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Neue jüdische Presse · 1909-04-16 · Heft 14 (16.4.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 14 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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T frnrljtifdjrs fnilirntilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. NbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige SImbtx Mk. 2.— HedaKttoil und H-fchLftsstell-: Srrmklurl L. m., vildelerstraße 4/6, 4bfe Lletchstra-e Gores»« 10507. JnsertionSpreisr: Die viergespaltene PetitzeUe. . . . . 25 Pfg. Die Ncklamezrile. 100 .. Platz- und Datrn-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. ' 7. Jahrgang. Freitag, de« 25. N88un 5669 (16. April 1999). Rr. 14. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Verlorengeglaubte u. wiedergefundene Reste unseres Volkes. — Ueber jüdische Kunst. — Brief aus Ungarn. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wie der Palmbaum Früchte bekam. — Bunte Chronik. — Kunst un d Literatur. — Wo chen-Kal end er. — Familien Nachrichten. Berlorengeglaubte imv wiedergefundene Reste unseres Volkes. Bon vr. Sigmnnd I a ni p e l - Karlsruhe. I. Seit einigen Jahrzehnten werden wir fortgesetzt durch Entdeckungen alter, seit Jahrtausend den im orientalischen Sande verschütteter Denkmäler und schriftlicher Urkunden dermaßen überrascht, daß wir in der letzten Zeit gar nicht niehr glaubten, daß noch etwas kommen könnte, was unser Staunen wirklich in Erregung setzen würde. Zur großen Freude aller Bibelfreunde sind aber in den letzten zivei Jahren Kulturschätze zutage gefördert tvorden, die in der wissenschaftlichen Welt förmlich erstürmend geivirkt haben, und zwar sind es die in Aegypten gefundenen jüdischen Inschriften aus biblischer Zeit. Diese jüngsten Funde müssen besonders uns Juden kostbarer als alle seitherigen archäologi scheu* Entdeckungen erscheinen, weil sic nämlich die e r st e n i n s ch r i f t l i ch e n Urkunden sind, die von uns ern eigenen Vorfahren der biblischen Zeit h e r r ü h r e n, während alle andern Funde fremden orientalischen Völkern angehören und nur indirekt zu unserem biblischen Altertum in Beziehung stehen. — Der Vorzug dieser jüdischen Inschriften besteht aber nicht nur in dieseni formellen Momente, das es jüdische Inschriften sind, sondern hauptsächlich in ihrem Inhalte; denn diese neuen Funde geben uns die seit Jahrtausenden verlorcngcglaubten Teile unseres Volkes wieder. Eine in der Biblischen Geschichte von jeher schmerzlich empfundene Lücke hat setzt in einer Weise ihre Ausfüllung erhalten, wie sie selbst die kühnste Dichterphantasic nicht schöner hätte machen können. Es repräsentiert daher dieser Fund e i n e a r ch ä o l o g i s ch e Entdeckung c r st c n Rang es. Was ist nun der Inhalt dieser unschätzbaren urschriftlichen Frmde? Diese jüdischen Inschriften stammen aus dem äußersten Süden Aegyptens an der äthiopischen Grenze. Sie bilden den Inhalt zweier Funde, von denen der eine englischerseits in der oberägyptischen Stadt Assuan, am Ufer des Nil- Katarakts gelegen, der andere dagegen, dank einer deutschen Expedition, in der Assuan gegenüberliegenden Nil--Jnselstadt Elephantiiie entdeckt wurde. Der assuanische Fund repräsentiert ein großes Familienarchiv, welches drei Generationen innerhalb eines Zeitraumes von ca. 80 Jahren umfaßt. Weit wichtiger ist der deutsche Fund in Elcphantine, eine Saminlnng amtlicher Aktenstücke, gewechselt zwischen den Repräsentanten der elephantinischen Judengemeinde und dem persischen Statthalter von Jerusalem. Die außerordentliche Wichtigkeit des assuanischcu Fundes besteht, von seinen religions- und kulturgeschichtlichen Ergebnissen vorläufig abgesehen, vor allem darin, daß er uns etwas bietet, was wir seit Jahrtausenden auch nicht ini Traume für möglich gehalten hätten, indem er uns nämlich unsere Vorfahren der biblischen Zeit leibhaftig vor klugen führt. Keine jüdische Generation, auch nicht des späten Mittelalters, steht uns so lebend gegenüber wie diese südägyptischen Juden der biblischen Zeit, und zwar deshalb, weil wir ijjjcr sie nicht erst aus zweiter Hand etwas erfahren: lycht die subjektive Stimmung eines Geschichtschreibers, der ein Bild für die Zukunft malt, nehmen wir hier wahr, sondern ihre eigenen handschriftlichen Auszeichnungen und Notizen sind es, vermöge deren wir sic in ihrem ganzen Tun und Handeln genau beobachten. Wir sehen sie der Regierung Söldnerdienste leisten und daher hauptsächlich in den befestigten Stadtteilen ihre Quartiere aufschlagen. Hier beobachten wir sie, wie sie Bauplätze und Häuser kaufen und verkaufen, sich Häuser selbst bauen und sie bewohnen, wir lernen sic als Handeltreibende und Geldverleiher, die unter der dortigen nichtjüdischen Bevölkerung eine große Rolle spielen, genau kennen. Wir sehen sie ihre Kinder verheiraten, zählen die Summen ihrer Mitgifte und kennen die Hausgeräte, die die Bräute vom Baterhanse mitbekommen, sowie die Morgengaben, die der Brüutigain mitbringt. Wir lesen ihre Hciratsvcrträge, sowie gelegentlich ihre Scheidungsnrkunden, ihre Tausch- und Mietverträge, ihre Testamente und Vermächtnisbeschcinigungen. Wir sehen sie miteinander beim Gericht prozessieren, daselbst einen Eid leisten usw. Aus den in den Verträgen angegebenen Hüuserbegrenzimgen ersehen wir, daß das Verhältnis zwischen ihnen und der nichtjüdischen Be völkerung offiziell wenigstens ein friedlich geregeltes war; sie wohnen in dichter Nachbarschaft mit Priestern der ägyptischen Gottheiten, gelegentlich finden auch Mischehen zwischen Juden und Nichtjude» statt, auch Ucbertritte zum Judentum sind häufig. Daß diese südägyptischen Judengemeinden auch über imponierende Reichtümer verfügten, ersehen wir nicht bloß aus den Verträgen, in welchen ganze Häuserstraßen ihnen gehören, sowie aus den stattlichen Mitgiften, die sie ihren Töchtern mitgeben, sondern davon legen auch ihre kolossalen und luxuriös ausgestatteten Tempel Zeugnis ab. Von dem -elephantinischen Gotteshause der dortigen Judengemeinde ist uns irr diesen Inschriften eine ziemlich genaue Beschreibung erhalten; in ihm finden wir einen mächtig großen Ban, mit Säulenhallen umgeben, bei denen ein ungeheuerer Aufwand von kostbarcnr Marmor zu bewundern ist. Es bieten uns somit diese Funde prächtige Illustrationen zu unserer biblischen Milturgeschichte. Noch reichlicher aber sirid ihre Ergebnisse für die biblische Religionsgeschichte, wovon ini folgenden die Rede sein soll. Ueber jüdische Kunst. E i n B r i e s . . . (Schluß). Aus diesem. Verhältnis des Judenrums zur Kunst schlechthin werden Sie Ihre Frage prinzipiell beantwortet sehen. Es gibt eine jüdische Kunst, das Judentum steht in einem gmiz bestimmten Verhältnis zur Kunst, das ihm sein innerer Charakter diktiert. Diese jüdische Kunst, wie sie sich in ihren rein abstrakten Formen äußert, ist aber nicht zu identifizieren mit der Kunst schlechthin und noch weniger mit der Kunst der Griechen. Ans konkrete Krrnstgebilde hat das Judentum aus soziologischen Gründen verzichten müssen, denn die antike bildende Kunst stand in dem Dienst« des Polytheismus. . . . Die Juden haben, alle Kunstgattungen gepflegt, die ihrem nationalen Charakter und nationalen Traditionen adäquat waren, so die Poesie und ihre verschiedenen Gattungen, die Architektur n. a., und eine bildende Kunst hat im Judentum nicht entstehen können, nicht aus einem feindlichen Verhältnis des Judentums zur Kunst, oder weil die Juden die „Träger der Ethik" waren, sondern weil die jüdische Weltanschauung, die im Monotheismus ihr Zentrum fand, der jüdischen Kunst ganz eigene Wege >vies. . . tlnd es hat etwas für sich, wenn gesagt wurde: „Der Jude sah zu weit, um den Menschen zu erblicken." Wie konnte auch der mit Ewigkeitswerten rechnende Jude den kleinen, winzigen Menschen, dessen Leben und Sein unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit betrachtet sehr klein ist, zum Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens und künstlerischer Meditation machen? Und alle bildende Kunst, wenn Sie ihre Geschichte und ihren Ursprung verfolgen, ist aus einem kleinen, anthropocentrischen Weltbegreisen hervorgegangen. Es waren dem Judentum alle Bedingungen für eine große und reiche Kunst gegeben, aber nrit Ausschluß der Skulptur und Malerpi, die nicht im JudenNlm gewaltsam unterdrückt wurden, sondern die gar keinen Platz innerhalb des Judentums haben finden können. Sie werden mir freilich entgegcnhalten: „Heißt cs doch aber in der Bibel: „Lau thaase lecho pessel umassecho?" Mer da muß ich Ihnen mitworten, daß dieses Verbot direkt religiös motiviert wird und nur Bezug hat aus Malerei und Skulpturwerke, die entweder im Dienste des Polytheismus standen oder auf polytheistischen Zeremonien und Kulten gedeutet werden können. Das Verbot drückt hier aus ein Verhalten nicht der Juden zur Kunst schlechthin, sondern des Judentums zur bildenden

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