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Neue jüdische Presse · 1909-03-19 · Heft 11 (19.3.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 11 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11. nicht als Synagogenbeamter angesehen werden, bä er für das Vorbeten keine Vergütung erhalte und auch nicht ständiger Vorbeter sei. Nach jüdischem Ritus werde dem die Ehre des Vorbeters zu teil, der im Besitze der erforderlichen Stimmmittel sek und das Geschick zum Vvrbeter habe. Daher komme es, daß die Vorbeter in den privaten Betsälen vielfach wechseln, zumal sich viele Leute, jvenn sie sich dazu für geeignet halten, aus Ehrgeiz zu der Würde, des Vorbeters drängen. — Der Staatsanwalt hielt die Anklage aufrecht und beantragte je 60 Jk Geldstrafe. Der Gerichtshof erkannte aber auf Abweisung der Berufung des Staatsanwalts und legte die Kosten deD Verfahrens der Staatskasse auf. — Der als Sachverständige geladene Rabbiner Dr. M a y b a u m hatte dem Gericht geschrieben: Seine Religion verbiete ihm, am Sabbat zu fahren, er könne daher nicht vor Gericht erscheinen. Klausner bemerkte auf Befragen des Vorsitzenden: Das Fahren am Sabbat sei eine Verletzung der religiösen Vorschriften der Inden. Der an Jahren vorgerückte Rabbiner sei Physisch kaum in der Lage, zu Fuß nach Moabit zu kommen. Der Gerichtshof sah infolgedessen das Schreiben als genügende Entschuldigung an. Berlin. In den Synagogen der jüd. Gemeinden ivaren 1908 insgesmnt 10 677 S y n a g o g e n p l ätz e vorhanden. 761 waren Eigentumsplätze; 9353 wurden vermietet und brachten eine Einnahme von 161 709 Mark; 487 waren Freiplätze; 74 Plätze wurden der Armenkommission zur Verfügung gestellt. In den Betsälen betrug die Zahl der Plätze 16 760. Von diesen 16760 Betsaalplätzen wurden vermietet 14 510, die 75 238 Jk in Einnahmen brachten; 1886 ivaren Freiplätze, 178 wurden durch die Armenlommission verteilt. In den Synagogen und Betsälen blieben somit unbesetzt 188 Plätze, die sich fast alle im Westen befanden. Der höchste Platzpreis belief sich in den Synagogen auf 60 Jk, der niedrigste Preis auf 3 Jk Hannover. Die Simon'sche Stiftung vermittelt seit einiger Zeit jüd. jungen Leuten, die sich der Landwirtschaft znwenden wollen, Lehrstellen. Die Nachfrage nach solchen Stellen wird allmählich rege; auch befinden sich unter den stellensuchendcn jungen Leute solche aus begüterten Familien. Die Simon'sche Stiftung prüft jeden einzelnen ihr vorgelegten Fall genau, sowohl mit Rücksicht auf die Verhältnisse des Gutes,, auf dem der junge Mann beschäftigt werden soll, als auch in Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Stellensuchenden, erteilt im einzelnen Falle Ratschläge über die Form der Ausbildung und unterstützt Mittellose unter Umständen durch Beihilfen. Erfreulicherweise finden sich neuerdings auch mehr jüdische Gutsbesitzer bereit, junge Glaubensgenossen zur Ausbildung auf ihren Betrieben aufzunehmen. Eine Rundfrage von Dr. Aatz, dem Syndiklis der Stiftung, bei etwa 100 größeren jüd. Grundbesitzern der OstProvinzen hat ergeben, daß hier noch manche Stellen für landwirtschaftliche Ansbildung vergeben werde, i können. Daneben sind besonders in mustergültigen kleineren Betrieben im Großherzogtüm Baden junge Leute untergebracht werden. Hierbei hat sich die hochherzige und uneigennützige Förderung dieser Bestrebungen seitens eines hohen badischen Regierungsbeamten als ganz besonders nutzbringend erwiesen. In Steinhorst (Kreis Isenhagen, Provinz Hannover), wo die mit Hilfe der Simon'schen Stiftung errichtete „Land- und Lehrgnts-Gesellschaft" ein eigenes Lehr gut sür jüd. junge Leute angekauft hat, kann vom Herbst ab mit der Einstellung von Zöglingen begonnen werden. Es .ist ratsam, », daß jüdische Eltern, die Söhne nach Steinhorst .schicken wolle», sich möglichst frühzeitig melden. Für alle Stellenvermittlungs - Bestrebungen der Simon'schen Stiftung auf dem Gebiet der Landwirtschaft gilt der Grundsatz, daß nur körperlich, intellektuell und moralisch einwandfreie junge Leute berücksichtigt werden können. § Würzburg. Jüngst beriet-n unter dem Vorsitz des hiesigen Rabbiners die Herren aus Ansbach, Kissingen, Schweinfurt, Nürnberg, Fürth und Maßbach über die Lage der Juden in Bayern. Die Beratungen galten der Gründun geinesbayrischenorthodoxen Vereins, tvelchenr jeder bayrische Jude beitreten kann, sofern er die bereits fertigen Statuten sich anzueignen wünscht. Im Frühjahr soll die Agitation beginnen, die in Wirklichkeit den Gründen nach, nichts weiter sein soll als — Sturm bock gegen die Revision des Judenedikts. Oesterreich-Ungar«. Innsbruck. Ueber einen Bortrag an der hiesigen Universität sei deshalb in diesen Blättern berichtet, weil es wohl zum ersten Male vorgekommen sein dürfte, daß an der hiesigen Alma mater ein jüdischer Gelehrter einen jüdlsch-wsssenschaft- Frairkfurker JsraelitlsHrA tzamllienLlait. lichen Vortrag halten durste. Herr Feldrabbiner Dr. S a g h e r sprach nämlich am 13. dss. Mts. in der Theolog. Abteilung der Universität über die Ethik des alten Testaments et de'psalmis imprecationibus. Er erntete solchen Beifall, daß er bereits am 20. dss. Mts. auf Einladung des Professoren- Kcllegiums einen zweiten Vortrag halten wird. MiSkolcz. Zwischen dem kathol. und dem protestantischen Obergymnasium ist ein drolliger Konkurrenzkampf entbrannt. Das katholische Gymnasium möchte seine Schüler gerne vermehren und sucht deshalb die jüdischen Schüler, die das protestantische Gymnasium besuchen, für sich zu gewinnen. „Bei uns", heißt es in einem katholischen Aufruf, „ist der Lehrplan besser, die Schüler haben Zeit genug, Privatstudien zu treiben, und — was die Hauptsache ist — bei uns gibt es keinen Antisemitismus." Demgegenüber erklärt die Direktion der protestantischen Schule hoch und heilig, daß nirgends besser unterrichtet werde, als in ihr und daß es den jüdischen Schülern in der ganzen Welt, auch Palästina nicht ausgeschlossen, nicht besser gehen könnte, als im protestantischen Gymnasium von Miskolcz. Die Juden, die sich gerne mit beiden Parteien vertragen möchten, wissen sich in diesem embarras de richesse nicht zu helfen, denn sie wissen ganz gut, daß sie, wie sie jetzt die gesuchten Lieblinge sind, zuletzt denn doch die Prügelknaben der beiden streitenden Parteien sein werden. Schweiz. Zürich. Da seit der 1763 von dem Züricher Pfarrer Johann Kasper Ulrich herausgegebenen „Sammlung jüd. Geschichte, welche sich mit diesem Volk in dem 13. und folgenden Jahrhunderten in der Schweiz zugetragen" nicht wieder eine „Geschichte der Juden in der Schweiz" erschienen ist, so wird im hiesige „Israel. Wochenblatt" zur Gründung einer Gesellschaft aufgefordert, die sich die Schaffung einer solchen Geschichte zur Aufgabe sehen soll. Rußland. Petersburg. In den Städten und Dörfern außerhalb dxs Ansiedlungsrahons dauern die Ausweisungen von Juden ununterbrochen fort: Die liberalen Abgeordneten, insbesondere die jüd. Abgeordneten Nisselowitsch und Friedmann werden unaufhörlich mit .Briefen überschwemmt, in denen die armen Ausgewiesenen um Fürsprache bei der Regierung bitten. Indessen hat auch die Intervention der Duma-Mitglieder nur selten einen Erfolg zu verzeichnen, und in den ineisten Fällen bleibt den mit dem Ausweisungsbefehl Bedachten nichts weiter 'übrig, als ihr Bündel zu schnüren. Die Auswanderung nach Amerika, die eine Zeit lang infolge der amerikanischen Krisis etwas zurückgegangen war, ist denn auch bereits wieder im Steigen, obwohl sich die Verhältnisse in Amerika noch keineswegs sehr gebessert haben. — In Kutna hat die Militärverwaltung den Soldaten verboten, bei Inden zu kaufen. Eine besondere Wache ist beauftragt worden, die Soldaten zu beaufsichtigen, daß sie dieses Verbot nicht übertreten, das ihnen sehr ungelegen ist, da sie in den jüd. Geschäften gute Ware und auch Kredit erhalten haben. „N. I. K." Amerika. New-Aork. Ein gewaltiges Werk Ift vollendet: die New Aorker jüd. Großgemeinde ist Tatsache geworden, und zwar auf folgender hauptsächlichsten Grundlage: „Der Zweck der jüd. Gemeinde von New Fork soll , sein, die Interessen des Judentums in New Dork zu fördern und die Juden dieser Stadt unter Beachtung aller lokalen Angelegenheiten von jüdischem Interesse zu repräsentieren. Die Organisation darf nicht in irgend eine Propaganda politischer Natur sich einlassen; auch darf sie der Selbstverwaltung einer bestehenden Organisation keinen Eintrag tun." Von den weiteren Grundlagen der neuen Organisation, die die fast eine Million Seelen zählende New Parker Judcnheit zusammenfassen soll, sei erwähnt: Jede Synagoge mit 50—250 Mitgliedern oder Sitzinhabern wählt 1 Delegierten und sür je 250 weitere Mitglieder oder Sitzinhaber je 1 Delegierten, jeder jüd. Verein oder Loge mit 100—1500 Mitgliedern 1 Delegierten und für je 1500 weitere Mitglieder 1 Delegierten. Rabbiner-, Kantorenvereine nsw. wählen je 1 Delegierten. Ausgeschlossen sind Jünglings-, Wohltätigkeits- und politische Vereine; ay,ch kann niemand, der nicht amerikanischer Bürger ist, zum Delegierten gewählt werden. Seite 3. G leuilMon. 0 ..... Als das Meer sie verschlang. Von Maxime Le Maitre. Der graue, bewölkte Himmel ist stumm und verschwiegen und schaut schadenfroh dem Kämpfe des sinkenden Schiffes mit dem höllischen Sturm und den reißenden Meeresgewalten zu. Im Schutze abendlichen Dämmerdunkels hat ein wütender Sturm einen Kampf mit den Wassern begonnen, sie zu weißen schäumenden Wasserbergen gehetzt und sie gegen das wehrlose Schiff aufgestachelt. Und als die finstere Nacht das weite, schäumende, gehetzte Meer mit einem schwarzen Totenkleid bedeckte und das letzte Wehen und gähnendes Spinnen der dunkelbläulichen Dämmerung in der Finster» nis sich verloren, begann der heulende Wind sein Schreckensgericht und riß mit seinem Gebrüll das tosende, zu Schaum gepeitschte Meer zum Vernichtungskampf gegen das einsame Schiff. Bald empörte sich auch der siedende Meeresgrund, — und zu dreien vereint, Wersen sich die Sturmeswellen rachgierig und nach Beute lechzend auf das Schiff. Der Sturm tobt und rast übers wütende Meer, ein grausiger Abgrunds schauriger Meerestiefen reißt seinen Rachen auf, und wütende Wogen treiben es dem grausigen Schlunde zu. Und während blutfraßgierig der Sturm heult und betende Menschenstimmen im Gebrüll übertönt, fleht das zitternde, von allen Seiten zerrissene Segel zu der kalten finstern Nacht. beten Kinder auf des Schiffes Grund zu den entfesselten Meeresgewalten. . . Doch die Nacht schweigt, und bestätigt mit ihrem Schweigen das Schreckensgericht der entfesselten Gewalten- Das Schiff bäumt sich und biegt sich, eS kämpft mit dem Sturm, es kämpft mit den Wogen. Bald krachts und knatterts, bald fliegen die Masten und bersten die Balken. Es dampft der Meeresgrund wie ein siedender Hexenkessel, und mit Wolfeswut reißt der Sturm Balken und Säulen und Masten in die abgrundlose Tiefe. Bald ächzen die Schlote und seufzen im Tode, bald schnaubt der Kessel und platzt, — und aus der Mitte des wogenumtobten, sinkenden Schiffes, im Wolfesgeheul wilder Gewalten, bricht lichterloh ein Feuer in die finstere Nacht. Will» fliegen die Wogen im Lichte auf, sie werfen sich gehetzt auf das wehrlose Schiff. Im Flackern des Feuers und im Henlen des Sturmes irren Menscbenstimmen. . . „Werfet Boote". . . . . schreit einer vom Decke des sinkenden Schiffes. — „Es sinkt — rettet — springt" irren wilde Rufe in der hell bestrahlten vom Meereswinde gepeitschten und von den wild auffsiegendsn Wogen bedrohten Nacht. Da unten wimmern Kinder und schreien Weiber — das Schiff sinkt, das Meer verschlingt still seine Opfer und sättigt seinen. Rachedurst mit Menschenleben. ... Noch treiben die Flammen aus dem Herzen des Schiffes ein blendendes Licht, das die Millionen Augen der Wogen gierig verschlingen. Noch plätschert es vom Hintergründe des Schiffes vom Sturze der Menschen in die unheimlichen Tiefen, noch werden gellende Menschenrufe laut: „Hilfe, Hilfe, rettet, rettet!" Noch tobt der Sturm und rast das Meer. Das Schiff sinkt in die wilden Fluten, das Licht erlischt, das Feuer wird immer lleiner, die Fluten löschen es. . . Die Woaen beruhigen sich, und der heulende Sturm rast über weite Meeresfernen, denn er hat sein Schreckenswerk vollendet. * Die aufgewirbelten Wasserberge falten sich auseinander, eine schweigende Ruhe lagert sich auf die glatte Wasserfläche und bietet - dem Wind nächtliche Rast, — Meeresstille-Friedhofsruhe. Die Nacht atmet befriedigt auf, und bald kriecht der Mond aus dem düstern Gewölk hervor und bestrahlt die beruhigten Wasser mit seinen matten Strahlen. Es' schläft die See im Schutze des Mondlichts, und auf ihrem Busen atmet leise der müde Wind. In dieser Ruhe der Wasserwüstenei werden von ferne Menschenstimmen hörbar, und im Lichte des Mondes tauchen Menschenschatten auf der weiten Wasserfläche auf. Zwei Menschen schwimmen in einem Kahne, rudern emsig und rudern behend, und des Meeres ruhiges Echo trägt ihre Zwiesprache in weite, weite Fernen. Und das Meer, das ruhende, träumende Meer vernimmt ihre Morte, die laut

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