Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 16 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Frank? urier IsraeÜtWer KamÜienblaLt. Krite 8. moralische und physische Kreuzigung und Pogromierung der Juden von sehr, der internationale politische und gesellschaftliche Antisemitismus sind kein bloßer Zufall, vielmehr sind sie im Ariertmn und in dem von den heidnischen Weltanschauungen infiziert gewordenen Christentum begründet. Die muselmanische Welt dagegen hat uns stets eine gute Behandlung angedeihen lassen und in der Zeit der Not bcigestanden. _ Und drittens und letztens, kommt noch hinzu, daß unsere Heimat in der Türkei liegt und deshalb auch dort die Zukunft des jüdischen Volkes! Grund genug für unsere Freude an dem errungenen Sieg! 6—u. Aus den Geschehnissen des Tages. In dem Jahresbericht des Frauenvereines einer norddeutschen jüdischen Großgemeinde finden Ivir folgende Stelle: - „Leiber sind in.die Verhältnisse derartige, daß unsere hiesigen Bedürftigen sehr leiden müssen unter dem enormen Zudrang von Ausländern; wie unser Vereinsarzt feststelltc, ereignet sich hier fast stets der Fall, daß die galizischen Männer lungenkrank sind, während ihre Frauen hochgradig blutarm und hysterisch sind; die Kinder tragen den Keim der Krankheit in sich. Diese Familien leben in engen Räumen zusammengepfercht, vermeiden die Oesfnung der Fenster und stapeln alte Kleidungsstücke in denselben Räumen auf, in denen sie schlafen und wohnen, so daß die gefährlichen Krankheitserreger, die sich hierdurch entwickeln» viel Unheil anrichten. Kommt es dann zum Schlimmsten, dann muß der Verein helfen mit Nahrungsmitteln, Eeldunterstntzungcn re., auch an dir Vorstandsdamen traten größere Anforderungen heran, die sie gern erfüllten, doch sollte es vermieden werden, solche Elemente »ach.herznziehen. Von diesem Gesichtspunkt aus kann man die neue polizeiliche Maßregel, keinem Ausländer (wobei ja hauptsächlich die Galizier in Betracht kommen) einen Hausierschein mehr zu geben, nicht als schädlich ansehen, wenngleich natürlich im Augenblick die Betroffenen sehr zu bedauern sind und wiederum die einzelnen Wohltätigkeitsvereine, so namentlich der Frauenverein, in Anspruch genommen werden. Wenigstens aber wird für die Zukunft der Zuzug aus Galizien eingeschränkt werden und das wäre im Interesse der ansässigen und meist bescheidenen und ordentlichen Notleidenden nicht zu bedauern." Braucht es mehr als die vorstehenden Aeußerungen, um die traurige Tatsache festzustellcn, daß man in vielen deutschen jüdischen Gemeinden bereits nicht mehr auf der letzten Stufe jüdischer Lebensanschauungen steht; denn das letzte, was jene Juden, denen Gesetz und Sitten der Väter unverbindlich geworden sind, noch mit der Tradition der Väter verbindet, ist das warme, mitleidsvolle jüdische Herz. Die Tugend der Menschenliebe war stets der Stolz der gesamten Judenheit. Solange man noch alles Hab und Gut als von Gott gegeben in Israel ansah, war der Arme ein mit Freude begrüßter Gast am häuslichen Tisch, war das jederzeitige Geben eine Selbstverständlichkeit, icher die man nicht nachdachte. Und als ganz Israel noch die Ueberzeugung in sich trug, daß der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, sah man in jedem Menschen den Menschenbruder. Doch heute trennt man sogar seine engeren Brüder, die Juden, nach Landesteilen und sieht in den Juden anderer Länder Glieder fremder Völker; — ganz abgesehen davon, daß das Vertrauen zu Gott und das Bewußtsein von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen aus vielen jüdischen Kreisen geschwunden ist. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der neben anderen die Expedition des Dr. Faitlowitsch zu den Falaschas, dem versprengten jüdischen Stamm in Abessynien, materiell unterstützt hat, erhält von Oberrabbiner Dr. M arg ul ies-Florenz, dem Präsidenten des Pro-Falascha-Komitees, folgende Mitteilungen: Der italienische Minister des Auswärtigen, Herr Tittoni, hat in einem an Herrn Dr. Margulies gerichteten Briefe offiziell bestätigt, daß Herr Dr. Faitlowitsch bei dem Kaiser von Abbessynien einen sehr guten Empfang gefunden hat und daß die von Herrn Dr. Faitlowitsch in der ihm gewährten Audienz zum Ausdruck gebrachten Ideen zugunsten der Falaschas von dem Negus günstig ausgenommen wurden. Ueber die von Herrn Faitlowitsch ' ihm überreichten Schriften in amharischer Sprache, die Resultate seiner Forschungsreisen in Messynien, war der Monarch sehr erfreut. Es sei dazu bemerkt, daß Herr Dr. Faitlowitsch an den Negus eine längere Ansprache gehalten hat, in der er ihn über seine Reisen zu den Falaschas und die Aktion der europäischen Juden zugunsten ihrer Glaubensbrüder näher unterrichtete. Herr Dr. Faitlowitsch brachte unter anderem auch einige Mißstände zur Kenntnis des Negus, unter denen die Falaschas besonders schwer zu leiden haben. Sie seien unbegründeten Beschuldigungen und gefährlichen Verfolgungen seitens der abergläubischen fanatischen Bevölkerung ansgcsetzt; die Handwerker unter ihnen würden gewaltsam zum Bau von Häusern und Kirchen in der Hauptstadt aus ihrer Heimat entführt und die ohne 'Schutz und Hilfe zurückbleibcndcn Frauen und Kinder verfielen dadurch oft dem Untergang; die Entführten müßten nicht nur zwangsweise arbeiten, sondern ivürdcn dabei auch ziem Beuche religiöser Vorschriften, der Sabbatrnhe, gezwungen. Der Negus versprach Herrn Dr. Faitlowitsch, für Abstellung der Mißbräuche zu sorgen. Herr Faitlowitsch fand, wie Herr Dr. Margulies besonders hervorhcbt, wührknd seiner ganzen Reise Schutz und Unterstützung seitens der italienischen Legierung, die den Bestrebungen des Pro- Falascha-Komitees in jeder Weise wohlwollendes Entgegenkommen zuteil werden ließ. Wie von seiner ersten Reise, hat Herr Dr. Faitlowitsch wieder mehrere junge Falaschas mitgebracht, die in Palästina, dem auch den Falaschas heiligen Lande, eine 'Ausbildung teils als Lehrer, teils als Kolonisten empfangen sollen, die sie in den Stand setzt, die Verbindung zwischen dem europäischen und abesshnischen Judentum herzustcllen und speziell auf dem Gebiete des Schulwesens wie der Landwirtschaft als Berniittler zwischen der ganz primitiven heimischen und europäischen Kultur zu dienen. Ans diesem Wege werden die Falaschas — die die europäischen MissicnZgesellschaftcn in ausgedehntem Maße ihrem Glauben zu entfremden suchen — in ihrer religiösen Position gefestigt, und mit der Erweiterung ihres Gesichtskreises und ihrer Kenntnisse wird sich zugleich ihre wirtschaftliche Lage heben, sowie ihre Stellung im Laude wesentlich gestärkt werden. Der Hilfsvercin der Deutschen Juden wird cs voraussichtlich übernehmen, den jungen Falaschas, die Herrn Dr. Faitlowitsch begleiten, eine Ausbildung zu geben, die sie zur Erfüllung der ihnen zugcdachten kulturellen Mission in ihrer abesshnischen Heimat befähigt. Berlin. Die Repräsentantenversammlung genehmigte den Gemeindeetat. Den Einnahmen in Höhe von 2 672113 M. stehen Ausgaben im Betrage von 2 421017 M. gegenüber. Der Wert der Liegenschaften der Gemeinde wird auf 8 932 820 M. berechnet, wobei weder das neue Krankenhaus mit 1008 463 M., noch die neue Synagoge in der Fasanenstraße mit 637 869 M. berücksichtigt sind. Die Zahl der Zensiten ist von 29 279 auf 37 417 gestiegen, die Steuereinnahme beträgt 227 859 M. Stettin. Eine antisemitische Affäre im hiesigen Vaterländischen Frauen verein bildet hier das Stadtgespräch. An den Bestrebungen des Vaterländischen Frauenvereins beteiligte sich in hervorragender Weise Frau Rabbiner D r. Vogel st ein, die als Vorstandsmitglied dem Verein sehr gute Dienste leistete. Vor einiger Zeit trat nun die ebenfalls dem Vorstand «»gehörige Frau Eisenbahndirektion spräsident Dr. Sombach mit dem Ersuchen an die genannte Dame heran, aus dem Vorstande auszutreten, unter der Motivierung, daß Frau Dr. Vogelstein anderweitig auch sehr in Anspruch genommen sei. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl hat Frau Dr. Vogelstein richtig verstanden. Sie trat aus dem Verein aus, mit ihr aber auch fast sämtliche jüdische Damen, die dem Verein angehörten. Mülhausen i. 8ls." Aus den Verhandlungen gegen Rittmeister Graf v. Gersdorsf, welche den tragischen Selbstmord des jüdischen Einjährigen Bloch zum Gegenstmrd hatten und mit der Verurteilung des Angeklagten zu zwei Tagen Stubenarre st endigten, verdient folgender Passus aus der Rede des Anklage-Vertreters besonders vermerkt zu werden: „ . . . Doch wir brauchen es uns nicht zu verhehlen, daß nach unserer allgemeinen deutschen Auffassung die jüdische Abstammung noch nie ein Vorzug gewesen ist." Wenn sich der Vertreter der Anklage eine derartige Aeußerung erlaubt, dann kann man wahrlich aus die Anschauungen, die den Juden gegenüber im preußischen Offizierskorps herrschen, seine Schlüsse ziehen. ch Colmar i. Elf. In dem etwa zwei Stunden entfernten Dorfe Riedweier wohnten bis vor einigen Jahren mehrere jüdische Familien, welche eine kleine Gemeinde bildeten. Sie hatten eine Synagoge und einen Friedhof. Da nun sämtliche Mitglieder der Gemeinde nach und nach wegzogen, wurde die Synagoge verkauft und der Friedhof der Aufsicht des Feldhüters anvertraut, welcher dafür eine gewisse Vergütung erhält. Schon vergangenes Jahr drangen einige rohe Buben in den Friedhof ein und beschädigten mehrere Grabsteine. Kürzlich steckten sie sogar den übenden Zaun, der den Friedhof umgibt, in Brand, so daß die Hecke vollständig abstcrben wird. Anz ige bei der S.aa'scnwaltschaft ist erstattet. Königsberg. Hier findet gegenwärtig eine Ausstellung palä st inen fisch er Spitzen statt» welche Spitzen arabischen Ursprungs sind und heute den palästinensischen jüdischen Fra uenz um Broterwerb dienen. Die spitzen, die teils an die früher viel gefertigten „Frivolitäten", teils an ganz feine Häkelarbeiten erinnern, werden nur mit Radel und Faden hergestcllt. Ihre Verwendungsmöglichkeit ist unendlich groß: sie sind zu Klcidergarnituren äußerst geeignet, trenn sie — in Seide oder auch in Zwirn ycrgestellt, zu größeren oder kleineren Kragen verarbeitet sind. Sehr schön sind auch die verschiedenen ausgestellien Decken, Läufer, Einsätze n. dergl., die zu Leib- und Tischwäsche emen passenden Schmuck bilden. Betreffs Arrangements ähnlicher Ausstellungen in anderen Städten ist Herr Dr. Trietsch (Groß- Lichterfelde-West bei Berlin) gern bereit, Auskünfte zu erteilen. Großbritannien. London. Nach einer jüngst herausgegebenen Statistik wird die Zahl der Inden in Südafrika mit 50 000 angcnoinnien; davon leben 15 000 in Johannesburg, 8000 in Kapstadt, 1200 in Prätoria, 1000 in Bloemfontei» und 1200 in Durban. Die Juden Südafrikas sind meist Hausierer, Kteinkaufleute und Handwerker, doch findet auch seit einigen Jahren Landbau und Viehzucht unter ihueil Eingang. Frankreich. Paris. In Kirmanschah in Persien ist das Judenviert'el aus geraubt worden. Den Vorwand bot die Ausstreuung, daß ein „Seyed", d. i. ein von Ali abstainmendcr Priester, im Dienst eines Juden stehend, von diesem mißhandelt und zu Tode gekommen sei. Es war kein Wort davon wahr, aber es reichte aus, eine regelrechte und vollständige Ausplünderung des Judenviertels herbeiznführcn. Die 5loilsn!ii, an der Spitze der englische Konsul, haben die Abberufung des Gouverneurs verlangt, der nichts getan hatte, um die Plünderung hintaiizuhalteii. Der englische Konsul besteht auch unbedingt auf Entschädigung der Beraubten. Die Alliance Jsraelite Universelle, von den Unglücklichen um Hilfe angegangen, hat sofort telegraphisch 6000 Frl für die erste Hilfeleistung nach Kirmanschah überwiese». Rußland. Petersburg. Kaiser Nikolaus hat dem Verband der e ch t r uss i s ch e n Leute aus Anlaß des Ostersestes 100 000 Rubel gespendet. — In Finnland wird das Schächtverbot mit voller Strenge durchgeführt. Alle dagegen unternommenen Schritte sind erfolglos geblieben. Kiew. Der hiesige Gouverneur erhielt vom Polizeidepartemcnt in einem Zirkular den strikten Befehl, alle in Kiew ansässigen Inden, die kein Ansenthaltsrecht besitzen, unbedingt auszuweisen. Ans Geheiß des Gouverneurs ist die Polizei mit der strengen Durchführung dieser Maßregel beauftragt worden. Den Polizeibeamte» wurde mitgeteilt, daß sie ans ihren Stellungen entlassen würden, falls hier noch Juden gefunden werden sollten, die kein Wohnrecht in Kiew haben. 0 Jenifefon. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Was in diesem Augenblick in dem Herzen der stolzen, dereinst so leichtsinnigen Frau vorging, das beschreibt keine Feder. Wonnetrunken haftete ihr Auge an dem lieblichen Kinde, an ihrem Kinde! — O, daß sie es vor aller Welt ihr.Eigen hätte nennen können! — Aber auch so, wie war sie so glücklich in diesem Moment! — so über alle Maßen glücklich! — Mit ihren beiden Händen hatte sie Tirzas Hand umfaßt, und hielt sie, als ob sie sie nie wieder freigeben wolle, und in höchster Spannung schien sie den Worten des jungen Mädchens zu lauschen, der Mitteilung, die sie ihr