Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 15 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. grmühttk« UraeWWS FmnMendlM. Seite 5. storben sei und sie mit den Kindern hilflos znriickgelassen habe. Am Nachmittag kam die Präsidentin des Vereines ins Traucrhaus, um die Angaben der Bittstellerin z» prüjen. Dort war bereits der Tote ausgebahrt. Tief ergriffen, tröstete die Präsidentin die fassungslose Familie und legte jux Linderung der augenblicklichen Not eine Fünfzigkronennote auf den Tisch. Dann ging sie. Als sie nach einer Weile wiedcrkam, um ihren Schirm, den sie vergessen hatte, zu holen, saß der Tote beim Tisch und trank Bier. Die „Witwe" und die „Waisen" schienen über die Auferstehung nicht sehr erstaunt, denn sie taten sich au einem Mahle gütlich. Dank der Diskretion der Vereinspräsideiiti» beschäftigten sich die Behörden nicht mit dem Wohl-, tätigkeitsschwindel, aber die Fama nannte -inen gewissen Lazar Wachs als den Helden der kuriosen Geschichte. Als nun Wachs kürzlich in der Großmarkthalle hausieren ging, rief ihm der Flcischkommissar Mar Ochs zu: „Sic Toter, der auferstanden ist, als er Geld hatte, Sie Schwindler!" Wachs klagte deshalb gegen Ochs wegen Ehrenbeleidigung und vorgestern fand vor dem Bczirksrichter Dr. Wagner auf der Landstraße die Verhandlung statt. Der durch seinen Bruder Dr. Hugo Ochs verteidigte Angeklagte erklärte, Herr Wachs nehme die Mildtätigkeit der. Geschäftsleute in der Großmarkthalle oft in Anspruch und habe ihn wiederholt augeschnorrt. Man warnte ihn eines Tages vor ihm und erzählte die Geschichte von dem auferstandene» Toten. Er stellte nun Wachs zur Rede, worauf ihm dieser folgende Anekdote erzählte: Im fernen Osten Galiziens lebte ein armer Mann, der die Milde seiner Ortsgenossen erschöpft hatte. Eines Tages gelang cS ihm, dem Rabbinerunter der Vorgabe, sein Weib sei ihm gestorben, zu einer Gabe zu bewegen. Der Seelsorger schickte aber auch pflichtgemäß die Totengräber in das Haus der Beschenkten Diese fanden das Weib, das sie begraben sollten, in froher Familienrunde beim Schmaus. Der Gatte beschwichtigte die frommen Brüder: „Geht ruhig nach Haus. Ob Ihr sie heute hinaustragt oder ein andermal, sie entgeht Euch ja doch nicht!" Dann ging der weise Bettler zum Rabbi und fragte: „Ist cs eine Sünde, wenn man jemand durch eine List zum Wohltun verleitet?" — „Eine Sünde?" erwiderte der Rabbi, „es ist selbst ein Wohltun!" — „Nun also," sprach nun der Schlaue, „in solcher Weise habe auch ich Dich zum Wohltun verleitet." „Was wollen Sie von mir, Herr Ochs," schloß Wachs seine Erzählung, „ich bin ein armer Manu und Hab' Kinder." Ochs führte zum Wahrheits-, beziehungsweise Wahrscheinlichkeitsbeweis für den inkriminierten Vorwurf eine Reihe von Zeugen. Richter (zum Kläger): Was sind Sie? — Kläger: Kaufmann. — Richter: Womit handeln Sie? — Kläger: Mit alten Kleider und Bleistiften. Richter (zum Zeugen Jakob K l i g l e r): Woher kennen Sie den Kläger. — Zeuge: Von seinem Geschäft! — Richter: Was ist das für ein Geschäft? — Zeuge: Schnorren! (Heiterkeit.) Er ist mit einer schwarzen Brille wie ein blinder Krüppel zu mir gekommen und hat gebeten, eine Kollekte einzuleiteu. Kläger: Die Brille brauche ich gegen die scharfe Sonne! — Zeuge: Es war ja Winter! — Kläger: Also habe ich^ sie gegen den Schnee gebraucht! — Richter: sie brauchen in der Markthalle Glctschcrbrillcn? (Heiterkeit.) Ein anderer Zeuge deponiert, er habe Wachs im Kaffeehause beim Kartenspiel gesehen. Da sei dessen Gattin mit drei Kindern gekommen und habe den einen Jungen zum Vater um -20 Heller hineingeschickt. — Richter: Hat er dem Kind Geld gegeben? — Zeuge: Das weiß ich nicht. Es kommt darauf an, ob er damals gerade gewonnen oder verloren hat. Die Verhandlung endete schließlich mit der F r e is P r e ch u n g des Angeklagten. Kunst und Literatur. Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft. B. V. — Verlag I. Kausfmann, Frankfurt a. M. — Preis 12 JL Dieser umfangreiche Band bietet eine Fülle von lehrreichen und interessanten 'Abhandlungen über die verschiedenen Gebiete der Wissenschaft des Judentums. In einein größeren Aufsatz behandelt Dr. I. U l l m a n n - Antwerpen die „Geschichte d e r spanisch-portugiesischen Inden in Am st e r d a m im XVII. I ah rh u n d er t". Nachdem er in seiner Einleitung den Zustand der Inden in Spanien und Portugal in den letzten Jahrhunderten vor der grausamen Vertreibung kurz gestreift hat, schildert er uns eingehender die Lage der in Spanien und Portugal nach der Vertreibung, zurückgebliebenen Marranen, ihre Leiden und ihre Versuche, die sie machten, um aus dem blutgetränkten Lande zu entkonimen, bis viele von ihnen nach allerlei Gefahren schließlich ein Ruheplätzchen in' der weiten Welt, vornehmlich in den Niederlanden, fanden. Dann bespricht der Verfasser ausführlich die erste Niederlassung einiger Marranen in 'Amsterdam und die Begründung der jüdischen Gemeinde daselbst, die äußeren und inneren Kämpfe, die die junge Gemeinde zu bestehen hatte, bis sie eine'' hohe Blüte erreichte und zu einer der angesehensten Genieinden der Jndenheit sich heranbildete, die schweren Gesahren, die ihr durch das Auftreten Gabriel da Costas, besonders aber Spinozas drohten, und schließlich die Verwirrung, die durch die S a b b a t a i - Z e w i - Affäre auch in der 'Amsterdamer Gemeinde entstanden war. Eine sehr interessante Arbeit ist die Abhandlung: „D e ntsch e E iuw and er un g e n in polnische G h e t t i" von Rabb. Dr. L e w i n - Kempen, von der in dem uns vorliegenden Bande oas zweite Kapitel erschienen ist. An der Hand eines reichen Schatzes von Doknnienteu wird uns der ununterbrochene Wanderzug gezeigt, der vom Westen nach Osten seit der Mitte des Mittelalters bis zu den letzten Jahrhunderten hinzieht. Wir begegnen hier einer Unmasse von wohlbekannten Namen, die uns aus dem K>-eise der russischen und polnischen Rabbinen und Gemeindevorsteher entgegenlenchten, deren Ursprung aber von Städten, Städtchen und Dörfern Deutschlands herrührt. Die Greucltaten und Schrecknisse des christlichen Mittelalters peitschten große Massen der westeuropäischen Judenheit über die östlichen Grenzen. Die Namen vieler dieser unglücllichen Flüchtlinge schmückten später die berühmtesten Familien, deren Häupter als hoch angesehene Rabbinen, verdienstvolle Parnassjm oder sonstige hervorragende Persönlichkeiten die Zierde der großen Gemeinden Rußlands und Polens bildeten. Diese lange Reihe von deutschen Namen unter den russisch - polnischen Familien zeigt uns wieder einmal klar und deutlich, wie lächerlich es ist von der Klassifizierung in „ö st l i ch e" und „w e st - l i ch c" Juden zu sprechen, ebenso wie cs unmöglich wäre, die Wellen und Wogen des brausenden Meeres in Gruppen zu scheiden. Es ist eben ein Wallen und Treiben in der jüdischen Geschichte. — Außer der genealogischen Forschungen enthält die Abhandlung des Herrn Rabb. Dr. Lewin eine Fülle von „bibliographischen und geschichtlichen Tatsachen Man' merkt, daß der Verfasser dieser seiner 'Arbeit viel Mühe und Fleiß gewidmet hat. Unbedeutende Fehler sind ihm jedoch hier und da unterlaufen. So soll es S. 125 anstatt Rossteny wohl Rosin o i heißen, da der Stammvater der Familie S a ck h e i ni, der Märtyrer R. Israel, m. W. ans dieser letzteren Stadt stammte. Hochinteressant ist es auch, den langen Stammbaum der Familie Spiro zu verfolgen, deren Wiege in Speyer gestanden haben soll, die eine große Liste von ruhmreichen Rabbinen auszuweisen hat, von der talmndischen und kabbalistischen Größe R. Nathan Spiro ab, der als Rabbiner in Krakau 1635 starb, bis zur Leuchte seiner Zeit R. A r j e L ö b S ch a p i r o, der Rabbiner zu Smorgon, Kalwarya und K o w n o war und dem 'Anfang des 19. Jahrhunderts (nicht des 18.!) angehörte. Ein Enkel des letzteren, R. C h a i m Jacob S ch a P i r o, starb vor kurzem in Jernsaleni in der Würde eines Ab-Bcth-Din, welches Amt er etwa 20 Jahre bekleidete. In seiner Skizze: „Zur politischen Geschichte der Inden Palästinas im dritten und vierten nachchristlichen Jahrhundert" schildert Dr. M. A n e r b a ch die soziale, politische und rechtliche Lage der Juden unter der römischen Herrschaft während der Wirren im römischen Reich und kurz vor der Auflösung desselben. Sogar in den schlimmsten Zeiten haben die Juden unter der römischen Herrschaft ihrer Bürgerrechte als vor dem Gesetze gleichgestellte Glieder des Staates sich erfreuen können, abgesehen von zeitweiligen Beschränkungen und vorübergehenden Bedrückungen. Erst durch die allmähliche und stete Ausbreitung und Machtentfaltung des Christentums als Staatsfaktor und das Verschwinden des römischen Reiches und somit auch des römischen Rechtswesens beginnt die prinzipielle und systematische Entrechtung und Knechtung der Juden. Auf Grund archivalischer Quellen liefert Dr. I. Landsberg -Posen eine Ergänzung „Zur Biographie des R. B " r u ch Wese l", des ersten schlesischen Landrabbiners, die uns die Geschicke und Kämpfe dieses nierkwürdigen Mannes schildert, wobei wir zugleich manches aus der Geschichte der Juden in Schlesien erfahren. . Rabb. Dr. S. Stein in seinem Aufsatz: „D i e Behandlung des Problems der Notlüge im Talmud" bespricht diese schwierige Frage, die einem jeden einmal oder mehrmals auf seinem Wege im Leben begegnen muß, und -betrachtet sie vom Standpunkte der jüdischen ethischen Weltanschauung aus. Obwohl der Talmud, wie es aus unzähligen Stellen desselben hervorgeht, die Forderung des absoluten, vorbehaltlosen Wahrheitsprinzips äußert und die Tugend der Wahrhaftigkeit sehr hoch einschätzt, sodaß er den Grundsatz aufstellt: „Chaussomau schel hakodausch boruch huemeß (Das Siegel des Heiligen, gelobt sei er, ist die Wahrheit)" so läßt er doch als Gesetzbuch des Lebens in besonderen Fällen die Lüge, wenn sie eiuenl durchaus edlen Zwecke, wie bei Erhaltung des Friedens innerhalb der Familie, oder als Schutzmittel bei einer drohenden Lebensgefahr, bedingungsweise zu, und somit stellt sich der Talmud auf den Standpunkt' der vernünftigen, teleologischen Ethik, im Gegensatz zu der rigorose», wirklichkeitsresignierenden formalen Ethik, nach der man „selbst zur Errettung der Menschheit" die Wahrheit nicht verletzen darf. — In seinen „Be m e r k u n g e n z n r G e s ch ich te des S y n e d r i o n" polemisiert Rektor Dr. Hoffm a n »- Berlin gegen I. Halevy, den Verfasser des berülnnt gewordenen Buches „Doroth harischonim", über die vielumstrittene Frage, zu welcher Zeit das große Sanhedrin aufgelöst worden sei. Gegen die Meinung Halcvhs, der in der Mischna in Jota 18 eine feste Stütze zu finden glaubt, das synedrion sei bereits im Jahre 57 v. der gewöhnlichen Zeitrechnung durch den römischen Feldherrn Gnbinius zertrümmert worden, führt Rektor Hoffmann einige Beweise an, die die Annahme Halevys widerlegen sollen, die aber ihrerseits in der Nachbemerkung der Redaktion, und zwar manche sehr einleuchtend, entkräftet werde». — Rabb. Dr. Bondi - Mainz versucht in seinem Aufsatz: „Simon der Gerecht e" mit viel Erfolg nach dem „Doroth harischonim" zu beweisen, daß der Hohepriester Simon b e n I o ch a n a n» der wegen seiner großen Verdienste um sein Volk den Ehrennamen „der Gerechte" führt, nicht Simon der Zweite, der kurz vor dem Aufstand der Makkabäer gelebt hat, ist, wie es merkwürdigerweise die meisten Historiker irrtümlich annehmen, sondern dessen Großvater, Simon der Erste, der Neffe des Hohcpriesters Jaddua, der zurzeit 'Alexanders des Großen gelebt und gewirkt hat. 'Nur ist cs nicht klar, warum es, nach der Behauptung des Verfassers, gerade Simon sein muß, der doch damals ei» junger Mann war, der 'Alexander bei dessen Besuch in Jerusalem entgegenging, und nicht vielmehr sein Onkel Jaddua, der doch zu jener Zeit Hohepriester war. Der daraufsolgende Artikel ist eine Uebersetznng der geographischen Studie: „Die Grenzen des O st j a r d e n l a n d e s bei der Besetzung durch die aus Babel „heimkehrenden Exulanten" aus dem Hebräischen von Geometer I. G o k d - hör ans Rosch-Pinna. Der überaus interessanten Studie ist auch eine Kartenskizze des Ostjordanlandes beigefügt, nach welcher wir die Ausdehnung des jüdischen Besitzes zur Zeit des zweiten Tempels verfolgen, soweit man dies nach den verschiedenen Talmndstellen und Midraschim scststellen kann. — „Zur Biographie des Chacham Isaak Bernays" von Klausrabbiner E. Dnckeß- 'Altona gibt uns ein ergänzendes Lebensbild vom hervorragenden Haniburger Rabbiner, von seinem segensreichen Schaffen und Wirken und seinen Kämpfen gegen die damals um sich greifende Reform. — In ,Lu den Papyrussunden.in Elep haut ine" bespricht Professor I. Barth-Berlin die letzten asshriologischen Ausgrabungen, die im Berliner Aknsenm ansbewahrt sind und die uns interessante 'Aufschlüsse geben über historische Ereignisse aus dem Leben der Juden in Egypten und zur Klärung vieler Zweifel beigetragen haben. — Dann folgen die Einleitungen zu: „Joseph Karos Kommentar zum Buche I o s u a" von Rabb. Dr. E p p e n st e i u - Briefen, „U n t e rsuchnngen zum Siddur des Gaon R Amrain" von Professor Alexander Marx- Newyork und „Sefer Bossor al gäbe Ges ch o H m" von Professor Dr. A. S u l z b a ch, zu den Texten, die im hebräischen Anhang des Jahrbuchs im Original abgedruckt sind. — Auch die Miszellen bringen uns einige lesenswerte Betrachtungen. Alles in alleni t|'t_ dieser Band ein inhaltsreiches Buch, das der einschlägigen Literatur Wesentliches bejgetragen hat und dem lesenden Publikum durchaus warn: empfohlen werden kann. L. S „iYur bohir" (Helles Licht) — eine Abhandlung über manche Reinheitsgefetze — von M. S. Glasner, Rabbiner zu Klausenbnrg in Ungarn, Diese kleine Schrift ist, wie der Verfasser in seiner Vorrede ausführlich berichtet, dadurch entstanden,. daß die Chafsidim und Frömmler seiner Gemeinde gegen die neu errichtete Mikwo, die auf das mühevolle Verwenden des Verfassers anstelle der alten, eingestürzten und versumpften nach der modernsten Baukunst mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet wurde, große Bedenken trugen und, gestützt auf die Meinung ihres „Rebbe", der sie in ihrem Mißtrauen gegen die Kaschruß der modernen Mikwo bestärkte, dieselbe boykottierten. — Durch eine scharfsinnige Polemik, zu der der Verfasser alle diejenigen Stellen der rabbinischen Literatur, die diesbezügliche Erörterungen enthalten, heranzog, gelang es ihm, sein modernes Gemeindewerk in Helles Licht zu stellen, wozu er auch die gutheißende Zustimmung berühmter Rabbiner erhielt, wie aus den der Schrift beigefügten Gutachten zu ersehen ist. Das Merkchen liefert einen interessanten Beitrag zu Kulturbildern aus dem chassidischen Leben.