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Neue jüdische Presse · 1909-04-02 · Heft 13 (2.4.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 13 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mage zu Ht. 1Z tfes fanfefncfec UmMMm Famkeaklatkes. Der große Sabbat. Von Dr. Benno Fischer, Bezirksrabbiner in Palänka. Das lieblichste der Feste, das Fest der jüdischen Familie, das Frühlingsfest, das Fest der Freiheit, das Gründungsfest des jüdischen Volkes: P e s s a ch naht heran, und es sendet seine lichten Strahlen voraus, mit Hellem Glanze auch den 'Sabbat vergoldend, der deni Feste vorangeht und unter dem Namen Schabbos tzagvdanl „der große Sabbat" bekannt ist. lind dieser Sabbat verdient auch mit Recht ein „großer" genannt zu werden, im Hinblick aus das große und herrliche Fest, zu dem er uns führt und vorbereitet. Unsere Alten sprechen aber diesem Sabbat noch eine besondere Bedeutung zu: der Sabbat vor dem Pessachfeste — so * sagen sic — wird der große Sabbat genannt wegen des Wunders, das au diesem Tage vor Jahrtausenden, am Sabbat vor dem allerersten Pessach, geschehen ist. Dieses Wunder bestand darin, daß unsere zur Freiheit bestimmten, aber noch im Sklavenjoche Egyptens schmachtenden Ahnen an diesem Tage das Pessachopser, ein von den Egyptern abgöttisch verehrtes und angebctetes Lamm, nach dem Befehle Gottes vor den Augen ihrer Hasser und Peiniger vorbereitet haben, ohne daß diese ihnen etwas Leides angetan hätten. (Schemoth rabba P. Bo; Tosephott Sabbat 87b; Or. CH. § 430.) Das Lamm war der Abgott Egyptens, und diesen Abgott bereitetenunsere Väter in Egypten vor zum Opfer dem wahren Gotte, dem Gotte Israels, dem Gotte der. Freiheit. Und so lehrt uns dieser Sabbat die Idee der Freiheit, die Idee der wahren Freiheit, der persönlichen Freiheit und der sittlichen Freiheit, der Gewissensfreiheit, verbunden mit deni Mut der Ueberzeugung, mit der Macht und Stärke des freien Bekenntnisses. Der Gedanke der Freiheit, der Gedanke, daß ein jeder im Ebenbilde Gottes geschasfene Mensch ein Recht auf die eigene Freiheit. hat, dieser für die höhere Knlturentwickelung grundlegende Gedanke, der erst durch die französische Revolution in der Proklamierung der Menschenrechte zum Gemeingut der gebildeten Welt geworden, dieser ivelterlösende Gedanke, der heute noch als das Größte und Erhabenste der ganzen Weltgeschichte gilt, ist zuni erstenmal durch das jüdische Volk verkündet worden. „Entlasse mein Volk aus der Knechtschaft, damit sic ausschließlich mir dienen" — so redete Mojes, der Führer des jüdischen Volkes, im Namen Gottes den egyptischen Tyrannen an. „Denn nur mir, nur Gott, kann ' der Mensch Knecht sein" .— aber nicht Knecht eines ' anderen Knechtes. Die Völker der alten Welt waren aber allesamt Sklaven. Ans zwei Kasten bestand die damalige Menschheit: .aus vielen Sklaven und wenigen Herrschern. Niemand in Egypten war frei, nur der Tyrann. Aber auch später, selbst in Hellas, war der Gedanke von dem angeborenen Rechte eines jeden Menschenkindes auf die Freiheit unbekannt. Auch dort stand eine kleine, bevorzugte Kaste der Freien der großen Masse des gemeinen Volkes gegenüber. Es hieß dort in Wahrheit: „Du mußt herrschen oder dienen, Amboß oder Hammer sein".,-. Mit. der Erlösung "Israels aus Egypten durch Gott ist der Welt zum erstenmale gelehrt worden, daß das Recht auf Freiheit eür göttliches Recht ist. Gott selbst nahm siE des geknechteten und gequälten Volkes an, er selbst befreite das ohnmächtige Pariavolk aus den Händen der Gewaltigen. Und so wurde die Stunde der Erlösung Israels aus Mizraim zugleich die Geburtsstunde der Idee der Freiheit. Hätte damals Gott, der Vater der Menschheit, sich des geknechteten Indenvolles nicht erbarmt: so würde heute noch Finsternis die Welt bedecken, so wäre das Licht der Freiheit heute noch unbekannt, und noch heute wären wir Sklaven, ohnmächtige Knechte der Willkür und der Gewalt. Mit Recht sagt darum der Verfasser der Haggada, die wir an den Sederabenden inr trauten Familienkreise andachtsinnig lesen: „Hätte nicht Gott unsere Väter aus Mizraim erlöst, so wären wir und unsere Kinder -und Kindeskinder Sklaven pharaonischer Gewalt und egyptischer Willkür." Aber seitdem Gott vor Jahrtausenden durch die Erlösung Israels das Recht auf die Freiheit vor den Augen der ganzen Welt proklamiert hat, seitdem lebt dieses Recht im Bewußtsein der Menschheit unvertilgbar und spornt sie an zu großen Taten. Nur diesem Bewußtsein vom göttlichen Ursprung der Freiheit verdanken ivir zu jeder Zeit unsere eigene Freiheit, und nur dieses Bewußtsein bürgt auch unsere Freiheit in alle Zukunft. Wer darum die hohe Bedeutung der Freiheit versteht und sie zu würdigen vermag, wer es versteht, wieviel in der Entwickelung der Menschheit dem Bewußtsein von dem Recht auf die Freiheit zu danken ist; wer stolz ist auf die hohe» Kulturerrungenschaften, welche allesamt auf die Grundidee der Freiheit des Menschen zurückgehen: der toird um so größeres Verständnis und um so größere Achtung und Ehrfurcht dem großen und herrlichen Feste, dem Feste der Erinnerung an die Befreiung aus Egypten entgegenbringen. lind wären wir alle Weise, alle Aufgeklärte, alle mit Erfahrung geschmückte Greise, alle Kenner der Thora — sagt in diesem Sinne auch die Haggada — um so mehr ist es uns daun Pslicht, von dein Auszuge aus Mizraim nnd seiner Bedeutung zu erzählen. Und je mehr jemand zu erzählen weiß, d. i. je tiefer er in die Bedeutung dieses weltgeschichtlichen Ereignisses einzudringen vermag, nm so lobenswerter ist er. Da geht aber unsere freiheitstrunkene Jugend und da gehen die Gebildeten unseres Volkes hin und mißachten die erhabensten Erinnerungen an unsere Vergangenheit, spotten in gedankenlosem Weishcitsdünkel mit den Worten des „Roscho"' in der Haggada: „Wozu Euch dieser Dienst?", wozu die lästige Zereinonie, wozu die Auffrischung einer alten, uralten Geschichte? Ach! Pharao ist ja tot, und tot auch das alte Egypten, und das einstige Schicksal unserer alten Ahnen vor so und sovielen Jahrtausenden — was geht das uns freie und frohe Söhne des 20. Jahrhunderts an?! Wozu immer wieder diese alte, steinalte Geschichte?! Nun, wir wollen nicht die Gegenfrage stellen: ob es denn wirklich eine alte Geschichte ist; ob die Pharaonische Knechtung und mizraitische Mißhandlung des jüdischen Volkes wirklich einer grauen Vergangenheit angehört; ob nicht vielmehr diese alte Geschichte von der Knechtschaft Israels in manchen Ländern der sog. zivilisierten Welt sich immer wieder erneut? Wir fragen das nicht. Denn es lebt in uns die tröstliche Gewißheit, die unerschütterliche Ueberzeugung, die in den Worten der Haggada ausgedrückt ist: daß wenn auch in jedem Äeschlechte Hasser gegen uns sich erheben, so rettet uns Gott, der Hüter Israels, immer wieder. Die Geschichte dreier Jahrtausende legt Zeugenschast ab für diese Wahrheit, die wir nie vergessen wollen, die wir aus falscher Toleranz nicht vergessen dürfen. $, Aber wir fragen: ist es nicht Pflicht gerade unserer Gebildeten, die stolz sind auf die Freiheit ihrer Anschauungen, daß sie den hohen Gedanken, der durch unser Pessachfest symbolisiert wird, ächten und schätzen? — Es zeigt darum nur auf Gedankenlosigkeit, wenn manche Halbgebildete unserem Pessachfeste gegenüber den Aufgeklärten spielen wollen, als stünden sie hoch erhaben über veralteten Bräuchen und Sitten. Nein, nicht also! Wer den symbolischen Gebräuchen und Vorschriften unseres Pessachfestes nicht die gebührende Achtung und Beachtung schenken mag, wer, wie der „Roscho" in der Haggada, „sich aus der Gemeinschaft der' Feiernden ausschließt" — kofar beikkor „der leugnet ja die Wurzel", den Gnrnd, das Fundament seines eigenen Selbstes. Ja, ein solch' Leichtsinniger ist auch der „Freiheit", auf die er sich beruft, nicht wert; oder wie das die Haggada ausdrückt: wäre er dort gewesen, - ec wäre wahrlich nicht erlöst geworden! Ein Gefühl des Stolzes und des Selbstbelmißtseins erfiillt uns, so wir daran denken, wie Großes durch das jüdische Volk der Menschheit geworden, wie durch die Verkündung des Freiheitsgedankcns, der in unserem Pessachfeste niedergelcgt ist, das Judentum der vornehmste Förderer des Heiles der Menschheit ward. Aber zu diesem Bewußtsein soll auch der M u t sich gesellen, immer und überall, frei und offen uns als Söhne des Judentums zu bekennen. Wir sollen den Mut haben, dort, wo es das Judentum verlangt, selbst angesichts unserer Gegner, ihren Abgott, den Abgott der Zeit, wie einst unsere Ahnen in Egypten, zu opfern. Dieser Mut der Ueberzeugung und des freien Bekennrnisjes wird auch das Wunder bewirken, daß unsere erbittertsten Gegner, wie einst in Egypten, uns nichts Leides werden zufügen können, daß vielmehr unser offenes, ehrliches Eintreten für unsere Ueberzeugung ihre Achtung abnöttge und — wie einst den Vätern — auch uns die Erlösung, die wahre Freiheit, nahen wird. Hilssvereiu der deutsche« Juden. Am 38. März fand in Berlin unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des Zentralkomitees und in unmittelbarem Anschluß daran die ordentlicheMitgliederversammkung des Hilssvereins der Deutschen Inden statt, welch' beide Versammlungen sehr gut besucht waren. — Der Vorsitzende gedachte in der Sitzung des Zentralkomitees dessen dahingeschiedenen Mitgli eder, der Herren Charles L. Hallgarten-Frankfurt am Main, Kommerzienrat Paul M ende-Frankfurt a.O., Adolf Salzburg-Dresden; besonders erschütternd wirtte die vor Beginn der Sitzung eingetrofsene Nachricht, daß Herr Justizrat L achm au n-Berlin, gleichfalls Mitglied des Zentralkomitees, verstorben sei. Ferner widmete der Vorsitzende den dahingegangenen Herren Gustav Tuch-Hamburg und Baron Günzburg - Petersburg, die in dem Hilfswerk für Galizien und Rußland dem Hilfsverein allezeit zur Sette gestanden, einen warmen Nachruf. Der Geschäftsbericht des Zentralkomitees wurde alsdann einstimmig genehmigt, idie Herren Rechtsanwalt Felix Makower- Berlin, Louis Lad ewig-Chemnitz und Justizrat Berger-Königshütte einstimmig in das Zentralkomitee koopttert uni» Herrn Jaco-b H. Schiff für seine 100000Dollars-Speude zu Gunsten des Jüd. Technikums in Haifa (Palästina) der Dank votiert. — In der Generalversammlung erstattete der Vorsitzende den Geschäftsbericht. DieMitgliederzahl ist von 18000 auf über 20000 gestiegen. Die Mitgliederbeiträge haben sich auf 151000 Mark erhöht. Damit hat der Hilfsverein eine Ausdehnung angenommen, die kaum von einer zweiten jüdischen Organisation erreicht sein wird. Für erfolgreiche Propaganda ist vor allem Herrn Siegmund Pergel, dem Chef der Propagandakommission im Ehrenamte, Anerkennung zu zollen. Auch einmalige Spenden sind dem Hilfsverein in reichem Maße zugeflossen. Die Stiftungen für Bereinszwecke und für Unternehmungen, die der Hilfsverein begründet, betragen bisher bereits über eine Million Mark. Insbesondere bringt der Vorsitzende unter lebhaftem Beifall der Bersammetten der Familie Wissotzky und Herrn Jacob H. Schiff in New Dork für ihre großherzigen Stiftungen seinen Dank zum Ausdruck. Die Familie Wissotzky hat bereits im vorigen Jahre für das Technikum in Haifa 100000 Rubel gewährt, und Herr Jacob H. Schiff stellt für den gleichen Zweck 100000 Dollar zur Verfügung. Auch dem frühere» Dumaabgeordneten Herrn Dr. Schmarjah Levin, der in der Versammlung anwesend war. sprach der Vorsitzende für seine erfolgreichen Verhandlungen in den . Bereinigten Staaten zur Förderung des hochbedeutsameu Unternehmens den Dank aus. Der Vorsitzende hebt ferner hervor, daß die Wirksamkeit aus kulturellem Gebiete den erfreulichsten Fortgang nehme — für kulturelle Zwecke sind rund 130000 Mark ans-

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