Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 14 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14. MmGak« UraeMWS FamMeEakt- Seite 3. oder nicht; d h. für de», der die Selbstherrschaft der durch ihre Geldbeutel oder durch ihre soziale Stellung sich Auszeichnenden als Lenker der Gemeinden kennt, daß die Verhältniswahl auf dem Papiere bleibt. So gibt sich nach langen Beratungen juristischgeschulter Persönlichkeiten der Geist des Entwurfes Aus eurer Wett. Deutsches Reich. Berlin. Zu Pfingsten findet hier der IV. Jüdische Turntag statt. Nach den bisher cingelaufenen Anmeldungen werden zahlreiche auswärtige Vereine, z. B. Köln, Posen, Graz, Wien re. rc., ihre Turner und Delegierten entsenden. Die Turnerschaft, welche im Laufe der letzten Jahre einen recht erfreulichen Aufschwung genommen hat, zählt z. Zt. über 3000 Verbandsmitglieder in etwa 25 Vereinen. Mit der Tagung ist gleichzeitig auch die Feier des 10jährigen Bestehens des Iiid. Turnvereins Bar - Kochba - Berlin verbunden, welcher Verein in Bezug ans die Verbreitung des jüd. Turngedankens außerordentliches geleistet hat. Bar- Kochba zählt in 9 verschiede,reu Abteilungen (Männer-, Frauen-, Mädchen-, Knaben- und Lehrlings- Abteilungen) 2—600 Mitglieder. Eine größere Anzahl der Bar-Kochbaner (Damen und Herren) hat, nachdem sie sich die nötige turnerische und praktische Vorbildung allgeeignet, das preußische Turnlehrer- Examen, meistens mit vorzüglichem Erfolge, absolviert. — Die geplanten Veranstaltungen bestehen aus einem Schauturnen in einem der große» Zirkusse, aus v o l k s t ü m l i ch e n U e b u n g e n auf dem Turnplätze des Bar-Kochba im Grunewald und aus Ausflügen nach P o t s d a m und R ii g e n. Auch die Verhandlungen, die auf dem T u r nt a g e gepflogen werden, dürften ein allgemeines Interesse verdienen, da abgesehen von den reinen Organisations- und Administrationssragen vor allem auch die Frage in den. Vordergrund der Tagung gestellt ist, welche sich um die voir dem Hilssverein Deutscher Juden, der Alliance und anderen großen Verbänden für ganz besonders dringlich erachteten jüdischen Erziehungsprobleme im 'Orient dreht. Ein allgemeines Palästina- Referat wird nicht bloß Informationen über die seit Jahresfrist inl Aufblühen begriffenen jüdischen Turnbestrebungen in Palästina bieten, sondern auch wertvolle Fingerzeige geben, wie in Palästina und überhaupt im Orient der jüdischen Erziehung in Schule und Verein durch größere Hervorkehrung des physischen Elementes gedient werden .kann. — Zu Auskünften ist das Zentralbureau der Jüdischen Tnrnerschaft, Berlin, Alexanderstt. 39, 3. Hof, Aufgang B., gern bereit. Stuttgart. Dem soeben hcrausgegebenen zweiten Jahresbericht der Israelit. Religivnsg e s e l l s ch a f t „A d a ß I e s ch n r u n" entnehmen tvir, daß niit dem Berichtsjahre 1908 die Israelitische Religionsgesellschaft das dritte Jahrzehnt ihres Bestehens beschließt. Auch in, abgelaufenen Jahre hat die Gesellschaft die drei Grundpfeiler, die die Basis einer echtjüdischen Gemeinde "sein müssen, nämlich Thorastudium, Gottesdienst und Liebestätigkeit, gepflegt. Die Religionsschule der Gesellschaft wurde von 14 Schülern und Schülerinnen besucht. In den regelmäßigen Talmudvorträgen, welche Herr E. Kaufmann abhielt, wurde Traktat Makkoty beschlossen. Die Einnahmen betrugen 5732 Jk, die Ausgaben 3556 Jk Das Gesamt- Vermögen beträgt für alle Institutionen 12 628 Jk Allenstei«. Die Gebrüder Rentier Joseph und Adolf Krause-Berlin (geborene Osteroder) haben dem hiesigen j ü d i s ch e n A l t e n h e i m die Sunrnie von 24 000 Jk geschenkt. Oesterreich-Uugarrr. Lemberg. Wie auS den Berichten der großen jüdischen Wohltätigkeits-Institutionen bekannt ist, haben dieselben u. a. die Haarnetzindustrie unter der armen jüdischen Bevölkerung Galiziens eingeführt. Diese Industrie ist nun mit einem Schlage zerstört worden! Die Regierung bereitet nämlich auf Veranlassung der Agrarier der Einfuhr des Haar-Rohmaterials große Schwierigkeiten, nrch so hat eine der größten Fabriken mangels Materials die Arbeit einstellen müssen, wodurch an 20 000 Heimarbeiter, meist Juden, brotlos geworden sind. ' Krakau. Seit einiger Zeit werden alle Städtchen und Dörfer des hiesigen Bezirks von einer Flut judenhetzerischerFlugblätter überschwemmt. Dieselben sind von einem „Christlich-sozialen Komitee" unterzeichnet. — Infolge des sich im Erwerbsleben immer stärker bemerkbar machenden Antisemitismus'sehen sich viele Juden zur Auswanderung gezwungen. Es hat den Anschein, daß nach den Pesachtagen die Auswanderung nach Amerika große Dimensionen annimmt. Rußland. Petersburg. Durch Anordnung des zuständige» Gerichthofes ist für die kommende Saison in den kaukasischen Badeorten den Juden derAnsenthalt untersagt worden. Außerdem wuroe den jüdischen Musikanten die Teilnahme iin Kurorchester verboten. Riga. Der Tod des Wiener Hofschauspielers Ritter von S o n n e n t h a l erinnert an ein Erlebnis,!das dieser b e r ii h m t e Scha uspieler in Riga hatte. Sonnenthal trat in den Achtzigerjahren zur Zeit der stärksten Reaktion im Zarenreiche, ein Gastspiel in Rußland an. Als Jude hatte er kein Recht, im heiligen Rußland Aufenthalt zu nehmen, mit Ausnahme der Städte, die den Juden zum ständigen Aufenthalt angewiesen sind.' Riga gehört aber zu den für den Aufenthalt von Juden verbotenen Städten. Svnnenthal eröffuete sein russisches Gastspiel in Rußland in Riga. Kaum war der Künstler in Riga eingetrossen, als die russische Polizei in seinem Abstcigqnarticr erschien und eine Answeisungsordre überreichte. Die Bemühungen der Theaterdirektion und anderer Persönlichkeiten, die Polizei zur Rücknahme des.Ausweisungsbefehles zu bewege», blieben erfolglos, und Sonnenthal packte schon die Koffer, um das unfrenudliche Rußland zu verlassen. Aber in zwölfter Stunde traf aus Petersburg die Erlaubnis zur Äb> solvieruug des Gastspieles Svnnenthals ein. Der damalige österreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg, der von der bevorstehenden Ausweisung des Künstlers unterrichtet Irurde, hatte diese Erlaubnis erwirkt. A«S den Vereinen. Berlin. Die »Vereinigung jüdischer A k a d e m i k e r" (im Bund jüdischer Akademiker), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Zusammenschluß der g e s e tz e s t r e u e n Studenten zu fördern und sic zu bewußten Juden heranzubilden, entfaltete auch im verflossenen Winter- Semester eine rege Tätigkeit. Wenn auch der geschäftliche Teil in diesem Semester wegen des ersten Bundestages besonders viel Zeit in Anspruch nahm, so wurde doch die wissenschaftliche Arbeit in keiner Weise vernachlässigt. Es fanden 10 wissenschaftliche Abende statt, an denen folgende Vorträge gehalten wurden: „Moderne Zeitströmungen und das Judentum" (Dr. I. Wohlgemuth), „Das Problem Jesch meajin" (Dr. M. Cahn), „Das Austrittsgesetz" (Dr. E. Biberfeld), „Der Verkauf der Erstgeburt, eine moderne Geschichte" (E. Lewh), „Zur Lösung der Judensrage" (cand. med. C. Cohn), W. Wolj's Kommentar zu „Schir haschirim" (stud. phil.' F. Baer), „Gedanken zur Weiterentwicklung der V. I. A. (cand. phil. D. Carlebach), „lieber einen merkwürdigen Fall von Proselytismus kurz vor Zerstörung des 2. Teinpels (Adiabena)" (cand. med. W. Hofmann). Außerdem fanden 2 D'iskussionsabende statt über „Die Stellung der Frau im Judentum" und „Der 10. Tewath". Der für die jüngeren Mitglieder obligatorische Fuxenunterricht wurde von den Herren Dr. M. Cahn und cand. med. .W. Hosmauu geleitet. Außer dem von Herrn Rabb. Dr. E. Munk geleiteten Gemoroh-Schiur fanden noch mehrere Schiurim statt, zu denen sich die Mitglieder in kleineren Gruppen zusammenfanden. Neben der ernsten Bereinsarbeit wurde auch die Geselligkeit durch Veranstaltung von Kneipen, Ausflügen rc. gepflegt. JDie Zahl der Mitglieder betrug 40, darunter 26 Studenten. Der für das Somniersemester gewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren: cand. med. I. Haarburger (Vorsitzender), Rabb. Dr. E. Munk (stellvertr. Vorsitzender), cand. phil. I. Sond« heimer (1. Schriftführer), stud. Phil. A. Michalski (2. Schriftführer), stud. phil. A. Debrö (Kassenwart). Anfragen sind während der akademischen Ferien an Herrn cand. med. I. Haarburger, Berlin, Münzstr. 22 zu richten. Berlin. Hier hat sich eine Franengruppe der Freien Bereinigung für die Interessen des orthod. Judentums gebildet. Dieselbe lehnt sich au die bereits bestehende Ortsgruppe an und hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die durch Mitarbeit der Frauen zu fördernden Interessen ini Kreise der Gesetzestreueu zu pflegen. Als erste Institution wird in den nächsten Wochen eine Stellenvermittlung für Hauspersonal ins Leben treten. Es soll durch zweckdienliche Maßnahmen im Ehrendienste eine Versorgung zuverlässig ritueller Haushalte mit solchem Personal bewirkt werden, das hinsichtlich seiner Lebensführung den Tendenzen der Bereinigung entspricht. — Meldungen von Vakanzen in Berlin, sowie Bewerbungen nach dorthin .sind nach Berlin C. 2, Heidereutergasse 4 unter obiger Adresse zu richten. Sprechstunde wird dortselbst täglich nachmittags 4 bis 5 Uhr avgehalten. G leuillefon. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Rabbi Jizchak schritt indessen langsam, sinnend den Schloßberg hinunter. Er hatte die Begleitung des Dieners abgelehnt, weil er allein sein mußte, bevor er heimkam zu seinem Kinde. — Sein Kind — wie war es so hold, so rein, so unschuldsvoll, — und es sollte jenein entarteten Geschlechte entstammen? — Dieser Gedanke verursachte ihm beinahe einen physischen Schmerz; — es erschien ihm unglaublich, — und dennoch mußte er es glauben; die Enthüllungen der Gräfin trugen den Stempel unverbrüchlicher Wahrheit. Es war ja wahr, war genau so, wie sie es berichtet hatte. Wenige Wochen zuvor hatte er sein einziges, wenige Wochen altes Kind zu Grabe geleitet. — Er hatte den eigenen Schmerz zurückdrängen müssen, um feiner zarten, schwachen Frau Trost und Stütze zu sein. — Da, eines Abends, es war in der Omerzeit, eben war er heimgekehrt auS der Synagoge, eben war er in das Zimmer feiner noch immer trauernden Gattin getreten, als ans dein anstoßenden Raume' ein schwacher Schrei ertönte, wie von einem neugeborenem Kinde. — Die bleiche Frau war noch bleicher geworden. „Mein Kind!" hatte sie gestammelt mit hervorstürzenden Tränen und war aufgesprungen, um in das Nebenzimmer zu eilen. Er aber' hatte sie zurückgehalten. „Unser Kind, Leah, ist bei Gott: — was Du gehört zu haben glaubst, ist Sinnestäuschung." Aber es war nicht Sinnestäuschung gewesen, denn gleich darauf hatte sich abermals die zwar zarte, aber doch kräftige Stimme des Neugeborenen vernehmen lassen. „Unser Kind!" schluchzte Leah, „unser Kind!" — Sie hatte sich abermals erheben wollen, war aber kraftlos zurückgesunken. Rabbi Jizchak hatte sich in das Nebenzimmer verfügt und war gleich darauf mit einem zarten in Spitzen gehülltem Wesen znrückgekommen. „Es ist nicht unser Kind, Leah: — aber wenn .wir wollen, können wir es behalten. Es scheint ein Kind unseres Volkes zu sein, und — wenn dieses Schreiben Wahrheit enthält — einer hochangesehenen Familie entsprossen." Leah hatte das Kind an sich genommen und es fest an ihre Brust gedrückt. „Es ist unser Kind; Gott hat es uns geschickt als Ersatz für das, was er uns genommen hat." Rabbi Jizchak hatte nichts dagegen eingewendet, und die ihres eigenen Kindes beraubte Mutter hatte Trost gesunden in dem Besitze des fremden Kindes. Und sehr bald hatte auch ihr Gatte das zarte Wesen lieb gewonnen. Es wuchs heran unter der zärtlichsten Pflege zu seltener Lieblichkeit und Anmut, und von Jahr zu Jahr war es den Pslegeeltern teurer geworden. Obgleich ihre Ehe fernerhin kinderlos geblieben war, hatten sie sich dennoch unaussprechlich glücklich gefühlt bis vor drittehalb Jahren, als Rabbi Jizchak erkannt hatte, daß seine heißgeliebte Gattin an einem schleichenden Uebel rettungslos dahin siechte. — Ein tiefer, brennender Schmerz erfüllte die Brust des schwer getroffenen Mannes: nur sein inniges Gottverttauen und das liebliche kleine Mädchen, das ihn Vater nannte, hatten ihn aufrecht erhalten. Und in der letzten Nacht, als die Kranke sich ihrer Auslösung nahe fühlte, da hatte sie dem Gatten flüsternd gedankt ftir alle die Liebe, die er ihr erwiesen und hatte ihn beschworen, in einigen Jahren ihr Kind ihre Nachfolgerin werden zu lassen. Er aber, nahezu sinnlos vor Schmerz, war nicht imstande gewesen, ihr die verkangte Zusage zu geben. Und als sie ihr Verlangen dringender und immer dringender wiederholte, da hatte er mit bebender Stimme erwidert: „Wenn Du von mir gehst, bin ich ein gebrochener Mann; — soll denn Tirza an meiner Seite ihr Leben vertrauern?" Sie hatte den Kopf geschüttelt und hatte noch wiederholt einige ihm unverständlich gebliebene Worte geflüstert; dann aber waren ihr die Augen zngefallen, und ohne Kampf war sie hinübergeschlummert. Tirzas schmerz um die Dahingeschiedene, die sie stets für ihre Mutter gehalten hatte, war unermeßlich; sieben Tage faß sie neben Rabbi Jizchak in zerrissenem Kleide aus dem Fußboden; in ihrem Herzen aber trauerte sie ungleich länger. Trotz ihres Schmerzes war sie jedoch stets bestrebt, für denjenigen zu sorgen, den sie als ihren Vater bettachtete. Alles im Hause mußte so sein wie zu Lebzeiten der Verstorbenen; nicht die geringste Bequemlichkeit durfte er vermissen. Und wie sie für ihn sorgte, so hielt auch er sich verpflichtet, für sie zu sorgen, ihr zu helfen, den ersten großen Schmerz ihres jungen Lebens (zu erttagen.