Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 18 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 älter ist als selbst die erste Zerstörung Jerusalems. Ed. Meyers Illusion vom altisraelitischen Menschenhandel ergibt sich als eine einfache Willkür. Israel Zarrgww wieder Zionist. Spezialbericht unseres Ll-Mftarbeiters. London, den 10. Mai. Ich komme soeben vom Massenmeeting der Jto, das anläßlich des vierten Geburtstages der Jto veranstaltet wurde, und beeile mich. Ihnen den Inhalt der Zangwill'scheu Rede mitzutcilen. : Israel Zangwill, mit stürmischem Beifall empfangen, erklärte vor dem vieltausendköpfigen Publikum: Die Expedition der Jto nach Cyrenaica ist mit negativem Erfolg zurückgekehrt. Cyrenaica ist ein gutes, herrliches Land, geographisch gut gelegen und sowohl für Handel als für Agrikultur geeignet; allein — es hat nicht genügend Wasser, und eine künstliche Bewässerung des Landes ist aus ökonomischen Gründen unmöglich. Die Jto hatte in den letzten' 3 Jahren etwa zehn territoriale „Pläne" im Auge. Diese Pläne sind von der geographischen Kommission der Jto, die aus Männern der Finanz,, der Politik, der Literatur und der Presse sich zusammensetzt, geprüft und untersucht worben. Von all den zehn in Betracht kommenden Plänen hat die geographische Kommission der Jto n u r z w e i für gut und den Zwecken der Jto entsprechend befunden. Denn für die Jto handelt es sich nicht nur darum, ein Land für diejenigen Juden, die in ihren Geburtsländern nicht bleiben könenn oder wollen, ausfindig zu machen, sondern die Jto will den unglücklichen, zur 'Emigration gezwungenen Juden auch ein Land mit einer 4lutonomie verschaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, kam noch nüben Cyrenaica Mesopotamien in Betracht. Mesopotamien ist das Land, auf das schon Theodor Herzl hingewiesen, Mesopotamien gehört zu den Nachbarländern von Palästina, und Mesopotamien ist nicht die neueste -Entdeckung der Jto, sondern es ist ihr erster und bester Plan, den sie seit Jahren hat, und den fie aus gewissen Gründen nicht veröffentlicht hat. Herr Lucien Wolf, das Mitglied des Jtoausschusses, hat schon vor zwei Jahren den „Plan" Mesopotamien als eventuelle Jtoarbeft eigenhändig unterschrieben, und (auf ein Blaubuch weisend) in diesem vor zwei Jahren erschienenen Buch,' das aber nicht veröffentlicht wurde, ist Mesopotamien als eines der für die Jto in Betracht kommenden Länder behandelt. Nachdem der Cyrenaicaplmr infolge des dortigen Wassermangels abgegeben werden mußte, werden wir (die Jto) den Plan Mesopotamien aufnehmen. Von diesem Plane versprechen wir uns mehr Erfolg, denn wir werden uns der Unterstützung und Mitarbeit aller großen jüdischen Organisationen erfreuen. Die Zionisten, die meine vollste Sympathie haben, werden sich dem Mesopotamien- Plan nicht feindlich gegcnüberstellen, dessen bin ich sicher. Und eine „Well-Skummer in die Hand nehmend, rief Zangwill der viellausendköpfigen Menge zu: In dieser Zeitung, im offiziellen Organ der Zionisten, ist die Haltung der zionistischen Organisation zu unserem Plane angegeben; sie ist eine überaus sympathische und freundliche > — Mesopotamien gehört zur Türkei, wie Palästina auch. Die Jung-Türken sind den Juden sehr wohlwollend gesinnt — wenn auch vorläufig nur theoretisch —, und da sie unserer ebenso bedürfen wie wir ihrer, werden sie uns annehmbare Angebote machen. In diesem Sinne habe ich auch an den Führer der Jung-Türken, Ahmed Nizza geschrieben. Die Bewässerungsarbeiten in Mesopotamien, die unter der Aufsicht des Ministeriums der öffentlichen Arbeften in KoNstantinopcl standen, sind jetzt infolge der Umwälzungen in der Türkei unterbrochen worden. Jedoch kann man, sobald das nötige Kapital zusammengebracht ist, privatim die Arbeit fortsetzen und das Land zu dem machen, lvas es sonst gewesen ist. Wir werden aber die Arbeften nicht auf philanthro¬ Frankfürter Israelitisches Familienblatt. pischer, sondern auf kommerzieller Grundlage zu finanzieren suchen. Zangwill besprach -nunmehr seinen letzten Plan und ries dann etwas resigniert aus: Wenn man nicht herauf kann, muß man herunter; einer muß dem zweiten Konzessionen machen, sonst bringt man es zu nichts? Sowohl die Jto, als die andern (damit waren die Zionisten gemeint) müssen Konzessionen machen! Wir wissen, daß wir nur durch Einheit und Einigkeit unser Ziel erreichen werden; und wir werden alles tun, was zur Einheit und zur Einigkeit führen kann. Das Volk der Juden soll nicht mehr an seiner eigenen Verrücktheit und Zerrissenheit zugrunde gehen. Tie Sache seiner Befreiung darf und sollnichtsein die Sache einer Partei, sondern^die Sache des ganzen Volkes. Auf Mesopotamien nun, hoffen wir, werden sich alle großen jüdischen Organisationen einigen, sowohl die zionistische Organisation als die Jca. Das Programm der Jto lautet: Einheit des Volkes, Einheit des Zieles, für eine jüdische Zukunft des Glückes und des Friedens. Wir nehmen Palästina, wenn wir cs kriegen, wir nehmen sein Nachbarland, Mesopotamien, da wir es kriegen können. Mesopotamien ist unser großer, einziger Plan, Mesopotamien gehört auch in das zionistische Programm, und diesem Plan, da er nicht offiziell zionistisch ist, wird sich auch die Jca anschließen. Und es war keine übele Ironie, daß Lucien Wolfs, der alte assimilatorische Sünder, den Text einer Resolution abfassen, verlesen und verteidigen mußte, der die Einheit des jüdischen Volkes, die Einheit seiner politischen Bestrebungen zum Inhalt hat. In der von der Monstreversammlung angenommenen Resolution wird der Wunsch ausgedrückt^ daß alle großen Parteien sich auf den „Plan" Mesopotamien einigen mögen. Brief aus der Schweiz. Die Geschichte der schweizerischen jüdischen Gemeinden in ihrer gegenwärtigen Verfassung ist zwar allerjüngsten Datums, verdiente aber gerade deshalb, daß sich ihnen das Interesse unserer Glaubensgenossen allerwärts züwendet; schon wegen des lehrreichen — ich hätte bald gesagt außergewöhnlichen — Beispiels, das ihre merkwürdige Entwicklung dem unbefangenen Beobachter darbietet. Ist es z. B. etwas Gewöhnliches, wenn eine Gemeinde von wenigen hundert Mitgliedern, die vor einem Menschenalter kaum dem Namen, nach existierte, im verflossenen Verwaltungsjahr nur für die Armenpflege die Kleinigkeit von über 20 000 Franken aufwendete? Das geschah in Basel. Wie die Summe zusammenkam und wie sie verteilt wurde, dürste nicht allein den Stattstiker interessieren. Die Gemeinde als solche bewilligte 3000 Fr., Spenden vor der Thora und freiwillige Gaben beliefen sich aus 9195 Fr., Almosenkasten, Büchsen in Trauerhäusern' und Gaben bei Hochzeiten 1685 Fr., Subventionen von Chewras 1120 Fr.; für die Armen von Basel und Umgebung wurden ausgegeben 9598 Fr., für durchreisende Arme 4879 Fr.; folgen kleinere Beiträge für das israel. Spital, Krankenschwestern und Ferienversorgung. Die israel. Armenverpflegung hat bewirkt, daß die in der Schweiz niedergelassenen jüdischen Armen zu halben Preisen auf den Schweizerischen Bundesbahnen befördert werden. Wie die Armenlasten rapid steigen, belehrt eine kleine Statistik in Basel. Hier wohnten 1903 erst 30 unterstützungsbedürftige Armen. 1904 war die Zahl auf 34, 1905 auf 40, 1906 auf'49, 1907 auf 54 und 1908 auf 59 arme Familien gestiegen. Auch die an Zahl nicht geringere jüdische Gemeinde in Zürich bringt außerordentliche Opfer für ihre zumeist aus Rußland eingewanderten Glaubensgenossen. Beide größten Gemeinden in der Schweiz sind in fortschreitender Entwicklung. Auch St. Gallen, Bern, Baden, Luzern, Winterthur, Genf, Chaux-de-fonds sind mächttg aufstrebende Gemeinden, und der am 18. April zu Baden bei Zürich tagende „Delegiertentag des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebundes", dem 26 Delegierten anwohntenzeugte klar von der Wichtigkeit und Bedeutung unserer zumeist jungen Gemeinden. Die Leser Ihres Blattes wird es sicherlich interessieren, wenigstens die wichtig st enPunkte zu kennen, über welche die jüdisch-schweizerischen Delegierten berichteten. Nr. 18. Der Präsident, Herr Dr. jur. Guggcnheim (Zürich) teilten«?, daß kürzlich in den Aargauischen Kantonsrat ein Jude als Mitglied dieses gesetzgebenden Körpers gewählt wurde. (Man darf nicht übersehen, daß in den Schweizerischen Bundesbehörden, wie Nationalrat und Ständerat,' abgesehen von den richterlichen und sonstigen Verwaltungsbehörden, auch in den Offizierskreisen der Bundesmiliz, die 15 000 jüdischen Schweizer so gut wie gar nicht vertreten sind, und daß i» diesen Kreisen tatsächlich der unausgesprochene Antisemitismus herrscht, obgleich, wie Herr Dr. Guggenheim-öffentlich koustatirte, eine eigentliche antisemitische Partei in der Schweiz nicht existiert.) Der Präsident der jüdischen Gemeinde in Basel, Herr Bonquier Dreyfus-Brodfky, referierte über die Kommission zur Erforschung der Geschichte der schweizerischen Juden. Der Herr Referent betonte unter dem einmütigen Beifall der Delegierten, daß wir eine Geschichte der schweizerischen Juden von einem Juden aus jüdischem Herzen heraus geschrieben brauchen. Bei der hervorragenden Stellung des Referenten ist kein Zweifel, daß die Sammlung der zerstreuten jüdischen Altertümer der Schweiz in einem nahen Zeitpunkt zur Tatsache geworden sein wird. Nicht unwichtig war die Mitteilung des Herrn Delegierten Be ne ff (Bern) über seine Verhandlung mit Herrn Bundesrat Müller (Direktor der Bundesmiliz) wegen Beurlaubung jüdischer Soldaten an den Feiertagen. Bundesrat Müller erklärte, daß von jeher die Gewohnheit gewesen, an jüdischen Feiertagen frei zu geben — soweit es irgend tunlich. Wenn der Gemeindebund um einheftliche Beurlaubung der jüdischen Soldaten nachsuchen wollte, würde er sogar durch Zirkular bei den Korpskommanbanten in diesem Sinne einwirken. Bei Truppenzusammenzügen wäre Urlaub nicht immer möglich, es müßte das dem freien Ermessen des Korpskommanbanten Vorbehalten bleiben. Das klingt ja alles recht hübsch — nur schade, daß Herr Beneff den Herrn 'Bundesrat Müller nicht bei dieser Gelegenheit interpellierte, wieso es kommt, daß befähigte, tüchtige jüdische Korporale und Feldwebels, bis auf verschiedene Ausnahmen, nicht zu Offizieren befördert werden, obwohl nicht wenige jüdische Unteroffiziere voll und ganz dazu geeignet sind. Freilich könnte darauf der Herr Bundcsrat antworten: Die Beförderung von Unteroffizieren zu Leutnants und Hauptleuten steht ausnahmslos den Kantonen zu, und diese machen in dieser Beziehung aus ihren antisemitischen Gefühlen keinen Hehl. Am Schluß verhandelte der Delegiertentag über das schon längere Zeit vorher in Beratung stehende „Reglement des Verbandes Schweiz. Israelit. Armenpflegen". Dieser Gegenstand ist von so weittragender Bedeutung und der bei dieser Gelegenheit tatsächlich gefaßte Beschluß ein so einschneidender, daß wir uns diese Besprechung dieses Traktandums für einen besonderen Brief Vorbehalten müssen. I. M. (Basel). Brief aus Uugarn. Das Gebäude der koalierten Parteien, die vor nunmehr drei Jahren das liberale Regierungsshstem in der Herrschaft ablöflen, kracht in allen Fugen. Der Tod, den wir vor Monaten in den Spalten dieses Blattes vorausahnten, bereitet sich in der jetzt permanenten Krisenagonie vor. Er kann in jedem Augenblick eintreten. Dann folgt die große Liquidation, -bei der auch der letzte Fetzen vom liberalen Flaggenschmuck dem Exekutor verfällt. Auch der Schein von Toleranz, den man bis heute aus Furcht vor dem europäischen Gewissen des Kontinents wahrte, verschwebt wie schwindender Schatten, denn die Reaktion in ihrer schwärzesten Form beherrscht das Feld. Es wäre anders nicht denkbar, daß die Szökelj, Gorcsonyi, Friedreich und zuletzt Lechner Tiberius.— lauter pädagogische Planeten mit fixen antisemitischen Ideen — so frei und unverblümt ihr „Tue la!" gegen uns vom Katheder dozieren könnten. Jeder Protest gegen.einen Mißbrauch der Erziehungsgewalt hat, wenn er die Juden Betrifft — siehe den Fall Prof. Tiberius, der bei der Behandlung der Reformationsgcschichte immer nur vom fluchwürdigen Einfluß der Saujuden vor seinem 50°/» Judenauditorium sprach —, zur Folge, daß der Mann rasch emporkommt. A n t isemitismus in der radikalsten Form ist die zuverlässigste Methode, noch Karriere zu machen. — Stoff zu schlechten Witzen und hämischen Glossen gab die ministerielle Bestätigung des jüdischen Gymnasiums. Komisch wirkt gleich die „Conditio sine qua non", daß die Leitung des jüdischen Instituts gehalten sei» den Stundenplan so zu gestalten, daß die christlichen Schüler aller Konfessionen in ihren religiösen Pflichten nicht behindert werden. Es ist schon jetzt fast evident, daß auch die neolöge Schulleitung das orthodoxe Schulbeispiel befolgen wird und aus purer Toleranz und Opportunität auf jüdische Lehrkräfte verzichtet. Bei der