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Neue jüdische Presse · 1909-03-26 · Heft 12 (26.3.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 12 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Offiziersäspiranten in das Heer hätte ein« treten lassen' und so dieses Element unserer Arinee zugeführt hätte. Die Geschichte der Juden zeigt, daß es sich hier uin eine energische und tüchtige Rasse handelt. Ich bin kein Philosemit und kein Antisemit; ich sage darum ganz unparteiisch: Man soll die jüdischen Mitbürger nicht zurücksetzen. Hält man die Juden von den Berufen ab, die bei uns als besonders ehrenvoll gelten, so erreicht man damit nur, daß sie wie bisher sich mit Geldgeschäften ausschließlich beschäftigen und bringt sie dahin, daß man ihnen nachher wieder Vorwürfe daraus machen kann. Auch der Mangel an Militär ä r z t e n könnte aufgehoben werden, wenn man den Juden den Zutritt cröffnete. K o p s ch (Frs. Vp.): Angehörige des jüdischen Glaubens werden systematisch von der Beförderung zum Offizier zuriickgeh alte n. Es ist ja eine K a b i n e t t s-o r d r e bekannt geworden, wonach konfessionelle Unterschiede bei ter Beförderung zum Offizier nicht maßgebend sein dürfen. Ein Oberst hat vor Gericht zugegeben, daß diese Ordre auf die jüdischen Personen Bezug habe. Ich wünsche nur noch, daß alle Kommandeure so denken wollte». Jni Heere müssen die konfessionellen Unterschiede auf jeden Fall verschwinden.. Kriegsminister v. Einem: Wir haben keine Bestimmungen, die daraus hiuwirken, daß aus konfessionellen Gründen jemand nicht zngelassen werden könnte, daß jemand Reserveoffizier wird. Die allerhöchste Bestimmung, die am 10. Juni 1908 vom Kriegsministerium ergangen ist, erinnert daran, daß es unstatthaft ist, Einjährig-Freiwillige lediglich wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft oder wegen der Standesangehörigkeit ihres Vaters nicht zu befördern. Ichhoffe, daß sie dahin wirken wird, daß man die jungen Leute nur nach ihrer Tüchtigkeit befördert. Auch bei der Wahl der Reserveoffiziere soll nur die Befähigung in Betracht kommen. Es sol'l niemand ausgeschlossen sein, nur weil er Jude ist. Zur Sicherung haben manche Regimenter Tabellen angelegt, in denen die Fähigkeiten der jungen Leute verzeichnet werden. Wer nun die Fähigkeit - nicht hat, den können wir nicht gebrauchen. Die jüdischen Herren müssen sich unbedingt fügen dem Urteile, welches die Vorgesetzten über sie fällen. Gegen die Qualifikation wird eigentlich nur von den jüdischen Herren remonstriert. Sie mögen in manchen Fällen recht haben, aber nicht in den meisten. Die Armee hat früher jüdische Reserveoffiziere gehabt. Sie hat auch keinen Schaden davon gehabt. Ich halte es für einen Akt der Gerechtigkeit. Ich weiß, daß ich dafür angegriffen werde, daß ein junger jüdischer Mann, wenn er tüchtig ist, Offizier wiro. Magdeburg. Der Oberpräsident der Provinz Sachsen hat folgende, einem Sch ächtvcrbot gleichkommende Verordnung erlassen: „Das Schlachten sämtlichen Viehes mit Ausnahme von Kälbern, Ziegen, Schafen, Spanferkeln und von Federvieh darf nur mit Anwendung von Apparaten stattfinden, welche die Betäubung oder den sofortigen Tod des Tieres herbeizuführen geeignet sind (bei Großvieh: Schlagbolzenmasken oder Bolzenschußapparate, bei Schweinen: Schlagbolzen oder Bolzenschußapparate). Kälber, Ziegen, Schafe und Spanferkel müssen vor dem Schlachten durch Kopfschlag betäubt werden." Die Verordnung tritt mit dem 1. April in Kraft. — Hoffentlich werden sofort die nötigen Schritte getan, daß — in Wahrung der jüdischen Religionsfreiheit — der von dem jüdischen Publikum beirötigte Viehbedarf von dieser Verordnung ansgenominen wird. (1) Colmar, 22. März. Vergangenen Samstag Wend hielt auf Veranlassung mehrerer hiesiger Herren der Rechtsanwalt Dr. D r e y f u s - Mülhausen im großen Kanfhaussaale einen Vortrag über „Die Reorganisation der israelitischen Kultusverfassung im Elsaß". Die Versammlung war nicht so stark besucht, als man erwartet hatte. Ob der Grund darin liegt, daß die elsässer Juden zu gleichgiltig sind gegen derlei Dinge, oder ob es die vielfach zu Tage tretende Abneigung gegen Neuerungen ist, bleibt dem Leser selbst überlassen! Punkt 8y2 Uhr eröffnete Herr Dr. N 0 r d m a n n als Vorsitzender des Komitees die Versammlung mit einer kurzen Begrüßung. Hierauf erteilte er dem Referenten das Wort zu seinem Vortrage. In sachlicher, klarer Weise zeigte dieser, daß die Bestrebungen, eine Bessergestaltung der Kultus-Verfassung im Lande herbeizuführen, bereits im Jahre 1902. von dem Gymnasialoberlehrer Dr. Levy aus Mülhausen ausgegangen sind, und daß damals etwa 1200 Unterschriften gesammelt worden seien, die in einer Petition an die Regierung ihre Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen ausgedrückt haben. Der Erfolg blieb jedoch aus. Daran anschließend behandelte der gewandte Redner die Frage: „Ist die Kultusversafsung, so wie sie jetzt ist, gut oder reformbedürftig?" An.mehreren Beispielen zeigte er zahlreiche^Mängel derselben und Frcknifrrrkcr AsraeWWeS FamMenSlaL. kritisierte das Verhältnis der Bezirkskonsistorien gegenüber den Gemeinden, die zu wenig Rechte und Befugnisse hätten, ihre internen Angelegenheiten zu erledigen. Er führte als Beweis folgendes Beispiel an: In Mülhausen, einer Gemeinde von über 600 Mitgliedern, seien vier Kassen bestimmt, worin „geschnobert" werden dürfe. Nun bestimmte letzthin das Konsistorium, daß zwei weitere Kassen aufzunehmen seien, was sich aber die Berwaltungskommission nicht gefallen lassen wollte. Wie käme nun das Konsistorium dazu, sich in die rein private» Angelegenheiten einer Gemeinde zu mischen? Das sei ungerecht. — Auch das Verhältnis der Konsistorien nach oben, d. h. zu der Regierung, erfordere eine Reform. Während die andern Konfessionen durch eine Oberbehörde — die Katholiken durch das Bistum, die Protestanten durch das Oberkonsistorium — den Verkebr mit dem Ministerium vermitteln, seien die Bczirkskonsistorieu der Israeliten auf das Bezirkspräsidium angewiesen. Auch hier müsse Abhilfe geschaffen werden! Auch die Israeliten müssen eine Oberbehörde mit dem Sitze in Straßburg erhalten, welche direkt mit denr Ministerium in Verbindung trete, dort deren Wünsche darlegt und für die Interessen' des Judentums eintritt. Redner erinnert an den Oberrat in unserm Nachbarlande Baden. Er glaubt, die Lösung der Frage darin zu finden, daß, wie in den süddeutschen Staaten, auch in Elsaß-Lothringen ein Regierungsvertreter verlangt werden solle, der als Referent für Kultusangelegenheiten seinen Sitz im Ministerium haben solle. An geeigneten Kräften fehle es im Lande nicht. Es gäbe genug Juristen,, die in die Verwaltung ansgenominen werden könnten und die dann die Interessen der Judenheit bei der Regierung vertreten könnten; dann käme eine Zurücksetzung, wie das. z. B. schon oft bei .öffentlichen Empfängen der Fall war, nicht mehr vor. — Die Ausführungen des Redners hatten stürmischen Beifall zur Folge. Die Resolution, die er dann verlas, wurde einstimmig angenommen. Dieselbe lautet ungefähr: Die Unterzeichneten erkennen hiernrit an, daß die bestehende Knltusverfassung dringend einer Mänderung bedarf, und zwar in der Richtung hin, daß den Gemeinden mehr Selbständigkeit gewährt werde und daß die drei Bezirkskonsistorien, als eine Oberbehörde mit dem Sitze in Straßburg zusammengefaßt werden. Ueber dasselbe Thema tvird der Referent nächsten Samstag auch in Straßburg in einer Versammlung, die im Hotel „Stadt Paris" stattfindet, sprechen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Bei der Eröffnung der Jahresausstellung im Künstlerhause besichtigte der Kaiser auch die jüdischen Gemälde des jüd. Malers Isidor K a u f m a n n >rnd sagte hierauf zu diesem: „Die Bilder sind sehr schön und außerordentlich fein ausgeführt und beweisen, daß die Juden auf allen Gebieten der Künste und der Wissenschaften Hervorragendes leisten." Großbritannien. London. Es hat den Anschein, daß man das Fremdengesetz in der Praxis noch weiter ausbauen will; denn jüngst wurde ein einwandernder Schneider mit der Begründung zurückgewiesen, daß der Schneiderbernf in Englandüberfüllt sei. — Die Zurückweisung ist freilich illoyal, da das Einwanderungsgesetz nur Anstellungskontrakte, die zur Niederlassung notwendigen Geldmittel und Nichtvorhandensein einer ansteckenden Krankheit fordert, — immerhin ist aber der Fall typisch für den Geist, der heute die englische Behörden beherrscht. Rußland. Helsingfors. Der finnische Senat hat das Schächt en verboten. Die russische Regierung hatte sich lange Zeit gegen die Genehmigung dieses Verbotes gewehrt, denn bei all ihren Drangsalierungen der Juden hat sie sich stets davor gehütet, die Religionsausübung derselben zu stören. Jetzt kommt es nun darauf an, ob das finnische Parlament, wenn es demnächst zusamnientritt, das Verbot des Senates bestätigt, was bei diesem merkwürdigen „Freiheits"- volke schon leicht möglich ist. Helsingfors. Dieser Tage hat das Gesetzvorbereitungsinstitut des Senats einen Entwurf bezüglich der Judenrechte fertiggestellt. Gemäß diesen! Entwurf sollen alle Juden, die in Finnland geboren, bezw. dort über 10 Jahre wohnhaft sind, völlige Gleichberechtigung erhalten. Dagegen sollen fremde Juden bestimmten Beschränkungen auSgesetzt sein. So wird ihnen in Dorfansiedlungen jeglicher Aufenthalt versagt, aber auch in den Städten soll ihnen ohne besondere Erlaubnis ein Aufenthalt von nur drei Monaten gestattet sein, worauf diese Frist unter Jnnehaltung bestimmter Bedingungen um l1/» Jahre verlängert werden kann; eine weitere Fristverlängerung ist sodann von der Stadtkommune abhängig. Es ist klar, daß dieses Kompromiß bei weiten! nicht den wirklichen Forderungen der menschlichen Seite 3. Gleichheitsgrundsätze genügt, daß es insbesondere ene Juden schwer trifft, die zwar jn Finnland eit Jahren, aber nicht über ein Jahrzehnt wohnen. Gleichwohl ivürde das Projekt doch schon einen wesentlichen Fortschritt in der Lage der Inden in Finnland bedeuten. Da jedoch das ganze Projekt gemäß dem Reglement vom Mai 1908 noch erst au das russische Ministerkomitee zur Durchsicht zu übersenden ist, so dürfte cs bei den darin herrschenden Reaktionsströmungnngeu im sogenannte» Interesse der Reichseinheit abgelehnt oder bis zur Unkenntlichkeit modifiziert werden. „Rufs. Korresp." Türkei. Konftantinopel. Freitag 19. März, wurde der C h ach am B as chi v 0 m S u l t an ein p f ang en. Mittags 12 Uhr fuhren drei kaiserliche Hofwagen vor dem Hause des Chacham Baschi vor, und der Zeremonienmeister Talaat Bej und der erste Kapukchaja überreichten dem Chacham Baschi die Einladung des Sultans. Der Chacham Baschi und die beiden 'Abgesandten des Sultans nahmen darauf im ersten Wagen Platz; im zweiten Wagen saßen die beiden Vizepräsidenten des religiösen und im dritten Wagen Präsident und Vizepräsident des nationalen Rats. Die Wagen wurden von einer Ehrenkohorte begleitet. Im Palais wurde der Chacham Baschi vom Lberzeremonienmeister Chalib Pascha und vom Kammerherrn Rury Pascha empfangen, die ihn zum Sultan führten. Die Sonderaudieuz dauerte eine Viertelstunde; dabei äußerte sich der Sultan wörtlich folgendermaßen: .Ich bin bereits über Ihre Gelehrsamkeit und Klugheit unterrichtet, deshalb freue ich mich. Sie jetzt mit eigenen Angen zu sehen. Ich freue mich weiter, aus Ihren: Munde von der Treue und Ergebenheit meiner jüdischen llutertanen Mitteilung zu erhalten. Mit Vergnügen höre ich, daß Sie sehr gut türkisch sprechen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie viele Jahre gesund und glücklich den Posten, auf den Sie jetzt gestellt sind, verwalten." Mit einem kurzen Danke des Chachani Baschi auf diese Worte des Sultans tvar die Audienz beendet, und die Heimkehr fand in derselben Weise statt, wie die Hinfahrt. Personalien. Berlin. Im 49. Lebensjahre verschied Emil Stern, Mitbegründer des Fürsorgevereins für hilflose jüdische Kinder. Berlin. Justizrat Jakob Pincus erhielt den Roten A d l e r 0 r d e n 4. Klasse. — Dr. Josef Rosenthal, ehemaliger beigeordneter Bürgermeister der Stadt Köln, wurde mit dem Titel Geheimer Regierungsrat ausgezeichnet. — Geh. Kommerzienrat Hermann Frenkel und Frau erlitten durch einen A u t 0 m 0 b i l - ll n - fall schwere, aber nicht lebensgefährliche Verletzungen. Laubach (Hessen), 21. März. Selten hat wohl eine Kunde unsere Gemeinde so erschüttert, wie die Nachricht von dem Hinscheiden des Kaufmanns Nathan Heynemann. Nicht nur die ihm näher Stehenden, auch die ferner Stehenden begriffen, daß in ihm ein Mann seltener Charaktergröße, edelsten Biedersinnes und wahrer Menschenfreundlichkeit dahingegangen, wie es Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirsch feld-Gießen an seiner Bahre so trefflich schilderte. Wie sehr der Entschlafene, der im blühendsten Manncsalter von einer tückischen Krankheit hingerafft wurde, tveit und breit beliebt war, zeigte der außerordentlich große Leichenzug, an dessen Spitze der Krieger-, Gesang-, Turn- und Schützenverein gingen. Breslau. Am 20. März verschied Stadtrat Hugo Milch, Kurator des Jüd.-theolog. Seminars, der Kommerzienrat Fränkelschen Stiftungen rc. Hamburg. Rechtsanwalt Dr. Victor in Wandsbek wurde zum Notar ernannt. Wien. Dr. Moritz Benedikt. Abteilungs Vorstand an der Allgem. Poliklinik und ehemaliger Professor der Elektrotherapie und Nervenpathologie an der hiesigen Universität, feiert demnächst sein SOjähriges Doktorjubiläum. Benedikt wurde 1835 in Eisenstadt geboren. 1854 erschien von ihm „Studien über österr. dramatische Dichter" und 1876 „Anatomische Studien am Berbrechergehirn." — Dr. Rosza Jzso de Barhely, Präsident der . israelitischen Kultusgemeinde in Szeged, erhielt den Titel H 0 srat, und D r. Josef Stern, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Alt-Ofen, den Titel eines königl. Rates. — D r. Aurel Stein, Chef der Landesaufnahme - Abteilung in den Nordostprovinzen Indiens, der jüngst in der Londoner Geograph. Gesellschaft einen Bortrag über die Ergebnisse seiner letzten Forschungen hielt, ist ein ungarischer Jude. Budapest. Der antisemitische Kön g von Spanien hat dem gewesenen Juden Staatssekretär Josef Szterenyi, Sohn des Neupester Rabbiners Stern, den katholischen Jsabella-Orden verliehen, was als Kuriosum hier verzeichnet sei.

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