Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 13 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter ZsraeÜtischeS FamilimblaL. Nr. 18. gewercket worden und gibt alsdann einen kurzen Üeberblick über die 'Tätigkeit in Galizien, Rumänien und Bulgarien. In Galizien subventioniert der Hilfsverein Kindergärten, eine Kreditgenossenschaft und ein Mädchenheim. Von besonderer Wichtigkeit, aber auch besonders schwer ist es in Galizien, einem armen Lande mit geringer Industrie, der armen und verelendeten Bevölkerang Arbeitsgelegenheiten zu verschaffen und möglichst weite Kreise zur Arbeit zu erziehen. Dies ist um so schwerer, als durch den Fortschritt der Technik die Hausindustrie, die man nach dem Stande der Entwickelung vorläufig in Galizien einzubürgern suchen muß, zurückgedrängt wird. Doch gelang es immerhin, Erfolge zu erzielen. In der Spitzenhäkelei- und Klöppelei, der Haarnetzerei izsw. wurde im Jahre 1908 durch Vermittelung des Wiener .Hilfsvereins ungefähr 3500 Arbeitskräften ein Verdienst von ca. 300000 Kronen erschlossen. Der Hilfs- Verein der Deutschen Juden unterstützte den Wiener Hilfsverein durch Besoldung eines Sekretärs, der speziell sich mit der Erschließung und Vermehrung von Arbeitsmöglichkeiten befaßt. Ferner beteiligt sich der Hilfsverein der Deutschen Juden an der Aktion, die der Hilssvercin in Wien zur Unterbringung von gal izischen Knaben bei Handwerkern vornehmlich in Westösterreich unternommen hat. Zur Durchführung einer sozial-ethischen Aktion in Galizien, die nach dem Stande der dortigen Bildung gleichfalls von größter Tragweite für die kulturelle und wirtschaftliche Hebung der jüdischen Bevölkerung erscheint, ist der Hilfsverein der Deutschen Juden mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. verbunden/ mit der er auf diesem wie ans einer Reihe anderer Gebiete, in enger Gemeinschaft in segensreichster Weise zusammenwirkt. In Rumänien und Bulgarien subventionierte der Hilfsverein wiederum eine Anzahl von Instituten. Er fördert das dortige Schulwesen namentlich durch Entsendung deutscher Lehrkräfte. Die Lage der Juden in Bulgarien ist verhältnismäßig günsttg; sie erleiden dort keine Bedrückungen. Im Gegensatz dazu haben die Juden in Rumänien von der Ausnahmcgesetzgebung aufs schwerste zu leiden, und ihre Lage verschlimmert sich fortdauernd, da der Kampf gegen sie aick dem Wege der Gesetzgebung und durch Verwaltungsmaßregeln weiter, fortgeführt wird. Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Eingriffe in die Freiheit des Unterrichts in bedrohliche Nähe gerückt. Dies hat eine besondere Bedeutung, da man die Juden durch systematische Ausschließung uns den öffentlichen .Schulen zur Gründung eigener Schulen gezwungen hat. Es ist bei der politischen Konstellation bisher noch nicht möglich gewesen, mit vollem Erfolg zu Gunsten der rumänischen Juden bei den Mächten zu intervenieren. Der Hilss- ' verein, der es im Jahre 1908 an Bemühungen auch in dieser Beziehung nicht hat fehlen lassen, behält das Ziel, den Juden in Rumänien zu ihrem Rechte zu verhelfen, nach wie vor im Auge. Nach Herrn James Simon berichtet der Geschäftsführer i. E., Herr Dr. Nathan, über das Schulwesen des Hilfsvereins in der Türkei. .Er gibt einen Üeberblick über die Grundsätze, nach denen es organisiert und aufgebaut ist. Zunächst werden, soweit möglich, Kindergärten als Fundament untergelegt; in diesen Instituten ist die Unterrichts--und Umgangssprache hebräisch. Die Vielsprachigkeit unter den Juden im Orient, die aus hen verschiedensten Ländern der Welt stammen, zwingt dazu, eine Sprache als Binde- und Vcrständigimgsmittel für alle Länder cinzuführen. Unter 'rein pädagogischen Gesichtspunkten wurde das Hüdräische gewählt, das die Juden des Orients zusammenhält. Nach Absolvierung des Kindergartens kommen die Kinder in verschiedenartig eingerichtete Schulen, einerseits Land- und andererseits Stadtschule», und zwar Elementar- und höhere Schulen mit einem den Bedürfnissen des Ortes entsprechendem Programm. Ueberall wird die Lmwessprache arabisch oder türkisch, sowie hebrä- Uch gelehrt. In den Dörfern alsdann noch die Realien. In den Städten kommt gegebenenfalls eine Kultursprache, resp. soweit erforderlich noch eine weitere hinzu,' deutsch oder nach örtlichen Erfordernissen eventuell andere Kultursprachen. Die Kenntnis des Deutschen ist jetzt infolge der Ausbreitung des deutschen Handels im Orient von großer Wichtigkeit. Zur Heranbildung von Lehrern im Orient ist ein Lehrerfeminarin Jerusalem begrün- det, wo sie Art und Geist des Orients als Lebens¬ und Bildnngsatmosphäre umgibt, ferner cbendae eine Handelsrealschule, wo auch ösisch und englisch gelehrt wird. Zwei Hroße Aufgaben sind alsdann noch zu realisieren. Einerseits die Reorganisation der Talmpd-Thoraschulen, in denen im wesentlichen nur Talmud gelernt wird und so die Zöglinge nicht für das Leben vorbereitet werben. Die Reorganisation soll ohne Verrückung der religiösen Grundlage der Institute erfolgen, nur durch Modernisierung der Methoden und zeitgemäße Erweiterung des Lehrplans, indem auch die Realien in den Unterrichtsplan ausgenommen werden. Dies würde zu einer Regeneration des eingesessenen Judentums führen. Alsdann drängte sich dem Redner bei seinen Reisen im Orient die Notwendigkeit auf, technische Kräfte hcranzubilden, und zwar km Orient selbst, so daß sie - Land und Leute und Sprache des Orients kennen. Es zeigt sich auch bei einer flüchtigen Durchquerung türkischen Gebietes, welch außerordentliche Bedeutung die moderne Technik für die Entwickelung des Landes hat. Gelingt es, jüdische Techniker in leitende Stellungen hineinzubringen, so wird cs alsdann auch! möglich, sein, eine große Anzahl jüdischer Arbeiter, die .den Technikern unterstellt sind, zu beschäftigen. Die Heranbildung jüdischer Techniker brächte demnach nicht nur einer kleineren Anzahl Glaubensgenossen, die in der Lage waren, sich eine . höhere Bildung anzueignen, Vorteil, sondern gleichzeitig den jüdischen Massen, die heute noch in Armut versunken sind. Entwickelt sich der Orient, wie vorauszusehen, und nehmen an dieser Entwicklung des Orients unsere in der Türkei wohnhaften Glaubensgenossen einen hervorragenden Anteil, jo wird cs alsdann möglich sein, russische, galizische, rumänische Juden, die unter so furchtbaren Verhältnissen. jetzt leben müssen, nach Asien hinüberzuführen und damit einen Teil wenigstens der Auswanderung, unter Umjtänden einen sehr erheblichen Teil der jüdischen Auswanderung, von den jetzigen Zielpunkten, den überfüllten Kulturlänbern und von den Gereinigten Staaten ab- und in den Orient hinzulenken. Für diese Aufgaben soll ein Technikum errichtet werden. Die Kosten für das - Unternehmen wären in runder Summe etwa auf 700 000 Frcs. zu bemessen. Wenn die Institute in allen ihren Teilen in Betrieb sind, so wird für diesen Zweck außerdem jährlich ein Betrag von 80000—100 000 Frcs. erforderlich sein. Erwägungen der jüdischen Nächstenliebe und Erwägungen einer vorausschauenden jüdischen Politik mahnen aber gemeinsam unsere besser gestellten Glaubensgenosien in der ganzen Welt, sich der orientalischen Judenheit in dieser Schicksalsstunde anzunehmen. Unsere orientalischen Glaubensgenossen erscheinen dazu bestimmt, die Mittler zwischen der occidentälen Kultur einerseits und der langsam sich weiter entwickelnden Kultur des Orients, andererseits zu werden. Als Semiten besitzen sie für diese große Aufgabe eine besondere Eignung; sie können für sich und die Menschheit damit eine welthistorische Aufgabe erfüllen, und im Orient, nicht erdrückt von der vorgeschrittenen Kultur christlicher Völker, aber befruchtet pon dieser Kultur, könnte die Judenheit erneut zu einer eigenartigen intellektuellen Blüte gelangen. Das Technikum wird das erste im Orient sein, eine Kulturtat von lang sortwirkendem Segen (lebhafter Beifall). Es ist vom .Hilfsverein und der Wolf Wissotzky-Stiftung eine selbständige Gesellschaft für das Technikum ins Leben gerufen, mit der der Hilfsverein der Deutschen Juden durch Personalunion verbunden sein wird; der Vorsitzende des Hilfsvereins, Herr James Simon, wird auch der Vorsitzende dieser Gesellschaft fein, in der auch das Wissotzky-Kuratorium und hervorragende amerikanische Persönlichkeiten vertreten sind. Alsdann berichtet der Generalsekretär des Hilfsvereins Herr Dr. Bernh. Kahn über die Tätigkeit des Hilfsvereins für unsere russischen Glaubensgenossen und auf dem Gebiete des Auswanderungs- Wesens. Die Lage der Juden in Rußland hat sich außerordentlich verschlechtert. Unter der Herrschaft der reaktionären Duma sind die Ausnahmebestimmungen gegen die Juden zahlreicher geworden als jemals. Die hauptsächlichsten Beschränkungen richten .sich gegen bas Wohnrecht der Juden ünd gegen den Eintritt der jüdischen Jugend in höhere Schulen. Bei den traurigen Verhältnissen Rußlands war es eine der hauptsächlichsten Aufgaben des Hilfsvereins, -auch in diesem Jahre die Auswanderung aus Rußland zu erleichtern. Für das russische Hilfswerk einschließlich der Auswanderung mußten an die 280000 JL ausgegeben werden. Obwohl die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten in den beiden Jahren 1907/6 außeror-, dentlich zurückgegangen ist, beträgt die Zahl der jüdischen Auswanderer nach privater Feststellung i m Jahre 1908 noch Immer 65—70000. Die Hälfte davon, also ca. 35 000 jüdische Auswmiderer haben ihren Weg durch Deutschland nehmen Müssen. Die Mehrzahl dieser Auswanderer hat in der einen .oder anderen Weise die Einrichtungen der Komitees des Hilfsvereins in Anspruch genommen, rund 7000 wurden befördert, etwa 18000 verpflegt, beherbergt, bekleidet und eine nicht geringe Anzahl in KrankheUSföllen geheilt. Zur Bewältigung dieser Fürsorgearbeit unterhält der Hilfsverein 36 Komitees an der Grenze, in den Hafenstädten und im Innern Deutschlands. Auch über Deutschland hinaus hat der Hilfsvcrein der Deutschen Juden der jüdischen Auswanderung sich angenommen. Die Auswandererkomitees in Basel, Rotterdam und Antwerpen und ebenso in Kopenhagen wurden unterstützt. Sodann ist »och zu erwähnen, baß die Arbeit der Komitees des Hilssvereins durch die Rückwanderung außerordentlich vermehrt wurde. Etwa 15—18 000 Rückwanderer, darunter ca. 10000 aus den Vereinigten Staaten, wanderten durch Deutschland nach ihren Heimatländern, insbesondere nach Rußland, zurück. Zum Schluß hebt Redner hervor, daß bei den ungünstigen Verhältnissen .in den Einwanderungsländern und der sich mehrenden Bedrückung und Verarmung der Juden int Osten das jüdische Auswanderungsproblem sich noch schwieriger zu gestalten drohe. Deshalb müsse der Hilfsverein auch weiter seine ernsthafte Aufmerksamkeit dieser Frage widmen. Herr Bänkdirektor Ernst S i m o n» Schatzmeister des Hilfsvereins im Ehrenamt erstattet sodann den Kassenbericht. Das Kapital des Vereins ist von 249 000 M. im Jahre 1907 auf 264 000 im Jahre 1908 gestiegen. Der Russenfonds ist auf 70000 M zusammengeschmolzen, seine Auffüllung bei den großen Anforderungen sei also unbedingt notwendig. Das Vermögen des Vereins ist von 956 000 JiL am 31. Dezember 1907 auf 1012 000 Jk am 31. Dezember 1908 gestiegen. Ueber den Schluß der Generalversammlung sei, da mehr formeller Natur, hinweggegangen. Aas der zionistischen Bewegaug. Frankfurt a. M. Im Büro des Nationalfonds, Grünestr. 29, gingen ein: Frau Dr. Fiebermann 5,46 M Frau Heß, Hegelstraße 1,10 „ Stammtisch am 18. 3. 1,20 „ Simon, Uhlandstraße 40 3,— „ B. Jsaacsohn, Elkenbachstraße 6,80 „ S. Merianstraße 5,15 „ Gehr. Geis ' 7,10 „ Ferd. Volian 0,83 „ Louis Lypstadt 17,24 „ Pension Sandenell 1,— „ Julius G. ~ 0,48 „ Frau Fl. Strauß, Frankf.-Halberstadt 2,14 „ Restaurant Falk 1,15 „ Stammtisch am 25. 3. 0,90 „ David Baraker 1,— „ Bäckerei Noßbaum 2,58 „ 57,13 JL Ferner wurden 20 Shares der Anglo Palestine Company gezeichnet. Bei der Expedition des Frkft. Jsr. Fambl. gingen ein: Materialien (Staniol, Briefmarken usw.): Flori Mainz, Sandweg — Seppel in Hockenheim — Else und Rosi Feist, Uhlandstr. 52 — Frau Hirsch Mela, Homburg v. d. Höhe, Ludwigstr. 6. Köln a. Rh. Das Aktionskomitee erläßt folgeriden Aufruf: „An die Landesorganisationen und Föderationen! Das Aktionskomitee richtet an alle Landesorganisationen und Föderationen die dringende Aufforderung, unverzüglichmitderSchekelsammlung zu beginnen. Die Arbeit mutz jetzt allerorten mit dem größten Eifer ausgenommen werden. Den Vereinen und Vertrauensleuten sind sofort die entsprechenden Instruktionen zu erteilen. Zeit und Ort des Kongresses sind noch nicht bestimmt. Sobald jedoch das E. A.-K. dazu in dev Lage sein wird, wird es in kürzester Frist bekannt gegeben, wann und wo der Kongreß stattfinben wird. Schon heute machen wir indessen darauf aufmerksam, daß gemäß den Bestimmungen unseres Organisationsstatuts sämtliche Wahlen mindestens vier Wochen vor dem Kongreß abgeschlossen sein müssen. Wahlberechtigt sind nach unserm Statut nur diejenigen Gruppen, dierechtzeitig ‘ den erforderlichen Schekelbet r ag voll an das Engere Aktionskomitee abgeführt haben. Nachdrücklich betonen wir, daß die Bedeutung und die Würde des Kongresses es dem Aktionskomitee zur dringenden Pflicht machen, auf der strikten Beobachtung dieser Bestimmungen mit der größten Strenge zu bestehen. Ohne Ausnahme werden nur solche Mandate für giltig erklärt werden, deren Wahlen nach den oben erwähnten Bestimmungen spätestens vier Wochen vor dem Kongreß auf Grund von je 200 voll an das E. A.-K. abgeführten Schekeln vorgenommen sind. Es erwächst also den Landesorganisationen und Föderationen, den Vereinen und Vertrauensleuten die dringliche Aufgabe, unverzüglich und mit aller Kraft an die Schekelsammlung zu schreiten, damit dje