Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 18 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Waren die attisraelitischen Könige Menscheuhändler? Von Dr. Sigmund I a m p e l - Karlsruhe. Der verehrte Leser wird nach dieser lieber-! schrift in den folgenden Zeilen eine Polemik gegen die rassentheoretischen Darstellungen der. altisraelitischen Geschichte seitens der vom C h amberlain'scheu Geiste inspirierten Gelehrten, welche unsere Vorfahren der biblischen Zeit als herumziehende Pferdehändler nach Muster der ungarischen Zigeunerhorden hinstellen, erwarten. Allein nicht gegen diesen altern, tendenziöswissenschaftlichen Antisemitismus, sondern gegen eine neue, ehrlich gemeinte Behauptung eines der hervorragendsten und verdienstvollsten Forscher unserer Gegenwart, nämlich gegen Prof. Ed. Meyer in Berlin, soll hier ein Veto eingelegt werden. Dieser leuchtende Führer auf allen Gebieten der Altertumswissenschaft, der als Direktor der Abteilung für klassisches Altertum in der Akademie der Wisscnschaftcn-Berlin Mitglied des preußischen Kultusministeriums ist, hat sich nicht bloß auf seinem Spezialgebiete, der griechischen und persischen Geschichte, wo er als Kapazität ersten Ranges dasteht, sondern auch auf dem Gebiete der Bibelforschung als Bahnbrecher hervorgetan. Dieser geniale Arier, der — trotz seiner ministeriellen wissenschaftlichen Berufstätigkeit auf dem unübersehbar weiten Gebiete des klassischen Altertums — erst in seiner jüngsten, über 600 Seiten starken Schrift über die Israeliten offen gesteht, daß ihn die Liebe zur Biblischen Geschichte unlöslich in ihrem Banne "festhält, ist "von dem jüngsten, in den vorhergehenden Nummern dieses Blattes behandelten jüdischen Jnschriftenfund dermaßen begeistert, daß er gleich Clairmont Ganneau, dem genialsten Epigraphisten Frankreichs, es sich in den letzten Monaten zur Aufgabe gemacht hat, in den Großstädten Deutschlands durch öffentliche Vorträge die Kunde von diesem Jnschriftenfund zu verbreiten. Dieses Moment ist an sich sehr erfreulich und kann uns nur mit Stolz erfüllen, wenn auch dieser Stolz über unsere vielgerühmte Vergangenheit die Schmach unserer jüdischen Gegenwart, die ihrer. glorreichen Vergangenheit gegenüber so verständnislos dasteht, umsomehr zu markieren geeignet ist. Allein wie bei jedem Unrecht, so hat sich auch hier die Nemesis rechtzeitig eingestellt. Wenn das sonst so sehr auf seine Achtung bei der Außenwelt bedachte Judentum seit Jahrzehnten seinen ureigensten Grund und Boden, auf welchem seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beruht, ausschließlich von fremden Händen bearbeiten läßt, so geschieht ihm nur recht, wenn dieselben feinen heiligen Boden mit Dornen besäen. Und wie im verflossenen Jahre, gleich nach dem Bekanntwerden' dieser Inschriften, die jüdische Presse — durch Vermittlung einer politischen Zeitung — im Namen des erwähnten Franzosen die Behauptung kolportierte, daß diese hier in Betracht kommenden obcrägyptischen Juden, noch in dieser verhältnismäßig späten Zeit, die Existenz anderer Götter anerkannt haben, so müssen jetzt die deutschen Juden von ihren arischen Mitbürgern die degradierende Kunde hören, daß die ägyptischen Inden, von denen jene Inschriften herrühren, ihren Aufenthalt in Aegypten dem Umstand zu verdanken haben, daß die israelitischen Könige Menschen gegen Pferde einzutauschen pflegten. Große und reiche Jndengemeinden, wie die von Assuan und Elephantine, welche wir in diesen Inschriften kennen lernen, sind nicht die Nachkommen der wenige Jahrzehnte vorher mit Jeremias hingekommenen palästinensischen Emigranten, sondern cs müssen dies alte, eingesessene Judengemeinden sein, deren Vorfahren schon in israelitischer Königszeit nach Aegypten gekomnteii sind. — Wieso aber sind diese Juden nach Aegypten verschlagen worden? Die Antwort auf diese Frage findet Eduard Meyer in dem biblischen Königsgebote: „Er soll sich nicht viele Pferde kaufen, um nicht das Volk nach Aegypten zurückzuführen." (5. Moses, 17, 16.) — Da nun in diesem Gebote, welches, wie das ganze 5. Buch Moses nach der bibelkritischen Lehre erst kurz vor der Zerstörung Jerusalems entstanden sei, die Reflexe der vorangegangenen Königszeit enthalten sein sollen, so erblickt Ed. Meyer in diesem Gebote eine Protestkundgebung gegen den von den israelitischen Königen geübten Menschenhandel. Wie verhält es sich nun in Wirklichkeit mit der Herkunft dieser ägyptischen Juden? Die sehr imponierenden, reichen Judengenieinden, wie sie uns diese Inschriften in Assuan und Elephantine kennen lernen lassen, — und solche Gemeinden wird es in dieser Gegend noch mehrere gegeben haben — mit ihren zahlreichen jüdischen Geldverleihern, Häuserbesitzern und ihren großen, luxuriösen Tempeln, können in der Tat nicht bloß die Nachkommen der mit Jcremia einige Jahrzehnte vorher eingewanderten palästinensischen Emigranten sein. Diese Unmöglichkeit steigert sich noch, wenn man in der Bittschrift der elephantinischen Juden an den Persischen Statthalter die Nachricht liest, daß die Perser, als sie zuni ersten Male unter Camüyses nach Aegypten gekommen sind, schon den elephantinischen Judentempel' vorgefunden haben; ferner haben ja die jeremianischen Emigranten in den verschiedensten ägyptischen Städten — in Migdol, Daphne, Memphis — und in der Provinz Patros Juden vorgefünden (Jeremias 44, 1). Jesajas, Kap. 27, und Secharja, Kap. 12, erwähnen auch schon an- Rr. 18. gesessene Juden in Aegypten. Jesajas, Kap. 11, nennt sogar Juden in Patros und Kusch, gerade in der Gegend der nubisch-abbessynischen Grenze, in der auch Assuan und Elephantine liegen. Also schon 150—200 Jahre vor der Zerstörung Jerusalems finden wir Juden in Aegypten. Für die Frage aber, wieso diese Juden schon während des ersten jüdischen Reiches nach Aegypten gekommen sein ' mögen, haben wir viel zuverlässigere Quellen als Meyers holperige Beweisführung. Schon aus Herodot wissen wir, daß der ägyptische König Psametik, im siebten vorchristlichen Jahrhundert, viele syrische Söldnertruppen auf der Nilinsel Elephantine, — zwecks Bewachung Aegyptens gegen Aethiopien — als Kolonisten angesicdelt hatte. Eine vor wenigen Jahren im ägyptischen Tempel zu Abydos gefundene Wandinschrift bestätigt nicht nur diese Angabe Herodots, sondern nennt sogar zahlreiche semitische Heerführer, welche mit Psametik in den Krieg gegen Aethiopien zogen und die nachher zum Lohne dafür in Elephantine angesiedelt wurden. Der jüdisch-alexandrinische Schriftsteller Aristeas berichtet auf Grund alter Quellen, daß viele ägyptische Könige jüdische Soldaten mit Gewalt aus Palästina geschleppt und nach den südägyptischen Grenzwachen verschickt haben. Seschak, der König Aegyptens, hat schon zur Zeit Salomos — seinen inschriftlichen Berichten nach — zahlreiche jüdische Bewohner Südpalästinas in die ägyptische Gefangenschaft geführt. Das werden die Juden sein, welche mit der Zeit die großen Kolonien im Süden Aegyptens noch zur Zeit des ersten Tempels gegründet haben. Uiü> nun begreifen wir es auch, warum die jeremianischen Emigranten sich dazu angetrieben fühlten, in monatelangen Reisen durch die ganze Länge Aegyptens bis nach Nubien zu wandern. ^Diese hungernden palästinensischen Flüchtlinge, welche zu Jeremia: „Wir gehen vor Hunger zugrunde" sprachen, haben eben in ihrer Not die wohlsituierten jüdischen Kolonien in Oberägypten aufgesucht. Es verdient noch bemerkt zu werden, daß der jüdische Philosoph Philo aus Alexandrien noch im ersten christlichen Jahrhundert Judengemeinden an der Südgrenze Aegyptens kannte. Diese Juden standen also damals noch mit der Gesamtjudenheit in Verbindung. Wo sie nachher hingekommen sind, ist bisweilen nicht zu sagen. Am allernächsten liegt die Annahme, daß diese an der abessynischen Grenze wohnenden, der persischen Regierung in Treue ergebenen Juden nach dem Sturze der Perser in Aegypten über die Grenze nach Llbessynien geflohen seien. Dann aber hätten wir in den "heutigen Phalaschas ihre Nachkommen zu erblicken. So fällt ein ganz neuer Lichtstreifen auf die jüdische Geschichte, und wir erfahren jetzt etwas, was wir seit Jahrtausenden nicht wußten, daß nämlich auch die ägyptische Diaspora