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Neue jüdische Presse · 1909-04-23 · Heft 15 (23.4.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 15 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3frnrlitifdirs fnnriliritilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Aöonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2— HedaKttorr und Hefchäftsstelre: Srankfarr a. n?., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße G-refo» 10507. -r-W-rsraitKgsber: Kalg! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. I____. ... 1 . 7. Jahrgang. Freitag, den 2. Ijar 5669 (23. April 1909). Nr. 15. % -"L I 3 'm .-1 Inhalt »es HausttblalteS. Artikel: Verlorengeglaubte und wieder» getzrndene Reste unseres Volkes. — Nichts gelernt und nichts vergessen. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Wo ch en -Kalender. — Familien-Nachrichten. Verlorengeglaubte und wiedergefundene Reste unseres Volkes. Bon Dr. Sigmund Iampel, Karlsruhe. II. Die vor zwei Jahren in den Ruinen der südägyptischen Nilinselstadt Elephantine von der deutschen Expedition gefundenen jüdischen Inschriften stellen — im Gegensatz zu dem in dem gegenüber liegenden Assuan englischerseits gemachten Jnschriftenfund, der, wie wir in der vorigen Nummer gesehen haben, ein Familienarchiv repräsentiert — den Bruchteil eines jüdischen Gemeindearchivs dar. Der Inhalt dieser unschätzbaren amtlichen Dokumente, welche in so ungeahnter Weise eine empfindliche Lücke der biblischen Geschichte äusfüllen und die, wenn sic zur Zeit der Kanonisierung der biblischen Bücher in Jerusalem bekannt gewesen wären, sicherlich in der Bibel Aufnahme gefunden hätten/ ist im kurzen folgeirder: Die Aegypter haben das Joch der persischen Regierung mit sehr großer Ungeduld getragen, wie ja die zahlreichen Aufstände, von denen uns die Geschichte berichtet, davon ■ deutliche Kunde geben. Die Juden dagegen — und zwar nicht nur die im persischen Söldnerdienste stehenden, sondern auch die Freien, — waren der wohlwollenden Persischen Regierung stets in Treue ergeben. Dadurch okt hatten sie sich den Haß der ägyptischen Priester, welche die eigentlichen Leiter der ägyptischen Nationalpolitik waren, in großem Maße zugezogen. Als nun der persische Statthalter Oberägyptens einige Zeit abwesend war, da gelang es den Priestern, die nichtjüdische Bevölkerung Elephantines gegen die dortigen Juden dermaßen aufzuhetzen, daß diese über den großen, schönen Tempel der elephantinischen Judengemeinde herftelen und ihn bis auf den Grund zerstörten. Auch ein ägyptischer Heerführer von Assuan kam mit seinen Soldaten nach Elephantine, um an der Demolierung des Judentempels teilzunehmen. Der jüdischen Bevölkerung selbst, in ihrem Leben und Gut, scheint nichts Böses zugefügt worden zu sein, Schon gleich nach dieser Katastrophe wandten sich die Repräsentanten der elephantinischen Judengemeinde, — da der persische Statthalter Aegyptens abwesend war — an den persischen Satrapen von Jerusalem, namens Bagavs, und baten um seine Genehmigung, den Tempel in Elephantine wieder aufrichten zu dürfen. Gleichzeitig aber wandten sie sich auch' an den Hohenpriester Jochanan zu Jerusalem!, sowie auch an die sonstigen jüdischen Notabeln dortselbst, damit dieselben beim erwähnten Satrapen in dieser Angelegenheit intervenieren. Dieses erste Bittschreibeu — welches allerdings schon vor mehreren Jahren gefunden und nach Europa gebracht wurde, dessen Bedeutung wir aber infolge seines sehr fragmentarischen Charakters erst durch die neuesten Funde erkannt haben — ist ganz erfolglos geblieben; den Grund dieser Erfolglosigkeit werden wir später kennen lernen. Drei Jahre später wiederholte die elephantinische Judengemeinde dieselbe Bitte an denselben jerusalemitischen Satrapen. Wer betreffs der Intervention bei diesem wendet sie sich jetzt nicht mehr au die jüdischen Notabeln Jerusalems, sondern vielmehr an den Pascha der Samaritaner in Samaria, und wirklich hat sie jetzt ihr Ziel erreicht. Unter den gefundenen Inschriften existiert nicht nur diese zwefte Petition, sondern auch die gewünschte Genehmigungsurkunde zum Wiederaufbau des elephantinischen Tempels, und dieses letztere Dokument ist unterschrieben vom Satrapen Bagaos zu Jerusalem und dem Pascha Delajah, dem Sohne Sanbalats, zu Samaria. Das überraschendste und anziehendste Moment in diesen elephantinischen Urkunden ist zweifellos das Vorkommen von Personen, welcheuns aus der Bibel und sonsther bekannt sind. Der in diesen Inschriften genannte Hohepriester Jochanan von Jerusalem, welcher im 12. Kap. des Buches Nehemias zweimal genannt ist, sowie auch der jerusalemitische Satrap Bagaos, an den die elephantinische Petition gerichtet ist, beide sind uns aus einem sehr traurigen Ereignis bekannt. Dieser Hohepriester Jochanan hatte nämlich einen Bruder namens Josua, dem der Satrap Bagaos die Anwartschaft auf das Hohepriesteramt versprochen hatte. Auf diese Zusage des Satrapen gestützt, reizte dieser Josua seinen hohepriesterlichen Bruder derart, daß Jochanan in seiner entbrannten Wut eines Tages im Tempel über ihn herfiel und ihn erstach. Ueber diesen widerwärtigen Vorfall empört und von der Absicht erfüllt, seinen Günstling zu rächen, drang Bagaos in den Tempel ein und legte — als Buße für die Ermordung Josuas — den jerusalemitischen Juden die Abgabe auf, 7 Jahre lang für jedes Opferlamm 50 Drachmen an ihn zu entrichten. Der in diesen elephantinischen Urkunden genannte Samaritaner-Pascha Sanbalat, dessen Sohn Delajah für den Wiederaufbau des elephantinischen Tempels eintritt, ist im Buche Nehemias fast in jedem zweiten Satze genannt. Da die Samaritaner bei der Entstehung des zweiten jüdischen Reiches demselben sich anschließen wollten, von den jüdischen Führern aber schnöde zurückgewiesen wurden, so bestrebten sie sich von nun an, dem Zustandekommen des jüdischen Gemeinwesens in.Jerusalem hindernd in den Weg zu treten, und ganz besonders war der jerusalemitische . -i Tempel die Zielscheibe ihres Hasses. Jahrzehnte -j hindurch hat daher der in diesen Inschriften gej nannte Samariter-Pascha Sanbalat den jerusa- '4 lemitischen Juden die eiternsten Wunden ge- .1 schlagen. Aus diesen Inschriften^ ersehen /j wir erstens, daß der in der Bibel als Samariteri Häuptling auftretende Sanbalat später zum offt- 4s ziellen Pascha von Samaria ernannt wurde, so-» j wie auch, daß der jerusalemitische Satrap Ba« 4 gaos der Nachfolger Nehemias im Amte war. "![ Nun erkennen wir jetzt die Diplomatie und 4. die schlaue Politik der elephantinischen Juden. U Da nämlich die jüdischen Gemeinde-Repräsentaw- .4 teil Jerusalems die elephantinische Petition nicht 4 fördern wollten — höchstwahrscheinlich, weil der 4 Opferkultus außerhalb des jerusalmitischen Zentralheiligtums von der Bibel streng verboten I. ist, — so maitbten sich diese elephantinischen jf Juden in schlauer Berechnung gerade an die grim* 3 migsten Feinde des jerusalmitischen Tempels, nämj lich an die Samarftaner, wissend, daß diese jedes s Konkurrenzunternehmen gegen den Tempel Jernsalems mit allen Mitteln fördern werden. „t Noch erwähnt zu werden verdient, daß 4 dieser Hohepriester Jochanan mit dem Samariter-;j Pascha in verwandtschaftlicher Beziehung stand, Manasse, ein Bruder dieses Hohenpriesters, war der Schwiegersohn des Judenhassers Sanballat, - 4 weshalb ihn Nehemias aus dem Priesterorden « ausstieß. Darauf verließ Manasse das Judentum, 4 ging zu den Samaritanern über, gründete ihnen 4 auf dem Gerisim-Berge einen Tempel, dessen; Reste heute noch gezeigt werden und übermittelte 4 ihnen den Pentateuch und das Buch Josua. Der 4 Pentateuch ist bei ihnen schon im Altertum ins -1 Samaritanische übersetzt worden, und bewahren sie dieses älteste Exemplar mit Recht als eine | kostbare Reliquie. Das Buch Josua dagegen ist \J ihnen schon in alten Zeiten verloren gegangen, deshalb glaubte vor einigen Monaten der Lon- 4 doner Dr. Gaster, es wiedergefunden zu haben. 4 Erwähnt sei auch noch, daß die Geneh- 4 migungsurkunde zum Wiederaufbau des elephan- 4 tinischen Tempels und des Opferaltars, im Gegen- 4 satz zur Petition, welche von Tier-, Raucher-; und Gußopfer spricht, nur die Darbringung der / beiden letzteren Opferarten gestattet; das Tier -4 bleibt mit Rücksicht auf die Aegypter, denen das Tier heilig war, verboten. So repräsentieren diese im Jahre 1907 ge-- -r fundenen jüdischen Inschriften ein.Stück Bibel- - Geschichte im eigentlichsten Sinne d es Wortes. 1 Mögen uns die ferneren Grabungen noch vielfach :j mit solchen Funden beglücken! 4). Nichts gelernt und nichts vergessen. : Unter den jüdischen Geldmagnaten Englands herrscht große Aufregung, eine kleine, doch für i sie bittere Wahrheit hat ihnen den Schreck» in 4 die Glieder gejagt, und aus Angst und Aufrcgj ung haben sie einen Protest in ick Welt hinaus-» geschW. . 3l

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