Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 13 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sttan&futiex. 3frnrlitifriirs fnisilimlilolt. , .-.. ~) Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei in« HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4———-——- K-daKtt-rr and HefchäftsDellr: SrsnKfurt s. m.. VUdeler-raße 4/S, Ecke Lleichstraße Prlef-n 10307. Herausgeber: Kaktz chei^. i .! InsertionSpreise: Die viergespaltrne Petitzelle. 25 Pfg. Die Reklamezelle. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebrreinkunft Freitag, de« 11. Nissan 5669 <2. April 1909). 7. Jahrgang. 3SÄT Des Pesacbfestes wegen erscheint die nächste Kummer Freitag, den 16. Hpril. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: „Hoscbata awdee, leschonoh baboob bnee chaurin.“ — Ueber jüdische Kunst. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus allerWelt. — Personalien. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. „Hoschata awdee, leschonoh hahooh hnee chaurin.“ „Hoschato awdee, leschono habvoh bnee chaurin", jetzt Knechte, ums Jahr freie Männer. . Ein kurzer Satz, — doch welch' tiefer Sinn, welch' großer Gedanke! Wahrlich groß und mächtig muß ein Gedanke sein, der ein kleines Volk in Mitte einer Welt voll grimmiger Feinde, die beständig nach seinem Untergang trachten, Jahrtausende bestehen ließ! „Hoschato awdee, leschono habvoh bnee chaurin". Diese Zuversicht beseelte das jüdische Volk, als es in das Joch Roms geriet, bestärkte es, als cs aus dem Lande der Väter vertrieben wurde, stützte es unter den Martern der Inquisition, begleitete es auf seinem Wandern nach allen Windrichtungen, kurz erhielt das jüdische Volk in den schwersten Tagen des langen, finsteren Golus, bis am Anfang des verflossenen Jahrhunderts die Ghettomauern Westeuropas fielen, und erhält noch Millionen von Juden bis auf den heutigen Tag. Und wahrlich, „Hoschato awdee" war keine leere Phrase, keine bloße Redensart, sondern eine Zuversicht, eine felsenfeste Zuversicht! In den Zeiten, als noch das jüdische Volk ungebrochen da stand und seiner eigenen Kraft vertrauen konnte, vertraute es auf seine eigene Kraft, — und als seine Kraft gelähmt wurde und es auf sich selbst nicht mehr vertrauen konnte, richtete es seine Blicke gen Himmel und glaubte felsenfest, daß. die Befreiung von oben kommen kann und auch kommen wird; sagte doch ein jeder in seinem täglichen Gebete: „Ani maamin bewias hagauel .... achake lau bechol jaum schejowau", ich glaube an die Ankunft des Erlösers und erwarte jeden Tag, daß er kommt. „Hoschato awdee, leschono habvoh bnee chaurin." Gar manches Volk mag, als es in die Gefangenschaft geriet, dieses „Hoschato" gesagt haben; allein, wie lange? gar bald gewöhnte cs sich an die Knechtschaft und wurde still, ging in dem erobernden Volke auf und verschwand. Das'jüdische Volk aber hat nicht aufgehört, „Hoschato" zu sagen, da Israel ein Volk der Freiheit ist, das, wenn es die Freiheit in der Gegenivart nicht besitzt, die Freiheit in der Zukunft besitzt, denn Freiheit und, Kultur sind für Juda .identisch. Erst nach erlangter Freiheit Irat es, an den „S-in ai", in der Sklaverei konnte es weder eine Tauroh empfangen noch halten: — sind doch die meisten Gebote seiner Lehre für ein freies Volk in fteiem Lande bestimmt! „Hoschato awdee" sagen wir in diesen Tagen zum tausendsten Male wieder. Doch wie ist die Situation, in der uns das „Hoschato" heute findet? — Das vergangene Jahrhundert hat dem jüdischen Volke viele seiner Glieder weggerissen; die schwachen, kranken Glieder konnten das Irrlicht der Emanzipation nicht ertragen, der innere tausendjährige Drang nach Freiheit entschwand, man fand sich mit der Knechtschaft ab und wurde gleich den andern unterjochten Völkern still. Doch die gesunden, kräftigen Glieder, das Gros des Volkes, wollen auch heute von der. Knechtschaft nichts wissen, sie sagen heute noch wie einst mit der alten jüdischen Zuversicht: „Hoschato awdee". Und sie sagen heute dieses Wort mit Recht, denn die Situation ist nicht mehr die alte, — wiederum kann das jüdische Volk auf seine Kraft vertrauen, wiederum liegt es in den Händen des jüdischen Volkes, seine altgehegte Hoffnung zu verwirklichen! Dieses Jahr noch ist „Hoschato awdee" Wirklichkeit; ums Jahr aber — so Gott will — kann „Leschono habooh bnee chaurin" Wirklichkeit sein! G—n. Ueber jüdische Kunst. Ein Brief. . . Fortsetzung). Sie werden mir wahrscheinlich entgegenhalten, daß Liturgie, Volksgesänge usw. nur Bruchteile einer nationalen Musik darstellen. Ich muß Sic aber auf die Tatsache Hinweisen, daß Sie mit der Frage: „Gibt es eine jüdische Kunst?" auch gleichzeitig fragen: „Sind die Juden musikalisch begabt?" Sobald Sie an der Zahl jüdischer Tondichter und Sänger von Weltruf erfahren, daß die Juden musikalisch begabt sind, werden Sie selbst zugeben, daß das Vorhandensein oder das Nichtvorhandensein einer jüdischen Musik nur eine Frage technischer und nicht prinzipieller Natur ist. Nur die miserablen jüdischen Lebensbedingungen, der Mangel an einem einheitlichen national-jüdischen Kulturmilieu sind daran schuld, daß der jüdische Musikgenius sich nicht in rein jüdischen Tönen ausgelöst hat. Die heutige jüdische Musik istmehrNatUrals Kulturprodukt, sie ist die Sprache der jüdischen Wehmut und Sehnsucht und weniger das Werk des großen Tondichters. Wer sich aber nach einer großen jüdischen Musik sehnt, der helfe an der Wieder-Aufrichtung eines großen national-jüdischen Kulturmilieus mit, das geneigt ist, den jüdischen Musikgenius zu absorbieren. Dann werden die Mendelssohns, Meyerbeers, Rubinsteins und Halevys nicht die deutsche oder französische, sondern die jüdische Musik bereichern. . . - Da ich Grund zur Annahme habe, daß Ihre Frage: „Giebt es eine jüdische Kunst?" sich Rr. 13. auch aus andere Kunstgattungen als ans die Musik bezieht, so will ich 'hier das Kapitel „jüdische Musik" weniger ausführlich behandeln. Ich hätte Ihnen zwar noch berichten können von großen jüdischen Lieder - Tondichtern, die das jüdische Ghettolied geschaffen; ich hätte Ihnen erzählen können von den großen Anfängen einer spezifischjüdischen 'Oper, die selbst auf großen europäischen Bühnen ihre Feuerprobe bestanden hat; ich hätte Ihnen endlich von der modernen jüdischen Liturgie berichten können, die große musikalische Talente wie Lewandowsky und Sulzer zu ihren Begründern zählt, — aber ich halte das alles für überflüssig, weil ich eine prinzipielle Frage zu beantworten habe und ich das Problem nicht historisch, sondern systematisch behandlen.muß. Ich glaube nicht, daß Sie an der hohen musikalischen Begabung der Juden und des jüdischen Volkes zweifeln. — Sie wissen gleich mir, daß jeder zweite große Opernsänger ein Jude oder ein getaufter Jude ist; Sie wissen, daß trotz Richard Wagners „Die Juden in der Musik" der Jude Levy der erste große Interpret Richard Wagners war; Sie wissen endlich, daß alle Juden ihre Freude an der Musik haben — die Orthodoxen in der Synagoge und die Nicht-Orthodoxen in der Oper oder im Konzertsaal, — und somit wird sich ihre Frage: „Gibt es eine jüdische Kunst?" dahin reduzieren: „Gibt es eine jüdische bildende Kunst?" Bevor ich Ihnen auf diese Frage antworte, wird es gut sein, wenn ich vor allem das Verhältnis des Judentums zur Kunst schlechthin feststelle. Die Bibel wird von allen als ein vornehmlich ethisches und religiöses Buch betrachtet, und in diesem ethischen und religiösen Büche ist eine hohe Auffassung von der Kunst, speziell von der bildenden Kunst, niedergelegt, wie sie in keinem Werke der gesamten Weltliteratur anzutreffen ist. In der Bibel ist zu lesen: „Und Moses sprach zu den Kindern Israels: Sehet, der Herr hat mit Namen berufen den Bezalel, den Sohn Uris, des Sohnes Churs vom Stamme Juda. Und hat ihn erfüllt mit dem Geiste Gottes, daß er weise, verständig und geschickt sei zu allerlei Werk, künstlerisch zu arbeiten am Gold, Silber und Harz, Edelsteine schneiden und einsetzen, Holz zimmern, zu machen allerlei künstlerische Arbeit." Und der später folgende Satz: „Er hat ihr Herz mit Weisheit erfüllt, zu machenallerleiWerk, zu schneiden, wirken und zu sticken mit blauem und rotem Purpur, Scharlach und weißer Leinwand, und mit Weben, daß sie machen allerlei Werk und künstlerische Arbeit erfinden." Was in diesen schlichten Sätzen geschrieben steht, bedeutet, — wenn man die Sätze modern verstehen will — nichts anderes, als dass Bezalel, der Architekt, Bezalel, der dekorative Künstler und Kunstschnitzer, ein Künstler von Gottes Gnaden ist. Und dieses Faktum prinzipiell nmgedeutet, lautet, die Kunst ist ein Teil des göttlichen Geistes.