehe ihm dieses Element, und er verdorrt und vertrocket. Das Volk wiederum findet Obdach unter diesem Baume, der es seit Jahrtausenden schützend und schirmend mit seinem mächtigen Gezweigs umgibt. Jüdisches Buch und jüdisches Volk, sie müssen zusammenhalten. Sie machen beide das jüdische Leben aus. Das ist die „Lehre des Lebens", die uns das Schewuaus-Fest vorträgt. Mögen wir sie beherzigen. Ei« Entwurf als Material. Der elfte „Deutsch-Israelit. Gemeindetag" ist zu Ende. Was ist sein Resultat? Den Hauptgegenstand der Beratungen bildete der Entwurf eines Organisationsgesetzes für die jüdischen Ge m ei »den Preußens, und nur den Ergebnissen, die die Verhandlungen bezügl. dieses Gesetzes zeitigten, soll hier näher getreten werden. Drei Lager waren es, in die die Mitglieder des Gemeindetages zerfielen. Jede Gruppe vertrat eine besondere Anschauung: die eine verwars den ganzen Entwurf, da sie auf dem Standpunkt der Trennung steht und gegen jede Organisation ist; die andere akzeptierte alles; und neben diesen zwei extremen Gruppen gab es noch eine dritte, die .— als auf dem Boden der Einigung stehend — für ein Organisationsgesetz zu haben ist, wenn die Religion dabei nicht zn kurz kommt und die Rechte eines jeden Juden gewahrt bleiben. Der Gang der Verhandlungen hat bewiesen, daß die Sympathie der Versammelten den letzteren, der mittleren Linie, galt. Nicht die extremen, intransigenten Richtungen, sondern die Gemäßigten haben den Sieg davongetragen! Es gelangte die Resolution des Justizrats Fried em an n-Glogau zur Annahme, die folgendermaßen lautet: „Bei der Organisierung der jüdischen Gemeinden Preußens ist den Lokal- und Bezirksgemeinden eine weitere Organisation nur insoweit zn schaffen, als es zur Bildung und Erhaltung der Bezirksgemeinden, sowie zur Bildung von Ruhegehaltskassen erforderlich ist. Jede weitere Organisation in Provinzen ist nur soweit zu billigen, als durch sie die Selbständigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtigt wird." Also nur auf soziales Gebiet „zur Erhaltung der Bezirksge-