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Neue jüdische Presse · 1909-04-02 · Heft 13 (2.4.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 13 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13 Wahlen nachher richtig und ordnungsgemäß oorgenonnnen werden können. Nur auf diese Weise wird es ihnen möglich sein, de» Kongreß in der Weise und dem Umfange zu beschicken, wie es ihren! Willen und ihrer Bedeutung entspricht. Köln, 23. März 1900 (1- Nissan 5669). Das Aktionskomitee David Wolffsohn, Präsident." Marburg. Sonntag, 28. März veranstaltete die hiesige 3io:i. Ortsgruppe im benachbarten Kirchhain einen Agitationsvortrag. Ungefähr 50. Gemeindemitglieder waren der Einladung gefolgt und verfolgten mit großer Aufmerksamkeit die vortrefflichen Ausführungen des Redners, Herrn canb. med. Szanretz. Lemberg. Dr. med. Rubin Vierer, Gründer der Kadimah und des ersten Palästina - Kolonisationsvereins in Wien, feierte seinen 70. Geb n r t st ag. Paris. Dr. Max Rordau feiert am 2g. Juli seinen 60. Geburtstag. Odessa. Das Interesse für Palästina dringt in immer weitere Kreise der russischen Juden heit. In mehreren Städten bildeten sich „Vereine zur Erwerbung von Bodenbesitz in Palästina". Die Zahl der Reisenden dorthin ist in stetiger Steigerung begriffen. Unter diesen befinden sich auch wohlhabende Juden, wie der Großkaufmann Reiditsch - Moskau und der Bankier Wischniak -Witebsk, der nicht zur zionistischen Partei gehört. Der bekannte hebräische Dichter B i a - lik hat sich ebenfalls nach Palästina begeben. — Die „Schul- und Erziehungskommission des Odessaer Palästina-Komitees" hat den in Fachkreisen angesehenen Pädagogen Isaak E p st e i n beauftragt, die Kindergärten in P a l ä sti n a eingehend zu besichtigen, um über dieselben einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Das hiesige Palästina-Komitee hat an sämtliche Mitglieder ein Z i r k n l a r versendet, worin es auf DiebesondereWichtigkeit des gegenwärtigen Moments für die gesainte Palästina-Tätigkeit hinweist und zur Anspannung aller Kräfte für dieses große Werk anspornt. & Salonik (Türkei). Universitäre Professor Dr. Risa Tewfik Bey, der Slbgeordnete für Adrianopel, sandte dem „Journal de Saloiirgue" folgenden Brief: ' „Sie haben bereits die wesentliche Seite meiner Erklärungen über den Zionismus veröffentlicht, die ich im Israelitischen Klub zu Balat (Konstantinvpel) gemacht habe; es ist dies so meine Art, den Zionismus zu veranschaulichen. Was die Zionisten anbetrisst, so finde ich, daß sie ihre Zeit zuviel mit unnützen Worten und müßigen Dissertationen verbringen. Ich habe gehört, daß viele Israeliten die zionistische Bewegung verurteilen, vielleicht gar, .ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, was sie ist; ich glaube, diese nehmen die Dinge von der Unrechten Seite. Fort nunmehr mit Worten, au die Taten!! Eine technische Kommission möge das Land besichtigen, seine Natur studieren und ein Urteil bald abgebeu, damit schnellstens Dispositionen' getroffen und Emigrationszentren geschaffen werden. Ich bin überzeugt, baß die Organisatoren der Kolonisation nicht erst die Ottomanische Regierung fragen werden, denn cs ist das Eigentümliche jeder Regierung, sich in Prozeduren, Formalitäten und Phrasen zu verlieren, was viele Kossen verursacht und die Dinge in die .Länge zieht. Handelt nrehr, und sprecht weniger! Sagen sie cs bitte ihren Freunden, verkünden sie es durch die Zeitungen; es ist Zeit, vom Wort zur Tat überzugehen. Verba volaut, acta manent! Ich möchte ferner nicht, daß man sich eine schlechte Meinung über meine Freunde, die Israeliten »lache. Würde man sie erst ani Werke sehen, so würde man sich von selbst über die Vorteile klar werden, die uns erwachsen, und die bisher gehegten Vorurteile würden von selbst in sich zusammenfallen. Dieses Ziel zu erreichen, erstrebe ich schnellstens. Ich hoffe, daß bei meiner nächsten Ankunft in Salonik toir nicht mehr über die Wege der Idealität zu diskutieren haben, sondern uns auf der Domäne der Realitäten unterhalten werben." Aus -er Lehrerwett. Köln a. Rh. Zu Ebren des nach Petach- T i k w a h berufenen Dr. Auerbach fand am 29. März im Saale des Goldenen Stern ein vom Verein d e r S e m i n a r i st tit veranstalteter Abschiedskomniers statt. Herr Freund begrüßte die Erschienenen; Herr Heß richtete namens der Seminaristen herzliche Worte des Dankes an den verdienten Lehrer, auf die der Gefeierte bewegt dankte; Herr Rabbiner Dr. C a r l e b a ch, Direktor des Seminars, hielt eine hebräische Ansprache; .Seminarist S o m m e r sprach namens der Seminaristen M« schiedsworte an den gleichfalls von der Anstalt scheidenden Lehrer Bonn; Herr Seeli g richtet Worte des Abschieds an die Abiturienten des Seminars; ferner sprachen noch die Herrn Moritz L e v y j u n., Kahn, Hirsch und S i m o n. Dem offiziellen Akte schloß sich dann ein gemütlicher unterhaltender Teil au. Ben Jair. Qwnufirtft mmmsifujig s&snuttnwSR. Kchrimm. Dke Wahl des Frl. Jaffee als Lehrerin an der hiesigen gehobenen Privat - Mädchenschule ist von der Regierung bestätigt worden. Neumarkt lOberpfalz). Nach längerem Leiden verschied Oberlehrer Salomo» Kahn im 68. Lebensjahre. Er hat während 48 Jahren mit größter Pflichttreue im Dienste der Volksschule gewirkt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Die hiesige Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hält Samstag Mend 9 Uhr in der „Frankfurt-Loge" eine öffentliche Versammlung niit dem Thema „Der Kampf um unsere Gleichberechtigung" ab. Das Referat hat Dr. S. Herzfeld -Essen, das Korreferat Syndikus Dr. Holländer -Berlin übernommen. Berlin. Letzten Sonntag fand unter zahlreicher Beteiligung die diesjährige ordentl. Generalversammlung des Israelitischen Fortbildungsvereins Montefiore statt. An einen Bericht des Vorstandes über seine Vereinsarbeit im letzten Jahre schloß sich eine lebhafte Diskussion, die dem neugewählten Vorstand eine Fülle von Anregungen von Seiten der Mitglieder brachte. Ms ein besonders erwähnenswerter Beschluß der Versammlung ist zu berichten, daß um wiederholten Wünschen aus Mitgliederkreisen zu entsprechen, die Einrichtung von Schiurim im Stadtteil Bellevue nunmehr bestimmt worden ist. Der neugewählte Vorstand setzt sich zusammen ans den Herren: Jacob Levy als 1. Vorsitzenden, Oberlehrer Dr. Jos. Carlebach als stellvertretenden Vorsitz., Jacob Kempe als Schriftführer, Julius Caro als Kassierer, M. Joelson als Bibliothekar und den Herren Dr. N. Moses und H. Freirich als Beisitzer. Nähere Auskunft erteilt gern sowie Beitrittserklärungen nimmt entgegen der Schriftführer Jacob Kempe, N. 24. Kl.. Hamburgerstr. 7. ib.k Stratzburg. Samstag Abend «and hier die Generalversammlung des Jüd. Kranke n u n t e r st ü tz u n g s v e r e i n s „M u t u a l" statt. Dieser alte Verein hatte in den letzten Jahren solche finanziellen Rückschritte zu verzeichnen, daß sein Bestehen in der gegebenen Form fraglich war. Ein energisches Aufraffen allein konnte ihn ans seiner mißlichen Lage hcrausziehen, — und dies geschah auch. Ein Propagandakomitee wurde ernannt, das eine große Anzahl neue jüngere Mitglieder warb. Auch mit deni alten System, nur Altelsäßer anfzunehmeii, wurde gebrochen und eine große Anzahl Altdeutsche ausgenommen. Das günstige Resultat ließ auch nicht auf sich warten. Das Vereinsveriiiögeu welches von 37 000 JL auf 28 000 JL gesunken war, stieg im Laufe des Jahres wieder auf über 30000 «#. Die Mazzes. Eine P e s a ch - H u in o r e s k e. David Knaani war, wie sein Name besagt, ein Hausierer. Mit seinem Packen ans dem Rücken zog er von Hans zu Haus und von Dorf zu Dorf. Er verstand sein Geschäft, und da er auch das war, was man eine» „Lamdon" nennt, war er überall, wo er hinkam, gern gesehen. Er verkaufte nicht nur feine Tücher, seinen Zwirn und seine Knöpfe, sondern er teilte auch sein Wissen, das er im Laufe der Jahre sich durch sein Studium angeeignet hatte, gerne jedem mit, der ans dem Gebiete des Jüdischen nicht so gut beschlagen war, wie er. Doch war ihm das Geschäft, so gut es auch gehen mochte, gar nicht ans Herz gewachsen; er betrachtete es im Gegenteil nur als ein notwendiges Uebel, das er nun einmal mit in Kauf nehmen mußte, nni sich und die Seinen zu ernähren. Viel lieber saß er Tag und Nacht über seine Gemoro- Folianten gebeugt, eifrig lernend. Zumal wenn er besonders gute Geschäfte gemacht hatte, glaubte c\ das Recht zu besitzen, sich wieder mal einige Zeit nur seiner Gemoro widmen zu dürfen, und er war dann tagelang nicht zu bewegen, seinen Packen ans den Rücken zu nehme» und hinauszuziehen, bis ihn dann sein lecrgewordener Geldbeutel energisch daran mahnte, daß er auch noch andere Pflichten habe, als nur die .des Lernens. * So war wieder ein langer Winter dahingegange», und oft hatte David die verschneite Landstraße zum Vorwand nehmen können, nni daheim hinter seinen Sforim sitzen zu bleiben. Aber auch dieser Winter, der länger schien als alle seine Vorgänger, hatte sein Ende genommen, und die Sonne hatte wieder die Herrschaft, überall Licht und Leben erweckend. Seite 11 Rausch Chaudesch Nissan war vorüber, und Pesach stand vor der Tür. Allenthalben rüstete man sich, den lange erwarteten Gast würdig zu empfangen, — nur David saß noch hinter seinen Folianten und lernte. In drei Tagen war Pesach, und er hatte noch nichts verdient, um sich Mazzes zu kaufen; — er schien auch keine Anstalten zu machen, so bald die Gemoro wegzulegen. Seine Frau hatte ihn immer ruhig gewähren lassen; die heimliche Sorge, die ihr Mann ihr mit seinem Wesen bereitete, hatte sie stets zu verbergen gewußt. Aber jetzt hielt sie es doch an der Zeit, ihn auszurütteln. „Nun David, Pesach steht vor der Tür, und Du hast noch keinen Pfennig verdient. Sollen wir denn auch am Jomtef hungern? — Morgen früh nimmst Du Deinen Packen ans, und morgen Abend will ich die Mazzes sehen!" So resolut hatte seine bessere Hälfte selten zu ihm gesprochen, und so machte er sich denn am nächsten Morgen ziemlich mißmutig auf den Weg. Und das Glück war ihm günstig; wohin er kam, wurde er mit Freuden ausgenommen, und als es Wend wurde, hatte er einen schönen Verdienst. In seinem Dorfe angekangt, ging er daran, den Pesachbedarf für sein Haus zu kaufen, und er erstand — eine Flasche Wein. Seine Frau ließ vor Schreck de» Strickstrumpf fallen, an dem sie gerade arbeitete. „Mann, bist Du meschugge? Was sollen wir mit der Flasche Wein? Warum hast Du keine Mazzes gekauft?" Sie war außer sich. David aber blieb ganz ruhig. ,Lieg' Dich doch nicht unnötig ans, ich werd auch schon Mazzes bringen, Wein muß man doch auch haben!" — und nahm seinen Folianten, während seine Frau kopfschüttelnd ihre Arbeit fortsetzte. Am anderen Morgen trieb sie ihn wieder hinaus, und betrübt zog David mit seinen! Packen von dannen. — Am Abend kehrte er heim mit — einem großen Fisch. Seine Frau war empört. „Sag mal: Seit wann hast Du so noble Passionen. Wein, Fisch, ich glaube wirklich, in Dich ist Ruach Stuß gefahren." David verlor keinen» Augenblick seine Ruhe. Wie gestern antwortete er gleichgiltig: „Fisch gehört auch dazu, die Mazzes werden schon kommen." Sprachs und begann sein Lernen. Seine Frau zog sich still in ihre Küche zurück, von der Seite kannte sie ihren Mann noch gar nicht, trotzdem sie jetzt bald 30 Jahre verheiratet waren und Freud und Leid miteinander geteilt hatten. — Schon wollte sich David am anderen Morgen seinen lieben Büchern znwenden, da fuhr ihn seine Frau an: „Mann, das ist zu viel! — hast Du denn ganz vergessen, daß heute Erew-Pesach ist? Statt Mazzes zu besorgen, willst Du Dich hinsetzen, lernen! Das versteh' ich wirklich nicht mehr! Doch David war nicht zum Aufstehen zu bewegen: „Heut' am Erew-Pesach kaust mir doch nieniand etwas ab," sagte er; — dann, als er das erschreckte Gesicht seiner Frau bemerkte, lenkte er, ein Geldstück hervorziehend, begütigend ein: „Du brauchst keine Angst zu haben, Frau, ich habe von gestern und vorgestern noch ein schönes Stück Geld übrig; da können wir mehr Mazzes kaufen, als wir Pesach essen können." Erleichtert atmete die Frau ans. „Nun geh.schnell und kaufe die Mazzes, bis Jssur Chomez ist, kannst Du wieder zurück sein." David ging und war bald wieder da, — aber nicht mit Mazzes, sondern mit einem — Laib Brot, richtigem Choniczbrot. Seiye Frau war sprachlos, das war zuviel für sie; sie begann wirklich an dem Verstände ihres Mannes zu zloeifeln. Schmerzlich bewegt verließ sie das Haus und eilte zu dem Lehrer, dem religiösen Oberhaupte der kleinen Dorfgemeinde. Erregt erzählte sie ihm das Borgefallene und bat flehentlich um seinen Rat. Ernst sinnend über das Gehörte blickte der Lehrer zu Boden. Plötzlich huschte ein Lächeln über seine Züge, welches aber die Frau in ihrer Erregung nicht bemerkte. Er rief den Gemeindcschammes, der mit ihm unter ciiiem Dache wohnte und sagte ihm, er solle bei den Baale-Batim des Ortes hernmgehcn und sich von sedem einige Mazzes für den armen David erbitten, eine solche Bitte werde sicher niemand abschiagen. Dann nahm er seinen^ Hut und erbot sich, die Frau zu begleiten. — — David blickte erstaunt von seinen Sforim auf, als er seine Frau mit dem Lehrer hereinkommen sah. „Nun, David, was macht Ihr denn für Sachen," redete ihn der Lehrer an, „Ihre Frau glaubt. Ihr wäret meschugge geworden. Statt den Jomtef vorzubereiten, setzt Ihr Euch am Erew Pesach hin und lernt, und starr Mazzes kauft Ihr Chomez. Ich kann cs Eurer Frau wirklich nicht verdenken, wenn sie Euch für verrückt hält, tlebrigens zeigt mal das Brot her..."

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