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Neue jüdische Presse · 1909-04-30 · Heft 16 (30.4.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 16 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Eeite 4 Kvankfurter FsraelitiDeS FcmnlienöückL. Nr. 16. von ihrem Vater überbrachtc, — und sic wußte doch schwerlich, was Tirza ihr berichtet hatte, denn sie hatte nur auf den Ton ihrer Stimme gehört, ^auf den lieblichen, silberhellen Klang. — * Die Kammerfrau jedoch, die nicht gewahrte, daß ihre Herrin die Hand des jungen Mädchens umklammert hielt, ward ungeduldig über die vermeintliche Zudringlichkeit. >,Was stehst Du denn noch immer da?" fragte sie grollend. „Die gnädige Gräfin weiß bereits, wie die Medizin zu nehmen ist." Tirza fuhr zusammen, als hätte eine Viper sie gestochen. „Schweiget!" flüsterte sie zürnend, „mit Euch habe ich nichts zu schaffen — wie kann ich fort, wenn die Frau Gräfin meine Hand hält! — SBitie, lasset meine Hand los" wandte sie in fleheii»W^Ton an die Schloßherrin, „ich belästige nicht gernM Um die Inngespaltenen Lippen der Kranken aber zuckte ein Aückliches Lächeln, die Empörung des jungen Mädchens machte ihr dieses noch teurer; daß es sich, obgleich von Juden erzogen, dennoch keine Beleidigung gefallen ließ, darin erkannte sie das stolze Blut ihrer Rasse. Und dieses kurze Wortgeplänkel hatte ihr geholfen, ihre Fassung wieder zu erringen. „Aergere Dich nicht, liebes Kind," sagte sie, die Hand des jungen Mädchens, statt dieselbe frei zu geben, leise streichelnd, „die Annemarie hat es nicht so böse gemeint, sie .hat nur geglaubt, für meine Ruhe sorgen zu müssen; aber sie wird Dich um Entschuldigung bitten." Die Kammerfrau wechselte die Farbe; sie sollte das Judenmädchen um Entschuldigung bitten? — Das fehlt noch! — Doch ein ernster Blick ihrer Herrin ließ sie erkennen, daß es nicht klug sein mochte, sich mit dem Schützling derselben zu verfeinden. „Ich bitte die Jungfer nm Entschuldigung", sagte sie demütig, „ich habe nicht gewußt, daß die gnädige Gräfin —" „Und wenn Jhr's nicht gewußt habt, Ihr hattet dennoch kein Recht, mich zu beleidigen!" entgegnete Tirza noch immer erregt. Die Gräfin nickte ihr verständnisinnig zu. „Recht hast Du Kind, lasse Dir nichts gefallen." „Wer gestattet, Frau Gräfin, daß ich mich jetzt entferne, ich muß heim." Doch die Gräfin ließ sie nicht. „Nicht Kind, nicht. Du willst mich arme Kranke doch nicht istrafen für die Ungezogenheit meiner Kammerfrau?" „Wer ich bitte sehr, — ich muß nach Hause — mein Vater —" „Dein Vater hat mir versprochen, daß er mir die Medizin heute durch Dich zusenden wird und hat mir erlaubt. Dich ein Weilchen hier zu «behalten Und mit Dir zu plaudern. Hat er Dir michts davon gesagt?" „Nein, er hat vermutlich daran vergessen, es sind jetzt so viele Menschen krank." „Das ist richtig, Du mußt dich in Acht nehmen. Komm', lege Mantel und Kapuze ab, hier im Zimmer ist es warm, und wenn Du dann hinaus in die Kälte kommst, könntest Du Dich verkühlen. Annemarie, hilf der Kleinen!" „Nein, bitte, nein", wehrte Tirza die Hilfe der Kammerfrau ab, „ich kann es schon allein!" Und rasch entledigte sie sich der schweren Ueberkleider um> stand nun in ihrem schmucken Feiertagskleide, das sich in weichen Falten um ihre schlanke Figur schmiegte, vor der Gräfin, deren Blicke mit unverhohlener Bewunderung das liebreizende Mädchen umfingen; doch war sie einsichtsvoll genug, keine diesbezügliche Bemerkung zu äußern. Nur die langen dicken Zöpfen nahm sie in die Hand und fragte, ob sie nicht zu schwer wären, was Tirza lachend verneinte; die alte Riwkah hätte wohl einmal behauptet, sie müsse die Zöpfe kürzen, sie wären zu schwer und zögen den Kopf hintenüber, aber ihr Vater habe erklärt, das schade nichts und habe der Mten verboten, das Haar mit der Scheerc zu berühre». So plauderte das junge Mädchen frisch drauf los. ohne sich durch die Noblesse der hoch aristokratischen Dame irgendwie befangen zu fühlen. Sie hatte sich dicht neben das Ruhebett setzen müssen, die Gräfin hatte wieder ihre Hand genommen, die sie hin und wieder leise streüAlte und hatte durch ihre gewandten Fragen dem harmlosen Kinde nicht nur sehr bald ihre Lebensgeschichte entlockt, sondern auch eine Beschreibung all ihrer Gepflogenheiten und ihrer Umgebung. Und dann hatte sie der mit lebhaftem Interesse ihren Worten Lauschenden von ihren Reisen in fernen Ländern erzählt, wo die Orangen blühen und Myrthenwälder duften, wo es weder Eis noch Schnee gibt und überhaupt keinen Winter; ob Tirza nicht dorthin möchte in das schöne, herrliche, sonnige Land? — Das junge Mädchen hatte überlegend das liebliche Köpfchen gewiegt. Sehen möchte sie das schöne Land wohl einmal; aber immer dort weilen, nein, das möchte sie nicht. Sie möchte den Winter nicht missen, sie meinte, ohne den Winter könnte man sich des Frühlings und des Sommers gar nicht so recht freuen. „Darin hast Du vielleicht nicht so ganz unrecht", versetzte die Gräfin, „aber Du könntest auf einige Zett mit mir dorthin reisen, möchtest Du?" Das junge Mädchen wechselte die Farbe, schüttelte jedoch verneinend den Kopf. „Es geht nicht, Frau Gräfin." „Weshalb sollte cs nicht gehen? Du meinst weil Du nicht bei mir essen könntest? — das ließe sich schon einrichten, darüber würde ich mit Deinem Vater sprechen. Also —" Aber Tirza schüttelte abermals den Kopf. „Es geht dennoch nicht, Frau Gräfin, nicht nur nicht wegen des Essens, sondern auch deshalb nicht, weil ich den Vater nicht allein lassen kann." „Aber Kind, was sprichst Du für einen Unsinn! Dein Vater wäre doch nicht allein, wenn Du niit mir auf einige Zeit verreisen würdest. Du hast mir doch von eurer Riwkah erzählt und von cinew alten Schmul!" „Nun ja freilich", versetzte das junge Mädchen lachend, „die wären wohl beim Vater, — aber die sind doch nicht des Vaters Kinder." „Das sind sic freilich nicht. — Aber Du wirst ja doch nicht immer bei Deinem Vater bleiben; Du bist ja sehr bald erwachsen und wirst heiraten." „Ich werde nie heiraten", erklärte Tirza mit Bestimmtheit. „Was sprichst Du für einen Unsinn! Warum glaubst Du, daß Du nie heiraten wirst? Ueber kurz oder lang wirst Du einen schönen jungen Mann finden, der Dir sehr gefallen wird, er wird sich in Dich verlieben und wird bei Deinem Vater um Deine Hand anhalten, und dann werdet Ihr heiraten." „Nie", wiederholte Tirza, „nie werde ich heiraten, ich werde immer bei dem Vater bleiben! — Der Vater braucht mich", fügte sic mit Selbstbewusstsein hinzu, „der Vater hat viel lieber, daß ich die Medizinen koche und filtriere, als die Riwkah oder der Schmul, und die Pulver zerreiben und zerteilen, das verstehen sie gar nicht. Und wenn der Vater oft müde und matt nach Hause kommt, dann weiß ich viel besser, was ihm gut tun wird, als die Alten. Nein, ich bleibe immer bei dem Vater." Jetzt war es an der Gräfin, mißbilligend den Kopf zu schütteln. „Du solltest Dir das nicht so fest in Dein Köpfchen setzen. Wer kann denn wissen. Dein Vater scheint noch gar nicht alt zu sein, wenn vielleicht auch etwas älter, als er aussieht, aber um sich wieder zu verheiraten ist er durchaus nicht zu alt. Wer weiß, vielleicht überrascht er Dich demnächst mit einer Stiefmutter" Sie bereute diese Worte sofort, nachdem sie sie gesprochen hatte; geisterhafte Blässe hatte das Antlitz des jungen Mädchens überzogen, ihre bleichen Lippen bebten: „Nein", stammelte sie, „nein — daran denkt mein Vater nicht, — sonst würde er nicht immer sagen, daß ich sein Eins und sein Alles bin." „Du hast recht, liebes Kind, beruhige Dich, ich glaube auch nicht» daß Dein Vater daran denkt. Dir eine 'Sttefmutter zu geben — nein gewiß — ich bin geradezu überzeugt, daß er das nie tun wird. Aber was hast Du, Kind? warum entziehst Du mir Dein liebes Händchen?" „Es wird Zeit, daß ich heim komme; sonst könnte am Ende der Vater nach Hause kommen, und ich wäre noch nicht da." „Und das wäre gar so schrecklich!" sagte die Gräfin lächelnd, „nun, wenn Du glaubst, daß Du nach Hause mußt, so will ich Dich nicht länger zurückhalten. Nur versprich mir, daß Du mich recht bald wieder besuchen wirst. Denn siehe, ich bin doch ganz allein, und bin krank, — meine Söhne sind beim Regiment, — da mußt Du Mileid mit mir haben und mich fleißig durch Deinen lieben Besuch erfreuen. — Willst Du?" „Wenn mein Besuch Euch erfreut, Frau Gräfin, und wenn mein Vater cs erlaubt, werde ich gern recht bald wieder konnnen." „Wirklich, Kind? — Du wirst gern wieder kommen?" „Sehr gern", versicherte Tirza. „Ihr seid doch so freundlich zu mir. Aber —", fuhr sie «etwas leiser und mit einem Blick auf das Vorzimmer, fort, wohin sich die Kammerfrau zurückgezogen hatte, „wenn die freche, böse Frau wieder —" „Sei unbesorgt, Kind, sie wird sich nichts wieder gegen Dich erlauben. — Und nun grüße mir Deinen Vater recht herzlichst, ich lasse ihm vielmals danken für Deinen lieben Besuch und lasse ihn bitten, Dir zu erlauben, mich morgen wieder zu besuchen." - „Besten Dank, Frau Gräfin. Und wenn der Vater es erlaubt, komme ich morgen wieder." Damit neigte sie sich und zog die Hand der Freundlichen an ihre Lippen. Dann aber eilte sie raschen Schrittes davon, ohne der im Vorzimmer Weilenden einen Gruß oder auch nur einen Blick zu gönnen. Die Kammerfrau schüttelte drohend die geballte Faust hinter ihr drein. „Verfluchtes Judenpack! elendes Geschmeis! — Wenn das mit rechten Dingen zugeht, dann will ich auch nicht Annemarie heißen. — Da steckt der Gottseibeiuns dahinter, das wird die Welt noch schauen." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. ■ Gegen. Gicht and Bhenmatismns bewährt. 91k. 1.25. Wohack MffcÄZS. Inhaber: M. WallaiZ. Perlen, Juwelen, Goldwaren. - ■ Auf Wunsch Answahlsendungen. _ — Wocheu-rrateuver. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 1. Mai (= 10. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 10 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfutt a. M. 8 Uhr 35 Min. in Berlin 8 Uhr 20 Min. Wochenabschnitte: Acharci-maus und Ked a u s ch i m. — Die Opferhandlungen des Hohenpriesters ain Jaum-Kippur. Er hatte für sich, für die amtierenden Priester, endlich für ganz Israel Sühnopfer zu bringen und Sündenbekenntnis zu sprechen. Einer der Sühnböcke sollte in die Wüste geschickt werden. Räucherwerk ist darzubringen. Kein Opfer ist außerhalb der Stistshütte darzubringen. Verbot des Blutgenusses, denn „das Blut ist das Leben", und ihr „sollt nicht das Leben mit dem Fleische verzehren." — Das Blut geschlachteter! Wildes und Geflügels ist mit Erde zu bedecken. — Verwarnungen, die Gräueltaten und Unsitten der heidnischen Ureinwohner nicht nachzuahmen. „Sonst wird auch euch das Land ausspeien." Es sind die für eheliche Verbindungen streng verbotene» Verwandtschaftsgrade aufgcführt. („Erwaus.") — Der Wochenabschnitt Kcdauschim ist einer der inhaltrcichsten im ganzen Pentateuch. Viele grundlegende Gebote lehrt er uns. Gebot der Sabbatheiligung, Verbot des Götzendienstes, Vorschriften für den Genuß der Opfer, Armenabgaben in Feld und Weinberg, Verbot des Diebstahls, des" Fluchens, der Verleumdung, der Rache, das Gebot der reinen Menschenliebe, („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst") das Verbot der Mischgattungen in Feld und Weinberg, bei Gewandstofsen und Tierarten; Gebot der Enthaltung vom Genüsse der Baumfrüchte während der ersten drei Jahre nach der Anpflanzung; Fremdlinge zu lieben, richtiges Maß und Gewicht zu haben re. — Man liest den 3. Perek. Offenbacber Druckluft »Anlage Telefon 123. Offenbach a. H. Telefon 123. Unflbertroffenebewährteste TepplchrfllnlBung. Bunte Chronik. Ä^r dänische Bischof D. G. Monrad über die Inden. Der dänische Bischof D. G. Monrad schreibt ist seiner Schrift „Gegenrede des Liberalismus auf Hof Martensens soziale Ethik": „Martensen macht darauf aufmerksam, baß die tJuden ihre Nationalität als eine königliche betrachten, zu der alle anderen Nationalitäten in einer Art Basallenverhältnis zu stehen hätten. Ich pflichte dieser jüdischen Anschauung bei, obgleich ich sie zum Teil auf andere Gründe stütze als die Juden. Das jüdische Volk ist nicht allein merkwürdig, es ist ganz und gar einzig dastehend. Die Juden ®ad in unserer Mitte und legen, nicht durch ihr ekenntnis, wohl aber durch ihr Dasein Zeugnis von der Wahrheit der Offenbarung ab. Man hat mir gesagt, daß Judenblut stärker sei als jedes andere Blut, daß in Mischehen der jüdische Volkstypus weit kräftiger durchschlage als jeder andere Volkstypus. Wenn man die geringe Zahl der Juden bedenkt und dann erwägt, wie viele sich zu Einfluß und Bedeutung in der Gesellschaft emporringen, so kann man nicht umhin, die Ueberlegenheit der jüdischen Nationalität anzuerkennen. Denkt nur, wenn Dänemark zu gründe ginge, wenn die Dänen als Sklaven verkauft und in der ganzen

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