Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 18 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18- Frankfurier ZsraeKtischeS FamküeMaL keile 3. Besetzung der zu vergebenden Freiplätze hat man die Ausgleichsquote auf 50°/o bereits festgesetzt. Es soll daher nicht verwundern, wenn nach einer Zeit gemeldet wird, daß sich Schüler und Meister getauft haben, nur um bei der jüdischen Schule ankommen zu können. Einen Hieb auf die harte Hirnschale hat unser Assimilationsjudentum von der wohlweisen Akademie der Wissenschaft erhalten. Der aus Oesterreich — eine geographisch euphemistische Ausdrucksform für Galizien — vor 60 Jahren eingewanderte Begründer der Zeitung „Neues Pester Journal" S i g m. Brody hat zwischen den vielen Legaten, die er zur Begründung von Spitälern und genieinnützigen Institutionen hinterließ, auch der Akademie einen Schriftstellerpreis von 10V 000 Kronen t e st i e r t. Die Preisrichter waren sarkastisch genug, mit dieser <B um me die journallst i s ch e Leistung von Jvor Kaas auszuzeichnen, der zeitlebens die wildeste Propaganda gegen das Judentum machte und der mit antisemitischenr Programm seinen Bezirk im Parlament vertreten hat. Er, der im Jahre 1883 das Ritualmordinärchen von Tisza Eszlar durch seine unheimlich dämonische Schreibart fast zu einem katastrophalen Judcndrama verarbei tet hatte, wird jetzt, da die Giftsaat in die Höhe schießt, mit Judengelo für seinen Haß belohnt! .Im Geiste des Herr schenken Regier rungsPrinzips und im Sinne des heulen, den Mobs waltet der Stadt-Hauptmann A d a in i-n M u n k a c s seines Amtes. Erbar mungslos wird das Semitische, wenn es auch schon seit 100 Jahren dort ansässig ist und im Schweiße des 'Antlitzes ums Brot ringt, trotz Parität mit Oester reich, an die Grenze geschoben. Immer findet er eine verfängliche Paragraphenschlinge, in der sich das Schicksal eines armen Juden verstrickt. Dreihund e r t s e ch s sind bereits aus den R e st e r n gehoben. W a s z u h a u s e i st, d a s zagt und zittert, denn die Grenz-Po l i z e i ist st r e n g und w i e die W e i s u n g lautet: arisch. Und nun noch zum Schlüsse ein kleines, bedenk liches statistisches Symptom: Im April haben die Eheschließungen im Reiche der ungarischen Krone um 6054 ab-, die Mischmaschehen zwischen Juden und Christen aber nia 40 zugenommen! Zioni. Frankfurt a. M. Uebcr das Außergewöhnliche hat der Chronist zu berichten, — und da die intensive Beschäftigung mit dem Schrifttum des jüdischen Volkes bei uns leider selten geworden ist, so wird der jüdische Chronist gern die Gelegenheit ergreifen, einen dieser seltenen Fälle mit der Feder festzuhalten. Bor mehr als 23 Jahren faßte ein hiesiger Herr aus dem Kaufmannsstande nach dem Dahinaange seiner Eltern den Entschluß, jeden Samstag nach Mincha eine Stunde dem Talmudstudium zu widmen, und vereinigte er sich zu diesen! Zwecke mit dem. Privatgelehrten Pappenheim. Die Religionsgesellschaft, die für jüdische Studienzwecke in echt jüdisch liberalem Sinne stets gern die Räume ihres Gemeindehauses offen hält, stellte ein Zimmer zur Verfügung. In den 23 Jahren studierten die beiden Talmudfreunde das ganze Riesenwerk des Talmuds Blatt für Blatt und gelangten vorigen Samstag an den Schluß. Ein Herr, der von diesem S i j u m zufälligerweise erfuhr, bereitete nun de» beiden Lernenden eine Ueberraschung. Als sie nämlich letzten Samstag ihr Zimmer betraten, fanden sie einen mit - den ausgesuchtesten Speisen bestellten und festlich geschmückten Tisch vor, und kurz vor Be endigung der letzten Worte des letzten Bandes traten eine Anzahl angesehener Herren ein, die Zeuge» dieses seltenen Aktes sein wollten. Es braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden, daß es beim Mahle hoch herging und daß manch' geistreiche und gelehrte Bemerkung die Unterhaltung würzte. Frankfurt a. M. Von Sonntag ab wird im Hause Allerheiligenstraße 76 ein K u n st werk zu sehen sein, das überall, wo es bisher ausgestellt worden ist» berechtigtes 'Aufsehen erregt hat. Der Aussteller, Herr Leon Schwarzbach aus «lala, hat nämlich in neunjähriger, mühevoller Arbeit ein genaues Modell des Bes-Hamikdosch (hlg.j in. Jerusalem) hergestellt. Wir werden zurückkommen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. ' Frankfurt a. M. Wir verfehlen nicht, unser Leser auf das Inserat A r b e i t s n a ch w e i s für Israeliten aufmerksam zu niachen und bie Bitte um Zuweisung von Vakanzen und Arbeitsgelegenheit jeder Art kräf tig zu unterstützen. Die Wohlfahrtseiiirichtung des 'Arbeitsnachweises für Israeliten ivnrde vor 20 Jahren von dem bekannten Philanthropen Meier Schwarzschild s. A gegründet und war alle Zeit bemüht, jüdischen Arbeitslosen Arbeit und Verdienst zu verschaffen. Seit Jahresfrist mehrt sich aber die Zahl der Hilfesuchenden ganz gewaltig, eine Folge des allgemeinen geschäftlichen Rückganges und der Inanspruchnahme seitens der großen jüdischen Kolonie in Offenbach. Die furchtbaren Bedrückungen, die sie in Ruß laud erdulden, und die dort gegen sie immer mehr zunehinende ivirtschaftliche Zurückdrangung treiben .viele russische Juden in die Fremde; und wenn sie auch nicht leicht ihre Heimat verlassen, mit der sie eng verknüpft sind, — Hunger und Not sindlstärker als Heimatliebe. -Die Unglücklichen, die so nach hier kommen, sind iin großen! 'Und ganzen kräftige, arbeitswillige und vor allem, anspruchslose Menschen, denen der Arbeitsnachweis soweit als möglich helfen möchte; sie verlangen nicht Almosen, sondern nur Arbeit, — und ein Recht auf Arbeit hat jeder Mensch. - Seit Jahresfrist haben sich über 700 i u- und aus lä u d is ch e Arb e itun d S t e llungsuchende an den Arbeitsnachweis gewandt, aber nur ein kleiner Prozentsatz konnte trotz größter Anstrengung nntergcbracht werden. Da müssen denn weitere Kreise zur Mitarbeit herangezogen werden; Fabrikanten, Kaufleute, Gewerbetreibende und Handwerker mögen Vakanzen und Arbeitsgelegenheiten mitteilen, danrit diese arbeitswilligen Menschen nicht zu Bettlern herabsinken. , : , n ■? Diese Bitte richten wir anch an die jüdischen Landgemeinden, wo mancher kräftige Mensch bei Viehhändlern, oder in landwirtschaftlichen Betrieben Arbeit finden kann. Wohltätigkeit war und ist eine der schönsten Tugenden der Judenheit, sie ist die Eigenschaft, die alle Juden — ob sie rechts oder links stehen — verbindet; — notleidenden Menschen Arbeit und Lebensunterhalt zu geben, ist aber die edelste Wohltätigkeit in sozialer und religiöser Hinsicht, wie ein bekanntes Bibelwort lehrt: „Wenn dein Bruder verarmt, und es wankt feine Hand, so darfst du dich ihm nicht entziehen; — anfhelfen, auf hekfen mußt du ihm!" Tempels auf das Kunstwerk noch Bergen bei Frankfurt«. M. Letzten Samstag wurde in unserer Synagoge eine neue Sefer-Thora eiugeweiht. Provinzialrabbiner Dr. Bam berge r - Hanau hielt die Festrede. Berlin. Nach den aus den Akten der Jüdischen Gemeinde getroffenen Feststellungen des Büros für Statistik der Juden sind in Berlin und in seinen Vororten aus d e in Judentum ausgetreten: im Jahre 1907 106 Männer und 43 Frauen und iin Jahre 1908 118 Männer und 68 Frauen. Oesterreich-Ungar«. Wien. Der A l l g. O e st e r r. Israelit G em eindetag hat bei Anwesenheit von etwa 100 Delegierten wohl zwei Tage über einen E n t w u r f z u r S ch a f f u u g einer autoritative» Gesamtorganisation der Juden Oesterreichs beraten, ob er aber trotz der Annahme dieses Entwurfes auf dem Wege nach einer Gesamtorganisation nur einen Schritt vorwärts gekommen ist, erscheint fraglich. 207, also fast sämtliche galizische Gemeinden hatten eine Protesterklärung gegen die geplante Zwangsorganisation erlassen und den Gemeindetag nicht beschickt. Und Rabbiner Fürst-Wien verlas im Namen einer Anzahl orthodoxer Gesinnungsgenossen folgenden Antrag: „Im Namen der strenggläubigen Judenschast Oesterreichs protestiere ich gegen jeden Versuch der Schaffung einer staatlichen Organisation der Gesamtjudenschast, die die Stellung der Rabbiner untergräbt, die Autonomie der Gemeinden vernichtet und bestimmt ist, Bekenner entgegengesetzter Weltanschauungen in eine künstliche Einheit zusammenziidrängen. Durch eine solche Bereinigung kann nur die Zwietracht gefördert und die Irreligiosität propagiert werden. Verzichten Sie auf eine Zwangsorganisation und bauen Sie den Bund, zu einem freiwilligen Zusammenschluß aller Juden Oesterreichs.-Äus, der nach außen sowohl als nach innen zur-Verteidigung unserer politischen Rechte und Förderung von Wohlfahrtseinrichtungen nicht viel geringeres Ansehen haben wird, als eine staatlich anerkannte Behörde, die den Keim der Zwietracht säet." Wie». Der sozialdeni. Abg. Dr. Diamant brachte in Angelegenheiten des verstorbenen Zugsführers Nathan N e s ch und des ivegen angeblicher Simulation zu 7 Monaten Kerker verurteilten Wolf Sa in et folgende Interpellation im Reichsrat ein: „Nathan Nesch wurde für den 7. März l. I. zum Dienst einbernfen, zwei Tage daraus erkrankte Nesch und wurde dein Militärspital in Lemberg übergeben. Josef Nesch, wohnhaft zu Lemberg, nlica Nowa Nr. 17, wurde von der Krankheit des Sohnes benachrichtigt, der Familie aber jeder Verkehr mit dem Kranken untersagt. Der Chef der Abteilung für Nervenkranke, Regimentsarzt Dr. Chajis,*) er- *). Dr. Chajis ist Jude. klärte der Schwester des Nesch: „Wir kennen olche jüdischen Simulanten." Nach 17 Tagen wurde der kranke Nesch der Familie auf deren Verlangen übergeben, nachdem dessen Vater einen unbeschriebenen Papierboge» unterschrieben und eine Krone als Stempelgebühr zuhanden des Dr. Chajis erlegt hatte. Was mit Nathan Nesch in der kurzen Zeit nach seiner Einrückung geschehen ist, konnte nicht ermittelt werden; er hatte sich aber derart verändert, daß sein Vater, als der Sohn ihm übergeben wurde, ihn nicht erkennen konnte und^schmerzbewegt ausrief: „Das ist nicht mein Sohn!" Nathan Nesch war wahnsinnig geworden. Nachdem Nesch im Hause seiner Familie eine Woche bewußtlos gelegen hatte, verschied er. Ob die Militärärzte den Tod Nejchs auch als einen Akt der Simulation bezeichneten, ist den Interpellanten nicht bekannt. Ueber den Erfolg der nach dem Tode des Soldaten vorgenommeneu Sektion der Leiche konnte nichts sicheres bekannt werden, es verlautet aber, daß zahlreiche schwarze Flecken den Körper bedeckten. Der Vorfall erregte in der Bevölkerung , peinliches Aufsehen und eine anhaltende Erregung! Gleichzeitig gelangte ein zweiter Vorfall zur öffentlichen Kenntnis. Im September 1908 rückte der Infanterist Wolf S a in e t des 30. Infanterieregiments zur Wasfenübnng ein und wurde der 3. Konipagnie zugeteilt. An Rheumatismus erkrankt, nieldete sich der Reservist bei seinem Hauptmann Sokolowski, wurde aber von den Militärärzten Bardach und Majewski als Simulant qualifiziert und vom Hauptmann^ deni Militärgerichte wegen Insubordination und Simulation überstellt und nach zweimonatlicher Untersuchungshaft zu sieben Monaten "erker verurteilt. Während dieser Zeit nagten Frau und Kinder am Hungertuche. Nach eingezogenen Informationen war Samet wirklich krank und eine Siinnlatioii ausgeschlossen. Geben die Aerzte sehr wenige Garantien einer gerechten wissenschaftlichen, begründeten Entscheidung, so entbehrt das im geheimen Verfahren gefällte Urteil des Militärgerichtes jeder Vertrauenswürdigkeit." R«tzla«d. Petersburg. Die Freitagabendinahlzeit in einem hiesigen stark besuchten jüdischen Re-, st a u r a n t' erhielt am letzten Freitag eine unerwartete Unterbrechung. Es erschienen nämlich Polizeibeamte und verlangten nach den Pässen. Wer sein Wohnprivileg nicht sofort Nachweisen konnte oder auch nur seinen Paß vergessen hatte, wurde nach der Polizeiwache geschleppt. Bon dort ans sollte dann die Traitsportierung aller Nichtprivilegierten per Schub nach der Heimat erfolgen. Petersburg. Im Laufe der letzt« n Woche wurde in der Duma über die I u d e n s r a g e viel debattiert. Zuerst bei der Beratung über den Etat des Kultusministeriums. Die Führer der linken Parteien beleuchteten dabei die schreiende Ungerechtigkeit der „Prozentnorm" für die Inden in den Mittel- und Hochschulen in Rußland, die in keinem Kulturlande existierte und auf die christlichen Mitschüler demoralisierend wirken müsse. Friedmann schilderte mit ergreifenden Worten die elende Lage der jüdischen Schüler und ihren dornenvollen Bildmigsweg. Zn einem positiven Ergebnis inbezug auf irgend welche Erleichterungen für die jüdischen Schüler und Studierenden führten jedoch die Debatten nicht, was bei der Zusammensetzung dieser , Duma auch nicht wmidernehmen kann. ~ Zn weiteren Diskussionen über die Judenfrage kam es bei der Behandlung des MilitärkontingentS. Diesmal war ein Antrag der rechten Parteien, die die Inden vom Heere ausg e s ch l o s s e n sehen möchten, der -Anlaß. Die Vertreter der linken Parteien traten ihnen entgegen und wiesen nach, daß die Inden in einer viel größeren Zahl als ihr prozentuales Verhältnis zur russischen Gesamtbevölkermig z n m Militärdienst h e r a n g e z o g e n werden. Wenn man von den Juden Patriotismus verlange, so müsse man ihnen doch menschliche Rechte gewähren und sie nicht als Parias behandeln. Das Resultat der Debatte war die Ablehnung des -Antrages; es wurde jedoch beschlossen, besondere Untersuchungen über die Inden im Heere anznstellen. Diese „Untersuchungen" dürften kaum in einer den Juden günstigen Weise geführt werden. — Die Lehrerseminarskommission der Duma beriet den ersten Paragraphen des neuen. Seminarstatuts, wonach jederniann ohne Unterschied des Standes und des Glaubens zum Besuch der Lehrersemriiarie» berechtigt ist. Die Bischöfe Mitropa» und Titschinin erhoben Einwendungen gegen die Zulassung von Jude» zum Lehrerseminarbesiich. Die Kommission beschloß darauf mit Majorität, den ersten Paragraphen z» ändern, derart, daß nur Anhänger des christlichen Glaubens ein Lehrerseminar besuchen dürfen. Es ist zu befürchten, daß dieser Beschluß auch in der Duma selbst Annahme findet. „N. J.-K."