Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 17 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ßeite 4. Frankfurter ZsraMWeS Famikittchlakt. Nr. 17. die einer der Redner an die misrachistische Werbearbeit legte. Anstatt das gemeinsame und eigenartige Moment, das alle Inden im Zionismus verbinden und zusammenführen müßte, zu betonen, lege der Misrachi den eigentlichen Nachdruck auf das Trennende zwischen Misrachi und Zionismus. Wie könne da Begeisterung für die zion. Sache bei den Fernstehenden geweckt werden?. Ploni. Slöln a. 9lü. Der 9. Z io n i stcnko ngreß wird im Dezember stattfinden. Jerusalem, 23 Apnl. Endlich hat sich auch hier eine misrachistische Ortsgruppe gebildet, die schon heute, nach kaum achttägiger Agitation, etwa 100 Mitglieder zählt. Der Wahrheit die Ehre zu geben, war es das Werk des Herrn Bezalel Zadikofs. Ein vorzüglicher Volksredredner, wußte er in seinen zwei Vorträgen, die er vergangnen Sonnabend und Sonntag darauf in großer Versammlung gehalten, das Volk derart für die gute Sache zu begeistern, daß sich nur selten einer der Aufforderung, sich dem Atisrachi anzuschließen, zu entziehen vermochte. Und diese Begeisterung bleibt eine bauernde. Die großen Erfolge des Tachkemoni zu Jaffa wird unsere Mitglieder nicht mehr erkalten lassen. H. Tunis lät'iifo). Der bekannte palästinensisch-' Agronom A a r o n s v h n hielt in der Schlnßsitzuna des hier stattgehabten Botanikerkongresses, dessen Vizepräsident er war, einen Vortrag über die zionistische Kolonisation Palästin a s. In einem geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung der Kolonisation Palästinas und die dort begangenen Fehler zeigte Herr Aaronsvhn, wie auch diese Fehler die nämlichen seien, die man auch iu Algerien und Tunis nicht zu vermeiden gewußt hätte. Weiter sprach Herr Aaronsohn über den Fortschritt der Kolonisation in den 'letzten Jahren, der einer besseren Kenntnis und Bewertung des Milieus und der wirtschaftlichen Methoden zu verdanken sei und lud am Schluß seines Vortrages die botanische Gesellschaft ein, eine ihrer nächsten außerordentlichen Sitzungen in Palästina abzuhalten. Der Generalrcs ident von Tunis dankte dem Redner und forderte die Gesellschaft auf, die Einladung des Herrn Aaronsohn anzunchmen, indem er gleichzeitig die Hoffnung ausdrückte, daß Algerien und Tunis auf dem botanischen Kongreß in Jerusalem zahlreich vertreten sein werden. 0 Femlleion. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Indessen eilte Tirza im Laufschritt den Schlotzberg hinunter, und auch dann ging» hastig weiter, denn der Wind hatte sich gedreht, sic hatte ihn abermals inr Rücken. „Ich bi» ein Glückskind," flüsterte sie vergnügt in sich hinein, „würde er noch wie heute Morgen blasen, so würde ich um eine halbe Stunde später. nach Hause kommen." So aber hatte sie weit rascher/als sie geglaubt hatte, ihr Heim erreicht. Es war aber trotzdem schon recht spät, denn die Zeit irar ihr im Schlosse wie im Fluge verronnen. Als sie Rabbi Jizchak im Wohnzimmer erblickte, schrie sie beinahe laut auf. „Du schon zu Hause, Vater! Du hast doch hoffentlich nicht auf 'mich geivartct?" „Und wenn ich's hätte?" entgegnete er lächelnd, „hast Du' vielleicht noch nie auf inich gewartet?" „Ach, das ist doch etwas ganz anderes. Aber ich habe Dir so viel zu erzählen, Väterchen, so viel —" „Ich bin zwar sehr neugierig auf Deine Mitteilungen, aber noch mehr bin ich hungrig.". Bald saßen sie am Tische mit der dampfenden Suppe vor sich. Aber trotz der vorgerückten Stunde und obgleich der Doktor sich hungrig erklärt hatte, und den Lössel in der Hand hielt, schien er dennoch nicht an's Essen zu denken, sondern starrte sinnend auf den vor ihni stehenden Teller nieder. Denn tatsächlich war er im höchsten Grade gespannt auf das Ergebnis der ersten Unterhaltung Tirzas mit ihrer Mutter und überlegte eben, ob er die Gräfin im Laufe des Tages aussuchea sollte. Doch vor allem inußte er hören, was. das junge Mädchen ihm zu berichten hatte, nur dürfte er sie nicht merken lassen, in welch' hohem Grade es ihn interessierte. Und es währte nicht lange, so hatte sie ihm nahezu wortgetreu ihre ganze Unterredung mit der Gräfin berichtet, nur deren Bemerkung, daß ihr Vater sie durch eine Stiefmutter überraschen könne, die hatte sic übergangen, nicht um die .Welt hätte sie dieses über die Lippen gebracht. „Also, lieber Vater, darf ich morgen wieder aufs Schloß gehen? die Frau Gräsin läßt Dich sehr bitten. Du möchtest cs erlauben." „Und Du? — gefällt Dir die Frau Gräfin?" ,F)b sie mir gefällt? — Sic war sehr lieb und freundlich gegen mich — ich glaube, ihre brummige Kaminerfrau hat sich sehr darüber geärgert, und sie hat mir so viel Schönes erzählt und so viel Jnteressmites. — Wen» sic nur nicht beständig meine Hand fest gehalten und gestreichelt hätte — und als ich fortgegangen bin, da hat sie inich sogar auf die Stirn geküßt — das kann ich von keinem andern leiden, das darfst nur Du. — Aber hingehen möchte ich doch wieder zu ihr, weil sie mir sehr leid tut." „Wenn Du willst, ich habe nichts dagegen. Du kannst morgen zur selben Zeit wie heute hinaufgehen, nur brauchst Du Deinen Besuch nicht ganz so lange ausdehnen." „Bis Mittag bin ich ivieder zu Hause. — Es war sehr unrecht von mir, daß ich mein Vätercheu habe warten lassen." „Hat nichts zu sagen, Kind, doch —" Er ward zu cinein Kranken gerufen, und rasch zog er seinen mit Pelz gefütterten Rock über und eilte hastig fort. * In den Vormittagsstunden des folgende» Tages begab sich Tirza wieder hinauf in das Schloß und ward wiederum mit liebevollster Zärtlichkeit empfangen, auch die Dienerschaft begegnete ihr mit größter Höflichkeit, sogar die Kammerfrau, denn das Judenmädchcn war bereits der anerkannte Liebling der Herrin. Doch als auf der Sonnenuhr an der Schloßhofmauer der Schatten die vollendete zwölfte Stunde anzeigte, da ließ sie sich nicht mehr halten, denn ihren Vater zum zlveiten Mal warten zu lassen, das hätte sie sich ninimer verzeihen können. Zn ihrer größten Genugtuung trat sie gleichzeitig mit ihm in das Haus, sic jubelte laut auf, daß ihr das gelungen war. „Jetzt können wir gleich essen, und dann mußt Du Dein Mittagsschläfchen halten; um das bist Du gestern gekommen durch meine Schuld, das werde ich mir sobald nicht verzeihen." „Machen wir einen Strich durch diese schwere Schuld," versetzte er lächelnd, „aber hast Du mir denn heute gar nichts zu erzählen?" ,,£> bocfy, id) habe Dir vieles zu erzählen, und zu zeigen habe ich Dir auch vieles. Du wirst staunen, Ivie die Frau Gräfin mich beschenkt hat! Und sie hat gesagt, sic hätte verschiedenes mit Dir, lieber Vater, zu besprechen." „Hat sic Dich aufgefordcrt, es mir mitzuteilen?" „Nein, das nicht. Sie hat aber gesagt, sie glaube. Du habest abends am besten Zeit, ihre Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, darum werde sie abends ihren Bedienten herschicken und Dich bitten lassen. Dich zu ihr bemühen zu wollen. Hoffentlich wird das Wetter nicht wieder so arg sein, wie vorgestern Abend." ' „Hoffentlich," wiederholte Rabbi Jizchak tonlos, um nur etwas zu sagen; aber in nahezu peinlicher Spannung sah er den ihm bevorstehenden Mitteilungen der Gräfin entgegen. Was würde sie von ihm wollen oder mit ihm besprechen wollen? — Tirzas Wunsch ging in Erfüllung. Es war ein wunderbar schöner Mcnd, fast so hell wie am Tage, denn der Vollmond leuchtete hoch am Himmel und blendend weißer Schnee bedeckte die Erde, als Rabbi Jizchak iu Begleitung des gräflichen Dieners sich zum Schloß hinauf begab. Er fragte den Bedienten, ob sich die Anfälle wiederholt hätten. „Den Heiligen sei Dank, die böse Atemnot habt Ihr durch Eure Medizin gebannt; aber die Gräfin hat seit Mittag unaufhörlich geschrieben, — denkt Euch, unaufhörlich hat sie geschrieben seit denr Mittag. Da ist es doch nicht zu verwtindern, daß die Hand sie schmerzt und der Kopf und alle Glieder. Das hält doch kein Mannsbild aus, um wie viel weniger eine so zarte Dame, wie unsere Gnädige. — Aber so sind die Herrschaften; erst können sie kein Maß halten und hernach muß der Doktor geholt werden, und der arme Dicnstbote muß hinaus in Nacht und in Nebel." Als sie im Schloß angelangt waren, begrüßte der Vertvalter den Rabbi noch freundlicher als bisher. §r half ihm, des schweren. Ueberrockes sich entledigen und bedeutete ihm dann, sich hinaus zu begeben in das Boudoir der Schloßherrin, wo dieselbe ihn erwartete. Rabbi Jizchak entsprach der Weisung, im Vorzimmer trat ihm die Kainmerfrau entgegen, die sich tief vor ihm verneigte und ihn zur Gräfin führte. „Seid willkommen, Doktor!" rief diese ihm entgegen, und ihre Stimme klang so hell und so frisch, wie er sie noch nie vernommen hatte. „Eure Medizin hat Wunder gewirkt, und darum hoffe ich auch, daß Ihr mich ganz gesund kurieren werdet. — Annemarie, ich wünsche, mit dem Dok-- tor allein zu sein!" Die Kammerfrau entfernte sich. Der Arzt hatte sich aus einen Wink der Schloßherrin, in ihrer Nähe niedergelassen. „Ich wünsche Euch Glück, Frau Gräfül, ich erlaube mir zwar nicht, meiner Mixtur das Verdienst zuzuschreiben, aber Euerem Aussehen nach, scheint ein ganz besonderes kräftiges Elixir, Wunder bei Euch gewirkt zu. haben." „Ich denke, Ihr wiffet so gut wie ich, oder vielleicht noch besser als ich, wer das Wunder bewirkt hat. Ach, .wie ist sie so lieblich und so schön, so unschuldsvoll und fo rein!. — wie habt Ihr sie so wunderbar erzogen, und wie ist sie so glücklich und wie hängt sie an Euch.. — Doktor, Doktor! — wenn ich nur wüßte, wie ich Euch danken könnte." „Wünschet Ihr in Wirklichkeit mir zu danke», so ivilt ich Euch sagen, wie Jhr's könnt." „Redet! — Wenn cs die Hälfte meines. Vermögens kosten sollte, Ihr könnt es als geschehen betrachten." „Es soll Euch gar nichts kosten, Ihr sollt nur alles so lassen, wie es ist. Ihr anerkennet doch, daß Euer Kind glücklich ist —" „Gewiß anerkenne ich das. Sie ist in den Verhältnissen, in denen sie lebt, so glücklich, daß ich zweifle, daß sie in andern Verhältnissen ebenso glücklich geworden wäre." „Wenn Ihr dieser Ansicht seid — und ich teile dieselbe nach jeder Richtung hin —, so lasset sie in den Verhältnissen, in denen sie rein und unschnldsvoll und glücklich ist, — rühret nicht daran, Ihr könntet sonst auch noch das Unglück.'Eures Kindes auf Euer Gewissen laden." Sie wechselte die Farbe. „Ich habe Euch schon bei unserer vorigen diesbezüglichen Unterredung erklärt, daß ich einzig und allein das Glück meines Kindes will, ihr Glück um jeden Preis, selbst um das ewige Heil meiner Seele." Ein leises Zucken ging bei diesen Worten durch ihre Glieder; der Arzt schüttelte mißbilligend den Kopf. „Daß Ihr nur das Glück Eures Kindes fördern wollet, das ist Eure' Pflicht; aber durch Erfüllung einer Pflicht stellt man mit Nichten das eigene Seelenheil in Frage. Im Gegenteil —" „Ach, das versteht Ihr nicht. — Ich habe so schwer gefehlt — ach, so schwer; — doch wenn ich mein Kind seinem Vater zuführe, dann wird mir derselbe die vollständige Absolution des heiligen Vaters erwirken, denn, ich sagte es Euch bereits, er ist die rechte Hand des heiligen Vaters. — Aber wenn ich feinen Willen nicht erfülle, — dann —" . Sie vollendete den Say nicht; schwere Seufzer hoben ihre Brust. „Ihr dürft Euch solch trüben-Borstellnngen nicht hingeben, Frau Gräsin. Es ist ja wahr, Ihr habt schwer gefehlt. — Aber Gott ist barmherzig; er erfüllte die Herzen fremder Menschen mit Liebe für das zarte, verlassene Wesen, eine edle Frau hat es gehegt und gepflegt, als wäre es ihr eigenes Kind, hat es erzogen zu allem Guten, altem Edlen, allem Reinen — und es ist gut und brav und glücklich geworden. — Und Ihr selbst habt mir erklärt, daß Ihr durch die Härte Eures Vaters nicht nur unglücklich geworden seid, sondern auch, daß Ihr durch Euer Unglück zu Falle —" „Nicht weiter!" stammelte die bleiche Frau, indem sie flehend ihre Hand zu dem Ärzte erhob, während sich eine Träne langsam über ihre Wange stahl — „ich verstehe Euch — ich weiß —" „Ihr wisset, welche entsetzliche, Möglichkeit ich andeuten will. — Und nun bedenket, wenn Ihr, in dem Wahne, das Heil Eurer Seele dadurch zu sichern, dem Verlangen Eurers Verführers entsprechen, das Glück Eures Kindes zerstören würdet — und wenn Ihr dann die Absolution, des heiligen Vaters erhalten hättet, — glaubt Ihr in Wirklichkeit, daß Euch der himmlische Vater dort oben verziehen hätte? — Ich sage Euch: , nein! — Und wenn der Papst in. Rom Euch hundertmal und tausendmal absolviert hätte. Euer-Gewissen, der Richter in Eurer eigenen Brust würde Euch nimmer absolvieren. — Und mit, Nichten. hättet Ihr Euer Seelenheil gesichert, denn Ihr hättet Eure Schuld in's Unermeßliche vergrößert." - . (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. „Jüdische Gemeindetzolitik" von Rechtsanwalt Dr. Max Köllen scher - Posen, Verlag Zionistisches Zentralbureau, Berlin- Charlottenburg, 32 Seiten, Kl. Oktav. Der Grundgcdankte des Schriftchens ist der, daß die Gemeinde in demokratischem Sinne konstituiert und verwaltet werden mutz. Die Repräsentanz sei daher, so fordert der Autor durch allgemeine, gleiche, geheime Wahlen zu berufen, der Etat auf Grund progressiver Einkommens- und Vermögenssteuer aufzustellen, ohne die Mitglieder dnrrb indirekte Steuern aus Ritualien zu belasten. Ebenso solle die Gemeinde die gesamte Wohltätigkeitspflege übernehmen, anstatt sie einzelnen Vereinen, zu überlassen, um die sozialen Aufgaben in großzügiger Weise erfüllen zu können und den Mitgliedern; das Selbstbestimmungsrecht zu wahren. Das V,erhältnis von Staat u ud R e l i - gionsgesellschaft denkt sich Kollenscher so, daß die Gemeinden und Verbände vom.Staate-das Recht der direkten Erhebung und zwangsweisen Beitreibung von Steuern, erhalten. Im Üebrigen wünscht er die Selbständigkeit der Gemeinden deni Staate gegenüber. Um in ausreichender Weise materiell für die Beamten- sowie für deren Witwen und Waisen sorgen zu können,, wird ferner die . Schaffung von Gemeindeverbänden, gefordert, damit besonders die leistungsschwachen Gemeindenin Stand gesetzt werden, ihre Gemeinbebeaiflten: aus-