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Neue jüdische Presse · 1909-03-19 · Heft 11 (19.3.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 11 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Brief aus Ungar«. Welche Vernunftwidrigkeiten durch die Auffassung des Judentums als Konfession zutage treten, dafür gibt Khilokedauscho Weizen, wo, wie das ungarische Sprichwort lautet, selbst die Donap nur mit einer gewagten Krümmung porwärtsdringen kann, wieder einmal ein drastisches Beispiel. Dort leben schon'seit jeher zwei konservativ-jüdische Gemeinden in brüderlicher Zwietracht gegeneinander; sic sind durch die hohe Weisheit ihrer Vordenker und die besondere Gnade der Regierung — trotzdem beide die heilige Tradition und den Schulchan Aruch als einzige Basis ihrer Existenz betrachten — bis in den Tod von einander konfessionell geschieden. Nun begab es sich, daß der Sohn eines Mitgliedes den- „orthodoxeren" Konfessionsgemeinschaft, die ihre Wcizner Institutionen mit chassidischen Kunstblumen zu dekorieren beliebt, zum Sterben krank wurde. Es verlautete von ihm, daß er es mit dem Schabbos etwas leicht nahm. Da setzte sich. der hohe Kipperat und faßte den siebenmalweisen Beschluß: „ihm, falls er stürbe, Kewuros JisroÄ zu verweigern; die Beerdigung müsse von der anderen jüdischen Konfession, die in ihrer religiösen Toleranz konsilianter ist, besorgt werden". Der Mann starb, — und die Konfessionalisten blieben konsequent! Die von der anderen Konfession klammerten sich auch nicht weniger konsequent an ihre autonome Separat-Konfession. Was blieb da anders übrig, als daß der Polizeipräsident, der beim ärgsten Willen „hier" kein drittes Extrajudentum entdecken konnte, aus diesem himmelschreienden Chilulhaschem den kompromittierenden Ausweg finden mußte. Und dabei hätten wir jetzt wahrlich.andere Sorgen! Die Regierung, vom antisemitischen -Geist durchweht und von den verrohten Massen getragen, sorgt in jeder neuen Gesetzesnovelle dafür, daß das antisemitische Siegel nicht verwischt werde. Zuletzt war es die Steuerreform- Vorlage, die als Anlaß diente, dem Handclsstand, der zü 90°/o vom jüdischen Element beherrscht wird, Lasten aufzubürden, die ihn, wie es der jüdische Abgeordnete Paul Sandor mit statistischen Daten belegte, dem Bankerott entgegensteuern. Gleiches Unrecht für alle Juden ist die leuchtende Devise unserer führenden Politiker. Die Begünstigung des Hausier: er patent es, 1>as die Behörden allen slovakischen, wallachischen und serbischen Bewohnern der übervölkerte» armen Nationalitätenkomitate bewillige», wird den Juden verweigert. Sie sind in ihrer Freizügigkeit beschränkt. 400 jüdische Hausierer aus dem Bereger und Ugücsäer Kreis dürfen die königlichen Freistädte mit ihren Waren nicht aufsuchen. Hört man nun aber, daß diese entrechteten Proletarier, denen der Boden, den sie als Bauern bearbeiten, nicht genug Brot und der Staat, für den sie steuern und bluten, nicht freie Rechte gibt, um zu leben, ernstlich daran denken, irgendwo ans dem weiten Erdenrund, wenn auch gleich in Palästina, gegen den Hungertod kämpfen zu wollen, — dann wird das Schandmal der Vaterlandslosigkeit diesen Armen auf die Stirne gebrannt! Sie müssen im Lande bleiben, denn sonst steht die Regierung ohne Legion streikbrechender Feldarbeiter, die zur Zeit eines drohenden Bauernausstandes nur von den stumpfen, aber physisch ungebrochenen Massen unserer Konfessionsgenossen zusammengetrieben werden können. Daß wir dadurch auch den letzten Funken von Hoffnungsschimmer erlöschen sehen, den wir vom Heranbrechen der Herrschaft der aufstrebenden Partei der.Sozialdemokraten ersehnen, ist nur natürlich. Die organisierten Proletarier werden es den Juden aus der ungarischen Marimorich nicht vergessen, daß 3000 von ihnen im Jahre'1908 auf Kommando des Ackerbauministers ben großen Erntestreik vereitelt haben. In der.Presse zittert die Resonanz dieses schaurig gellenden Hepheprufes je nach der Partei¬ Frankfurter JsraelitWes FarnLieMatt. richtung 'abgestimmt nach. So begnügt sich das „noble" Kasinoblatt „Budapesti Hirlap" damit, die ungarisch-jüdischen Literaten, wie z. B. Alexander Brodh und Lengyel, psychologisch zu zerfasern und nach einer chemisch untersuchten Blutprobe ihr Kosmopolackentum zu verschreien, trotzdem diese Schriftsteller alles andere eher als das Magyarische barbarisch radebrechen. „Alfftmäny" und „Magjor Nemset" vertreten das Extrem auf dem radikalen Flügel: Aushungern, auspeitschen und. verbluten lassen ist der Refrain, den die Walze dieser verkrüppelten Kulturparasiten dem Mob in die Seele suggerieren. Dazwischen liegt die „anständige" Presse, die von Judenstämmlingen redigiert, sich begnügt, uns mit einer herablassenden Bevormundung zu 'behandeln. Stellt man das Horoskop für die allernächste Zukunft, so ist die Perspektive noch dunller, unsicherer. Die Koalition, das weiß jeder, liegt im Verröcheln. Der große Schatten ist schon im Gesichtskreise, der den schwarzen Mann ahnungsvoll ankündet, vor dem jetzt alles in den Staub kriecht. . . . Man munkelt und zischelt und wagt es nicht auszusprechen. Denn der gute König ist schon sehr alt; der erzklerikale Antisemit Stephan Rakowsky ist Vizepräsident des Parlaments und — Generalmajor Vogel, in der Vollkraft seines Schaffens, in der gefährlichsten Zeit, in Pension geschickt, — selbstredend nicht, well er nicht Jude ist. ... Zioni. Die zionist. Sitzungen in Köln. Köln, 17. März, 4 Uhr 55 Min. (Telegramm). Montag ftüh wurde die Sitzung des Großen Aktionskomitees eröffnet, nachdem am Sonntag das Engere Aktionskomitee getagt hatte. Es waren 24 Mitglieder anwesend. Nach Erledigung der Formalitäten wurde in eine geschlossene Sitzung über die politischen Fragen eingetrcten, die bis Dienstag Mittag dauerte. Dienstag Nachmittag begann die P a l ä st ina- Debatte. Professor Marburg erstattete eingehend Bericht über die Tätigkeit des Palästina- Ressorts und über die Oelbaumspende. Die Frage des Jnformationswesens in Palästina wurde eingehend behandelt und beschlossen, diese Angelegenhell in Uebereinstimmung mit den anderen Organisationen durchzuführen. Heute war Sitzung des Direktoriums des Nationalfonds und Generalversammlung desselben. Es entwickelte sich in letzterer eine ausführliche und wichtige Debatte über organisatorische und palästinensische Fragen, insbesondere eine lange Auseinandersetzung wegen der Bodenbewllligung an das Hebräische Gymnasium in Jaffa durch den Nationalfonds. Die Palästina-Debatte des Großen Aktionskomllees wird heute noch 'fortgesetzt. Ort und Zeit des nächsten Kongresses hat es der Bestimmung des Engeren Aktionskomitees überlassen. Im Laufe der Tage fanden auch die konstituierende Sitzung der Palestine Land Development Company, verschiedene Sitzungen der Kolonialbank und die Generalversammlung der Anglo Palestine Company statt. Der Geschäftsbericht letzterer Gesellschaft ist sehr günstig, sodaß 10 Pence Dividende auf die 1 Pfund-Aktie verteilt werden kann und 1500 Pfund auf den Reservefonds übertragen werden können. Dienstag Abend veranstaltete die Kölner Ortsgruppe eine sehr eindrucksvolle Begrüßungsfeier, verbunden mit einer aufs glänzendste gelungenen Bezalel-Ausstcllung. Ansprachen hielten Präsident Wolffsohn, Professor Marburg, Dr. Gronemann und andere. Aus den Geschehuiffen des Tages. Tempora mutantur, sed res permanent eaedem. Daß gar mancher Führer in Wirllichkeit nicht sührt, sondern geführt wird, ist von jeher eine allbekannte Sache; doch wer einen tie- Nr. 11 seren Blick in die Geschichte der Menschen und der Völker tut, der sieht, wie diese tragikomische Erscheinung nicht nur bei einzelnen. Individuen zutrifft, sondern auch bei Massen und Völkern. Die große .Eroberin und Volkesunterjocherin Rom glaubte 311 schieben — und wurde geschoben und zerschellte schließlich an der Barbarei der von ihr nach ihrer Meinung geführten Barbaren. Der Katholizismus glaubte, indem er die Heiden bekehrte, diese im christlichen Sinne zu befruchten, — doch er selber wurde dabei von der Gedankenwelt des Heidentums infiziert. Und heute! — Andere Zeiten, — bod) dieselben Vögel; andere Völker, — doch dieselben Lieder! Da hatte Frankreich mit Rußland ein Bündnis geschlossen; das kulturell stärkere Frankreich vermochte jedoch nicht, den verbündeten Barbaren fortschrittlich zu beeinflussen, — im Gegenteil, es ließ sich bisweilen von dem Barbaren beeinflussen, — und anstatt zu schieben, wurde es geschoben; es sei nur an Frankreichs reaktionäre Politik erinnert, die es zur Zeit seines Präsidenten Felix Faure Rußland zu Gefallen trieb. Nunmehr hat sich das freie England dem Barbaren angeschlossen; es glaubt, seinem wilden Freunde etwas Kultur beibringen und ' ihn durch die Gemeinschaft nach und nach zur Freiheit erziehen zu können, — allein wir fürchten, daß der umgekehrte Fall eintreten wird: schon die Gemeinschaftlichkeit der Flitterwochen zeigen das Begründete unserer Befürchtung; in Persien ringt das Volk seit Monaten verzweifelt mit seinem regierenden Satrapen, und dieser wird heimlich von — England unterstützt, weil Rußland sein Freund, offen dem Bedrücker hilft. Auch die politischen Vorgänge, die gegenwärtig die ganze Welt in Atem halten, zeigen die Folgen solcher unnatürlichen Bündnisse. Das türkisckie Volk hat seine Freiheit errungen; aber der finstere Zar fürchtet auch die Freiheit in fremden Ländern und stachelte deshalb die stammverwandten Bulgaren, Serben und Montenegriner auf, und da diese ihren Frieden mit der Türkei machen wollen, so tritt ,er selbst aus den Streitplatz und rückt mit neuen Schwierigkeiten heraus; — und was tut das freie England! es unterstützt den Freund, den Barbaren. Serbien stört seit Monaten die Ruhe Europas und bedroht — natürlich im Vertrauen auf Rußlands Beistand — aufs ernstlichste den Frieden, ein Weltbranb ist vielleicht im Entstehen; — und England! England steht Rußland zur Seite und macht all' die heimtückische Unterminierarbeit Rußlands ohne Gewissensbisse mit. Warum wir als jüdische Zeitung auf dieses Gebiet allgemeiner Politik kommen? Der Grund liegt leider sehr nahe: die Annäherung Englands an Rußland ist für die Lage unserer sechs Millionen Brüder in diesem verrichten Lande - der Entmenschung von üblerBedeutung. Rußlands Regierung mußte sonst aus Frankreich und England, wo Geld für ihre beständig leeren Kassen zu holen ist, Rücksicht nehmen; jetzt aber.bei dem intimen Freundschaftsverhältnis mit diesen Ländern darf sie der jüdischen Bevölkerung jede Entrechtung auferlegen, ohne Proteste von irgend einer Seite befürchten zu müssen. Die Nachrichten der letzten Wochen beweisen zur Genüge, wie sehr die Chikanen der zarischen Negierung den Juden gegenüber grade in der letzten Zeit wieder zunehmen. Wer weiß, ob nicht Tage kommen werden, da England dem befreundeten Barharen zur Liebe das Antisemiteln lernen wirb; — wer weiß? Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wie uns mitgeteilt wird, werden.auch dieses Jahr die Offenbacher Armen mit MazzosaufPesach nack) Kopf und Familienzahl ausreichend versorgt. Jeder der Armen erhält seinen vollen Bedarf an Mazzos, und zwar nach seiner Wahl aus den den hiesigen beiden Gemeinden unterstehenden! Bäckereien. Berlin. Bor den Schranken des Landgerichts I spielte sich eine interessante Verhandlung ab. Der Vorsitzende und der Vorbeter der Chassidim- Gemeinde in der Grenadierstraße waren wegen Verletzung des 8 71 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 angeklagt und vom Schöffengericht Berlin-Mitte freigesprochen worden; der Staatsanwalt hatte ober gegen das freisprcchende Urteil Berufung eingelegt. Der betreffende Gesetzesparagraph bestimmt, daß ausländische Inden, die ohne Genehmigung des Ministers als Synagogenbeamte tätig sind, bestraft werden, sofern sie sich länger als 6 Wochen in Preußen aufgehalten haben. In der Lanbgerichtsverhandlung führte der als Sachverständiger geladene Dr. M. A. Klausner aus: Die Chassidim-Gemeinde sei nicht eine Gemeinde im Sinne des Gesetzes, sondern lediglich ein Privatverein. Der Angeklagte Lipsdrütz könne

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