Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IfrartkfHtrker Ifrirlitifdirs faiilirnUitt ( ' - > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. UbonnemrntSpreiS pro Bterteljahr: In Frank, furt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich«Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— . i.. i -... tzedaLtlo« und ch-fchLftsstslre: Frankfurt a. m.. Vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstratze V-r-f-» 10507. ^eransgeSer: Sals . . "! Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Rrklamrzrile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrtft ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uedereirckunst. - ' Freitag, Le« 4. Nissan 5669 (26. März 1909). 7. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ueber jüdische Kunst. — Zufälliges und Bleibendes. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen. Kalender. — Familiennachrichten. Barmizwohs. Ueber Mische Kunst. Ein Brief . . . Gnädige! Die Frage, die Sie in fünf Wörtern zusammengefaßt: „Gibt es eine jüdische Kunst?" ist gar nicht so leicht zu beantworten, nicht weil es gerade dir jüdische Kunst betrifft, sondern weil sie eine elementare Lebenserscheinung zum Inhalt hat. Und was ist schwieriger zu beantworten als gerade das Allergewöhnlichste und das Alltäglichste? Ein junges Kind fragt seine Mutter: „Mutter, was ist das Leben?" und die Mutter findet kaum eine passende, dem Kinde verständliche Antwort. Seit Jahrtausenden meditieren die größten Geister der Menschheit über die elementarsten Lebenserscheinungen, und jeder dieser Großen wußte jede Frage anders zu beantworten, jede Erscheinung anders zu erklären. Selbst über das Wesen der Kunst schlechthin ist noch keine einheitliche Klärung und Erklärung erzielt worden. Während für Platon die Kunst inur eine Nachahmung der Erscheinung ist, versteht sie Aristoteles als das Mittel, sich von den Affekten zu befreien und dadurch unschädliche Freude zu genießen. Während Kant das Gefühl des Schönen als das interesselose Wohlgefallen definierte, als absichtslose Zweckmäßigkeit, faßt es Hegel als ein Zurücktreten der Idee hinter der Erscheinung auf und gar unsere Klassiker in dem Ausdruck eines adäquaten Verhältnisses zwischen Idee und Erscheinung. Äber noch nicht genug damit: für die Romantiker bedeutet die Kunst ein Zurücktreten der Erscheinung hinter der Idee. Sie sehen also, daß selbst über das Wesen der Kunst ohne Rücksicht auf Abgrenzung und Rubrizierung noch keine einheitliche Erklärung erzielt worden ist. Es nützt nichts und es ist auch Ihnen nicht damit gedient, daß ich Ihre so präzis gefaßte Frage in weiten kunstphilosophischen Aushölungen zu beantworten suche. Ob die Kunst im Herausgreifen des Typischen aus dem Zufälligen oder ob sie nur eine Versinnbildlichung des Rhytmischen und Symetrischen schlechthin ist, ohne Rücksicht auf die Dissonanz und das Chaos in der Welt der Erscheinungen, wird wohl kaum zur Beantwortung Ihrer knappen Frage beitragen. Sie werden mir daher gestatten, daß ich bei Beantwortung Ihrer Frage alles Umstrittene und noch nicht Erklärte bei Seite lasse und Ihnen auf die spezielle Frage eine spezielle Antwort gebe. Nach der landläufigen Auffassung bilden die Juden resp. das Judentum den ethischen Winkel im Dreieck der antiken Kultur, während man die Römer als die Schöpfer und Vertreter des Rechts und die Griechen als die der Kunst und Philosophie hinstellt. Es ist gewiß kein Schimpf, daß man uns als die Repräsentanten einer speziell ethischen Weltanschauung gelten läßt; allein die Art, wie man uns heute nur Ethik anfbürdct, wie man heute Judentum mit Ethik identifiziert, wird nachgerade zu einer Verunglimpfung des Judentums und zu einer verleumderischen Beschimpfung des jüdischen Kunstgenius. „Jede Bestimmung ist eine Verneinung", und die Bestimmung, Judentum sei. identisch mit Ethik, schließt die Aeflhetik aus dem Bereich des jüdischen Kulturinhalts aus. Aus diese Weise hat man sich daran gewöhnt, dem Judentum jeden künstlerischen Inhalt und jede ästhetische Potenz abzusprechen. Es kam noch hinzu, daß die Juden Jahrhunderte lang in Verhältnissen gelebt, die ihnen nicht gestatteten, sich künstlerisch zu betätigen. Und als die Juden, durch die Umwälzung der Verhältnisse ihren künstlerischen Genius manifestiert hatten, da waren die betreffenden Juden- Künstler nur noch ihrer Geburt nach Juden. Sie, schafften in ihrer Eigenart als Künstler und nicht als Juden, denn das fremde Milieu, in das sie kamen, hatte sie absorbiert. Vielleicht kann kein Volk eine solche Zahl von Individuen aufweisen, die sich künstlerisch betätigen, wie das jüdische, und doch "fragt man heute, ob es eine jüdische Kunst gibt. Sie sehen also, daß die Frage nicht den Sinn haben kann, ob auch die Juden künstlerisch begabt sind, sondern, ob die Juden als nationale Einheit Kunstschöpfungen besitzen, die im Geiste des Judentums, im Geiste seiner nationalen Eigenart und seines nationalen Charakters gezeugt sind. Und nur auf diese Frage will ich Ihnen eine Antwort geben. Ich behaupte voll und ganz, daß die jüdische Nation große künstlerische Schöpfungen als ihr Kulturgut nennen kann. John Ruskin sagte einmal in einer Unterhaltung mit einem Freunde über das Verhältnis von Kunst zur Sprache: „The bible is one of the greatest aesthetical works" und Professor Wünsche, ein Vollbluteuropäer, hat erst vor kurzem ein Buch erscheinen lassen: „Die Schönheit der Bibel", das die Untersuchung des ästhetischen Elementes in der Bibel zum Inhalte hat. Und wenn es wahr ist, daß Homers Odyssee allein ausgereicht hätte, dem ästhetischen Genius der Griechen die Unsterblichkeit zu sichern, so kann man mit ebenso viel Recht behaupten, daß, im Falle wir keine anderen künstlerischen Erzeugnisse aufzuweisen hätten als die Bibel, sie allein ausgereicht hätte, uns die Unsterblichkeit unseres kunstschaffenden Genius zu sichern. Und Heinrich Heine, der deutsche Lyriker, war ein Jude. Mein ich glaube, daß Ihre Frage, ob es eine Mische Kunst gibt, sich mehr auf gewisse Kunstgattungen bezieht. So ob es eine Mische Skulptur, eine Mische Malerei, und eine jü- Rr. 12. dische Musik gibt, denn an dem dichterischen Talent, ja an dem dichterischen Genius so vieler Juden vom Psalmensänger bis aus Bjalik und von dem jüdischen Minnesänger Sießkind in Deutschland und den Mischen Troubadours in Spanien bis auf Wassermann, Fulda, Schnitzler» Catulle Mendös und Enrico Levy werden Sie wohl nicht zweifeln. Ich bin demnach gezwungen, die drei Kunstgattungen einzeln zu behandeln. Gibt es eine jüdischc Musik? An der Musik des 19. Jahrhunderts haben wir.uns u. a. betelligt mit Meyerbeer, Halövy, Rubinstein und Felix Mendelssohn-Bartholdy, von einer Anzahl jüdischer Komponisten zweiten und dritten Ranges ganz abgesehen. Diese Zahl Mischer Tondichter muß Ihnen als Beweis dienen, daß die Juden als Einzelindividuen musikalisch begabt sind. Freilich wurde eine noch so große Anzahl Mischer Komponisten nicht von dem Vorhandensein einer Mischen Musik zeugen, denn mit Ausnahme „Der Jüdin" von Halövy, einer vollständig Mischen Oper, und abgesehen von einigen Mischen Nuancen in der Meyerbeer'schen Musik, die an die jüdische Wehmut und Sehnsucht erinnern, ist mir kein größeres Musikwerk dieser Komponisten, das man als jüdisch bezeichnen könnte, bekannt. Und dennoch gibt es eine Mische Musik, eine jüdische Musik dergestalt, wie es eine deutsche, französische und italienische Musik gibt. Unsere nationale Musik hat keine Werke wie Beethovens neunte Symphonie, Mozarts „Zauberflöte" und Haydn's „Schöpfung" aufzuweiscn. Was wir aber als Musik der jüdischen Nation aufzuweisen haben, ist — lachen Sie mich nicht aus — unser „Kolnidre", unsere Lithurgie, unsere Volkslieder, unsere Fest- und Trauergesänge. Das ganze geistige Leben des Mischen Volkes spielte sich Jahrtausende in der Synagoge ab. In der Synagoge studierte der Jude das jüdische^ Recht, in der Synagoge phllosophierte er, in der Synagoge dichtete er, und in der Synagoge sang er — fromme Lieder. Haben Sie einmal „Kolnidre" gehört? Löste nicht in Ihnen dieser fromme Gesang einen Schauer und eine Scheu vor der Ewigkeit aus, und empfanden Sie nicht, daß diese mit Herz und Blut gedichtete Musik die Ursprache der Mischen Seele in einer großen künstlerischen Variante ist. Wer hat diese Inystische Schen und religiöse Erhabenheit auslösend«; Tondichtung komponiert? Wer ist der Vater dieser in allen Weltteilen sett Jahrhunderten gesungenen und von Christen wie von Juden bewunderten Melodie? Das Mische Volk. lFortsetzung folgt). Zufälliges und bleibendes. Das Ereignis des Tages ist die Erllärung des Kriegsministers von Einem im Deutschen Reichstag, fortan den Juden in der Armee eine wohlwollendere Behandlung angSdeihen zu lassen und ihnen die Offizierskarriere zu öffnen.