Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 15 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. Die Beihilfen zu den Kosten des Religionsunterrichts an kleine Gemeinden sind wiederum gestiegen. Neben der Gemeindeunterstützungskommission ist die Siegfried und Emma Brünn-Stiftung ins Leben getreten, die nach denselben Grnndsätzen wie die Gemeindeunterstützungs-Kommission Beihilfen gewährt, sofern der Unterricht durch einen seminarisch geprüften Lehrer erteilt ivird. Insgesamt wurden durchschnittlich jährlich 225 Gemeinden aus allen Teilen Deutschlands mit. einer Summe von über 20000 JL unterstützt. Die Lehrabteilung hat verschiedene Schulbücher und andere literarische Werke subventioniert. Für den 1. Oktober d. Js. kommt ein mit -800 JL dotiertes Preisausschreiben zur Erlangung einer Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes zur Auszahlung. Unter den Stiftungen des Bundes ragt die Friedrich-Wilhelm-Bi ktoria-Stistung, Zentralversicherungs- und Pensionskasse sür jüdische Gemeindebeamte hervor, in den letzten 4 Jahren ist eine Versicherungssumme von (h Million ausgezahlt worden, wozu die Stiftung den vierten Teil beigetragen hat. Bei Zahlungsverlegenhcitcu kommt die neu begründete Theodor Marcus-Stiftung den Klienten zur Hilfe. Die Verbreitung des Handwerks unter den Inden ist durch Stipendien aus der Kristeller-Stiftung und durch vielfache Anregungen gefördert worden. Die Phi lip p s 0 n - S t i f tu n g für notleidende Beamte und die H e r x h e i m c r - S t i f t u n g für Seminaristen haben in bisheriger Weise ihre Benefizien verteilt. Für die Bibliothek des Bundes ist ein Real - Katalog ausgearbeitet worden. Das Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege (S t atist is ch e s I a h r b u ch) ist zu seiner für die Praxis bewährten alten Form zurückgekehrt; es bietet ein Gesamtbild aller in der Gemeindeverwaltung, Bildungs- und Woblsahrtspslege wirksamen Kräfte. Die neue Auflage erscheint noch im Lause des kommenden Monats. Berlin. Die Tagesordnung des am 18. Mai, vormittags 10 Uhr, zusammentretenden III. Deutsch-Israelitischen Verbandstages umfaßt folgende Beratungsgegenstände: Die Erlangung von Beihilfen auf Grund des preußischeil Schulunterhaltungsgesetzes; Bekämpfung des Wanderbettels; Austausch von Erfahrungen auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes a) Revision der Rel.- Schulen, b) Wanderrabbiner, c) Wanderlehrer; Vermehrung der Einnahme-Quellen der Gemeindevcrbände: gegenseitige Unterstützung der Verbände auf den Grenzgebieten; Beseitigung des Mangels an Kultusbeamten. Berlin. In den Blättern finden wir miede, Inserate der hiesige» I ü d. Gemeinde, die eine bewußte Verhöhnung j ü d. Gesetzes und j ü d Brauches dokumentieren. So heißt es in einenr Inserat, in dem für die hohen Festtage Vorbeter, Chorleiter und Organisten gesucht werden: „Es wird beabsichtigt, in diesem Jahre bei den erwähnte» Veranstaltungen auch jüdische O r g a n i st e n n n d H a r m 0 n i u m - spieler zu beschäftigen." Und in einem Inserat über die Besuchszeit des Friedhofes wird mitgeteilt, daß der Friedhof auch an Sabbaten und Festtagen geöffnet ist. Wenn die Berliner Gemeinde so den Geist des Judentums systematisch ausmerzt, — warum verwandelt sie sich da nicht gleich in eine freireligiöse Gemeinde? Berlin. Gelegentlich der jüngst stattgehalten Hauptversammlung des "Vereins für Statistik der Juden konnten die stetigen erfreulichen Fortschritte dieser Organisation sestgestellt werden. Aus dem Bericht des Vorsitzenden Dr. Alfred Nossig ging hervor, daß der Verein im vorigen Jahr zwei größere Arbeiten veröffentlicht hat: „Die Juden in Oesterreich" von Dr. Jakob Thon und „Die Juden in Rumänien" von Dr. Arthur Nuppin. Beide Schriften bringen zum ersten Mal das gesamte amtliche Material, das über die Juden der betr. Länder vorhanden war, jn übersichtlicher systeinatischer Bearbeitung. Eine bereits früher im Auftrag der Großloge des U. 0. B. B. vollendete Arbeit über „Die Juden in Hessen" befindet sich z. Z. im Druck. Im Lause des Berichtsjahres sind zwei weitere Arbeiten zu Ende geführt worden. Dr. Jakob Segall hat eine Untersuchung über „Die jüdische Bevölkerung in München" vollendet, die namentlich deshalb von außerordentlichen! Interesse ist, weil sie zum ersten Mal die Verhältnisse der nach Deutschland ansgewanderten ausländischen Juden erschöpfend behandelt. Die von UraeMWeS FamMriMait. NorbertWeldler bearbeitete Monographie über „Die Juden in Ungarn" verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil die amtliche Statistik in Ungarn ein außerordentlich vielseitiges Material bringt, das die Erforschung der Lage der Juden in einem Maße ermöglicht, wie dies kaum in einem ander» Lande geschehen kann. Für den Verein eröffnen sich nun drei weitere Aufgaben: zunächst sind die neuen statistischen Angaben für die bereits bearbeiteten Länder fortlaufend zu samineln und von Zeit zu Zeit zu veröffentlichen. Hier ist vor allem an eine Neubearbeitung der „Inden in Deutschland" zu. denken. Eine zweite Aufgabe besteht darin, statistische Erhebungen in jenen Ländern zu veranstalten, deren amtliche Statistik das Religionsbekenntnis garnicht oder in ungenügender Weise berücksichtigt, wie Frankreich, England Belgien, die Schweiz, die Vereinigten Staaten, sowie in den Ländern, die keine amtliche Statistik, wohl aber eine jüdische Bevölkerung besitzen. Es handelt sich hier um Originalerhebnngen, die natürlich nur unter Auswendung großer Mittel in 'Angriff genommen tverden können. An zwei Punkten haben die diesbezüglichen Bemühungen des Vereins eingesetzt. Es schweben Unterhandlungen mit den maßgebenden Körperschaften der Schweiz, um dort eine eingehende Eng Note zur Durchführung zu bringe. Sen längerer Zeit wird ferner eine O r i g i n a l e r h e - bung über die jüdische Bevölkerung in Palästina vorbereitet, die zunächst die Unterrichts- und E r z i e h n n g s v e r h ä l t n i s s e beleuchten soll. Diese Untersuchung, deren Leitung in de» Hände» des früheren Leiters des Bureaus, Dr. Arth u r R u p p i n, liegt, wird jedoch erst dann rüstiger fortschreiten können, wenn finanziell kräftige Organisationen oie entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen. Eine dritte Aufgabe bildet die Zusammenfassung des bereits gewonnenen Materials für die Zwecke einer Gcsamtstatistik der Juden. 2ln diese 'Arbeit ist das Bureau eben jetzt herangetreten. Es liegt der Plan vor, tabellarische Uebersichten zu schaffen, die die gesamten Verhältnisse der Juden in den einzelnen Ländern übersichtlich darstellen und einerseits zur schnellen Orientierung über einzelne Fragen dienen, andererseits Bausteine für die Gesamtstatistik der jüdischen Bevölkerung der Welt bilden sollen. An diese Ser!, von Arbeiten werden sich, wie schon in früheren Jahren, Monographien über einzelne soziologische Erscheinungen angliedern. So wird z. Z. auf Anregung des Vorsitzenden des Kuratoriums, Geh. Rat Dr. Maretzki, eine Originalerhebung über die Verhältnisse der arbeitenden jüdischen Mädchen nnd Frauen in Berlin vorbereitet. Ein weiteres Betätigungsfeld des Büros bildet die „Zeitschrift für D e m 0 g r a p h i e und S t a t i st i k der Jude n", die sich in der Wissenschaft einen guten Namen erworben hat. Dasselbe darf wohl auch von dem statt st i s ch e n Büro gesagt tverden. Nicht nur in jüdische» und wissenschaftlichen Kreisen, sondern auch von Staatsbehörden wird die Bedeutung dieser Institution gewürdigt. Jn mehreren Füllen haben sich üie Staatsbehörden auf die Arbeiten des Büros berufen oder direkt an dasselbe gewendet. So hat das Kgl. Prcuß. Statist. L a n d e s a m t Anfragen, die bei ihin eingegangen waren, an das Büro zur Erledigung weiter gegeben. Und so wird in der von der Hessischen Regierung veröffentlichten Darstellung der letzten Bolkszählungsergebiiisse auf die vom Büro veranstaltete Erhebung hingewiesen. Auch hinsichtlich der R e u 0 r g a n i s i e r u n g des Büros, die durch bas Ausscheiden von Dr. Ruppin und Dr. Thon notwendig geworden war, konnte der Vorsitzende erfreuliche Mitteilungen machen. Neben Rechtsanwalt Dr. Blau, der sich schon im verflossenen Jahr als Leiter des Büros und Herausgeber der Zeitschrift bewährt hat, hat der Verein in Dr. Jakob Segall eine entsprechend vorgebildete Kraft für sein Büro gefunden, sodatz eine wissenschaftlich strenge Fortführung der Arbeiten nun wieder für eine Reihe von Jahren gesichert erscheint. Auch die finanziellen Grundlagen des Büros gestatten die Aussicht, daß die Arbeiten ununterbrochen fortgesetzt werden können. Der Bestand an Mitgliedern ist ziemlich unverändert geblieben, die Zeitschrift dagegen hat neue Abonnenten gefunden. Die Hauptquelle der Einnahmen des Vereins bilden nach wie vor die Subventionen jüd. Organisationen und Gemeinden. Diese erreichen gegenwärtig eine Höhe von ca. JL 5000 und sichern neben den Mitgliederbeiträgen und dem Erlös aus den Publikationen das für die Erhaltung des Büros unentbehrliche Budget. Wie aus dem Bericht des Schatzmeisters hervorging, betrugen die Einnahmen des Vereins im Jahre 1908/9 7724 JL Berlin. Als im Sommer 1906 in dem „Bund jüdischer Akademiker" die Organisation der gesetzestreuen Studentenschaft Deutschlands ins Leben trat, mußte der B. I. Ä zunächst sein Augenmerk auf die Gründung weiterer Bundesvereine richten. Es geschah dies mit Erfolg, und so konnte man im verflossenen Jahr das Seite 3. Hauptgewicht auf den inneren Ausbau des Bundes legen. Diesem Bestreben diente hauptsächlich der erste ordentliche Bundestag (Dezbr. 1908), von dessen Beschlüssen besonders die Einführung eines F n x e n u n t e r r i ch t s sür alle Bundesvcreine hervorgehoben zu werden verdient. In diesem Fuxenunterricht werden die jüngeren Mitglieder mit den grundlegenden Prinzipien der jüdischen Welt- und Lebeusanschauung und den wichtigsten Epochen der jüdischen Geschichte vertrant gemacht, wobei die in der Gegenwart iunerhalb der Judenheit bervortretendeu Strömungen, speziell die jüdischen Stndcntenorganisationeil, eingehende Berücksichtigung finden. — Sieben diesem Fuxenunterricht betreiben die Buudesvereine wissenschaftliche Vortrüge, Diskussionen, S ch i u r i m und gesellige Veranstaltungen. Wegen Beitritts wolle man sich an stud. chem. W. Halberstadt, Berlin A. 24, Krausnickstr. 17 II, wenden. Hamburg. Der 1713 zur Zeit der Pest eröffnete jüdische Friedhof a m Grindel ist vor einigen Tagen laut Senatsverfügung für Beerdigungen geschlossen worden. Es befinden sich auf diesem Friedhofe die Ruhestätten C.hacham Isaak Bernays und anderer Talmudgrößen, solvie auch das Grab Gabriel Rießer's; das letzte Begräbnis war das des am 2. Februar d. I. verstorbenen Philanthropen Gustav Tuch. ch Mülhausen i. Elf. Der vor etwa zwei Monaten erfolgte Selbstmord eines jüdischen Einjährig- Freiwilligen vom hiesigen 5. Jäger-Regiment hatte seiner Zeit berechtigtes Aufsehen erregt. Als Ursache des Selbstinordes sah man schlechte Behandlung und Schikanierung an und scheint die geführte Untersuchung diese Annahme bestätigen zu wollen. Dieser Tage fand nun eine Kriegsgerichtssitzung statt, in welcher sich der Schwadronschef des unglücklichen Einjährigen wegen vorschristswidriger Behandlung' Untergebener zu verantworten hatte. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der dieser Tage verstorbene Privatier Markus Engel hinterließ ein bemerkenswertes Testament. Er setzte fest, daß für den Fall, daß seine einzige Tochter, ein unverheiratetes älteres Mädchen, unverheiratet stirbt, sein etwa 4 Millionen Kronen betragendes Vermögen der israelitischen K u l t u s g e m e i n d e zufällt, die dessen Erträgnisse dann an Wohltätigkeitsinstitutionen, die nicht durchwegs jüdische sein dürfen, zu verteilen hat. — Engel war Faßdaubenhändler in Esseg und ließ sich vor 30 Jahre» in Wien als Escompteur nieder. Lemberg. Am letzten Sonntag fand hier eine Sitzung des Gründungskomitees der jüdischen Volksbank („Kredit - Union" genannt) statt. Dr. Brande und der zionistische Rcichsratsabg. Dr. Gabel referierten über den Stand der Vorbereitungsarbeiten und konstatierten, daß die Subskriptionssummen den für ein derartiges Institut beträchtlichen Betrag von 140 000 K tonen erreicht hätten. Mehrere Wiener und Prager Bankgeschäste haben sich bereit erklärt, der „Kredit-Union" einen Hohen Kredit zu gewähren, so daß von ihr eine erfolgreiche Tätigkeit zu erwarten ist. Die .Kredit-Union" ist ztvar auf rein banktechnischer, geschäftlicher Grundlage errichtet, sie wird jedoch hauptsächlich dem Wohle und der ökonomischen Förderung der galizischen Judenheit dienen. Die neue Bank wird am 1. Juli 1909 ihre Tätigkeit beginnen. 'Anfragen und Anmeldungen sind zu richten an: Karl Stand, Bankier, Lemberg, Kopernikusgasse 21. Rußland. Petersburg. Schon seit langem hat in den polnischen Provinzen keine solche Aufregung geherrscht, als jetzt über den Beschluß des Ministerrats, die sogenannte Cholmstschina, Teile der Gouvernements Lublin und Sjedletz, aus diesen auszuscheiden und dem Reiche als neues Gouvernement anzngliedern. Die Polen betrachten diese „vierte Teilung" Polens als ein nationales Unglück, als einen schwereren und verhängnisvolleren Schlag denn alle jüngsten Russifizierungsversuche. Jn früherer Zeit hatte man alle auf Schaffung eines Cholmer Gouvernements zielenden Bestrebungen als unnütze und gefährliche Grausamkeiten zurückgewiesen, und erst Stolypin blieb es Vorbehalten, dem fanatischen Begehren der Potschajewcr Mönche nach einem neuen Hebel für die Kampsorthodoxie und für die gewaltsame Russifizierung der polnischen Provinzen stattzugeben. Der Ministerrat beschloß aber zugleich» den Polen eine eigenartige und von ihnen nicht erbetene Kompensation zu gewähren, indem er zugleich die den Juden im Cholmer Gouvernementzustehenden „Privilegien" aushob. Diese Privilegien bestehen nämlich darin, daß die kategorischen Beschränkungen, welche für den An-