Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 16 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. | Wenn man sie richtig beobachtet, diese Be- «mten der Philanthropie, so machen sie meistens £-'• den Eindruck, als ob sie vergessen hätten, daß L sie für die Philanthropie da sein sollten — und nicht umgekehrt. g . Sie sind gegen das Elend abgestumpft. Sie ’f - verachten den Armen und sehen in chm nur fr ihren Ruhestörer, — und er ist doch eigenüich D ihr indirekter Brocheber! | Sie empfinden die Beschäftigung mit ihm |b als eine Last, der sie sich leicht' zu entledigen verstehen. Sie denken nur daran, wie sie die | Armen am schnellsten und billigsten los werden. |: „Abfertigen" ist chre charakteristische Lösung, tz- Sie ignorieren den Menschen im Armen, f. das große Reich menschlich-göttlicher Regungen, | und wittern überall Schnorrer. Sie kennen nicht fe den Wert einer individuellen Behandlung — en masse geht es leichter. Und scheinen auch ä nicht zu wissen, daß selbst Schnorrer noch Menschenwürde haben, die durch menschenwürdige A Behandlung genährt und gekrästigt wird. Sie scheinen nicht zu begreifen, daß es keine f Schnorrerseele gäbe, hätten nur die phllanthropi- S. schen Beamten eine echte, Phllanthropenseele. . . Behandelt man einen Menschen als Schnorrer, so macht man ihn eben dadurch zum Schnorrer. Urü» er hat recht, wenn er's wird: I;. Muß er sich die Nachteile eines Schnorrers, c eine Schnorrer-Behandlung, gefallen lassen, — so I“ hat er wahrlich auch berechttgten Anspruch auf f die Vorteile dieser „gesellschaftlichen Stellung": jp. auf Schnorrerei und chre Einkünfte. Er hat sie r, durch die chm zugefügten Kränkungen seiner l Menschenwürde ehrlich verdient . . . | - Die Beamten der Phllanthropie wissen meist i nicht, was vornehme Behandlung für einen Bitten- <.den zu bedeuten hat. Sie haben für ihn keine v freundliche Miene übrig, kein freundliches Wott, f. keine innere Teilnahme. t';- Sie haben keinen Sinn für eine leise, -schüchterne Bitte; kern Verständnis für einen un-; beholfenen, schamhaften Petenten. Er ist chnen ' bestenfalls ein Schlehmll, der es selbst in Schnor- ~ rerci zu nichts bringen kann. .... - Daher haben die tüchtigen 'Schnorrer nicht -■ nur mehr Erfolg, ja, sie finden auch mehr l Achtung. ... | Wenn wir über die bureaukraüschen Jn- : stitutionen unserer Philanthropie Umschau halten | wollten, — welche herzzerreißende Episoden würf den wir da erzählen können, die in den Jahres-; berichten naturgemäß nicht aufgezähll werden . . . Wieviel intime Gefühle ihrer armen Mitmenschen werden durch die Beamten der Phllanthropie lässlich verletzt! Wieviel Mal ist in diesen Jnstitu-- ' tionen die Menschenwürde mll Füßen getreten; worden! * : Ist das denn nicht eine bewußte oder unbewußte Untteue gegen den edlen Sinn des Philanthropen? Kann es demi sein Wille sein, daß - die Armen grob behandell werden; daß man sie , durch undelikate, inquisitorische Fragen, die oft < auch die üefsten Jnümitäten einer Menschenseele ' nicht schonen, in Verwirrung bringt und nun zufrieden ist, sie bei einer Lüge gepackt zu haben, . um sie Äsbald durch die „schwarze Liste" der 1 ewigen Verfolgung auszusetzen. Wie ein Schutzmann, der einen Dieb abfaßt und darüber herzlich froh ist, — nicht etwa, well er den Staat von einem gefährlichen Menschen . befreite, sondern well er dadurch seine Diensttüch-; tigkeit bekunüet, so sind auch jene Phllanthropie- Beamte« auf den Fang von Schnorrern stolz. Sie sind froh, daß es solche gibt, wie der Schutzmann, daß es Diebe gibt, — sonst könnten sie , sich nicht so leicht verdient machen. „. . . . Russe, 24Jahre,besitzteinen falschen Paß" .... So lautet oft der Be- : schuldigunasakt in der schwarzen Liste. Werden nicht damit der russischen Regierung ASpHeldienste geleistet?! Wissen denn nicht , die ^Beamten der Unterstützungs-Kassen, daß in Rußland nur „echtrussische Leute", VerbandsmitgliÄer stdes „schwarzen Hunderts" und ihre Konsotten Frankfurter AfraelidWM FamüirMatt. Äs „unbescholten" und „legÄ" sich legitimier reu können? Vielleicht hat jener Russe, 24 Jahre all, während einer der Judenexzesse sich oder andere zu verteidigen gesucht und wurde dafür zu einigen Jahren Zuchthaus verurtellt! Vielleicht ist er einer der Helden, die gegen die Henker mutig kämpften! Und vielleicht ist er ein ganz unschuldiger Phllister, der stets der herrschenden Macht, wie es sich einem „anständigen" Juden ziemt, Bücklinge machte, — nur hatte er das Unglück, während einer Arbeüerdemonstration auf der Sttaße zu sein, und es blieb ihm nichts anderes übrig. Äs mittels eines falschen Passes sich ins Ausland zu flüchten. „.aus Galizien, 56 Jahre, simuliert Heiserkeit" .... Ueber welch« feine Instrumente müssen die Beamten der Unterstützungskassen verfügen, wenn sie imstande sind, solche subtilen Halsünterjuchungen anzustellen! Es ist doch aber nicht ausgeschlossen, daß der 56jährige Mann eines Tages heiser war und am anderen Tage es nicht mehr war; oder umgekehrt. Und ist denn wirklich die simulierte Heiserkeit ein erprobtes Schnorrer-Mittel, das Mitleid der Unterstützungskasse zu erwecken. Mau wäre fast versucht zu glauben, daß es überhaupt kein Mittel dazu gibt. Ist nicht diese „schwarze Liste" vielmehr ein schmähliches Zeugnis für chre Verfasser! Sie ist durchtränkt von nervösem Argwohn, schnüffelndem Mißttauen, von Freude an Verdächttgem und Ehrenabschneiderei; sie strotzt von Härte, Rücksichtslosigkeit und Abgestumpftheit. So wird die Phllanthropie ausgeübt. Wird Äso nicht der Phllanthrop durch seine Beamten arg betrogen? Wird nicht sein edler Sinn verdreht, sein edles Wollen lächerlich gemacht? Der Phllanthrop — er ist gar oft bemitleidenswerter, als seine Günstlinge. * * * Die Ausübung der Philanthropie — cs ist eine schwierige soziale Aufgabe, der nicht jeder gewachsen ist. Es ist ein Wissen, das verstanden werden wlll, ja eine Kunst, die Talent, SeelenveraÄagung erfordert. Die ersten Bedingungen für das phllanthropische Können sind: Herzensgüte, vornehme Denkart und Verständnis für soziale Probleme. Wie man nicht Äs Arzt prallizieren darf, ohne sich über ein entsprechendes Quantum seines ärztlichen Könnens legitimiert zu haben, so hätte man von Staatswegen verbieten sollen, den philanthropischen Beruf ohne entsprechende philanthropische VeraÄagung zu ergreifen. Die Amerikaner scheinen es bereits eingesehen zu haben. Sie gründeten „Scools of Philantropy" und errichteten neulich eine Professur für Philanthropie. Vielleicht wird uns das „Larw der unbeschränkten Möglichkellen" auch die Lösung des phllanthropischen Problems ermöglichen? Die letzte« Ereignisse i« der Türkei. Das große Geschehnis des Tages, das alle Well in Erstaunen versetzt, ist die Revolution in der Türkei, von der sich nunmehr der Schlußall abgespiell HÄ. Zwar ist die Well an Revolutionen. gewöhnt; das neunzehnte und das erste Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts waren besonders reich an solchen eruptiven Durchbrüchen; allein, was die Welt jetzt in Erstaunen versetzt, ist die unbluüge 'Art, die würdige Ruhe, die Mäßigung und Besonnenheit, die dem Gang der Ereignisse in der Türkei eigen sind. Als im vorigen Sommer die Verfassung errungen wurde, da ist kein einziger Schuß gefÄlen, — und noch jetzt, nach der letzten Konterrevolution, die der türkische Despot Abdul Hamid angezettelt hat und der manches unschuldige Leben zum Opfer gefallen ist, noch jetzt beim abernmligen Siege, den die junge Türkei über die Alttürken davon getragen, haben nicht etwa Rache oder Raserei und- Rr. 16. Blutdurst mitgespielt, ist vielmehr mit der größten Schonung und Behutsamkeit vorgegangen worden, und es sind nur soviel Schüsse gefeuert worden, als die Situation dringendst zur Niederwerfting der bewaffneten Reaktion notwendig machte. Wahrlich: Europa ist erstaunt und im Süllen auch beschämt ob der Ueberlegenheit der Asiaten. . . . Frankreich und England haben ihre Freiheiten durch viel, viel mehr Blut erkaufen müssen. Müssen? O nein, dort floß Blut in ganz unnötiger Weise . . '. man ist eben Arier Abdul Hamid ist gefÄlen, — und wie lautete die Fetwa des Scheik ul Islam? „Was geschieht mit einem Jmän der Muselmanen, , der A» wiederholten Malen die Vorschriften des Korans verletzt, der das Reich Äs Tyrann verwÄtete, der heilige Bücher verbrannte, der sich widerrechtlich den Bakufbesitz aneignete, der nach seinem Schwur, das Reich von nun an nach dem Scheriat zu regieren, den Eid gebrochen hat, durch Bestechungen die Ursache eines Bürgerkrieges war und das Volk aufstachelte, sich gegenseitig zu Men? Er muß abdanken oder entthront werden." So die Antwort der Asiaten. Doch die Antwort der Arier Europas war eine ganz andere: Das Schicksal Ludwigs XVI. in Frankreich ist bekannt. Und wie das konstitutionelle Serbien mit seiner Königsfamilie zu verfahren beliebte, ist noch frisch in aller Gedächtnis. Der Henker seines Volkes ist also nach 33jähriger blutiger Herrschaft gestürzt worden! Vergebens suchten ihn seine europäischen Freunde zu hätten, er ist rettungslos gestürzt. Wie man sagt, soll es das fteie England gewesen sein, das dem Tyrannen 40 Millionen für Bestechung der Armee, für die ganze Inszenierung der Gegenrevolution gegeben hÄ. Daß der Tyrann im Lause seiner Herrschaft 80,000 Muselmanen und 300,000 Armenier ums Leben gebracht hat, — was tut es? . . . Rußland zu Gefallen unterstützt England heimlich den persischen Despoten in seinem Kampfe gegen die Konstitution, — offiziell dagegen gleichzeitig die Konstitutionellen, denn schließlich läßt sich doch der Ausgang des Kampfes nicht bestimmen. — Und warum sollte eine solche Regierungnicht Rußland zÄiebe auch den türkischen Despoten auf seinem blutigen Thron zu halten versucht haben? Was nun der Ausgang der Revolution für uns Juden ausmacht, so braucht nicht erst gesagt zu werden, daß jede Zollbreite, die der Freiheit gewonnen ist, für uns von Bedeutung ist, obwohl auch die Freiheit keine wirkliche und volle Bürgschaft für unsere Rechte bedeuten kann. Wohl verhielt sich auch die Äte Türkei den Juden gegenüber mit großem Wohlwollen; allein schon der Umstand, daß ein Jude nicht zum Militärdienst herangezogen werden durfte, war Grund genug für uns, den Sturz des Äten Regimes herbeizuwünschen, — ganz abgesehen davon, daß kein Volk von Almosen des Wohlwollens leben kann, sondern nur von den Rechten, die ihm zukommen. Uns dünll, daß eine freie, starke Türkei für die Judenheit von dreifachem Wert ist. Erstens sind vor den jüdischen Massen gegenwärtig fast alle Länder geschlossen; sie müssen aus ihren Mördergruben heraus und wissen nicht, wohin. Da ist es ein großes Glück, daß jetzt,, nachdem der Tyrann mitsamt seiner Vampiren- Clique und Bakschich-Wirtschast gefallen ist, sich für unsere flüchtende Massen die Tore eines fteien, der Arbeit fleißiger, intelligenter Hände harrenden Landes weit öffnen. Die junge Türkei wartet sehnsüchtig auf die jüdischen Massen, und in Wort und Schrift Men die Führer der Jungtürken, darunter der erste Präsident des Parlamentes, Ahmed Riza, kund, daß sie die Juden wünschen; erhofft doch die junge Türkei — und mit Recht — durch die Einwanderung der Juden eine Stärkung. Des weiteren — wir sagen es offen — ist dem jüdischen Volke eine Erstarkung der muselmanischen Welt, sehr erwünscht. Die , Christenheit hat von jeher auf unseren Untergang hingearbeitet. Die Allgemein«