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Neue jüdische Presse · 1909-03-19 · Heft 11 (19.3.1909) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 11 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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&ette 10. von der Ewigkeit des QiofttS — eben nicht neu ist. ' In der Schule der sog. Knltnrzkonisten ward sie '% schon längst gelehrt. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ward es wiederholt. Zuletzt . im Jerusalemer ^Haomer", wo A ch a d - H a a m sich sogar herablüßt, für seine Behauptung .einen Grund anznführen: den nämlich, daß es niemals gelingen wird, den Geburtenüberschuß der Juden in Rußland zur Auswanderung zu bringen — und somit die Zahl der Juden in Rußland immer mindestens eine unverminderte bleiben werde. Daraus wird gefolgert, daß Palästina keine Lösung für die Judenfrage, sondern eine solche nur für die Judentumsfrage bringen kann. Es soll daher nur angestrebt werden, im Lande unserer Väter ein Zentrum für den jüdischen Geist zu schassen. Im Namen dieser Theorie ward von dieser Seite der politische Zionismus Herzlicher Prägung und Richtung auf's feindseligste bekämpft und angegriffen. Man sollte zwar denken, wenn Palästina znm geistigen Zentrum des jüdischen Volkes werden soll, so wird sich dies wahrscheinlich nicht dadurch bewerkstelligen lassen, daß man es mit reinen Geistern bevöllert, sondern man müßte daselbst letzten Endes auch zu diesem Zwecke lebende, mit denk Makel der Körperlichkeit behaftete Juden ansiedeln. Dann ist es allerdings nicht zu verstehen, warum man es.nicht gleich auf vernüftiger Weise, d. h. auf politisch zureichender Grundlage sollte tun dürfen! — Doch wir dürfen in dieser Polemik nicht weiter fortfahren. Herr Zangwill wird sich dafür bedanken, trotz der Üebereinstimmung in der Prämisse, mit derartigen Politikern verwechselt zu werden, deren Politik darin besteht, — von der Politik in einer Art zu sprechen, wie etwa ein Bauer im dunkelsten Rußlands es von den „gestudierten" Aerzten tut, die bekanntlich alles Unheil durch ihre — „vernunftwidrigen" Verordnungen und „giftigen" Medikamente herausbeschwören. Herr Zangwill ist, wie er wiederholt hervorhebt, nicht nur Politiker, sondern „Realpolitiker" sogar. Und auf Grund eben dieser Realpolitik fordert er, wie wir gesehen haben, P a l ä st i n a soll iricht nach zionistischen Formeln, sondern nach den itoistischcn erworben werden! Nrm, wenn der ganze Streit um eine Formel geht, so dürfen wir Herrn Zangwill folgende Erllärung abgeben: Wenn er imstande und gewillt ist, „f L r 'diejenigen Juden, die in den Ländern, wo sic jetzt weilen, nicht bleiben können oder wollen, Palästina auf autonomer Basis zu erwerbeu", so mag er es im Namen Gottes unter dieser Formel tun; — sein Name wird nicht minder ein gesegneter seien! Und diese Erllärung erkühnen wir uns nicht nur im Namen aller echten Zionisten, sondern auch im Namen aller guten Jtoisten abzugeben! Haben doch die meisten derer, die ' aus den zionistischen Reihen sich seinerzeit Herrn Zangwill angeschlosse» haben, dies nur getan, weil sie glaubten, nachdem in Palästina keine Möglichkeiten und keine Aussichten waren, zur heilbringenden Arbeit, die einfache Menschenpflicht es gebiete, den Flüchtenden eine Zusluchtstättc zu eröffnen, sobald dazu die Gelegengeboten wird. Niemals aber ist es ihnen eingefallen, ihren Zionismus preiszugeben oder ihm auch nur engere Grenzen ziehen zu wollen! Das Umgekehrte fand vielmehr statt: sic wollten damit einen Größere- Zionismus vertreten. So oft hatten sie für sich das Recht in Anspruch genomnicn, in Wort und Schrift zu verkünden, der Zionismus' bedeute das jüdische Voll, daß sie daraus auch die Pflicht für sich deduzieren mußten, überall mitzuarbeiten, wo es galt, jüdische Interessen zu wahren. Mit einem Worte: Der überwiegend größte Teil Ihre r An Hänger, geehrter Herr Zangwill, hat sich Ihnen angeschlossen, nicht weil sie keine Zionisten waren, sondern, weil sie cs im aller umfassendsten Sinne sein wollten! Wenn diese Großzionisten nun von ihrem festen und unverrückbaren Standpunkte aus Ihre letzten -Auslassungen prüfen werden, so dürften Sie in Ihrer Vermutung, „daß sie sich abgekühlt fühlen werden", recht haben. Ja, es ist sogar zu vermuten, daß dieser Abkühlung eine recht merkliche Erhitzung folgen wird.... So mancher von ihnen wird meinen, das Gelesene nicht recht verstanden zu haben, wenn er lesen wird: „Es ist die Frage aufgetaucht, wie verhalte sich die Jto speziell zu den Beziehungen zwischen Territorialismus und Nationalismus? Die Antwort ist einfach. Die Jto ist zu nichts verpflichtet als zu dem, was ihre Formel besagt: Ein Territorium auf autonomer Basis für diejenigen Juden zu finden, die in den Ländern, in denen sie jetzt wohnen, nicht bleiben können oder wollen? Diese Formel sagt kein Wörtchen über Nationalismus oder selbst über das jüdische Volk. Es ist lediglich eine Erklärung über jüdische Auswanderer. Die letzteren müssen notwendigerweise aus zwei Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Klassen bestehe», ans solchen, die an ihren gegenwärtigen Wohnorten nicht bleiben können, und aus solchen, die nicht bleiben wollen, und ist cs eben der Zweck der Jto, für diese Auswanderer ein Territorium auf autonomer Basis zu finden. Das ist durchaus keine Erklärung, die sich auf meine Person beschränkt. Der ursprüngliche territorialistischc Kongreß von 1905, der die Jto geschaffen, erklärte, daß dieselbe in keiner notwendigen Beziehung zu irgend einer anderen Bewegung stehe. Es stehe aber jedem Jtoisten frei, als Individuum sich irgend einer anderen Gruppe nach Belieben anzuschließcn, und umsomehr ist derselbe berechtigt, beliebigen Ansichten zu huldigen. Die Jto hat es abgelehnt, irgend eine inquisitorische Tyrannei auszuüben. Trotzdem es einem Zionisten nicht gestattet wird, Jtoist zu sein, so steht es doch einem Jtoisten frei, Zionist zu sein. Es bleibt folglich des Jtoisten persönliche Sache, ob er an den Territorialismus vom Standpunkte des Nationalismus aus herantritt, oder nicht. Da das Ziel der Jto eine bestimmte praktische Arbeit bildet, so schließt sie selbst Nicht-Inden von der Mit- Wirkung nicht aus. Das einzige Obligatorische besteht im Unterzeichnen der Jtoformel und der Jto-Bcitragsliste." Wie, wird er verwundert fragen, wenn in einem Programme — angenommen, es sei von einer legalen Versammlung »ach reiflicher Ueberlegung aufgestellt worden, wie cs tatsächlich bei dem Jtoprogramm nicht der Fall war, denn die Teilnehmer der Jtoisten-Bersammlung in Basel — waren Delegierte des Zionistenkongresses und hatten von ihren Wählern das Mandat z» ihren Beschlüssen nicht erhalten, wie sie denn auch garnicht in der psychischen Verfassung waren, um dauernde Beschlüsse fassen zu dürfen —, wenn also in einem solchen Programme etwas ganz Selbstverständliches nicht anfgenommen wurde, weil es eben für Delegierte des Zionistenkongrcsses nur allzuselbstvcrständlich war, so hört es darum ans, es zu sein und soll darum weniger verbindlich sein?! Nicht'besser wird es ihnen ergehen, wenn sie ferner lesen werden: „Wir bedeuten Realpolitik. Die unreifen Politiker, die die Baselformel entworfen haben, besitzen allerdings uns gegenüber einen großen Vorzug, indem sich ihre Formel für erregende Nationallieder und glühende Tribünen» ansprachen eignet. Jedoch müssen wir diese Losungen und Feldgeschreie den Interessen nüchterner Staatskunst opfern. Die zerstreute und anormale Lage der Juden raubt ihnen selbst den Luxus einer nationalistischen Bewegung, wie sie den ans indischem oder egyptischem Territorium konzentrierten Indier oder Egypter belebt. Das ist vielleicht die Tragödie, die den: Golus die Krone anfsctzt. Der Jude darf erst dann von Nationalismus sprechen, wenn er sich auf eigenem Boden befindet, cs sei denn, daß die westlichen Juden sich dazu entschließen, ihre politische Identität mit ihren Mitbürgern anfzugcben, für die sie Jahrhunderte lang gekämpft und fiir welche die Juden in Rußland noch jetzt kämpfen. Daher begeht der Zionismus einen politische» Fehler, wenn er die Idee des Nationalismus in der Diaspora predigt." Diejenigen unter den Territorialisten, die niit den Zionisten glauben, daß der jüdische Nationalismus dazu berufen sei, dem jüdischen Volke das zu geben, was dem höheren Menschen das Höchste ist: die Menschenwürde; daß er erst den Juden die wahre Emanzipation bringen >vird — in ihren eigenen Augen nämlich, damit auch die andern sie anerkennen lernen, die darum meinen, daß der Zionismus an: nötigsten eben in der Diaspora ist und da gepredigt werden muß, werden bei der Lektüre der Zangwillschen neuen Offenbarungen ihre blaue Wunder erleben. Diese Einziehung der Fahne hat uns sehr überrascht. Herr Zangwill belehrt uns des weiteren: „Jedoch wirb die Erwerbung Palästinas dem zionistischen Nationalismus einen Todesstoß versetzen. Man würde dann denselben durch einen palästinensischen ersetzen müssen. Die Berührung mit der mannigfachen territorialen Wirklichkeit, wie auch die Probleme lokaler Selbstverwaltung und internationale Beziehungen, werden die Absurdität und Gefährlichkeit eines Mwesenheitszivnismus beweisen." — Damit ist eigentlich nichts neues gesagt. Jedes Streben, wenn es sein Ziel erreicht, hört auf, ein Streben zu sein und nimmt andere Formen an. Stets ist die Erreichung ein „Todesstoß" für die Erstrebung! An dem Tage, da der Zionismus stirbt, indem er sich verwirklicht, werden wir des schönsten unserer Feste feiern! Da war Achad-Haam schon gründlicher. — Als er in seinem Aufsatz „Zoraß-Hajehudim" die Gefahren schildern wollte, welche die Verwirllichung des Zionismus heraufbeschwören werde, fand er, daß nicht nur alles ideale Streben dann anfhören würde, so daß die Juden dann zu einfachen Territorialisten . . . sich verwandeln, sondern, daß sie sich dann (assimilieren) . . . und — in das deutsche Voll aufgehen werden! . . . In das deutsche Voll! Welch grauser Schrecken für alle armen panslavistischen Seelen! > Sehen Sie, werter Herr, so wird es geniacht, wenn man den Zionismus — mit Erfolg bekämpfen Nr. 11. will! .Dagegen gehalten sind Ihre Angriffe die reinsten Schmeicheleien. Sollen wir da vielleicht nicht hoffen dürfen, daß Sie, trotzdem Sie in den letzten Jahren in der besten jüdischen Gesellschaft gewirkt haben, dennoch kein so erbitterter Feind des Zionismus geworden sind?! Denn diese Unlerwassersetzung des jüdischnationalen Weines, mit der Sie sich selbst, und uns abquälen, geschieht ja doch nur zu Nutz und Frommen derjenigen Juden, die jedes geistige Getränk in den Tod fürchten, — sobald cs ans dem Born des Judentums quillt! Haben n u » d i c s e Ihre Freunde die Geld sacke aufgetan? Ja, haben sie Ihnen für Ihre» nationalismnsfrcicn Nationalismus auch unr die Millionen zur Verfügung gestellt, tvelchc sic für das jüdische Volk treu verwalten sollten? Jene Millionen der „Jca", von denen vor noch nicht lgngcr Zeit Herr. Zangwill im Zusammenhänge mit den Millionen der Mission sprachzwischen welch' beiden die Juden verhungern?! Es hat nicht den Anschein, de n n Herr Z an gw ill, hat die Ab si d) t, s ich au das „jüdische Volk" (!) zn wenden. ..! Und versteht. Herr Zangwill wirklich nicht, daß, nachdem dem „jüdischen Volke" neuerdings in Palästina eine Hoffnung winkt, nunmehr alle lebendigen Kräfte unseres Voltes dorthin sich wenden müssen und auch wenden! Nur sotange das Land unserer Väter nicht in Frage kam, konnte eine andere Frage auftauchen. Dem Glanze der ausgehenden Sonne aber erblassen alle Sterne. Wir begreifen sehr wohl die psychologischen Motive, die Sie noch immer auf die Geschichte des Uganda-Angebotes und die nicht immer korrekte Kampsestreisc der Gegner znrttckgreifen lassen. Mer es darf nicht vergessen werden, daß der llebcreifer in der großen, heißen Liebe zu den Heiligtümern unseres Volles seine Quelle hatte. Und auch diejenigen — wenn es solche gab — deren Eifer minder heiligen Quellen entstammte, jene, welche vielleicht unbewußt gegen das Projekt waren, weil sie das Rußland der Pogrome auch während der Pogrome noch so sehr liebten, daß sie es nur einzig mit dem Lande unserer Ahnen und unserer Sehnsucht hätten vertauschen können, auch mit ihnen ist es schwer rechten. Denn welche Tragik in der ganzen großen Welt reicht an diese auch nur hinan! Der Groll, der in Ihrem Herzen, verehrter Herr, noch nachzittert, der Sie die ganze Wucht des Kampfes, welcher leider nicht immer fair geführt wurde, als Führer naturgemäß in erster Reihe haben empfinden müssen, ist menschlich nur zn begreiflich. Aber von einem Israel Zangwill dürfen wir verlangen, daß er über derartige Regung»! sich erhebt und erhaben bleibt. Lassen Sie mich Ihnen ein heiliges, weihevolles Wort sagen: Herzl!. Und Sie wären einer seiner treuen Mitarbeiter! In dieser für unser unglückliches Volk entscheidungsreichen Zeit sind ans Sic, Herr Zangwill, als einen unserer bewährten Führer, die Äugen von ganz Israel gerichtet. Von Ihrer Entscheidung wird es abhängen, ob auch die kommenden Geschlechter Ihres und Ihrer Mitarbeiter Namen init vor Stolz und Glück blitzenden Augen werden gedenken, oder mit Tränen des Schmerzes und des Zornes! Aus aller Wetzt. Palästina. Jerusalem, im März. — Verschiedenes.— Ein unheimlicher Gast hat sich leider bei iins eingestellt: Die Genickstarre, die ihre Opfer heischte und noch heischt. Zunächst waren cs Aschkenasim, unter denen sie Ernte hielt; nun hört man, daß die furchtbare Krankheit auch bei Sephardim ausgebroche» ist. Eine unbeschreibliche Panik hat sich der ganzen hl. Stadt bemächtigt. Große Anerkennung verdient das „Schaarc Zedek - Hospital", indem es sofort seine Pavillons den Unglücklichen öffnete und .sie in eine ärztliche Behandlung nahm, die geradezu an Selbstaufopferung grenzt. — Tiefe Trauer weckte in der hl. Stadt der unerwartete Heimgang des Herrn H e n r y Seligmann, Frankfurt a. M. Einen schweren Verlust verzeichnet zumal das Deutsch-jüdische Waisenhaus, dessen vornehmer Wohltäter und langjähriger Schatzmeister der Verblichene war. Gleich nach Bekanntwerden des schweren Trauerfalles fand unter Beteiligung auswärtiger Mitglieder ein Trauergottesbienst in der Waisenhaus- Synagoge statt. Die Trauerrede hielt Dr. G r ü n - Hut, die großen Verdienste hervorhebend, die sich der Heimgegangene namentlich um das Waisenhaus erworben hat. Sein großer Name bleibt mit der Geschichte dieses Hauses unzertrennbar verknüpft. — Der dritte Fall leider, den das Waisenhaus in diesem Winter zu verzeichnen hat! Zuerst war es Herr. David 3T

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