Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 15 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter AsrackitWeS Familienblakt. kauf, Pacht ufw. von Grundbesitz durch Juden im ganzen Ansiedlungsgebiet gelten, und ähnliche Ausnahmebestimmungen in den polnischen Provinzen — und also auch bisher im neuen Cholmer Gouvernement — wesentlich gemildert waren. Durch einen speziellen Punkt, mit dem das reaktionäre ministerielle Projekt versehen wird, sollen nun die Juden diesen Abschwächungen ihres grausamen Sonderrechts auch für die Provinz Cholm verlustig gehen. Diese Drangsalierung der Juden soll gewissermaßen die Polen über ihr nationales Unglück hinwegtrösten und die Idee der nationalen Gleichbedrückung durchführen. Türkei. Koustantinopel. Der Großrabbincr der Türkei, Rabbi C h a j i m N a h u m, hielt am 7. Tage Pesach in der Synagoge der deutsch - israclitischcn Gemeinde vor einer zahlreich erschienenen Menge in französischer Sprache, da er der deutschen noch zu' wenig mächtig ist, eine Predigt. Selten ist das Gotteshaus so stark besetzt gewesen. Nach jahrelanger Pause wurde wieder einmal an dieser Stätte ein Gotteswort besprochen. Während der Auslegung herrschte größte Ruhe; — thcatcrartige Beifallskundgebungen am Ende sind aber an heiliger Stelle unstatthaft. W—t. Saloniki. Zwischen dem Militär, das noch -Koustantinopel marschierte, befanden sich zahlreiche Juden. Die Juden Salonikis, die an Zahl mehr wie die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, haben t r c u zu der S a ch e d c r Jungtürken gehalten. Amerika. New-Aork. Wie wir s. Zt. berichteten, hinlei ließ Louis A. Heinsheim er von der Banksirma Kuhn, Loeb u. Co. 1 Million Dollars für eine gemeinsame Organisation der sechs größten Newyorker jüd. Wohltätigkeitsinstitutioncii. Es hat den Anschein, daß diese große Stiftung nicht verwirklicht werden wird, da das „Mount Sinai Hospital" und das „Jüd. Waisenheim" sich gegen den Zusammenschluß ablehnend verhalten. ' ' Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Sie waren bei diesen Worten in das angenehm durchwärmte, freundlich erhellte Wohnzimmer getreten. „Ah," sagte Rabbi Jizchak, „hier lebt man auf." „Armer Vater, Du bist durchgefroren und wirst hungrig sein." ,Mas die Kleine nicht alles weiß!" entgegnctc er, lächelnd ihr zunickend, „Ihr habt doch hoffentlich schon gegessen?" „Nein," erwiderte sie, „es. ist so ungemütlich am Tische, wenn Du nicht dabei bist. — Aber Dein Pelz ist ganz feucht; erlaube, daß ich ihn mit in die Küche nehme" Sie wollte ihm bei diesen Worten behilflich sein, den Ueberrock abzulegen; er drängte sie jedoch sanft zurück. „Nicht Kind, nicht, das ist zu schwer für Dich." „Lieber Vater, ich bin doch kein kleines Kind." Und dabei neigte sie sich und zog, wie sie es von jeher gewöhnt war, seine Hand an ihre Lippen - Wie ein Glutstrom durchfuhr es ihn plötzlich, sein Herz pochte laut, — und hastig zog er seine Hand zurück. „Aber Kind, zum Handküssen bist Du doch schon zu groß." Sie lachte hell auf. „Väterchen, Väterchen, wie kommst Du mir vor! Deinen Pelz zu tragen, hälft Du mich für zu klein — und Deine Hand zu küssen, für zu groß!" Sie lachte abermals. „Du scheinst sehr müde und sehr hungrig zu sein." Sie eilte hinaus und kam gleich daraus mit einer Gießkanne, einem Waschbecken und einem Handtuch zurück. „Erlaube, lieber Vater, haß ich Dir übergietze!" Er schüttelte mißbilligend den Kopf, schickte sich dabei aber an, die Hände über das Waschbecken zu halten. „Als ob ich ein hilfloser Greis von siebenundsiebzig Jahren wäre." Sie lachte abermals. „Nein, wie ein hilfloser Greis siehst Du nicht aus, aber wie ein abgehetzter Doktor, ber Tag und Nacht keine Ruhe hat." Es lag etwas Frisches, Harmonisches in dem silberhellen Lachen des jungen Mädchens; Rabbi Jizchak ward cs jedesmal warm uin's Herz, wenn er sie lachen hörte, und während er sich jetzt auf seinen gewohnten Platz am- Tische niederließ und flüsternd den Segen sprach, folgten seine Blicke unwillkürlich den anmutigen Bewegungen der schlanken zierlichen Gestalt, als sie zu dem alten Manne trat, der dort auf der Bank am Ofen schlummerte. „Schmul!" rief sic freundlich, „wach' aus! der Vater ist schon daheim, und das Essen steht schon auf dem Tische." Der Alte schlug die Augen auf und reckte sich. „Gleich, gleich, ich komm' schon — ich geh' nur mich waschen." „Brauchst dazu nicht zu gehen," erwiderte sie, „ich habe hier Wasser, komm', halte Deine Hände her, daß ich Dir übergieße." „Gott Gerechter!" rief der Alte, „was dem Kind nicht beifallt! es toill dem Maschores übergießcn!" Tirza lachte herzlich. „Ja, cs will dem lieben alten Schmul übergießen — aber laß es nicht so lange warten." Schmul warf einen komisch fragenden Blick auf seinen Herrn Dieser, obgleich ihm die Situation nicht besonders zusagte, nickte dem Alten doch zu. Resigniert hielt der Diener seine Hände über das Becken und ließ sich von dem lieblichen Mädchen Wasser über dieselben schütte». Dann setzte sich Tirza neben den Hausherrn. „Verzeihe, lieber Vater, daß ich Dich habe warten lassen, aber der alte Schmul hat den ganzen Abend hier am Ofen geschlafen, da ist er sehr erhitzt und wenn er dann hinaus an das Gießfaß kommen würde —" „Brauchst Dich nicht zu entschuldigen, Kind; Du möchtest am liebsten für die ganze Welt sorgen. — Doch was fällt Dir deün ein? Du gibst mir zu viel!" „Sorge nicht, lieber Vater, das überlasse mir und der Ritvkah. — Nicht wahr Riwkah, es ist noch genug für uns da!" Die alte Köchin bejahte lächelnd, indem sie aus eine zweite noch volle Schüssel deutete; dann ließ sie sich auf ihren gewohnten Platz neben Schmul nieder. Die beiden langjährigen treuen Hausgenosse» hatten von jeher die Mahlzeiten niit anr Familientische cingenomnren, nie hatte ihre Anwesenheit die Familie geniert, heute jedoch empfand der Hausherr ihre Gegenwart nahezu als Belästigung, er hätte das junge Mädchen in gewisser Beziehung gern vorbereitet auf ihren morgigen Besuch im Schlosse, aus ihre mutmaßliche Unterredung mit der Gräfin. In Gegenwart der beiden, die doch in Wirklichkeit nicht zur Familie gehörten, erschien ihm das nicht tunlich. — Aber was wollte er eigentlich? In welcher Beziehung wollte er sie vorbcreiten? War er vielleicht seiner Tirza nicht sicher? Seiner Tirza, die seine Lcay erzogen hatie? — Nein, nein, sie bedurfte keiner Vorbereitung, im Gegenteil, weit besser würde es sein, wenn die Gräfin sich überzeugen würde, daß das junge Mädchen keine Ahnung hatte von dem, worüber sic mit demselben sprechen würde, baß sic daher in deren Antworten nichts Angelenites. würde erkennen können, sondern nichts anderes als die aufrichtige Herzensmeinung ihres Kindes. * Als Rabbi Jizchak am nächsten Vormittage von keinen Besuchen zurückgekchrt war, bei denen er auch die Gräfin den Umständen nach wohlauf vorgcfundcn hatte, sagte er zu Tirza: „Es weht heute ein scharfer Wind, und Schmul kommt immer außer Atem, wenn er den Schloßberg hinaussteigcn muß; — möchtest Du vielleicht der Gräfin eine Flasche Medizin hinaufbringen?" „Gern, lieber Vater! Ich will nur meinen Mantel umnehmcn." „Nimm auch ein anderes Kleid, denn Du mußt die Medizin der Gräfin persönlich übergeben und mußt ihr sagen, wie sie dieselbe nehmen soll." „Und dazu muß ich ein besseres Kleid anziehen?" „Tue es, liebes Kind. Der Gräfin dürfte wohl nichts daran liegen; aber ihre Kamnierfrau ist sehr mürrisch, sie könnte Dich vielleicht schief ansehcu." Nr. 15. „Daran würde mir nichts liegen!" versetzte Tirza, den Kopf zurückwerfcnd, „doch ivenn Du es wünschest, werde ich mich ganz nobel machen." Sie eilte in das anstoßende Ziminer. Sinnend blickte er ihr nach. Seltsam, daß ihm das bisher noch nie ausgefallen war, sic hatte in ihrem Gang, namentlich in ihrer Haltung etwas entschieden Aristokratisches. Andern war das allerdings schon öfters ausgefallen, sic hatten gesagt: „Das hat sie vom Vater, der trägt auch den Kopf höher als andere." Aber er wußte jetzt genau, woher sie das hatte und auch die langen, schweren, hellblonde» Zöpfe. — Aber den Blick hatte sie von seiner Leah, davon hielt er sich fest überzeugt, der war ihr nicht angeboren, dieser sanfte tief in's Herz dringende Klick, der war ihr unbewußt anerzogcn von derjenigen, die sic Mutter genannt hatte. Nach ivcnigen Minute» kam sie wieder herein. Sie hatte ihr Feiertagsllcid von ferner dunkelblauer Wolle an, das ihr reizend stand. „Nun, bin ich so fein genug für die gräfliche Kammerfrau?" fragte sie lächelnd, vor Rabbi Jizchak stehen bleibend. „So mag's gehen," erwiderte er, indem er ihr den Schwancnbesatz der Kapuze tiefer in das rosige Gesichtchen zog. „Der Wind weht scharf, Dumüßt Dich gut verwahren." „Er wird mich nicht fortmehen," versetzte sie lachend. — Dann neigte sie sich und bot ihm die Stirn zum Kusse Eine Blutwclle überzog für einen Moment fein männlich schönes Angesicht, doch nicht wie sonst berührte er mit seinen Lippen die klare Stirn deS jungen Mädchens, nur liebkosend glitten seine Finger über ihre rosigen Wangen. „Gehe mit Gott, liebeS Kind, und vergiß nicht, ivie die Medizin genommen werden soll!" Mit der Versicherung, daß sie nichts vergesse» werde, winkte sie ihm grüßend zu und eilte davon. Draußen aber blies ihr ein in Wirklichkeit scharfer Wind entgegen. „Brr!" machte sie, sich schüttelnd. Doch jetzt wandte sie sich der Richtung des Schloßbergcs zu, und jetzt erst gewahrte sie, daß sie den Wind im Rücken hatte. Sie hätte laut ausjauchzeu mögen, leichtfüßig wie eine Gazelle floh sie dahin und hatte sehr bald den Schloßberg erreicht. Nun, aufwärts ging es allerdings nicht mehr so rasch; doch es währte nicht mehr allzulange, bis sie die steinernen Stufen, die zum Schlosse führten, auswärts eilen konnte. Nun aber war sie doch außer Atem und war froh, daß sie nicht sofort reden mußte, denn der Verwalter begrüßte sie freundlich: „Willkomnlcn liebe Jungfer! Die Frau Gräfin erwartet Euch und läßt Euch bitten, zu ihr hinauf zu kommen!" Tirza nickte dem Freundlichen lächelnd zu und folgte ihm bis zu den Gemächern der Schloßherrin, wo die Kammerfrau ihnen entgegen trat. „Die Jungfer bringt die Medizin von dem Doktor," sagte der Verwalter. „Schon gut," erwiderte die Kammerfrau mürrisch, „geh' nur weiter und sag' der Gnädigen, was Du zu sagen hast, — und dann machst Du, daß Du wieder fort kommst," fügte sie flüsternd hinzu." Tirza warf ihr einen Blick voller Entrüstung zu, wie sie solchen von der sanften Frau des Arztes schwerlich je gesehen hatte; doch ohne ein Wort zu erwidern, schritt sie mit stolz erhobenem Haupte zu dem anstoßenden Raum, wo die Gräfin auf dem Ruhebette sie erwartete. Und als sie die noch immer schöne bleiche Frau erblickte, die ihr so liebevoll zulächelte urrd ihr die Hand entgegenstreckte, da blieb sie unwillkürlich einen Moment stehen, beugte das Knie ein wenig und neigte das Haupt; dann aber trat sie näher zu dem Ruhebette und zog die ihr entgegengestrcckte Hand an ihre Lippen. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Der a u s e r st a n d e n e Tote. Wir lesen in Wiener Blättern: Jnc Herbst ereignete sich in der Brigittenau folgender Vorfall: Eine Frau wendete sich an einen Wohltätigkeitsverein um Unterstützung, weil ihr Mann ge-