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Neue jüdische Presse · 1909-04-30 · Heft 16 (30.4.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 16 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3rtitnUfurfctr foinilimUnll. HedaKtisn und H>efchaftSstetts: Zrsnkfurt L. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße Gelefon 10507. Aerausgeber: AalZ ^ests. r~— """ — . Jnsertiouspreise: . Die viergespaltene Petitzeile. 25 Mg. Die Reklamezeile. wo ., Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' \ — " -- -:-- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50. sonstige Länder Mk. 2.— I -- 7. Jahrgang. Freitag, den 9. Ijar 5669 (BO. April 1909).Rr. Itz. Inhalt des Hausttblattes. Artikel: Philanthropie. — Die letzten Ereignisse in der Türkei. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals, —W o ch en - Kalender. — Bunte Chronik. — Kunst u. Literatur. — Familien-Nachrichten. Philanthropie. Von Jacob den Elijah. I. Bernhard Shaw hat das Verdienst, das bürgerliche Mitleidsgcfühl in versöhnender und vertröstender Weise auch auf die beneideten Könige des Besitztums erstreckt zu haben. Er zeigt uns in einem seiner Aufsätze die Grenzen, gleichsam die Grenzwerte des" Reichtums, über welche hinaus die Macht des Besitzes erschöpft ist. Der Reichtum findet keinen entsprechenden Absatzmarkt: die Genußmittel übersteigen die Genußmöglichkeiten. Wohl hat der Luxus hier Remedur geschaffen und eine Quelle neuer Gebrauchswerte erschlossen, indeß ist er in seinem Produktionsvermögen äußerst beschränkt und vermag nicht, für die weiten Dimensionen des immer wachsenden Kapitals ausreichend Verwendung zu finden. Das bestätigt uns der „König der Dollars", Rockefeller. Er sagt in seinen neulich veröffentlichten Memoiren: „Diese Milliardäre —. sie können doch mit ihrem Gelde nicht viel größere Genüsse haben, als die Menge der gewöhnlichen Sterblichen. Sie können nicht sechsmal mehr essen, als die Armen, da "sie nicht einen Verdauungsapparat kaufen können, der sechsnial besser wäre. Sie können nur eine bestimmte Summe für Kleidung oder Zierung verausgaben, da sie sonst lächerlich erscheinen würden. Sie können nicht in ihrem Heim einen viel größeren Komfort erreichen, als manches bürgerliche Haus; denn haben sie einen gewissen Luxus erreicht, so verursacht er ihnen mehr Langweile als Freude." . Also — es bleibt ein bedeutender Ueberschuß des Vermögens, der brachliegen muß; der nur insofern Besitztum bildet, als er seinem Herrn die Sorgen des Besitzes äuferlegt. Es ist ein Problem der Genußwelt, man möchte sagen: die Tragödie der Fortuna. Und Bernhard Shaw glaubt nun, den verlegenen Milliardären in eleganter Art helfen zu können. Er weist ihnen ein Terrain an, auf welchem sie ihr überflüssiges Geld völlig absetzen können. Es ist das Terrain der Philanthropie. Die Philanthropie eröffnet in einem bedeutend höheren Grade als der Luxus ein iveites Gebiet für Gebrauchswerte, für Genußwerte. Sie ist eine Entlastung des überschüssigen Reichtums. Es ist drin eine Ironie: die Philanthropie erscheint als eine - Unentbehrlichkeit für Millionäre und Milliardäre. Und der Dienst, den sie ihnen erweist, ist wohl höher einzuschätzen, als ihre Leistung für die Armee der Armen. Und cs ist viel von einer Versöhnungsstimmung in dieser Problemstellung enthalten. Der Uebermäßig-Begüterte und der Mittellose — sie bilden die zwei Enden einer Tragödie; ztvei Extreme, die sich berühren. In dieser Berührung liegt die Lösung für beide. Es gibt Grade des Reichtums, die tun einen Wert haben, wenn sie sich mit der Armut aussöhnen. Der Besitz erreicht eine Höhe, wo er gleichsam herrenlos wird, wo die Privilegien des Besitzes aufhören; das Verfügungsrecht hat dann kein Gebiet der Betätigung, — es sei denn das Gebiet der Philanthropie. * * Ist aber nicht der Philanthrop erst recht eine tragische Figur? Wir erwarten von ihm, daß er sich in die Lage der Armen versetze; — haben sich die Armen je in seine Lage versetzt? Täten sie es, sie lvürden ihm ihr Mitleid nicht versagen können. Man bedenke mir: Welche Seelenqual muß doch für einen denkenden Philanthropen das Bewußtsein bedeuten, daß er mit dem größten Aufwand seiner Mittel nur ganz entfernt ihren philanthropischen Zweck zu erreichen vermag, daß seine Opfer auf dem Altar der Philanthropie vom Beamtenstab der Priester und Tempeldiener verzehrt lverden, — für das arme Volk nur magere Knochen zurückbleiben. Kann er sich mit der grausamen Erkenntnis der Sozialwissenschaft versöhnen, daß die Hülfsmittel der Philanthropie fast die Hälfte des philanthropischen Vermögens absorbieren müssen, um seinen Zweck alsdann teilweise zu ermöglichen. Ist es nicht ein tragisch-schmerzliches Bewußtsein, dieses Bewußtsein der. philanthropischen Ohnmacht? * Rüssel Sage hat zehn Millionen Dollar der Menschheit geschenkt — und ist nun in Verlegenheit : sie weiß nicht, wie sie der Menschheit dieses Geschenk abliefern soll. Die Philanthropie ist eine zu teuere und wenig zuverlässige Botin. Noch haben wir keinen Modus gefunden, wie Spender und Empfänger ohne Kostspieligkeit zu vermitteln. Der guten Frau blieb nichts anders übrig, als eine gewisse Summe sür die Erfindung einer Methode auszusetzen, die das Maximum einer Nutzbarmachung der Philanthropie, ermögliche. . Ist nicht in dieser Episode unserer neuesten Zeit ein Stück sozialer Tragik enthalten! * * * Doch tiefer ist die Tragik unserer Philanthropie. Selten hat ein jüdischer Philanthrop Segen ohne Fluch über sein Volk gebracht. Und selten hat ein jüdischer Philanthrop den Segen ohne | den Fluch seines Volkes verdient. i Die zwei großen Institutionen des großen | Mischen Philanthropen, — welches Schicksal haben sie erlebt! j Sein ganzes Vermögen hat er seinem Volke jj vermacht, — ist es nun nicht eine Tragik, wenn « das Volk ihm keinen Dank weiß, wenn seine?1 Wohltaten keine Anerkennung im Volke finden. Die Vollstrecker des Testaments, unseres;.j| großen Philanthropen befragen nicht das Volk, respektieren nicht seinen Willen und bürden chm s Wohltaten aus, die seinen Geist bedrücken, seinen J Wünschen und Bedürfnissen keine Rechnung tragen. | Darum haßt sie das Volk, denn mit der | geistigen Aufrüttelung des Volkes nt der Volks- _ | bewcgung ist in chm das Bewußtsein seiner Rechte x erwacht, — * auch jener Rechte, die chm seine Ä eigenen „Glaubensgenossen" verkümmern. Und je t mehr Schulen jene philanchropischen Jnstitutio- % neu gründen, je mehr Bildung sie verbreiten, i desto tiefer beginnt das Volk das harte Unrecht 4 der gewaltsamen Bevormundung zu empfinden. | Welch eine Tragik! Ein hochherziger Mann t reicht seine milde Hand dem Volke und will chm J ein Geschenk geben; das arme Volk streckt gierig :j seine Hand aus, um das Geschenk in Empfang | zu nehmen, — und noch hat es das Volk nicht bekommen. Noch ist das Geschenk unterwegs und j kamt das Volk nicht erreichen. J Die Boten kennen den Weg zum Volke nicht, , s sie machen Umwege. jj Welch ein Segen könnte aber jenes Geschenk j für unser Volk werden, wäre es bereits in seinem 's Besitze! i n. j Baron Hirsch steht nicht vereinzelt mit { diesem tragischen Schicksal seiner Philanthropie '! da, welches sein Volk mit chm teilt. i Man vergegenwärtige sich auch das grausame j Schicksal der Philanthropie eines Baron Edt mund de Rothschild. .4 Wie hochherzig seine Gaben, wie edelmütig | seine Taten, — wie wenig doch haben sie genützt! j Und wiederum waren es die klugen Boten ] der Philanthropie, die chre Botschaft verj gaßen. Sie haben gerne Schnorrer auferzogen, I hingegen jede freie Regung einer Selbstverwal-! tung als Schmälerung ihrer Macht gefürchtet und! daher unterdrückt. j Es ist das bekannte traurige Kapitel in der j Geschichte der palästinensischen Kolonien j * . Wahrlich! Selten hat ein Philanchrop das Elend gemildert, ohne noch mehr Elende herausbeschworen zu haben. Man sehe sich nur den , großen Stab der Philantropie-Bureaukraten an, j wie diese — von einigen Ausnahmen abgesehen —> ihren Beruf auffassen Wenn man sie richtig beobachtet in der Hand- -z habung der philanchropischen Zwecke, kann man i sich kaum eines schmerzlichen Mitleidsgesühls für unsere opferwilligen Philanthropen erwehren. *

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