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Neue jüdische Presse · 1909-05-07 · Heft 17 (7.5.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 17 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Bf Nr- 17. fgrsnlfuxfer IsraeÜtWü» FavrllienVlaL. Seite 3. Oieaktionsatmosph'äre der „liberale Schritt" ge. singen werde. „Rufs. -Korresp." Radomisel. Alle Verordnungen, die uns Juden in Rußland alles wegnehme», um einem Erwerbe mit Erfolg nachzugehen, werden täglich verstärkt, so daß wir alle keine Kräfte mehr besitzen, uns über W a s s e r z u h a l t e n. Fast täglich bringen.die Fuhrleute ganze La. düngen mit jungen Männern und Mädchen, die man in Kielo des Nachts wie die Hunde fängt (Oblawa genannt) und per Schub nach ihrer Heimat transportiert. In Berdiczeff taugen Wagen mit Commis an, die in K i e w längere Jahre angestellt waren, manche ernährten sogar ihre ganze Familie, und jetzt werden sie des Nachts aus den Betten genommen und sofort — ohne daß irgend eine Einrede Beachtung findet — weitergesendet. In Kiew gibts noch Wege, um das kümmerliche Leben durch anstrengende Arbeit zu fristen, aber was hilft es: die Verordnungen werden stündlich verschärft, und die blassen, mageren Gesichter der Nückgesendeten sagen, ohne sic zu fragen, ans, was mit ihnen geschah. Hier aber in den von Menschen angesüllten Städten ißt einer den Zlvciten, das Brot ist teuer, das Futter unerschwinglich, keine Arbeit, und alle sind hier verzweifelt und flehen den Allvater um Hilfe an, die aber leider immer ansbleibt. Die F e u e r b r ü nste sind häufig, denn die Leute haben keine Mittel, Assekuranzgcbühren zu zahlet: und zünden die Häuser selber an. Die Bauern haben ebenfalls keine Lebensmittel Der harte Winter hat sie niedergeschinettert, sie rissen das Stroh ihrer Dächer ein, um Futter für ihr hungerndes Bich zu haben; jetzt kampieren sie in den Wäldern und auf den Landstraßen, gut bewaffnet, halten Diligencen an, sagen die jetzt bekannten Worte: „Rnki Werch (Hände aufgehoben)", entledigen den armen Reisenden seiner Habe, tutb in den meisten Fällen erschießen sie den armen Teufel, damit er sie nicht verrät. — So ging cs der Diligence, der von dem Städtlein Bonsilow nach Kiew mit kranken Leuten, die zur Operation fuhren, vorige Woche ging. In der Nähe 'Kiews, im Walde, tauchten mit einem Male 8 gut bewaffnete junge Bauern auf und beraubten die Armen ihrer Habe. Einige Frauen fielen in Ohnmacht, schrieen, es kamen ein.ige Bauern mit Spaten und Riedeln gelaufen, die Räuber entflohen, und die 2 Frauen, die in Ohnmacht fielen, hauch ten ihre Seele aus. Ich könnte hier hunderte ähnliche Geschichtchen erzählen; sie sind aber von solch tragischer Natur, daß ein Wiedererzählen Ihrem Korrespondenten schwer fällt. — Die ,.Kinos" von Tischo b'Aw sind ein Nichts gegen unsere Leiben. I. I. Braun. Türkei. Konstantiuopel, 4. Mai. Gestern Nachmittag hat in Hasköi abermals eine große Feuersbrunst stattgesunden. Soweit bis jetzt zu übersehen, sind 150 Häuser niedergebrannt, lieber 500 arme jüdische Familien sind obdachlos. Die „Alliance Jsraelite Universelle" in Paris hat die nötigen Mittel angewiesen, um dem ersten Bedarf der Heimgesuchten zu begegnen. Saloniki. Am 30. April veranstalteten 35 jüd Handwerkersrganisationen anläßlich der Thronbesteigung des Sultans Mohammed V. einen großen Demonstrationszng. Ein Zug von über 10000 Personen durchzog in musterhafter Ordnung die Hauptstraßen der Stadt und wurde überall mit einem u n b e s ch r e i b lichenEnthusiasmus begrüßt. Der Zug hielt vor dem Lokal des Ottoinanischen Komitees und des Militärklubs, wo die Herren Jakob Cazös und Moise Cohen namens der jüdischen Be völkerung Ansprachen hielten. Mitgliede des ottomanischen Komitees und zwe Offiziere antworteten in begeisterten Wor ten, die häufig von frenetischem Beifall unterbrochen wurden. Der Zug löste sich schließlich, nachdem er die dein Quai parallel laufende Straße passiert hatte, auf der Place de la Liberts auf. Der glänzend verlaufene Demonstrationszug fiie det überall in Saloniki den größten Beifall; man bewundert vor allem die straffe Disziplin und die vorbildliche Ordnung dieses einzigartigen jüdischen Demonstrationszuges. . „N. I. K. Palästina. Jerusalem, 23. April. Der Svätregen hat dies mal lange auf sich warten lassen. Schon dachte man, daß er gänzlich ausbleiben würde, was eine bedeutende Teuerung zur Folge hatte. Die Preise der Lebensmittel gingen rapid in die Höhe. Da plötzlich öffneten sich die Schleusen des Himmels, und es ging ein Regen nieder, der mehrere Tage anhielt. Seit Menschengedenken. war es noch nicht der Fall, daß es Niederschläge in Erez Jisrael um diese Zeit gegeben hätte. Leider aber hatte der Segen, den der Ewige uns sandte, auch seine Kehrseite. Der Genick st arre, die bereits im Erlöschen begriffen war, bot das kalte Wetter, das mit dem Regen eingetreten, neue Nahrung. Nun haben wir wieder Sonnenschein, hoffentlich bringen ihre milden Strahlen „Heilung" nach des Propheten hl. Verheißung. H. Jerusalem. Während der Pesachtage weilten hier n. a.: Dr. Elias Auerbach -Berlin, Kantor Blitz als Vertreter der Baron Oppenheim- Stiftung in Dessau, S. E p st e i n als Vertreter des Odessaer Palästina-Komitees, Dr. Katze nellens o h n - Libau, G o t h - Moskau. — Dr. Auerb ach will sich in Haifa als Arzt niederlassen. Amerika. Rew-Nork. Eine Ausstellung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen seiner Mitglieder wird hier im Herbst der Verband jüdischer Farmer Amerikas veranstalten. — Die Ausstellung ist sehr zu begrüßen, weil sie so manchen Juden des Newyorker Ostends, der jetzt ein Opfer des Schwitzsystems ist, veranlassen wird, sich der landwirtschaftlichen Tätigkeit zuznwenden. Rew-Nork, 24. April. Jacob H. Schiff hat wieder eine generjöse Stiftung gemacht. Er hat nämlich 100 000 Dollars zur Errichtung zweier Schulen für die Ausbildung israelitischer Somitagsschnllehrcr gespendet. Eine dieser Schulen wird hier und die andere in Cincinnati, O., belegen sein. Personalien. Berlin. Das Stipendium der 1. Michael Beer'schen Stiftung im Betrage von 2250 J6. zu einer einjährigen Studienreise nach Italien, wurde dem 28jährigen Bildhauer Hans Arnheim zu erkanut. Hanau. Kommerzienrat Fritz Canthal erhielt den Noten Adlerorden 4. Klasse. Nürnberg. Geh. Kommerzienrat Ludwig von G e r n g r o tz feierte seinen 70. Geburtstag. Mülhausen i. Elf. An Stelle seines verstorbenen Vaters wurde Emil Lantz zum Präsidenten der BerwaltungskomMission der isr. Gewerbeschule gewählt. Köln a. Rh. Kaum 50 Jahre alt. verschied Amtsgerichtsrat Hugo Fleck, Vorstandsmitglied der jüd. Gemeinde. Wien. Dr. Friederich Leiter, Heraus geber der „Oesterr.-ungar. Konsularkorrespondenz", erhielt den Orden 3. Klasse. der Eisernen Krone ArrS den Vereinen. Berlin. Der auf eine 25 jährige Tätigkeit zurückblickende Verein Freunde der Taubstummen (I e d i d e I l m i m) hielt am 25. April seine zahlreich besuchte Generalversamlung ab. Direktor Reich erstattete den Bericht, dem zufolge gegenwärtig 46 Zöglinge in 8 anfsteigenden Abteilimgen und 5 gesonderten Klassen von dem Direktor, drei Lehrern, zwei Lehrerinnen und einer Erzieherin unterrichtet werden. Gailingen. Das Friedrtchsheim für israel. Sieche und arme Greise hatte im vergangenen Jahre 39 Insassen (15 Männer und 24 Frauen). Die Haushaltungskosten ergaben für Kopf und Tag 1,59 Mark gegen 1,44 Mark im Vorjahre, An Zuwendungen werden besonders erwähnt: Schenkung von Gebrüder Zimmern u. Co. Mannheim anläßlich ihres Geschäftsjnbiläums 500 Mark, Legat der Frau Karoline Dreyfuß geb f ivi-Karlsruhe 2000 Mark, Jahrzeit - Zimmer- und addischstiftung der Kinder des Ehepaares Hermann und Babette Herz-Rastatt 1500 Mark, Jahrzeitstistung des Herrn Simon Klein für seine verewigte Frau 1000 Mark etc. etc. Das Vermögen der Anstalt beträgt 196 481 Mark. Oberkirchetrbehörde gestellt worben» doch wurde em Gesuche nicht entsprochen. Detteldach (Bayern). Die israelitsische Kultuszemeinde hat ihre Religionsschule in eine Elementarschule um gewandelt. Mit Regierungsentschließung vom 22. April c. wurde diese Stelle dem bisherigen Lehrer A. Mannheimer übertragen, der am 2. Mai den vollen Unterricht begann. Es ist hocherfreulich, daß eine jüdische Gemeinde solchen Schritt unternimmt und weder pekumäre noch sonstige momentane Opfer fcheur, um ihre und des. Lehrers Zukunft in gleicher Art zu sichern. Möge das schöne Beispiel recht oft Nachahmung finden, ' namentlich bei mittleren und kleineren Gemeinden, die ihren Beamten kein Ruhegehalt gewähren. (l.) Zuin. Am 1. Mai dieses Jahres tritt. Lehrer S a l i n g e r, welcher seine ganze Amtszeit — 33 Jahre — an der hiesigen jüdischen Schule zubrachte, in den Ruhestand. Der Scheidende, rer seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt und dem Lehrerverein seit dessen Gründung als Vorstandsmitglied angehörte, erfreut sich in Lehrerkreisen und in der Stadt allgemeiner Sympathien. (ll) Gnesen. Die hiesige jüdische Schule, an der noch vor wenigen Jahren drei Lehrer wirkten, ist in der Schülerzahl so zurückgegangen, daß gegenwärtig nur ein Lehrer wirkt. Die Gemeinde hat die Wohnung des Oberlehrers an einen Privatnlann vermietet. Gegenwärtig besuchen etwa 40 Schüler die Schule. Budapest. In Tolcsva starb 80 jährig Rabbiner Jsak Glück und in Szaplonca 70» Ührig Rabbiner Josef Meir Weis, genannt „der „Szepinker Rebbe", beide Zierden des Judentums in ihrem hervorragenden jüdischen Wissen und in ihrer jüdischen Lebensbetätigung. Straßnitz (Mähren). Am 26. Avril wurde Rabbiner Dr. A. Fried mann zur letzten Ruhe gebettet. Im Trauerhause sprach Rabbiner S a m u Schleßinger-Aranyosmaroth, ein Schwiegersohn des Verstorbenen. Sodann wurde der Sarg in die schwarzdrapierte Synagoge getragen, wo Rabb. CH. S ch o r r - Bukarest, gleichfalls ein Schwiegersohn, und die Rabbiner Dr. Lazarns-Göding, Dr. Hoff- Bisenz und Dr. R e a ch - Gaya Nachrufe hielten. Als der Zug den Friedhof erreichte, wurde Schofar geblasen und die Zeremonie der siebenmaligen Hakofaus vollzogen. Auf dem Friedhofe sprach noch der Kultusvorsteher. Paris. Auf Antrag des Overtabbiners von Frankreich, hat das Zentralkonsistorium beschlossen, den Rabbinatskandidaten, welche ihre Abgangsprüfung bestanden aber noch keine Stelle angetreten haben, eine monatliche Vergütung von 150 Fr. zu gewähren. Dafür müssen sie sich aber dem Zentralkonsistorinm stets zur Verfügung halten und sind dessen Disziplinargewalt unterworfen. Bis jetzt hatten die stellenlosen Rabbinen sich durch Privatunterricht und dergl. zu helfen gesucht. Aus -er Lehrerwelt. Aschaffenburg. Zum Verweser des hiesigen Distriktsrabbinats wurde Dr. Raphael Breuer-Frankfurt a. M. gewählt. Effe». Der Verein israelit. Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens versendet seinen Jahresbericht pro 1908. Der Verein zählt 170 Mitglieder und 7 Ehrenmitglieder. Das Vermögen seiner Pensionskasse ist auf 156 300 Jk gestiegen; an Pensionen wurden rund 8000 JL gezahlt. Bon besonderem Interesse ist noch die Mitteilung, daß im verflossenen Bereinsjahr abermals vier private jüdische Volksschulen in öffentliche umgewandelt worden sind. Stuttgart. Die Nachricht, daß die Israe Oberkirchenbehörde es den Rabbiüern des Landes freigestellt habe, bei Feuerbestat tun gen auch im Krematorium selbst Leichenreden zu halten, entspricht nicht den Tatsachen, td war in diesem Sinne ein Gesuch an die Israel Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. In der hiesigen MiSrachi- Ortsgruppe sprach letzten Montag Abend Rabbiner Dr. Kahn-Eßlingen über das Thema: „Giebt es ein von der Thora losgelöstes Nationaljndentum?" Redner legte einleitend dar, daß unter Judentum „Thora, Talmud und alle Geisteswerke, die unter dem Einflüsse der Thora stehen" zu verstehen sei. In neuerer Zeit sei aber — so fuhr er fort — in vielen Kreisen eine Verwechselung zwischen den Begriffen Judentum und Judenheit eingetreten. Das habe zur Folge, daß Männer und Vereine, die für die Judenheit arbeiten — z. B. für die Gleich. Berechtigung der Juden im Militär —, nun glau- Bert, sie arbeiten auch für bas Judentum. Das sei nicht der Fall. Vereine, die unter Judentum nicht die Ausübung der Thora verstehen, dienen nur selten dem Judentum. An diesem Fehler, baß er die Religion bei Seite lasse, leide auch der Zionismus. — Nunmehr zum eigentlichen Thema übergehend, definiert Redner den Begriff Nation: „Menschen, welche dieselbe Sprache sprechen." Da aber die Juden keine gemeinsame Sprache mehr haben und da die Abstammung allein nicht genügt — denn jedes Volk hat sich vermischt —, so würden die Juden nur durch ihre Religion, durch die Thora, zu einem Volke, denn diese erzeugt gemeinsame Lebensführung bei allen Juden. Die Nationalität sei demnach ein Teil der jüdischen Religion. Und die Religion allein sei es, die dem Zionismus alles geschaffen: sowohl das jüd. Seldflbewußtsein, als auch die jüd. Kunst. Ohne die Religion könne der Zionismus auch deshalb nicht bestehen, weil sich der Jude ohne Religion assimilieren müsse. Da helfe auch sein eigenes Land nicht; Beweis: das alte Reich Israel und die Sadduzäer. Diese Anschauungen im Zionismus zur Geltung zu bringen, das sei die Aufgabe des Misrachi. Dem Vortrage schloß sich eine interessante Debatte an. Es sprachen Prof. A. Wehl, der Borride, Dr. I. Fenchtwanger, M. Plant rc. sei aus der Diskussion die Kritik hier erwähnt.

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