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Neue jüdische Presse · 1909-03-26 · Heft 12 (26.3.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 12 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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; - . - - Seite 2. Frankfurter JsraelitWes FamilieEatt. Nr. 12 Ein kleines Ereignis, — und doch könnte cs aus bie deutsche Judenheit von großem Einflüsse sein! Wohl schütteln die Skeptiker ihr Haupt und meinen: „Worte, nichts als Worte!" Allein als eingefleischte Inden und daher unverwüstliche Optimisten können wir in diesen Pessimismus nicht einstimmcn; wir nehmen die Worte des Kriegsministers ernst und betrachten sie als Zeichen der Zeit, als Symptom einer anderen Aera! Deutschland war eine Zeit lang dank seiner inneren Reaktion im Völkerkonzertc verpönt sodaß es isoliert da stand. Und während sein Rivale England sich ob seiner Freiheit und Humanität der Sympathien der ganzen Welt erfreute, zog Deutschland immer mehr allen Haß der Völker auf sich. Einkehr und Umkehr war dringend geboten, und zwar auf dem Wegebaus dem sich England die Sympathien der Völker erwarb. Doch eine fest gezimmerte Burg der Reaktion ist mit friedlichen Mitteln nicht von heute auf morgen abzutragen, und so entstand der Block der Konservativen und Liberalen, um die Reaktionäre auf diese Weise allmählich zur Freiheit zu erziehen. Wenn aber erst die innere Verwaltung eine freiheitlichere geworden ist, dann wirds auch vielleicht an der Zeit sein, andere Freundschaften und Verbindungen anzuknüpfen. ... Der Block ist also keine Bülow'schc Laune, er ist vielmehr eine Kursänderung, — und wenn man jetzt eine Annäherung an Frankreich sucht und sich mit ihm über Dinge verständigt, wegen derer man früher ins Feld ziehen wollte, so ist dies eine, Folge der neuen Äera. Einst wollte man durchaus dem despotischen Rußland gefallen; heute ist man bemüht, deni aufgeklärten Frankreich es recht zu machen. Diese Erscheinung ist nicht nur aus dem Gebiet der äußeren, sondern auch auf dein der inneren Politik wahrzuuehmen, — und will man jetzt den Juden gegenüber mehr Gerechtigkeit als sriiher üben, so ist es wiederum eine Folge der neuen Aera. Die Jude n wäre nvon je her und sind noch gegenwärtig ein Gradmessersür den Stand der Freiheit der Völker! Was bedeutet imn die Erklärung des Kriegsministers für die deutschen Juden? An und für sich ist die Zulassung der Juden zum Offiziersstand von geringem matcriellen Werte; werden ja doch nur wenige aus den jüdischen oberen Schichten diese Karriere wählen! Es kommt also mir die moralische und ideelle Seite in Betracht. Da darf und soll nicht geleugnet werden, daß den Juden ein ihnen längst zukommendes Recht nun nicht mehr vorenthalten wird, ein Zugeständnis, das von großer Bedeutung ist; denn die Ehre eines Volkes gebietet kategorisch, auf sein Recht hartnäckig zu bestehen. In Hinsicht auf die Ehre eines Volkes gibts kein Verzichten und kein Entsagen, da die noch so geringe Ungleichheit stets den, der sie erduldet, als minderwertig in den Augen aller erscheinen läßt und — was noch schlimmer ist — ihn daran gewöhnt, sich selbst zu verachten. Aus all dem folgt, daß jeder Schritt auf dem Gebiete der Gleichberechtigung der Juden erfreulich ist. Besonders erfreulich aber ist der vorliegende Fall: wir leben im Zeitalter des Mllitarismus, und da ist der Offiziersrock die höchste Ehre, die ein Staat zu vergeben hat. — Und doch ... Unb doch haben wir dieses Zugeständnis mit gemischten Gefühlen entgegen genommen. Die Jahrzehnte der Zurücksetzung und Entrechtung in einer Zeit der Menschen- und Völkerrechte sind nicht ohne Spuren an uns vorbeigegangen, das stolze Volk Juda, das Volk des Rückgrates, das noch auf der Folterbank und unter dem harten Druck des Kreuzes während des langen, finsteren Mittelalters hindurch -irmerlich ungebrochen geblieben war: dieses Volk verlor seinen inneren Halt, seine jüdische Würde, cs wurde geknickt und begann, sich seiner selbst zu schämen, — und bei einer solchen geistigen Verfassung blendet jeder neue Lichtstrahl gar zu leicht. Wohl hat der jüdische Nationalismus das gesunkene Selbstbewußtsein etwas gehoben; aber noch ist dieses Gefühl nicht jo weit vorgedrungcn, daß es bereits genügend Schutz vor Assimilation beim Scheine der neuen Gunst bietet. Wir sagten: „Gunst", und zwar mit Bedacht, denn der Liberalismus bictetkein Gewähr für gleichcsRcchtfüralle. Das demokratische Finnland hat soeben ein Schächtverbot erlassen, die demokratische Schweiz schon längst, — und bei' uns in Deutschland ist von Demokratismus iwch gar keine Rede und sogar der Liberalismus zieht im Gespann mit dem bezopften Bruder, und gar häufig ist der Bezopfte obenan, wie in den alten, guten Zeiten. Das bischen Liberalismus, das bei uns im Entstehen begriffen, ist der reinste Zufall. Die Politik geht heute mehr nach links, nach der Richtung der Vogesen; — doch wer weiß auf wie lange Zeit;' wer weiß, ob nicht gar bald da§ künstliche Gespann auseinandergeht und der Zug wiederum nach der Newa zu segeln beginnt. Deshalb können wir nur warnend rufen: „Hütet Euch vor Luftschlössern, baut nicht auf dem Sand! Die Gunst der Völker ist eine Seifenblase, — und ei» erfahrungsreiches Volk, wie das unsere es ist, muß wissen, was dieGnade der Völker bedeutet! WehedemVolke, das sich auf die zufällige Gnade anderer anstatt auf die bleibende eigene Kraft verläßt!" Aus den Geschehnissen des Tages. In R e w h o r k haben sich 74 Synagogengemcinden, 18 Wohltätigkeitsinstitutionen, 42 Uuterstützungsvereine, 40 Logen, 12 Erziehungsvereine, 9 Bünde, 9 literarische Vereine, 9 zionistische Vereine und 5 religiöse Gemeindeverbände zu einer Großgem ein de zusammengeschlossen und damit eine Vereinigung geschaffen, die von zwei Gesichtspunkten aus interessant ist: Die neue Gemeinde übertrifst die bisherige größte jüdische Gemeinde der Welt Warschau mit ihren 360 00Q Seelen um mehr als das Doppelte, und dann ist mit ihr zum ersten Male eine jüdische Gemeindeverwaltung erstanden, in der sich alle Aeußerungen des jüdischen Lebens konzentrieren. Die Wirkung dieser neuen Organisation muß eine durchaus günstige sein: sie führt auf demokratischer Grundlage sämtliche Elemente innerhalb ihres Gemeinwesens, die jüdisches Interesse haben, zu gemeinsamer Arbeit für dieses Gemeinwesen zusammen. Und da nun die Verwaltung keine tote bürokratische Maschine in den Händen der höchsten Steuerzahler mehr ist, sondern ein lebendiger Organismus in der Hand aller brauchbaren Kräfte der Gemeinde, so werden des weiteren die Beratungen dieser Verwaltung das Interesse der einzelnen Gemeindemitglieder für die Angelegenheiten der jüdischen Gesamtheit in Spannung halten und auf solche Weise dem Assimilierungsprozeß entgegenwirken. Selbstverständlich war eine solche Organisation nurauf Grundlage der Selbstverwaltung ihrer einzelnen Glieder, aus denen sie sich zusammensetzt, möglich. Es bleibt also z. B. einer jeden Synagogengemeinde überlassen, wie sie sich ihren Gottesdienst einrichtet und welche Beamten sie anstellt. Die Frage nach dem Arbeitsplan der Organisation scheint auf den ersten Blick schwierig zu beantworten. Bei näherem Betrachten jedoch ergibt sich eine Fülle von Aufgaben. Abwehr von Gesetzen, Verordnungen und Vorkommnissen, die die fieie Religionsübung und die bürgerliche Gleichstellung der Juden verletzen; Behandlung von Fragen und Angelegenheiten, die die Rechte der Juden in andern Ländern betreffen, in welcher Hinsicht die neue -Organisation von hervorragender Bedeutung sein kann, denn sie hat in der demokratischen Gesinnung der Vereinigten Staaten-Regierung eine Stütze; dies nach außen; — und nach innen: Förderung der Wissenschaft, Literatur und Sprache des Judentums. Freilich, — soll die innere Tätigkeit tiefer greifen, so bedarfs einer Plattform, die dieser Tätigkeit zur Grundlage dient, — und diese Plattform kann bei den so verschiedenartigen religiösen und politischen Anschauungen nur in dem nationalen Bewußtsein gefunden werden, welch' letzteres die jüd. Tradition als nationales'Gut wertvoll und verbindlich macht. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. In einer gut besuchten Bersainmlung des „Centralvereins isr. Gemeindemitglieder", zu der sich auch einige Vorstandsmitglieder des ,,Freis. Vereins für jüd. Gemeindeleben" eingesunden hatten, referierte Dr. mcd. Wilh. Hanauer über das Thema: „Reform der Verfassung und des Wahlrechts der Frankfurter israelitischen Gemeind e". Redner gab einen erschöpfenden Ueberblick über Geschichte und Inhalt des Gemeinde-Regulativs, das 1812 durch großherzogliches Dekret gegeben und an dem am 8. Dezember 1839 — also vor 70 Jahren — zum letzten Male eine Aenderung vorgenommen wurde. Dieses Regulativ kennt keine Wahl der Gemeindeverwaltung seitens der Gemeinbemitglieder. ’ Dem Senatskommissarius — heute: Polizei-Präsident — bleibt die Ernennung Vorbehalten. Die Mitglieder des 9gliedrigen Vorstandes sind . auf 9 Jahre bestimmt, jedes Jahr scheidet ein Mitglied aus, für das der Vorstand in Gemeinschaft mit dem Ausschuß dem Polizeipräsidenten ein neues Mitglied präsentiert: also der Vorstand ergänzt sich selber, die Gemeinde hat keinen Einfluß auf seine Zusammensetzung, da der von der Gemeinde gewählte Ausschuß, der bei der „sogenannten" Vorstandswahl mitwählt, nicht mehr Mitglieder hat wie der Vorstand. Die 9 Ausschüßmitglieder sind auf 3 Jahre gewählt; jedes Jahr scheiden 3 Mitglieder aus; die Wahl wird wohl von den Gemeindeinitglicdern durch allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht vorgenonimen, aber auch hier hat der Polizeipräsident die Wahl nicht zu bestätigen, sondern die ihm vorgelegte Liste der Wahlergebnisse nur als Präsentation zu betrachten. Redner schlägt vor, ein zeitgemäßes Regulativ auszuarbeite» und dieses beim preußischen Landtag einzubringen; in diesem Regulativ müsse der Ausschuß, der bisher nur das Recht der Bestätigung bezw. Nichtbestätigung aller Ausgaben des Vorstandes über 500 J&. hat, zur eigentlichen beschließenden Körperschaft werden und mindestens die doppelte Mitgliederzahl als der Vorstand erhalten, während der Vorstand die Verwaltungsbehörde werde: ein Modus, wie er in sämtlichen preußischen Gemeinden ans Grund des Gesetzes von 1847 Gesetz ist. In der nun solgenden Debatte sprachen: Stadtverordneter Josef Fromm, der zu den euergischstcn Schritten auffordert, damit das schmachvolle Gemeinderegulativ aus einer Zeit, in der man noch keine selbständigen Bürger, sondern nur zu bevormundende Untertanen kannte, verschwinde; Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger, der das volle Einverständnis des Freist Vereins mit dem Centralverein in dieser Angelegenheit betonte, aber der Erwägung anheim gab, ob es nicht besser sei, sich den Bestrebungen des Deutsch-Israel. Gemeindebundes zur Errichtung einer neuen Verfassung für alle jüd. Gemeinden Preußens anzuschließen; nochmals Stadtverordneter Jos. Fromm, der die Bedenken des Vorredners nicht teilt, die Franksurter Verhältnisse feien besondere und verlangen energischst allcrschnellstc Abhülsc; Frau L e w i - s o h n und Frau Schlesinger, die das Wahlrecht auch für die Frau verlangen — Dr. Heinemann, der Vorsitzende, erwidert den Damen, daß der Centralverein in politischen Fragen Neutralität bewahre —. I. L. Gort ein, der wünscht, daß nach dem neuen Gemeinderegulativ auch die Synagogeninspektion von den Gemeindemitgliedern gewählt werde. Die Debatte wurde init Geschick von Dr. Heinemann geleitet, und nach dem Schlußworte des Referenten würde folgende Resolution angenommen: „Die vom Centralvcreiu isr. Gemeinbemitglieder einberusene öffentliche Versammlung von Mitgliedern der isr. Gemeinde spricht sich dahin aus, daß das Regulativ der isr. Gemeinde vom Jahre 1839 durchaus veraltet ist und einer gründlichen Reform bedarf. Insbesondere hält sie es für notwendig, daß die Besugnisse des Ausschusses erweitert werden, daß die Wahl des Vorstandes ausschließlich durch den Ausschuß erfolgt und daß die Mitwirkung der staatlichen Organe bei der Wahl der Gemeindebehörden sich aus die auch sonst allgemein übliche , Bestätigung beschränkt. Die Versammlung ersucht den Vorstand des Centralvereins, die zur Durchführung der Reform nöttgen Schritte zu tun." Berlin. Sonntag, 28. März, 11% Uhr vormittags findet im Hotel Prinz Albrecht, Prinz Albrechtstraße 9, die ordentl Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Berlin. Bei der Beratung des Militäretats im Reichstag wurde auch die Frage der Juden als Offiziere - behandelt. Wir geben nachstehend das hierüber Gesagte wieder: Storz (D. Vp.): Meinem Empfinden hätte es besser entsprochen, wenn man die Juden als , .

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