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Neue jüdische Presse · 1909-04-02 · Heft 13 (2.4.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 13 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. FrmGllrter UmelitWes FawilienVlatt. Nr. 18 Wer, um "beim Faktum zu bleiben: Bei dieser hohen Auffassung von der Künstler-Individualität ist die Behauptung, die Juden seien allen Verständnisses für bildende unddekorative Kunst bar, ein sdsuräum infinit um, und der vielleicht gut gemeinte Satz, die Juden sind die Träger einer rein ethischen Weltanschauung, eine Verunglimpfung des Judentums. Der formale Grundcharakter des Judentums offenbart sich in seinem Harmonie, Ordnung und Symmetrie gebenden Prinzip, — ein Prinzip, das nicht nur das Alpha und Omega des Rechts, sondern auch der Kunst ist. Das Judentum als Kulturbewußtsein birgt dieselben potentiellen Kräfte für eine große, selbst bildende Kunst, wie jedes andere Volk auch— ja — vielleicht noch mehr als jedes andere Volk; denn das erste Tolument des Judentums, das erste Buch der Bibel enthält schon die Verwirklichung höchster Harmonie und Symmetrie. — Denn man bedenke: — Aus dem Chaos, in wirrem Durcheinander treibender Kräfte, wild hin und her rasender Naturgewalten hat Gott das Weltall mit seinen ewigen, es beherrschenden Gesetzen geschaffen, den Wassern des Ozeans eine Grenze gesetzt und den Kreislauf der Planeten für alle Ewigkeit bestimmt. Dieser s.ch ö p f e r i s ch - k ü n stlerische theocentrische Ausblick im Judentum verhält sich zu den antropo-centrischen Schöpfungen unserer alten hellenischen Nachbarn wie eine 'Universalsprache zu einem lokalen Dialekt,, wie eine große Ewigkeitsgefühle auslösende Symphonie zu einem kleinen Volkslied von lokaler und temporärer Bedeutung. Wäre das Judentum nur eine beschränkte ethische Weltanschauung im religiösen Niederschlag, dann würde es nicht mit diesen großen künstlerisch-schöpferischen Ausblicken beginnen und nicht den ewigen Bestand der Dinge in rythMischer Ordnung lehren, sondern es müßte gleich dem Buddhismus, jenem Exempel der ethischen Weltanschauungen pur excellence, mit dem Chaos ansetzen und auf die Vernichtung alles Begehrens und Lebens absehen. Das Judentum aber lehrt das Leben und den Bestand der Dinge, weil es eine intellektualistische und keine volutaristische Weltanschauung darstellt. Die Kunst aber fließt aus dem Quell des intellektualistischen Bewußtseins im Gegensatz zur Ethik, die den Willen zum Inhalt ihrer Normen hat. Jetzt werden Sie es begreiflich finden, wenn ich Ihnen sage, daß das Nichtvorhandensein einer jüdischen bildenden Kunst im engern Sinne des Wortes nicht eine Folge des inneren Grundcharakters des Judentums ist, sondern — wie die jüdische Musik — eine Frage von Umständen, Beziehungen und Verhältnissen ist, die geschichtlich begründet sind —. Die Juden hatten keine Malerei und keine Skulptur, denn die Juden als Träger einer theocentrischen Weltauffassung durften keinen Menschenkultus treiben. — Die Griechen als Träger einer antropo centrischen Weltanschauung trieben einen Menfchenkultus, der in ihrer Malerei und Bildhauerei seinen gewaltigen künstlerischen Mederschlag fand. Der Jude sah in Gott den Schöpfer und Herrn der Welt und verehrte Gott, betete zu ihm, sang zu ihm. — Gott, von dem die Juden gelehrt wurden, er hat keinekörperliche Gestalt, ist kein Körper, Gott, der Allgeist und Allgedanke, Gott, der ganz Geist, ganz Gedanke, Gott, der gestaltlos und unkörperlich ist, konnte mit keinem Pinsel und mit keinem Meiße!, sondern nur mit der Seele und mitdemGeist verehrt werden. Daher mußten sich alle künstlerischen Kräfte innerhalb des Judentums in abstrakten Formen auslösen, — speziell in Poesie. — Die antike jüdische Kunst ist daher ganz in abstrakte, körperlose Formen gegossen. Anders die griechische Kunst, die selbst in der Poesie überwiegend episch d. h. konkret ist. Die Griechen waren die Träger einer antropocentrischen Weltauffassung, ihre künstlerischen Kräfte waren an Menschen und Dinge gebunden — sie verehrten, sie vergötterten den Menschen und schufeneine Götterwelt, — sie trieben einen Kultus mit dem Menschen, mit dem von ihnen vergöttlichten Menschen im Gegensatz zu den Juden, und dieser von ihnen vergöttlichte Mensch fand seinen künstlerischen Niederschlag in ihrer Malerei und Skulptur und poetisch in ihrem Epos und in ihrem Drama. (Schluß folgt.) Aus den Geschehnissen des Tages. Das Interesse für Palästina hat sich in allen Kreisen der Judenheit erfreulich gehoben. Das beweist die Tatsache, daß im abgelaufenen Jahre nicht weniger als 275000 Mk. für den Nationalfonds, dessen Aufgabe es ist, Land für den Ackerbau in Palästina zu erwerben, gespendet wurden. Das beweist ferner das vom Hilfsverein der Deutschen Juden geplante Jüd. Technikum — das erste Technikum im Orient überhaupt —, für das in überraschend kurzer Zeit so große Summen zur Verfügung gestellt wurden, daß seine Errichtung als ein imponierendes Institut gesichert ist. Und dafür spricht schließlich die erhöhte Aufmerksamkeit, welche infolge der wirtschaftlichen Hebung Palästinas und der veränderten innerpolitischen Verhältnisse in der Türkei die Alliance Jsraelite Universelle und die Jca diesem Lande zuwenden. Bei diesem gewaltigen Umschwung aller Dinge hat naturgemäß die jüd. Kulturfrage in Palästina zu einer aktuellen und akuten werden müssen. Mit dem alten Schlendrian geht es jetzt nicht mehr weiter, Jahrzehnte langes Träumen hinter Talmudfolianten ohne Erziehung für das Leben auf der einen Seite und Erziehung für das Leben ohne die jüd. Tradition als Grundlage, da man nicht eine jüdische Zukunft erstrebt, auf der anderen Seite, — diese Disharmonien haben nun keinen Fortbestand mehr, denn sie müssen dem aufblühenden jüdischen Volksleben mit all' seinen ideellen und materiellen Konsequenzen weichen. Von diesem Gesichtspunkte aus darf man der kulturellen Entwicklung der palästinensischen Judenheit mit Ruhe entgegensehen; müssen sich doch in einem sich frei entwickelnden jüd. Volksleben die Werte jüdischer Welt- und Lebensanschauung durchsetzen! Damit aber die jungen Triebe des erwachten jüdischen Volkslebens vor empfindlichen Störungen bewahrt werden, 'ist es nötig, daß eia gemeinsamer Boden für die aus aller Herren Länder zusammengewürfelten, von den so verschiedenartigen Kulturanschauungen ihrer ehemaligen Wirtsvölker beinflußten Juden Palästinas gefunden werde. Keine leichte Aufgabe bei einem Volke, in dem das Jndividualitätsgefühl so stark entwickelt ist, wie im jüdischen! Mit dem Schlagworte „Neutralität" den verschiedenen religiösen Richtungen gegenüber, welches Schlagwort erst jüngst der Direktor des Jaffaer Hebräischen Gymnasiums auf der Aktionskomitee- Sitzung in Köln unter Billigung des Aktionskomitees*) gebrauchte, ist da nichts getan. Das Wesen des jüdischen Volkes wurzelt in.dem Monotheismus, wie er m seiner Tradition zur Auffassung gebracht worben ist — absoluter Gott, absolutes Recht —, und diese Prinzipien sind in ihrer jüdischen Fassung auf allen Gebieten des Lebens zur Geltung zu bringen, so sich das jüdische Volk in seiner Eigenart entwickeln soll. Wie will das Hebräische Gymnasium mit dem Prinzipe der Neutralität dem ganzen religiösen Innenleben gegenüber zur jüdischen Persönlichkeit erziehen? Wenn die Lehrer beim Unterricht der Bibel, des Nationalheiligtums des jüdischen Volkes, nichts wie trockene Tatsachen geben wollen, unter ängstlicher Vermeidung jedes Gedankens, — wahrlich, dann wäre es schade um jeden Pfennig, der für das Hebräische Gymnasium aufgewendet lvird! Und wollen sie die ihnen anvertraute Zukunft des jüdischen Volkes nicht als tote Schablone erziehen, — so entsteht die Frage: soll die Tradition des jüdischen Volkes oder sollen die bibelkritischen Anschauungen der Feinde des jüdischen Volkes als wahr dastehen? *) Wohl versicherte das Aktionskomitee-Mitglied Dr. Lewin aus Grund seiner eigenen Wahrnehmungen, daß der jüdische Geist der Schule ein mustergiltiger — wünschenswert auch für orthod. Schulen — ist ühut ist aber mit allgemeinen Redensarten nichts getan; gar verschieden sind heute die Auffassungen über den jüdischen Geist Hier handelt es sich .um die knappe und klare Frage: Ist die Bibel als historisches Gegebenes laut der Tradition oder als Sagenhaftes nach den bibelkritifchen Hypothese» zu lehren? Daraus ist man uns noch immer eine Antwort schuldig. Hier hilft nur mutiges Falbebekennen, hier hilft nur. ein herzhaftes Anfassen des Problems! Die Herren brauchen nur zu prüfen, wie weit sie noch von antijüdischen Anschauungen beeinflußt werden und sich bann von diesen zu befreien; — der Weg, den sie dann beschreiten werden, er wird der richtige sein! Und dann werden von der Schule aus die Jungen die Alten befruchten, — und so wird die Schule der Entwicklung zu einem Kultu.» leben in der freiesten Entfaltung jüdischer Eigenart den Weg ebnen! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die unter der Direktion des Herrn Rabbiner Dr. Jakob Horovitz stehende Israelit. Religionsschule ladet alle Freunde der Anstalt zur öffentlichen Prüfung ein, die Samstag Nachmittag von 3 bis 5yz Uhr im Hermesweg 25/27 und Sonntag Morgen von 10—12i4 Uhr in der Unterlindau 23 stattfindet. Im abgelaufenen Schuljahre unterrichtete die Anstalt 535 Schüler und Schülerinnen, und zwar 346 (einschließlich des 6 Teilnehmerinnen zählenden Lehrerinnenkurfus) in der Schule am Hermesweg, 91 in der Schule an der Unterlindau, 21 in dem Kursus für galizische und russische Knaben und 77 in der Kliugeroberrealschule, Adlerflychtschule und Oberabteilung der Liebigschule. Da die Schule im Vorjahre von 488 Schülern und Schülerinnen besucht war, so ist also die sehr erfreuliche Vermehrung von 47 Zöglingen zu konstatieren. Im neuen Schuljahre werden Kurse für Schüler höherer Lehranstalten im Hermesweggebäude der Anstalt eingerichtet werden, so daß auch für das neue Schuljahr ein weiteres Fortschreiten in der Schülerzahl zu erwarten ist. Frankfurt a. M. Das Programm der Realschule der israel. Gemeinde „Philanthropin" enthält als Beilage die Beschreibung des neuen Schulgebäudes von Magistratsrat G. Matzdorff- Berlin und Zeichenlehrer A. Galliner, sowie den Bericht über die Abschieds- und Einweihungsfeier von Oberlehrer Prof. Dr. Michel. Die Beilage ist reich mit guten Illustrationen des neuen Schulgebäudes versehen. Das Philanthropin wurde am 1. Februar 09 von 229 Knaben in der Realschule und 121 in der' Vorschule und 201 Mädchen (i. Sa. 551) besucht. Außerdem besuchteil 47 Knaben und 8 Mädchen die am 15. Novbr. eröfsnete Einsührungsklasse. Frankfurt a. M. Dem soeben erschienenen Jahresberichte der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft geht eine Arbeit des Professors Dr. JosefCaro, betitelt „Zum Unterricht in den neuen Sprachen", voraus. Wir entnehmen dem Berichte, daß die Schule am 1. Februar 1909 von 249 Schülern in der Realschule, 107 .Schülern in der Vorschule und 254 Schülerinnen in der höheren Mädchenschule besucht wurde (i. Sa. 610 gegen 612 am 1. Februar '1908). Frankfnrt a. M.,!3I. März. Der Central- Verein israel. Gemeindemitglieber faßte in seiner gestrigen Mitgliederversammlung einstimmig folgende Resolution: „Der Zentralverein bedauert lebhaft, daß seit einiger Zeit keine öffentlichen Ausschußsitzungen mehr stattftnde», wiewohl der Beschluß der Gemeindebehörden, zu den Sitzungen des Ausschusses in - der Regel die Oeffentlichkeit zuzulassen, nach wie vor zu Recht besteht; der Zentralverein ersucht daher den "Vorstand der Israelit. .Gemeinde, die Oeffentlichkeit der Sitzungen wieder herzustellen." (b.) Straßbnrg. Gestern Abend sprach hier Dr. E. Dreyfuß-Mülhausen über die Reorganisation der israel. Kultusverfassung und fesselte wie in Mülhausen und Colmar bas Interesse des zahlreich erschienenen Publikums. In der sich dem Vortrage anschließenden Diskussion erklärten die Konsistorialräte Dur lach und Schmoll ihr Einverständnis mit der Idee einer Zentralisation der drei Konsistorien, aber nicht damit, daß eine vom. Staate zu ernennende Persönlichkeit an die Spitze gestellt werde. Besonders Rechtsanwalt Schmoll betonte, daß es im Elsaß noch Leute genug gäbe mit genügendem Verständnis der Lage und Liebe zum Judentum, die sich voll und ganz ihrem Amte widmen würden, sodaß es überflüssig erscheine, die Regierung dazu in Anspruch zu nehmen. ch Straßburg. Seit etwa vier Jahren besteht in unserem Lande eine „Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen" mit dem Zweck, die auf die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen bezüglichen Urkunden und Denkmäler zu sammeln„ zu inventarisieren und für ihre Erhaltung Sorge zu tragen, sowie, das Studium der jüdischen Geschichte im Lande durch

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