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Neue jüdische Presse · 1909-04-02 · Heft 13 (2.4.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 13 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Verleihung von Stipendien, durch Beröffentlichung vbn Werken rc. zu fördern. Präsident der Ge» fellfchast ist das frühere Kousistorial-Mtglied CharleS Levy-Colmar. — Seit etwa einem Jahre hat die Gesellschaft im „Elsässischen Museum" hier eine Sammlung solcher Gegenstände angelegt, die mit dem elsaß-lothringischen Judentum in Zusammenhang stehen. In verhältnismäßig kurzer Zeit bekam man viele Gegenstände, wie Sabbatlampen, Chanukkahleuchter, Sederplatten, Bilder, Tafeln u. dergl. Das Interesse für dieses jüdische Museum ist sehr groß, und von überall her gehen Geschenke dafür ein. Oesterreich-Ungar«. Czernowitz. Die hiesige Israel. Kultukgemeinde erläßt folgenden Aufruf: „Die israelitische Kultusgemeinde in Czernowitz schreitet daran, die längst erhobene Forderung nach einer jüd. Gemeinde-Bibliothek zu erfüllen. . Sie hat zu diesem Zwecke, trotz der schweren Lasten, die ihr die Armut der jüdischen Bevölkerung auferlegt, den Betrag von Är. 10 000 für die Anschaffung von Büchern bewilligt. So namhaft dieser Betrag mit Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Czernowitz erscheint, so unzulänglich ist er, wenn man Pie ungeheure Literatur des jüdischen Volkes, das Ergebnis einer mehr als 3000jährigen geistigen Tätigkeit in Betracht zieht. Es ergeht deshalb, an alle Glaubensgenossen, denen die Verbreitung jüdischer Wissenschaft am Herzen liegt, die dringende Bitte, durch Zuwendung von Werken aus dem Gesamtgebiete der jüdischen Literatur — gleichviel in welcher Sprache — das Zustandekommen einer den Bedürfnissen entsprechenden Bibliothek ermöglichen zu helfen. Die geschenkten Werke, auf denen der Name des Spenders ersichtlich gemacht wird, werden von der „Israelitischen Kultusgemeinde in Czernowitz" entgegengenommen." Grotzbritannien. London. Am 2. April wirb bas hiesige Büro der Jto den ausführlichen Bericht einer Expedition h-rausgeben, welche unter der Leitung des Generalgouverneurs von Tripolis die Nordküste Afrikas und das westliche Egypten bereist hat und schließlich das türkische Territorium Cyrenaica an der Ostgrenze von Tripolis für eine Kolonisation in Vorschlag gebracht hat. Dieser Vorschlag erscheint von allen denen, welche die „Jto" in den vier Jahren ihres Bestehens zur Diskussion gestellt hat, noch der plausibelste, denn das Land steht unter der judenfreundlichen türkischen Verwaltung und zählt ferner im weiteren Sinne z» den Nachbarländern Palästinas, welches heute doch schon als Zentrum der jüdischen Kolonisationsbestrebungen angesehen werden muß. Ein genaueres Urteil wird man sich wohl erst nach Erscheinen des offiziellen Berichtes bilden können. Doch geht die Meinung der Kenner des Landes dahin, daß Cyrenaica sich wesentlich nur für Viehzucht eignet. „N. I. K." Rußland. Wilna. Ueber eine eigenartige Gerichtssache wird der Kreisgerichtshof demnächst zu verhandeln haben. Das Wilnaer Gouvernementsamt für städtische Angelegenheiten hat nämlich die Juden Schabad, Paperno u. a. wegen Zahlung von 5000 Rubeln zur Errichtung einer orthodoxen Kirche in Nowo-Wileisk verklagt. Interessant mit Rücksicht auf die Judenlage ist nun der Hintergrund der Affäre: Nur sechs Werst vom jüdischen Zentrum Wilna entfernt, liegt die Station Nowo-Wileisk, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, in dem jedoch Juden als in einem außerhalb der Städte und Flecken gelegenen Ort laut den „provisorischen" Maigesetzen des Jahres 1882 nicht wohnen dürfen. Nun hatten die Beklagten ein Interesse daran, daß das. Dorf Nowo-Wileisk, wo sie Land besitzen, in einen Flecken umgewandelt werde. Die Behörden versprachen auch, einem dahinzielenden Gesuche stattzugeben, verwiesen aber auf die gesetzliche Schwierigkeit, daß Nowo-Wileisk die für einen Flecken erforderliche Kirche nicht besitze. Da erklärten sich die Bittsteller bereit, 5000 Rubel zu diesem Zwecke zu spenden. Nach richtiger russisch« bureaukratischer Manier beantragten nun die schlauen Behörden die Ernennung von Nowo-Wileisk zum Flecken, schalteten aber aus dem Weichbilde des neuen Fleckens die den genannten Schabad rc. gehörigen Ländereien aus, so daß diese nur das Nachsehen hätten. Naturgemäß wollen jetzt die eigenartigen Kirchenspender unter solchen Bedingungen kein Geld geben und rufen: Entweder — oder! Da soll nun das Gericht sich mit dieser wahrhaft russischen Affäre befassen. „Ruff. Korresp." gßödfuifeT NraeüLWer FamllieiMakt. Shitomir. Ein Ritualmordmärchen setzt seit einigen Wochen die ganze Stadt in Aufregung und hat sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Umgegend verbreitet. Ueberhaupt häufen sich jetzt' vor den Pessachtagen die hirnverrückten Ritualmord Märchen in großer Quantität an. Die hiesige Mär ist folgende: Der hiesige Millionär Tabaksfabrikant Bojarski habe eine christliche Zigarettenarbeiterin in seinen Keller gelockt und dort in eine Kiste eingenagelt. Erst nach drei Tagen wären bei den Nachforschungen, die die Eltern des Mädchens anstellen ließen, die Gendarmen durch schwache Hilferufe der Tat .auf die Spur gekommen und hätten das Mädchen halb erstickt und fast verhungert aufgefunden. So unglaublich, lächerlich diese Erzählung ist, so schlimm ist ihre Wirkung gewesen: Das Haus des Kaufmanns Bojarski, dessen Kundschaft fast ausschließlich aus der Landbevölkerung besteht, wird vollständig boykottiert. In Kieff agitieren die christlichen Studenten, nicht ohne antisemitische Grundstimmung, gegen die Zulassung jüd. Studentinnen. Die einzig zugängliche Bildungsstätte ist Kieff und die Ueberfüllung mit jüdischem Element bringt immer mehr den Antisemitismus hervor. In Kieff werden bisher die jüdischen Studentinnen ausgenommen, wenn sie das Maturitätsexamen bestanden haben; jetzt aber wird, wie ich höre, das Maturitätsexamen auch nicht helfen. — Und so ging und geht der Strom der Kämpfer gegen ein unverdient hartes Geschick von Rußland nach der Schweiz und dort erst fängt das Leiden an. — Wie ich höre, sollen die Zahnärztinschuleu demnächst hie Aufnahme der jüdischen Studierenden beschränken. — Das Schächtverbot in Finnland hat hier unter den Christen große Freude hervorgerufen, und wo man geht, hört man von diesem Thema sprechen und die Hoffnung aussprechen, daß es nicht mehr lange dauern werde, bis auch hier das Schächtverbot proklamiert wird; erst dann bekäme man ein reines Rußland! — Wir sind also hier alle auf dem Wege, unser Päckchen zur Reise fertig zu halten. I. I. Braun. Dänemark. Kopenhagen. Am Königs. Theater wurde mit großem Erfolge das Schauspiel „Daniel Hertz" von Obergerichtsadvokat Henri Nathausen aufgeführt. Der Inhalt des Stückes ist folgender: Daniel, der Sohn einer reichen jüdischen Kaufmannssamilie, verehrt die Tradition des Hauses, wird aber gleichzeitig von dem Streben erfüllt, an dem sozialen Kampf der unteren Klassen teilzunehmen. So entsteht in der Seele Daniels der Konflikt. Er verläßt das Elternhaus und wird draußen zum einflußreichen Arbeiterführer. Einmal zwingt ihn die Macht der Verhältnisse, eine Streikbelvegung zu leiten, dir sich unter anderm auch gegen das Handelshaus seines eigenen Vaters, des alten Gerson Hertz, richtet und dieses der Gefahr großer Verluste aussetzt. Der alte Hertz, der jeden Verkehr mit dem Sohne abgebrochen hatte, sucht ihn nun in seiner Verzweiflung auf und fleht ihn an, einen Vergleichsversuch bei den Arbeitern zu unternehmen. Daniel kämpft einen harten Kampf. Schließlich siegt aber sein ausgeprägter Familiensinn, und der Vergleich wird geschlossen. Nun ist es mit seiner Popularität bei der Arbeiterschaft aus; er wird als Verräter gebrandmarkt, und während die Arbeiter vor seinen Fenstern lärmen, wird das Schimpfwort „Jude!" zu ihm heraufgeschleudert. Daniel sinkt in sich zusammen und fühlt, daß er jetzt endlich sich selbst wiedergefunden hat. Rumänien. Bukarest. Verschiedenes. Fräulein Bertha Pappenheinr aus Frankfurt a. M. besuchte Bukarest, Braila und Galatz, um die Gründung von „Vereinen gegen den Mädchenhandel" in chie Wege zu leiten. 'Sie fand überall bereitioilliges Verständnis für ihre Bestrebungen. — Ein Bürgermeister und ein Steuereinnehmer wurden ihres Amtes enthoben und des Wahlrechtes verlustig erklärt, weil ihnen nachgewiesen wurde, daß sie Söhne getaufter Juden sind und man zwischen Juden und Abkömmlingen von Juden keinen Unterschied sehen will. H—r. Amerika. Rew-Aork. Rabbiner Alexander Lyons vom Tempel „Beth Elohim" in Brooklyn erläßt einen Protest gegen die Organisierung der Newyorker Judenheit. Der Protest führt aus, daß das Reform-Judentum die jüdische Religion der Zukunft sei und es daher seinen Interessen widerspreche, durch ein Zusammenarbeiten mit Andersgesinnten di» Verfolgung Seite 3. feiner Ziel» zu vernachlässigen; außerdem seien die Newyorker Juden erst Amerikaner und dann Juden, und durch ihre Organisierung könnten sie in den Verdacht kommen, die jüdischen den amerikanischen Interessen voranzustellen. Personalien. Berlin. Just'zratDr. Edmund Lachmann, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der jüd. Gemeinde, erster Vorsitzender des Verbandes der deutschen Juden und Mitglied des Zentralkomitees des Hilfsvereius der deutschen Juden, ist infolge eines Unfalls im 56. Lebensjahre verschieden. Dr. Lachmann war außerdem Teilhaber der Neuen Berliner Messingwerke, Wilh. Borchert jr., stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Berufsgenossenschaften und Vorsitzender des Vorstandes der Norddeutschen Metall-Bernfsgencsienschaft. Er zeichnete sich durch eine nie versagende Arbeitsfreudigkeit und Tatkraft und durch hohen sittlichen Ernst und vornehme Gesinnung aus. Berlin. Komme'ziemat Julius Goldschmidt erhielt das Ehrenkreuz des mecklenburgischen Greifenordens. Heidelberg. Fabrikant Max L i e b h o l d wurde zum Stadtrat gewählt. Hamburg. In der gemeinichaitlichen Sitzung des Vorstandes und des Delegiertenkollegiums des Deutsch-Js rael. Shnagogenverbandes wurde für den nach 2öjähriger Wirksamkeit aus dem Vorstand des Syuagogenverbaudes ausscheidenden Hermann Gumpertz, Ludwig Mainz, Seniorchef des Bankhauses John M. Meyer, gewählt. Er ist bereits mehrfach in Ehrenämtern in der Gemeinde tätig. In der Vorstandssitzung wurde Dr. B. Levy für Hermann Gumpertz zum Vorsitzenden des Deutsch-Israel. Synagogenverbandes gewählt. Cassel. Kammer,ienrat Gustav Plaut erhielt das Waldecksche Berdienstkreuz 3. Klasse. ch Stratzburg. Im Laufe der vernanaenen Woche wurde eines unserer ältesten Gemeinde-Mitglieder, Herr Benjamin Levy, zur ewigen Ruhe gebettet. Der Verstorbene, der das stattliche Alter von 31 Jahren erreicht hat, war wegen seines edlen Charakters und seiner großen Menschenfreundlichkeit allgemein geschätzt. Er stand lange Jahre dem israel. Waisenhause als Direktor vor. Die öffentliche Armenpflege verliert in ihm einen edlen Förderer. — Vom Unglück schwer heimgesucht wurde dieser Tage die Familie des Kaufmanns D. Weil in Colmar. Während der stets kränkliche Vater an einer Operation im Kraukenhause darniederliegt, starb gestern plötzlich infolge Herzschlags die noch rüstige Mutter. (Stirne o. a. Br. Rentier Marcus Laß hinterließ der jüd. Gemeinde 10000 JL Budapest. Baron Siegmund Kornfeld. Magnatenhausmitglied, Präsident der Effekten- und Warenbörse, Generaldirektor der Allg. Ungar. Kreditbank und Vorsteher der israel. Kultusgemeinde, ist nach dreijährigem, schweren Leiden im 57. Lebensjahre verschieden. Kornfeld wurde in Jeuikau (Böhmen) geboren und wurde bereits im Alter von 20 Jahren Direktor des Böhmischen Bankvereins und kurz darauf Direktor der Prager Filiale des Oesterr. Handels- Kreditinstituts. 26jährig wurde er zum Direktor der Allg. Ungar. Kreditbank in Budapest gewählt, als welcher er bis zu seinem Lebensende auf allen Gebieten des Handels- und Verkehrswesens eine ganz hervorragende Tätigkeit entfaltete. Seine Verdienste wurden durch zahlreiche Auszeichnungen belohnt; es sind erst wenige Wochen her, daß ihm die erbliche ungarische Baronie verliehen wurde. Kornfeld war ein kleiner, anscheinend schwächlicher Mensch, besaß aber eine ungewöhnlich große Energie und Arbeitskraft. Anläßlich des Todes Kornfelds beschloß der Börsenrat Schließung der Börse bis zum Leichenbegängnis, das vom Börsenpalais aus stattsinde, achttägige Hissung der Trauerfahnen, sowie ferner, Porträt und Marmorbüste des Verstorbenen anfertigen zu lassen und eine außerordentliche Generalversammlung ihm zu Ehren einzuberufen mir dem Antrag der Errichtung einer Kornfeld-Stiftung. Handelsminister K o s s u t h sandte dem Börsenrat ein warmes Beileidstelegramm. An der Leichenfeier nahm Ministerpräsident Dr. Alexander Wekerle teil. Bern (Schweiz«. Anna Tumarkin. geboren in Kischinew und seit 1898 Privatdozentin der Philosophie an der hiesigen Universität, wurde zum außerordentl. Professor ernannt. Wilna (Rußlandl. I. A. Livetz wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt zum Ehrenbürger von Wilna ernannt. London. Seit G ündung des .Dennsb Board of Guardians", des Londoner israel. Hilfsvereins, im Jahre 1859, also seit 50 Jahren ist Al - gernon E. Sydney honoris causa Syndikus dieser Institution. Auf der Jahresversammlung des Jewish Board of Guardians, die Sonntag stattfindet, wird dem Jubilar sein von Mayer Klang gemaltes Bild überreicht werden.

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