Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-04-23 · Heft 15 (23.4.1909) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 15 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692629--04652-2699485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2;> Die Sache ist folgende: In einem Jnter- % View mit dem bekamrtcn Zionisten Norman B e n t w i ch, das „Jewish Chronicle" mitteilte, r antwortete dieser auf die Frage: „Fühlen die Kionistijchen Studenten, daß sie sich vollständig mit t der englischen Nation identifizieren können?", daß dies für sic als Juden nicht möglich ist. „Sie < können in ihrem Denken nicht so ganz Engländer sein, wie diejenigen, die von englischen i Eltern geboren sind und die von Vorfahren abstaimnen, die ihr Blut mit anderen Englän- . der» seit Generationen vernrischt haben. J Es hat keine» Zweck, diese Tatsache zu verhcim- | lichen. Mir scheint es unmöglich zu sein, die | Religion von der Nationalität im Judentum zu 1 trennen." ]. Darob nun der Protest der jüdischen Geld- \ Magnaten Englands! | Man vergegenwärtige sich einmal, wie die j. Antwort ausgefallen wäre, wenn jemand an einen!' böhmischen Tschechen oder galizischen Polen die jr Frage gerichtet hätte: „Fühlen die tefchechischen s oder die polnischen Studenten, daß sie sich voll- 1 ständig mit der deutschen Nation identifizieren können?" Daß diese Völker auf ihrer Scholle | eine kompakte Mehrheit bilden, ist belanglos, denn auch z. B. der russische Armenier' würde eine s folge Frage mit Eirtrüstung von sich weisen. :f „Wir erfüllen voll und ganz unsere Pflichten als ' russische Bürger, und als solche sind wir treue ö Untertanen Rußlands. Dies-allein muß dem russi- | ■ scheu Staate und der russischen Nation als gc- ■jnügendes Unterpfand für unsere Loyalität dienen. 3 ~ Dies allein muß ihnen nach allen Richtungen hin fl. genügen, mehr aber haben sie nicht von uns zu vcr- :> langen," ungefähr so würde die Antwort lauten. 1 Nur nach Meinung unserer jüdischen Ober- Patrioten müssen alle Bürger, die ji. Rechte innerhalb einer Nation beanw jpruchen, sich mit der betreffenden » Nation gänzlich identifizieren kön- £ nen, sodaß sie in ihrem Denken und j-' Fühlen ganz die betreffende Nation | sind. Können sie sich also nicht ganz identifi-!r zieren, so haben sic keinen Anspruch auf Gleich- "f bcrechtigung! Ergo sind sie rechtlos, d. h. vogclfrei: Also die Polen, Tschechen, Armenier usw. IInnssseu ganz deutsch, ganz russisch sein können; M — können sie cs nicht, so sind sie vogelfrci und dürfen nach Belieben massakriert, pogromiert werden. Rußland hat ja davon Gebrauch gemacht. , %■■■ Nun ist es möglich, daß die Herren Protestj{ ler nur über ihre eigene Nation so denken, nicht i aber die anderen Nationen, — und das schon ■ deshalb nicht, weil Tschechen, Polen usw. niemals auf den Gedanken kommen, ihre Nationalität, um materiellen Vorteil cinzuhcimsen, zu verschachern und sich zu einer Konfession zu 'istempeln. Tschechen, Polen usw. fühlen sich als 1; Nationalität und betätigen sich trotz ihrer Minr derheir innerhalb der Majoritäten, in deren Mitte ' sie leben. Desgleichen alle Minoritäten, sic mögen iroch so klein sein, sie nwgen erst von gestern auf heute ihr Dasein führen, sie mögen unbe- ];r schriebene Blätter sein, die noch gar keine Kul- - turwertr hervorgebracht haben; — alle sind als s s besondere Nationalitäten existenzberechtigt. Nur : wir Juden, die wir ein Dasein von mehreren Jahrtausenden führen und große, ja unmdlich schätzbare Kukturwerte, die Bände von unserer Eigenart, Individualität, geistigen Stärke- und - Ueberlegenheit sprechen, der Welt gegeben haben, sollen kein Recht auf die Existenz unserer Natio- | nalität besitzen dürfen! 5 Und weshalb nicht? Etwa deshalb, weil eine > Anzahl Streber aus unserer Mitte das Judentum, ' das das Merkmal des Natioiurlen an allen seinen Gliedern trägt, als pure Konfession hinstellcn \ und dem jüdischen Volke seinen Willen zur nationalen Existenz absprechen?! Jahrtausende hindurch gingen wir unsere eignen Wege: Wir richteten unsere Blicke auf einen einzigen Gott aller Tugenden, während alle anderen auf unzählige Götter der Untugend ge- - Wißt und sie angebetet haben. Wir waren Feuer - und Flamme für die Freiheit und verabscheuten Frankfurter FsmelitWes FamüitzMatt. jede Sklaverei, während die anderen tief in der Knechtschaft versunken waren und sich dabei recht wohl fühlten. Wir traten für Recht und Gerechtigkeit, für gleiches Recht für alle ein, während die anderen nur Gewalt und vollste Entrechtung übten und noch üben. Wir .... doch wozu das Aufzählen, wir sind keine Slowaken, wir sind Juden, und Judas Geschichte liegt vor aller Welt offen. Also wir haben stets anders wie die andern gedacht, und für diese unsere besonders geartete Denkweise gingen wir freiwillig in den Flammentod, ertrugen die qualvollsten Martern, erduldeten und erdulden noch bis heutigen Tag Pogrome aller Art. — Da sollen wir mit einem Male einigen Sirs oder Kommerzienräten zuliebe unsere gesonderte Denkweise aufgeben! wir sollen ganz wie die anderen, die hooliganen Russen inklusive, denken! Freilich sind auch in der Mitte der anderen obenerwähnten Nationalitäten Streber aus der Mitte der sogenannten besseren Stände, die des Vorteils wegen die Rechte ihrer Nation zu veräußern bereit sind; allein sic wagen aus Furcht vor einem Volksgericht nicht, mit ihren verräterischen Intentionen hervorzutretcn. Nur bei uns Juden darf ein jeder seinen Verrat an die große Glücke hängen . . . und bisweilen werden sogar die Verräter dekoriert .... Doch der Tag der Abrechnuirg kommt! —n. Ans den Geschehniffeir des Tages. Es kann nicht scharf und nicht häufig genug auf die unverzeihliche Fahrlässigkeit hingrwiesen werden, deren sich die leitenden zionistischen Kreise schuldig machen, indem sie nicht auf eine Betonung der jüdischen Werte und deren Förderung bedacht sind. Nach j a h r c l a n g e r A r b e i t st e h c n wir hinsichtlich der Aufnahme der jüdischen Werte inner halb der zionistischen Masse immer noch im Anfangsstadium; es ist überall meist geblieben, wie es vorher war, — und wo die Verbindung mit der Ideenwelt des jüdischen Volkes geschwunden war, hat der Beitritt zur zionistischen Bewegung nicht die einfache Konsequenz dieses Beitritts bewirkt, daß die Verbindung wieder anzuglicdern gesucht wurde. In den ersten Jahren beanspruchte die Organisierung der zion. Bewegung die ganze Tätigkeit, dann fesselte die Frage, ob auch ein anderes Land als Palästina für die Errettung des jüdischen Volkes aus dem gewaltigen Auflösungsprozesse, in dem es sich befindet, in Betracht kommen könne, das gesamte Interesse, — doch nachdem diese Frage zu Gunsten Palästinas erledigt war, hätte an die jüdische Erziehung der zio». Massen hcrangetreten werden müssen, — und das ist nicht geschehen! Und so kam es denn, daß die Neugestaltung der Dinge in der Türkei die Zionisten ganz unvorbereitet traf, denn nicht ein nebelhaftes, sondern nur ein bewußtes Judentum konnte der zion. Masse jene große Summe lebendigen Interesses und glühender, opferwilliger Begeisterung gebe», die ein solcher Moment wie der gegenwärtige erheischt. Und so machen sich des ferneren innerhalb der zionistischen Bewegung noch fortwährend Erscheinungen geltend, gegen die sich sogar Assimilanten auflehnen. Erst jüngst hatten wir die traurige Pflicht, uns mit der öffentlichen Sabbatverhöhnung einer Wiener jüd.-nationalen Studentenverbindung zu beschäftigen, und heute müssen wir schon wieder von einer derartigen, Tradition, Recht und Sitte des jüdischen Volkes mit den Füßen tretenden Handlungsweise berichten. Wie nämlich „Blochs Oesterr. Wochenschrift" mitteilt, haben die Obmänner der Wiener zion. Verbindungen — mit Herrn Sudan Brunner, Mitredakteur der „Jüd. Zeitung", des offiziellen zion. Organs an der Spitze — eine Trauerfeier zu Ehren der Märzgefallenen am Freitag Abend und eine Fahrt nach dem jüdischen Zcntralfriedhofe am Samstag Morgen veranstaltet und Kränze der jüd. Studentenschaft niedergelegt. „Blochs Oesterr. Wochenschrift" ist weder zionistisch noch orthodox; — ist es da nicht traurig, daß die Zionisten folgende Strafpredigt über sich ergehen lassen müssen: „Wir wissen nicht, was unjüdischer ist, jüdischem Einpsinden und jüdischer Tradition mehr zuwider: die Trauerfeier am Freitag Abend, eine Fahrt nach dem Zentralsriedhof am Samstag Vormittag oder die feierliche Ueberbringung der 5kränze für die Gräber! Man darf kühn behaupten, seit dem Bestände des jüdischen Volkes haben in seiner Mitte am Samstag keine Friedhof- und Gräberbesuche stattgefunden. Und diese blöde Nachäfferei fremder, arischer Sitten und Bräuche, diese, abstruse Ausgeburt eines unwissen- Rr. 15. den krassen Assimilantentums wird in Wien als „Zionismus" verschleißt"? — — Die ziom Be wegung wird über die gegenwärtige kritische Situation hinwegkommen; sie wird darüber hinwegkommen, weil ihren leitenden Persönlichkeiten endlich klar werden muß, daß ein ringendes Volk nur durch eiserne Treue zu seiner Tradition und glühende Begeisterung für seine Sprache und Geschichte sich durchringt. — Anders aber jene Be st rebungen, die darauf hinauslaufen, durch Ncuschöpsungen auf dem Gebiete des jüd. Gemeindelebens Leben aus Trümmern zu erwecken! Auf dieser Grundlage sind alle Anstrengungen vergeh- . lich, denn es fehlt ihnen die durchschlagende Kraft, — und es bleibt am Ende doch immer wieder beim alten. Wir haben das erst - jetzt bei dem gesehen, was bei dem „Entwürfe eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüd. Religionsgemeinschaft in Prenßen" endlich heräusgekommen ist. Und das zeigt uns wieder einmal so recht eindringlich ein Vorgang, der sich in der letzten Repräscntantenversammlung der jüd. Gemeinde in Köln abspielte. Hier hatte ein konservativer Abgeordneter eine Resolution beantragt, an Stelle des bisherigen Dreiklassenwahlsystems daß allgemeine gleiche Wahlrecht einzuführen, worauf ihm der Führer der liberalen (!) Majorität erwiderte, daß die Liberalen (!) die Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts nicht wünschen, da dadurch die Leute, die höhere geldliche Beiträge leisten, an die Wand gedrückt würden und woraus sodann mit den 8 liberalen gegen die 5 konservativen Stimmen über die Resolution zur Tagesordnung übergegangen wurde. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die soeben erschienenen „Mitteilungen" Nr. 72 voin Deutsch- Israel. Gemeinde!» un de übertreffen an Umfang und Reichhaltigkeit ihres Inhalts die meisten ihrer Vorgängerinnen. Bor allem enthalten sie den Text eines Gesetzentwurfs betreffend die Verfassung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Preußen, wie er aus der zweiten Lesung hervorgegangen ist nnd den einzigen Beratungsgcgenstand des am 16. nnd 17. Mai d. I. zusammentretenden 11. Gemeindetages bilden wird. Der vorangeschickte Bericht des geschäftssührenden Vorsitzenden gibt Aufschluß über die Tätigkeit des Bundes während der seit dem letzte» Gemeindetage verflossenen 4 Jahre. Wir entnehmen daraus folgende Tatsachen: Die Schaffung der Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz bedeutet einen wichtigen Erfolg, der viel Mühe gekostet hat. Innerhalb 3 Jahre ist es gelungen, ein, Terrain zu erwerben und die 105 000 JL betragenden Baukosten, sowie einen kleinen Betriebsfonds zu sammeln. Die seit Oktober voriges Jahres eröffnete Anstalt ist bereits mit 19 Knaben und 15 Mädchen besetzt. Das Gesamtarchiv der Deutschen Juden hat bereits die Archivalien von 192 Gemeinden gesammelt und mit seinen Publikationen begonnen. Das Archiv dient neben seinen wissenschaftlichen Aufgaben auch praktischen Berwaltungszwecken. Die Archivalien bleiben auf Wunsch der Gemeinden deren Eigentum; darum braucht keine Gemeinde Scheu zu tragen, ihm ihre entbehrlichen Akten zu überweisen. Die Fürsorge-Erziehungsanstalten des Bundes für Knaben in Repzin, für Mädchen in Plötzenser weisen eine steigende Frequenz aus allen Teilen des Reiches auf. In Repzin wurden 45 neue Zöglinge, in Plötzensee 27 ausgenommen. Seit der Eröffnung der Anstalt hat Repzin 105, Plötzensee 48 verwahrloste Kinder beherbergt. Die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee fährt fort, ihre segensreiche soziale Mission zu erfüllen: sie hat in den 7 Jahren ihres Bestehens 3152 Insassen beherbergt und den meisten davon zu einer eigenen Existenz verholsen. Zahlreiche Enqueten sind durch das- Büro veranstaltet worden. Die wichtigsten betreffen «e» Religionsunterricht und die durch das neue preußische Schulunterhaltungsgesetz geschaffenen Verhältnisse. Erwähnt seien noch die Rundfragen an die preußischen Staatsanwaltschaften zur Ermittelung der Zahl der zu längerer Gefängnisstrafen verurteilten Juden, diejenige betreffend das Beerdigungswesen, die zur Ausarbeitung einer Normal-Friedhofsordnung geführt hat, die Zu- sammenstellung der von sämtlichen Institutionen zur Beförderung des Handwerks, des Ackerbaus. und der technischen Gewerbe unter den Judyk , Deutschlands prästierten Leistungen, über «ergebung von Synagogenplätzen, über Ablösung «er Kasualgebühren an die Herren Rabbiner. ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.