Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 14 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Fvankfurter MraeütiWeS Familienblait. Nr. 14. Doch allmählich, ganz allmählich wandelte sich der wilde, nagende Schmerz in sanfte Trauer, in innige Ergebung in den Ratschluß des Höchsten. — Tirza versuchte wieder zu lächeln wie ehedem, wenn sie dem Vater kleine Handreichungen leistete. Und als sie gewahrte, daß ihr Lächeln die Falten von seiner Stirn scheuchte, da bemühte sic sich um seinetwillen, wieder heiter zu sein. Noch vor Ablauf des Trauerjahres hatte Tirza ihren jugendsrischen Lebensmut wieder gefunden, und auch Rabbi Jizchaks Haltung war wieder elastisch geworden. Des letzten Wunsches der Dahingeschiedenen gedachte der Rabbi wie eines Wunsches, dessen Verwirklichung in weiter Ferne liegt. Ein Mädchen zu ehelichen, ohne über deren Eltern das Geringste zu wissen, das hätte Rabbi Jizchak nimmer getan, auch wenn sein Herz in leidenschaftlicher Liebe für sie entbrannt tväre. Das >var aber bisher nicht der Fall gewesen, so teuer Tirza ihm von jeher gewesen; seine Gefühle ihr gegenüber waren rein väterlicher Natur, wenigstens war er selbst davon überzeugt gewesen. Erst in dieser Stunde hatte er seine» Irrtum erkauut; erst die Mitteilungen der Gräfin, erst die Furcht, daß sie ihm ihre Tochter entreiße» könne, hatte ihm die Augen .über sich selbst geöffnet. In jenem Moment hatte er wieder jenen wilden, brennenden Schmerz empfunden wie an jenem Tage, an dem er zuerst erkannt hatte, daß seine Leah ihm werde entrissen werden. Wie hatte sein Herz so stürmisch gepocht, wie hatte jede Fiber an ihm gezuckt! Jetzt erst war es ihm klar geworden, daß er für sei» liebreizendes Mädchen jenes Gefühl empfand, wie es der Mann nur für sein über alles geliebtes Weib empfindet Unwillkürlich blieb er stehen und schaute empor zu dem jetzt fternbesäetcn Himmel, und plötzlich überkam ihn ein unsägliches Wonnegefühl. „Leah!" flüsterte er, „Leah — das verdanke ich dir, deiner Fürbitte." — Denn jetzt war es ihm plötzlich klar geworden, daß durch jene Mitteilung der Gräfin, die ihn im ersten Moment so mächtig erschüttert hatte, das einzige Hindernis verscheucht worden war, das seiner ehelichen Verbindung mit Tirza entgegengestanoen wäre. Denn wenn es ihm auch keineswegs gleichgiltig >var, das; das Mädchen, das er bereits fest entschlossen, zu seiner Gattin zu machen, einem nichtjüdischen sittenlosen Geschlecht entsprossen, so minderte diese Tatsache weder seine glühende Liebe noch sein inniges Vertrauen zu ihr, — hatte doch seine Leah sie erzogen, kannte er doch jede Regung ihres reine», unschnldvollcn Herzens. — Wie eine Fata Morgan« sah er's plötzlich vor sich, ein wonnevolles Zukunstsbild — er sah sein Haus von neuem erbaut u>ch — „Träumer!" schalt er sich selbst, indem er, glücklich lächelnd, sich mit der Hand über die Stirn fuhr. Raschen Schrittes fegte er feinen Weg fort und hatte sehr bald seine Wohnung erreicht. Roch bevor er an die Haustür geklopft hatte, ward dieselbe von Innen geöffnet, Tirza hatte seinen Schritt erkannt und war mit einem brennenden Kinnspan hinausgecilt, den Riegel, durch den die Tür von innen geschlossen war, zurückzuschieben. „Was sind das für Sachen," schalt Rabbi Jizchak, indem er sich zwang, die Stirn in Falten zu ziehen, „mußt Du Pförtnerin sein? Ist denn Schmul nicht da und ■ Riwkah?" „Du kamst so spät, lieber Vater," versetzte das junge Mädchen, „der gute alte Schmul ist auf der Ofenbank eingeschlafen, und Riwkah hat nach dem Nachtessen sehen müssen, damit es nicht verdirbt." (Fortsetzung folgt.) Wie -er Palrnbaum Früchte bekam. Eine arabische Sage. Bon S ch l e s i n g e r - S i l c n s k i. Du mächtige, starke, alles besiegende Mutterliebe, du reinstes, erhabenstes Gefühl, das Hohe und Niedere gleich beseeligt, du allein warst es, die Sarah zu Abraham die harten Worte sprechen ließ: „Treibe diese Magd ans mit ihrem Sohne." Denn es sah Sarah, daß der Sohn der mizrischen Magd Hagar „Mutwillen" trieb. Nicht wollte Sarah, daß ihr Kind, dem sic die höchsten Wahrheiten, die göttlichen Tugenden, die lauterste Sittlichkeit ins Herz schrieb, der Jugend- und Spielgenosse des Sohnes der Eghpterin sei. Denn mit dem geschärften Auge der siebenden Mutter, dem der leiseste Ton, die unscheinbarste Bewegung, die geringfügigste Handlung nicht entgeht, sah sie die ererbten Unsitten der egyptischen Mutter in deren Sohne sich sortpslanzcn. Sie befürchtete, daß der Verkehr Jsaks mit Jschmoel gefährlich werden könne. Bei jedein Schritte, den der. Knabe der niederen Magd tat, erkannte sie de» Einfluß der egyptischen Erziehung. Und die Verachtung der Hebräerin gegen die Vielgötterei war eben so tief, wie hoch sie die Idee an die Einheit des höchsten Wesens erfaßt hatte. Und deshalb sagte Sarah zu Abraham: „Treibe diese Magd aus mit ihrem Sohne." Flüchtend verläßt Hagar die Stätte, die ihr zur zweiten Heimat geworben. Die Magd weicht' dem Willen der Herrin. An ihrer Seite ihr Knabe, die Wegzehrung ein Leib Brot und ein. Schlauch Wasser, so geht sic bangend einem ungewissen Schicksal entgegen. — — — Die Nahrung war bald aufgezehrt. Und geschwächt von dem Wüstcnwcgc, verbrannt von den Strahlen der nie verhüllte» Sonne und schmerzgepeinigt, weil der glühende Sand ihre Füße versengt hatte und jeder Schritt ihr neue Qualen bereitete, brach sie in einem die Wüste nmsäumendeii Palmenhaine müde und kraftlos, hungernd und dürstend zusammen. Ihr Auge erspähte keine menschliche Wohnung, keine Nahrung °— denn die Palme war damals noch fruchtlos —, und ihr Ohr vernahm, wie sehr es auch lauschte, kein Quellengeinnrmel. Der Tod des Verschm achtens stand vor der Seele der unglücklichen Hagar. Da nimmt sie noch ein letztcsuial ihr Kind in den Arm und küßt es mit verzweifelndem Entsagen. Unter einem heißen Tränenstrom legt sie es unter den Baum und setzt sich fernab, denn sie will nicht sehen, wie ihr Kind stirbt. Doch der ewige Vater, der Beschützer der Ermatteten, Kranken und Hilflosen, Er sieht die Tränen der unglücklichen Mutter und erhört das Gebet der gcängstigte» Seele. Denn siehe eine Quelle entspringt dem dürren Boden. Und zwischen den langgestjeltcn Blättern des Palmenbaumes hervor bricht eine keimende Schote und zeigt, zerspringend, der Verzweifelnden die goldene Blütentranbe der Dattel. Die Knospen werden zu Blüten: die Blüten überschütten die staunende Hagar mit ihrem goldenen Samcilstaube, und wo sie abgefallen, schwillt es und wächst es. Schon treten da, Ivo sie geblüht, grüne Früchte hervor. Wenig Augenblicke färben sie purpurn und golden: noch ehe sic cs zu hoffen gewagt, sind die Früchte gereift und saftig und süß geworden und fallen der jauchzenden Hagar in den Schoß, — und nährend und trinkend laben sich Mutter und Sohn. — — — Und so blieb die Palme, die Königin der iBäume. die vom Liede und von der Sage Gekrönte, die Erhalterin und Ernährerin des Arabers, deren herrliche Früchte er „die Erhörnng der hart bedrängten Hagar" nannte. Bunte Chronik. Montaigne — jüdischer Abstammung! Michael Ehquem de Montaigne (1533 —1592), der geistreiche französische Skeptiker und Moralist, war der Sohn der Antoinette de Louppes, die der jüdischen, aus Spanien in das südliche Frankreich cingewanderten Familie Lopäs angehörte. Die neue Strafgesetz-Novelle und das Schächten. In dem Entwurf einer Strafgesetz-Novelle, den das Reichs-Justizamt dem Reichstage vorgelegt hat, heißt es in den Paragraphen über Tierquälerei: Insbesondere kann es bei Festhaltung dieser Merkmale keinen Zweifel unterliegen, daß die Vivisektion und das Schächten nicht unter die Strafvorschrift fallen. Denn der Forscher, der bei dem Tierexperiment im Dienste der Wissenschaft -und des allgemeinen Wohles dem Tiere Qualen bereitet, oder der Strenggläubige, der bei der Befolgung der Schächtvorschriften religiösen Pflichten nachkonimt, kann nicht als boshaft der roh handelnd angesehen werden." . Landgraf und» Pa stör. Eine historische Reminiszenz. Vergleicht man die Streitschriften ans der Resorniationszeit, so wird man zngeben müssen, daß sowohl von protestantischer als auch voil katholischer Seite eine recht kräftige Sprache gebraucht ivnrde. Die Nachfolger Luthers und alle diejenigen, die sich mehr oder minder hcrufen fühlten, sein Werk fortzusetzen, zu stärken und zu befestigen, waren nicht immer in der Wahl ihrer Kamsesmittel zur Ausbreitung der neuen Lehre so zutreffend --- und auch nicht so wirkungsvoll; denn die Leser jener Schriften mußten die Absicht merken, um verstimmt zu werden. Zu diesen theologischen Ergüssen »gehören die Schriften des Pastors Ni grill us. Nigr., Georg, stammte aus Battenberg und starb als.Superintendant zu Alsfeld in Oberhcssen, am 16. Oktober 1602. In Jöchers Gelehrten-Lexikon 1 Seite 1445 werden uns eine Reihe von Schriften genannt, die er gegen .„Papisten, Widertänffer und anderen Ketzer" veröffentlichte. Geradezu gemein ist folgendes Werk: „Inden-Feind, das ist Von den falschen Stücken und Tücken der Jüden so in Teutschland wohne»/ Bon ihrem vnversShnlicheii Haß vnd Feindtschafft so sic wieder die Cristen tragen/ Acuh von jhrer annehmlicheil Dienstbarkeit/ deren sie bcy den Christen also willig vnterwvrfsen seyn/ daß sie auch dieselbige nicht allein mit Geld erkauften/ sondern da man sie wideruinb in jr Land ziehen hiesse/ sie gleichfalls vmb vnib Handhabung bes solcher Dienstbarkeit bittlich ansuchen würden." — Diese Schrift ist nochmals „in Frankfurt a. M. 1605 bei Johann Sauer gedrückt. Sie enthält noch „eine rjchtige Erklärung vnd Widerlegung ihres vermeintlichen Schem-Hamphoras. Beneben einem vorhergehenden außsührlichen Schreiben an alle Jüden in gemein/ beyde männliches und weibliches Geschlechtes/ mit was listigen Practiken sie die Christenheit pflegen zu hindergehen/ vnnd sie in Schimpfs vnd .Schaden zu bringen." In der widerwärtigsten Weise und in roher Sprache donnert nun der Seelenhirt, der seiner jungen evangelischen Gemeinde ein Vorbild von Duldsamkeit und Nächstenliebe sein sollte, gegen einen damals noch sehr unterdrückten Volksstamm und goß somit Oel ins Feuer. Dieses gottlose Treiben entging nicht dein Landgrafen Wilhelm IV., dem Nachfolger Philipp des Großniütigen. In Kopp's .Bruchstücke zur Erläuterung der Deutschen Gerichte und Rechte" — Cassel 1799 — ist nun :in Brief abgedruckt, itt welchem der genannte Landesherr seinen Arnder L u'd w i g auf das gefährliche und verderbliche Treiben seines Beaniten aufmerksam macht. Er schreibt: „Freundlicber lieber Bruder vnnd geuatter, wir haben« das Buchlein, welches Ew. I. Pfarher Zw. Gießen» Nigrimis der Juddenn halben» aufgehen laßen», gelesen». Befinden» daraus das es schlecht werck vnnd schier nichts darin ist, als fabeln» von» denr burchstocheniien Sacramentlichenn brodt vnndt dergleichenn, vni/was darin ist, so ein wenig einen Novum haben mochtte, solches Ist alles von» wortten Zw. wortten aus andern» Anthoribus motuirt. Zudem da auch solche Argumenta, die in bcrurtcm buchlein angetzogen werden, gelten» soltenn; So mußte man keine andere Religions-Verwannthenn ausserhalb:. der Religio» 'derenn die Obrigkeitt Zngethann geduldenn. Sonder» die Papistenn, Calninisten vnnd alle andere Sectenn verdriebenn werden», dauon doch Got der Her ghar kein Gebott hat gegebenir, sondern Ivill eusserliche Polsicey vnd sridtleben bey allen crhaltenn haben, sie sehen gleich welcher Religion sie wollen, darumb Auch S. Paulus spricht, wan sie es also verstehen wolten, das sic die gottlosen solten meiden, so würde er sie heissen aus der Welt geheim usw. Vnnd hettenn also die Papisten eine gute Benientelung, keine andere Religion Inn Jhrenn Landen» als die Papistische, welche sie für wahrhafftig haltenn Zn leydenn, dervhalbenn dan solche propositivres sonderlich aber bei; dießenn Zeittenn Zn ghar vnsrnchtpahr. Dieweil wir nun vernehnien das gedachter E. L. Pfarher Inn vorhabenns sein solle noch mehr bucher vnnd sonderlich gegenn den Nasonem Zuo Jngelstatt.*) Inn druck aufgehenn Zn laßen. So thnn wir E. L. hiermit fr. vndbrüderlich erJnnern, das E. L. gedachten« Nigrino vndersagen lassen, das er sich mit svlchenn Risen Zu kenipffen nicht vnderwinde, dann wir vns besorgenn Ehr scy dem Nasoni vil Zu gering. Zudem vnser gelibtter her vatter gottseliger seine» Theologen nicht gestattet, Widder andere bucher Zn schreiben«, dann daraus konnte leichtlich ein solch gezengk, wie In Sachsen vnnd andern Landern eruolgcn; wolten E. L. aus trewer brüderlicher wokmeinlcng f. nicht Pergen, Dat. Cassel nm 19. February Anno (15) 70. Wilhelm lz. Hessen. Dieser Beweis von Aufklärung und Duldsamkeit wird sicherlich heute noch gern beachtet werden. Cassel. ) L. Horwitz. Kunst und Literatur. Mafieach Hatalmud. Clavis tahnudica sive Encyclopaedia. Anctore Prof. Dr. Michael Guttmann, Budapest, Selbstverlag. Prof. Dr. Guttmann arbeitet rüstig an feinem großen Werke. Es liegen jetzt bereits die ersten fünf Hefte des 1. Bandes vor. Das fünfte wie auch bereits das vierte Heft sind ganz dem Schlagworte Abraham gewidmet, ohne cs zu erschöpfen. Ueber die vorzügliche Art, In der der Verfasser seiner Aufgabe gerecht wird, habe ich in diesen Blättern schon früher gesprochen. Ich will .nur noch einmal den Wunsch ausspreche», daß das Werk recht zahlreiche Subskribenten finde. Der Subskiptivnspreis ist sehr niedrig angesetzt, er beträgt für den 1. Band, der acht Hefte zu je fünf Druckbogen ilnifaßt, 12 Kronen. S. H. L., Prag. Zur Redaktion der Mischna von Dr. Jakob Baßfreund, Oberrabbiner in Trier. Teil I. Berlin 1908. Louis Lamm, Preis 2,50 JL Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, die geistreichen, oft sehr scharfsinnigen Untersuchungen des Verfassers, die durchwegs auf zahlreiche Belege aus Mischna und Talmud sich stützen, einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Ich will nur hervorheben, daß Baßfreund sich mit Frankel, Krochmal, Weiß und Hofsmann — die Arbeiten Halewhs sind ihm noch unbekannt — eingehend anscinandersetzt und im vorliegenden ersten Teile seines Werkes zu folgenden Resultaten gelangt: Die ersten Ansätze der Mischnasammlung sind bis in die Zeit Hillels hincmfzudatieren, denn damals bereits kannte man eine Einteilung .in *) Ueber Na so, Bischof von Brixen, 1534 bis 1590, bei Wetzer u. Welte, Kirchenlexion IX, Seite 32/33.