Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 14 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite'«. Nr. 14 Kunst, Lie zu jener Zeit wegen ihres polytheistischen Charakters die Grundbestandteile des Judentums zu erschüttern drohte und um der Existenz des Judentums willen aus seinem Bereiche hat entfernt werden müssen. Allein mit dem Feststcllen des Verhältnisses des Judentums zur Kunst ist Ihre Frage noch nicht beantwortet, denn Sie fragen doch offenbar nicht nur nach der Vergangenheit, sondern auch nach der Gegenwart, nicht nur nach der Kunst des Judentums, sondern auch 'stach der Kunst der Juden. Und was das Verhältnis der Juden zur Kunst anbetrifft, so betätigen sich die Juden als Einzelindividuen ohnc Ansehung zu ihrem Verhältnis zunr Judentum auf allen Gebieten der Kunst 'mit Erfolg. Es. gibt so viele jüdische Maler und Bildhauer von Ruf, wie es viele jüdische Dichter und Musiker gibt. Die Frage ist iwn, ob diese vielen berühmten jüdischen Maler und Bildhauer jüdisch, d. h. in ihrer Eigenschaft als Juden für Juden malen oder meißeln, rcher ob sie als Individuen schlechthin ihre Kunst ausüben? Diese. Frage bedarf einer eingehenden Beantwortung. Als der große jüdische Bildhauer Antok o l s k y feinen „Iwan der Grausame" dem Petersburger kunstverständigen Publikum zur Besichtigung präsentierte, fanden viele sachverständige Kritiker vieles an dem großen Werk zu tadeln, weil es, wie sic sagten, ein jüdisches und kein russisches National-Kunstwcrk wäre. Die Statue, so meditierte seiner Zeit ein bedeutender russischer Kunstkritiker, hätte ebensogut tz c r o d e s geheißen werden können, wie sic ihr Schöpfer „Iwan der Grausame" benmmt hat. Und die besten Dichter und Schriftsteller jüdischer Abstammung müssen es sich von vielen deutschen Krittlern gefallen lassen, als jüdische Dichter mit jüdischer Eigenart angesprochen zu tverden, wiewohl diese Schriftsteller und Dichter jüdischer Abstammung an alles andere eher denken als an das Judentum. Und Sie wissen wohl, daß Mcyerbecr es war, der Richard Wagners Zorn heraufbeschworen, bis er sich in seinem Buche „Die Inden in der Musik" Luft machte. Sir ersehen daraus, daß die jüdischen Künstlerindividuen doch Spuren ihres Judentums auf ihren Wanderungen zurücklassen, — denn es ist schwer, 3000 Jahre Geschichte des Blutes und des Geistes zu überwinden. Ein scharf beobachtender Kunstkrittker wird wahrscheinlich beim : Beschauen eines großen, markanten Kunstwerkes sofort hcrausfinden, ob ein Jude der Vater dieses 'Werkes ist oder nicht. In der abstrakten Kunst, . in der Poesie, kann es jeder erfahrene Literarhistoriker hcrausfinden. Also schon aus den Werken der vielen malenden und meißelnden Juden könnte man eine jüdische Kunst zusammenstcllen, h. h. man könnte an so und so vielen Kunstwerken iwtorisch feststellen, daß sie einen Juden zum Schöpfer haben. Diese Kategorie jüdischer Kunst möchte ich die unbewußte jüdische Kunst 7 nennen. - Aber es gibt noch eine bewußte jüdische 7 Kunst, und auf diese im Aufblühen begriffene, -aber an großen Werken schon reiche jüdische qi.Kunst will ich Sie verweisen. Bon Antokols- My, Glitzerstein und RochumowSky, drei Wneisterlichen Bildhauern und Schnitzern, bis auf DHirschenberg und Israel, die in der Ma- Merei Glänzendes geleistet haben, können Sie ein Mrößes künstlerisches Streben unter jüdischen Münstlern nach einem reichen Ausgcstalten einer Kubischen bildenden Kunst beobachten. Und daß Gelbst die frommen Juden echte jüdische Kunst Gerehren und fördern, beweist die Aufnahme, die j£..aer Zeit Professor Oppenheim bei den Jugcfunden. Und bis auf den heutigen Tag schmücken die Bilder Oppenheims jedes fiomme jüdische Haus in Deutschland. Und das beste rerzlporträt hat ein frommer, ja sehr orthooxer Jude geschaffen, der Maler Struck in Zerlin. Sehen Sie sich doch die Lilienschen Zeichnungen und Radierungen an, und Sie wcrfinden, daß mft einigen kleinen Ausnahmen dieser große Zeichner durchaus jüdisch empfindet und daß seine -künstlerischen Schöpfungen vom Geiste eines echten Juden durchtränkt sind. Ich hätte Ihnen eine Reihe glanzvoller Namen, aufzählcn können, die sich ihren Ruhm als jüdische, rein Mische Künstler erworben haben, aber ich sehe davon ab, weil ich weiß, daß die Fakta Ihnen bekannt sind. Und doch wird die höchst entwickelte jüdische bildende Kunst nie in den Dienst des Judentums, speziell in den des religiösen Judentums treten. Das Verhältnis des religiösen Judentums zur Kunst, resp. zur bildeichen Kunst ist mehr als Tradition, es bildet einen Bestandteil des Judentums. Aber das Judentum setzt sich nicht nur aus Religion allein zusammen, — mögen engherzige Fanatiker tausendmal das Gegenteil behaupten —, uich alle Elemente und Faktoren des Judentums ausschließlich der Religion werden von der selbst bildenden Kunst bereichert, wie umgekehrt diese Faktoren und Elemente des Judentums der jüdisch bildendcir Kunst neue Anregungen zu weiterem künstlerischen Schaffen geben werden. Momentan sind alle Gattungen der jüdischen Kunst im Aufblühen begriffen, mit Ausnahme der Musik, den großen musikalischen Talenten ist die Synagoge zu klein, und das jüdische Theater, wie wir es wünschen, ist nur auf eigenem Boden möglich. In Smnma: Es gibt eine Kunst des Judentums, die einen spezifisch-jüdischen Charakter hat; sie istabstrakt, wiedasJudentumalsWeltanschauung abstrakt ist. Es gibt aber eine Kunst der Juden, die den Namen jüdische Kunst verdient, nicht weil sie die geistige Idee des Judentums geboren, sondern weil sie von Juden geschaffen, für Juden geschaffen und im Geiste der Juden geschaffen ist. Vielleicht erreicht Ihre knappe Frage: „Gibt es eine jüdische Kunst?" das Ohr eines späteren Kunsthistorikers, — Sie können sicher sein, daß er Ihre Frage nicht wenig belächeln wird, — und nicht ohne Grund. Denn Antokolsky, Ruchomvwsky, Glitzerstein, Hirschenberg, Lesser Uri unb Lilien hatten schon ihre Namen mit goldenen Buchstaben in die Geschichte der Kunst und speziell in die Geschichte der Mischen bildenden Kunst eingetragen gesehen. Der große Israel lebt und schafft noch. Und Sie fiagen, ob es eine jüdische Kunst gibt? Wie naiv! — oder wie unwissend! Jour Dearly. Maxime 9 c Ma! tre. Brief aus Ungar«. Die Agitation gegen mrs hat eine Berschiebung nach oben erfahren. Das Volk ist von den Führern genügend bearbeitet; der Boden, aus dem die Kultur sprießen soll, die Universität, wurde mit Antisemitica gedüngt. Da eS auch bei uns an Kulturparasiten von der Sorte Stöcker und Rohling nicht mangelt, war es ein leichtes, die gestreute Giftsaat in die Höhe zu treiben. Ein finsteres MoniimentdiesergewissenlosenHetzarbeitist die Studenten-Berbindung: Szent Im re. Dreitausend Hörer der Budapester Hochschule allein folgen auf einen Wink den Weisungen des Theologen Prof. Julius Gllattseldcr; der in Volksversammlungen Aber jüdische Schädelextirpatton und Nippenbruchanatomie frei doziert. Ihm treu und frei zur Seite kämpft der begeisterte Apostel ,,für hebräische Vivisektion" Benizky, der — man staune — den 300 jüdischen Urwählern von Rozsahegy, die nicht für den liberalen Nationalisten stimmen wollten, sein Abgeordnctcn-Mandat verdankt! Polonyi, der vom höchsten Gericht gestempelte, ist noch immer mächtig genug, um iin Pester Magistrat gegen das eingewanderte, unsichere, staatsgefährliche Judenelement sein „Ceterum - Ccnseo" zu donnern. Er ist der umjubelte Fahnenträger des heiligen Kreuzzuges „gegen die hebräischen Blutigel" und hat, merkwürdig genug, in seinem politischeu Lager jüdischen Anhang, der ihn fettmästet und zu einem Faktor im Gesellschaftsleben macht! Auch „Alkotmany", das Organ des Ministers Zichy, hat wissenschaftliche Tünche angesetzt. Der diplomierte Pöbel wird in seinen Spalten von „Anonymus" durch ein willkürlich, erfundenes statistisches Material verblüfft. „Diese Schlange ist klüger als alle Menschen" und,vergiftet die öffentlichen Brunneu bis in den Grunde Wir halten jetzt schon so weit, daß selbst der' Rektor der Budapester Hochschule, Prof. Stephan Szäkely, es an der Zeit fand, sein antisemitisches Credo einer bei ihm vorsprechenden liberalen Studentenverbindung vorzuhalten: „Unsere Universität ist eine traditionell-katholische. Dieser Charakter muß, wie es die Szent I m r e Bund! st eit fordern, durch Anbringung des Kreuzes in sämtliche Hörsäle und Abnahme desEides vordem selben, zum Ausdruck kommen. Hüten Sie sich, meine christlichen Freunde, vor den Hetzereien des jüdischen t e r t i u m G a u d e n s." Auf diese Auslassungen des Rektors antworteten unsere Turmhüter mit einer Tat. Der „U n g. - Jsr. - Landes -Kn lturverei n" wurde ins Leben gerufen. — — Aber nicht etwa um neue jüdische Kulturwerte zu schaffen und schlummernde Kräfte unseres Volksgeistes zu wecken. Behüte! „Unser einziger Daseinszweck ist" — so verkündete es der jüd. Präses, Baron Paul Herzog von C s e t e, — „die Förderung und Entwicklung der ungarischen Kultur auf patriotischer'Grundlage". Und da das jüd. Gymnasium auch schon die Bestätigung vom Kultusminister für seine patriotisch assimilatorische Mission erhalten hat, ist — so posaunt es der Herold des ung.-jüdischen Fortschritts, Szabvlcsi — Israel gerettet! Freilich klingt es bei diesen Jubelhyinnen wie eine markerschütternde Dissonanz, wenn trotz solcher Selbstaufopferung und Hingabe ein armer Kerl namens Chajim Schnur sein letztes „Schma jiszroel" auf dem Budapester Straßenpflaster ausseufzen muß, iveil ihm, dem schwerkranken „Mosaischen", sämtliche „Schaare Rachmim" der hiesigen Spitäler verrammelt sein müssen. Er wurde als Jude einfach auf die Straße gesetzt und verröchelte ohne ärztliche Hilfe! Z i o n i. Ans den Geschehnissen des Tages. Nachdem die von dem „Deutsch-Israelit. Gemeindebund" und von dem;,Verband der Deutschen Juden" eingesetzte Kommission für den Mitte Mai in Berlin zusammentrctenden Gemeindetag den Entwurf eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüd. Religionsgemeinschaft in Preußen in zweiter Lesung vollendet hat, ist der Wortlaut dieses Enttourfes der jüd. Presse zur Aeußerung übersandt worben. Wir wollen fürs erste den Geist beleuchten, der aus dem Entlvurfe spricht. Und da müssen wir die traurige Tatsache feststellcn, daß nicht ein Hauch jüdischen Geistes in ihm zu verspüren ist, denn sowohl soziales Empfinden, als auch demokratifcheGesinnung gehen ihm vollständig ab. Wie so häufig, hat man auch hier wieder einmal Gelegenheit, die- Beobachttmg zu machen, wie die leitenden jüdischen Kreise, die doch im polittschen Leben rneist die Kerntruppen der Demokratie zu sein pflegen, ihren Grundsätzen sofort untreu werden und sich in Reaktionäre verwandeln, sobald sie als Juden zu raten und zu taten haben, — und dabei ist das Judentunl durch und durch sozial und demokratisch! Das Judentum kennt keine Entrechtung des Armen, — jedoch in den« Entwurf heißt es: „Diejenigen, welche eine auf mindestens sechs. Monate bewilligte Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln beziehen, sind nicht wahlberechtigt." Das jüdische Recht hat den Grundsatz, daß jede Strafe mit ihrer Verbüßung gesühnt ist und daß vor der Fällung des Urteils niemand in seiner Ehre geschmälert werden darf, — der Entwurf aber erklärt diejenigen, „welche sich nicht im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befinden," sowie diejenigen, „gegen welche wegen einer strafbaren Handlung, wegen deren auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann, das Hauptvcrfahreii eröffnet ist oder ein Haftbefehl besteht", als nicht wahlberechtigt. Hier muß - in dem Entwurf eine radikale Aenderung vorgenommen werden. — Jedem, der Steuern zahlt — auch den steuerzahlenden Frauen — ist das Wahlrech t zu gewähren! Auch den von der Steuerzählung Befreiten — Armen und Ehefrauen — ist das Recht zu geben, gegen Leistung einer Minimalsteuer das aktive und das Passive .Wahlrecht zu erwerben! Das sind einfache Forderungen sozialer Gerechtigkeit! Bei uns Juden kommt aber noch ein Besoilderes hinzu: das sehr laue jüdische Interesse, das heute in unseren Reihen herrscht, verlangt gebieterisch, niemanden von der Teilnahme an de» Angelegenheiten der jüdischen Gesamtheit auszuschließen. Aus letzterem Grunde, daß es gilt, alle Mittel anzuwenden, der Jnteressenlosigkeit zu steuern, war uns auch der Aufbau des Wahlrechts ans der Verhält n i s w a hl selbstverständlich, denn durch die Verhältniswahl finden auch die Minderheiten iu der Gemeindeverwaltung Sitz und Stimme, — der Entwurf jedoch überläßt es dem Ermessen einer joden Gemeinde, ob sie die Verhältniswahl einführen will