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Neue jüdische Presse · 1909-03-19 · Heft 11 (19.3.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 11 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. durch die -Lüste treiben! „Vom sinkenden Schiff in den unsichern Kahn.auf ungewisser See. . . Hätte uns doch lieber das Meer gleich den andern verschlimgen". . . Der Lärm und das Gebrüll betäuben den Todesschrecken. „Jetzt werden wir ohne Kampf sterben, in Ruhe — in Ruhe. — In Ruhe sterben — welch ausgesuchter Fluch des Schicksals!" Der Kahn treibt weiter auf ruhiger See, und die Gedanken der dem Tode Entfliehenden verrät das Echo den müden Wassern. „Das Meer als Grab — dies weite, endlose Meer als letzte Ruhestätte — wie bang, wie schrecklich! — Nicht einmal in jüdischer Erde begraben--wie schrecklich!" Und eine andere Stimme wurde laut. „In jüdischer Erde begraben — ja dieses Glück hat nicht jeder — aber noch lieber das Meer als Grab als ein russisches Gefängnis. — Hier auf hoher -See — eine Welle — und wir sind tot, wir -sterben im Freien, unter stetem Himmel, auf dein großen, weiten, steien Meer. . . . Hier beschmutzt nicht eine rohe Henkershand unfern Körper — hier sterben wir in Ruhe — aber in Freiheit, ja in Freiheit." Die andere Stimme spricht: „Freiheit ist nur für die Lebenden, aber für uns, da wir doch sterben müssen — siehst Du, das ist das Ende eines traurigen Liedes. Ein Jahr lang die Flucht aus dem Kerker vorbereitet, unter tausend Gefahren aus dem Kerkerloch besteit und nach den tausend Mühfalen aus des Feindes Land ins Freie geflüchtet — mit Dir — Du mein Lebensodem — mit Dir, — und jetzt verschlingen uns die grausamen Meereswellen!" Und über den fchlaftnden Wassern schweben die Worte der andern. „Sechs Jahre gehofft, gekämpft, ein Glück erstrebt. Sechs fchicksalsreiche, wechselvollc Jahre sich gegen alle Schläge des bittern Geschickes gewehrt! Die Mutter verlassen, den Vater ruiniert, mit der Familie sich überworfen — im finstern Kerkerloche gests/en, sich endlich befreit, geflohen, — und das Ende ist das Rätsel des weiten, tiefen, grenzenlosen Meeres! — Und doch kein Grund zum Klagen. Das Schicksal hat nicht vermocht, meinen Schwur, mich nur inr Tode von Dir zu trennen, zu Nichte zu machen. Wir irren auf wilden, unsichern Wassern, wir werden, nicht das Land erreichen, — aber wenn das Meer uns verschlingt, dann verschlingt es uns zu zweien, mich und Dich. . . , Was hättest Du nicht alles angewandt, wenn Du, als der Militärrichter unser Todesurteil sprach, es hättest erreichen können, daß wir gemeinsam das Schaffet besteigen dursten. . . Und hier sterben wir zw.t, wir bekomnien ein gemeinsames Grab — und wir sterben in Freiheit — in majestätischer Freiheit." .... Er aber sprach düster in die schlummernden Meerestiesen: „Unser ganzes Schicksal war das eines sinkenden Schiffes, und unser ganzes Leben war nur eine Hoffnung auf Rettung. . . Und jetzt ist unser Schiff — unser ganzes Leben gescheitert, gesunken, — und der geheimnisvolle Meeresgrund wird unser. Grab. Jetzt gehen wir gewiß einer Ungewißheit entgegen . . . Nicht einmal in jüdischer Erdk begraben. — Da hatten es doch die in Rußland besser. Sie sind im Pogrom gefallen, und das ganze Judenvolk wird für sie Kaddisch beten. — Aber unsere müden Häupter werden nicht in sester Erde ruhen, auch nach dem Tode werden die finstern Fluten unsere Leiber treiben von Klippe zu Klippe, auch nach dem Tode werden wir keine Ruhe haben. Nach uns wird niemand eine Träne vergießen, niemand wird unser Grab mit seinen Tränen befeuchten. — Uns verschlingt die Einsamkeit des weiten Meeres!" Sie aber ließ die Fernen verkünden: „Ich sterbe in Freiheit und sterbe mit Dir. Siehst Du jene Barcke, die in nächtlicher Einsamkeit auf dem weiten Meere irrt. . Wenn mich das Meer verschlungen und ausgespien haben wird, wenn mein toter Leib gleich jener einsamen.Barcke auf weitem Meere irrt und ein irrer Sonnenstrahl an meinem offenen Auge, das das Meer nicht geschlossen hat, vorbcizittern wird, um noch dem abgeschlossenen Menschenschicksal den Gruß der ewig strahlenden Mutter Sonne zu überbringen, — auch dann werde ich Dein gedenken und den Wassern erzählen, daß ich für Dich bis zum letzten Augenblick des Lebensbewußtseins ein volles Herz voll Liebe hatte, — daß ich freudig mit Dir in den Tod ging und, daß ich meinem Schicksal nicht grolle — den» es hat mich von Dir nicht getrennt. — Nur mit Dir — ob Leben oder Sterben! — Nur mit Dir!" — — Die zwei Menschen schwiegen, und stumm und verschwiegen ruderten sie emsig und ruderten behend Frankfurter Israelisches Fmnilienölaü. und lenkten den Kahn ungewissen Fernen zu. Seine stummen Insassen begleiteten lange, lange Schatten. * Es dämmerte. Aus dem Hintergrund grenzenloser Fernen brach ein mattes Morgenlicht und entblößte das schlummernde Meer von seiner schwarzen Nachtdecke. Bald lösten sich die dunkelgrünen Wasser von der schwarzen Nacht, die ersten matten Strahlen des bläulichen Morgenlichtes ergossen eine Helle auf das weite, weite Meer. Beim Anblick des sich ergießenden Lichtes erwachte der schlummernde Wind, der auf dem Leibe des Meeres' .seine Nachtruhe fand, rasste sich ans und riß auch die schlafenden Wasser aus ihrer Ruhe. Er raste bald wieder übers weite Meer, denn er sah sein Schreckenswerk nicht vollendet. . . und durch das Bestiengeheul entfesselter Naturgewalten, durch das Pfeifen des heulenden Sturmes und Toben und Zischen schäumender Meereswellen irrten einsame Menschcnrufe: „Uns verschlingt das Meer-- ich sterbe in Freiheit, ich sterbe mit Dir." — Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. Ein unfreundlicher Novemberabcnd. Heulend fuhr der Nordwind durch die krummen winkeligen Gassen und trieb in wildem Gestöber die unaufhörlich herniedersallcnden Schneeflocken vor sich her. Es war ein Wetter, in dem man keinen Hund aus dem Hause jagt; darum erblickte man auch nirgends ein lebendes Wesen. Doch jetzt öffnete sich die Tür eines der letzten Häuser des Städtchens; heller Lichtschein fiel aus die schneebedeckte Straße, und ein Mann in Bcdientenlleidung, eine .brennende Pechfackel in der Hand, trat in's Freie, dem ein zweiter, in einem langen Pelzüberrock gehüllt, auf dem Fuße folgte. „Brr!" machte der Fackelträger, indem er sich schüttelte und den Rockkragen in die Höhe zog, „ist das ein Hundewetter!" „Behaglich jst es nicht" entgegnete der andere, rasch vorwärts schreitend „darum lasset uns eilen; die Fackel wird ohnehin nicht.lange pushalten." „Das wäre das Geringste; ohne Leuchte führe ich euch auch den richtigen Weg." „Würde ihn auch im Dunkeln treffen!" „Glaub's; — habt ihn in den letzten Wochen oft genug machen müssen! Aber warum Ihr grade heute noch heraüfkommen müßt? Die gnädige Gräfin ist dpch sonst nicht so, daß sie einen mir nichts dir nichts in das Unwetter hinausjagt — und obendrein Euch, der Ihr einen besonderen Stein bei der Gnädigen im Brett habt!" „Die Frau Gräfin wird vermutlich wieder einen asthmatischen Anfall gehabt haben." „Ich wüßte nichts davon. Heute Mittag ist sie noch ganz mobil gewesen, — und überdies muß ich euch sagen, für gefährlich krank halte ich die Gnädige überhaupt nicht." „Hm" versetzte der andere „für ganz unbedenklich kann ich den Zustand der Frau Gräfin nicht bezeichnen. — Auf was gründet Ihr denn eure entgegengesetzte Diagnose?" fügte er lächelnd hinzu. „Das Wort, das Ihr da gesagt.habt, verstehe ich nicht. Aber wenn Ihr wissen wollt, warum ich die gnädige .Gräfin nicht für gefährlich krank halte, so will ich's euch sagen. Wenn einer so weit ist, sodaß man meint, er inüsse bald sterben, so schickt Ulan zum Herrn Pfarrer oder zum Kaplan und läßt ihn mit den Heiligen Sterbesakramenten versehen, aber nicht in einem fort zum Doktor." Der andere lächelte abermals. „So ist's freilich Brauch bei euch. Aber wenn die Frau Gräfin in der vorigen Woche, als sie den schweren Anfall gehabt hat. zu dem Herrn Pfarrer geschickt hätte anstatt zu mir, so glaube ich nicht, daß sie davongekommen wäre." „Wirklich?" rief der Bediente erschreckt „so arg ist's?" „Ein jü»er solcher Anfall ist lebensgefährlich, ich habe dem Verwalter bereits gesagt, man möge die Söhne benachrichtigen." „Das hat er auch wollen, aber er hat's dumm angefangen; er hat es die Gnädige merken.lassen, daß er an die jungen Herren einen Boten hat schicken wollen, und da hat sie es ihm strengstens verboten. Warum? Das weiß ich nicht. — Aber da sind wir ja schon beim Schloßberg." Sie hatten in der Tat den Schloßberg erreicht und schritten nun aufwärts. Hier im Freien blies ihnen der Sturmwind mit doppelter Heftigkeit entgegen, nur langsam kamen sie weiter, dem alten weißhaarigen Diener versagte beinahe der Atem. Endlich hatten sic den Schloßhof erreicht, sie waren erwartet worden, das Tor war offen. Raschen Schrilles eilte nun der Mann im Pelzüberrock voraus über die Marmorstufen in das Innere des stattlichen Gebäudes, wo ein anderer, gleichfalls weißhaariger Diener ihm entgegen trat. ,Lommt Ihr endlich, Doktor, Gott sei Dank! Die tznädige Gräfin hat schon dreimal herunter Nr. 11. geschickt und fragen lassen, ob Ihr rwch nicht da seid." „Was ist geschehen?" forschte der Arzt, indem er den schweren, feuchten Ueberrock abfegte „hat sich der Anfall von neulich wiederholt?" „Nicht daß ich wüßte. Die Kammerfrau hat nur gesagt, daß die gnädige Gräfin sehr aufgeregt ist und beständig .nach dem Doktor verlangt." „So gehet und meldet mich." Der Diener 'ging voraus, der Arzt folgte. Er war eine hohe, Ehrfurcht gebietende Erscheinung im schwarzen Kaftan, eine pelzverbrämte Kappe auf dem stolz getragenen Haupte. Das war nicht die demüttge Haltung der meisten Juden jener Zeit; frei und selbstbewußt ttat er jedem entgegen. Und so wenig Sympathie die nichtjüdische Welt dem damaligen Juden entgegcnbrachte, Rabbi Jizchak begegnete jedermann mit Hochachtung; war er doch der einzige Arzt des Städtchens und der Umgegend und zu jeder Zeit bereit, jedem an ihn ergangenen Rufe zu folgen. In der Stadt und in der Umgebung hatte er nur einen einzigen Feind, den Bader, dessen Quacksalbereien er nicht selten wieder gut machen mußte. Rabbi Jizchak Rose nannten ihn seine Glaubensgenossen und auch Christen, nur unter den Vornehmern hieß er Doktor. Der Kainmerdiener der Gräfin Turnet, in deren Schloß sich Rabbi Jizchak augenblicklich befand, war auf den Fußspitzen schleichend in das .Vorzimmer seiner Herrin getreten und hatte der. Kammerfrau die Anwesenheit des Arztes flüsternd gemeldet; das scharfe Ohr der im Nebenzimmer ruhenden Kranken hatte die Meldung trotzdem vernommen. „Er soll eintreten," rief sie mit schwacher Stimme „ungesäumt!" Gleich darauf trat Rabbi Jizchak in das Boudoir. Er hatte die hohe Pelzinütze abaenommen, aber sein Haupt war trotzdem nicht unbedeckt; ein kleines schwarzes Sammtkäppchen lag .auf dem Scheitel, doch zwischen den glänzend tiesschwarzen leicht gewellten Haaren bemerkte man cs kaum. Mit achtungsvoller Verneigung nahte er dem Ruhebette, auf dem die hinfällige Gestalt der Schloßherrin ausgestreckt lag. » „Frau Gräfin haben befohlen —" „Nicht befohlen, lieber Doktor, nur bitten habe ich euch lassen; ich habe es ausdrücklich gesagt — hoffentlich ist cs auch so bestellt worden." „Es ist mir allerdings mitgetcilt worben, daß die Frau Gräfin bitten lasse, — aber die Bitte der Frau Gräfin ist mir Befehl. — Ich muß sogar um Entschuldigung bitten, daß ich nicht sofort gekommen bin; doch der Bediente versicherte mich, daß bas Befinden der Frau Gräfin zu keiner Besorgnis Anlaß gebe, — und da ich gleichzeitig zu einem Schwerkranken gerufen wurde, wo schleunige Hilfe notwendig war. —" „Entschuldiget Euch nicht" fiel die Gräfin ein, „und nehmet jetzt erst recht meinen Dank, daß Ihr, obgleich Ihr wußtet, daß mein Befinden eure Gegenwart nicht .unbedingt heischte, dennoch gekommen seid." „Ich verniutete, daß es nur eine Art nervöser Unruhe war, 'die meine Anwesenheit wünschenswert erscheinen ließ, ich habe deshalb ein beruhigendes Medikament mitgebracht. Doch. ich möchte mich zuvor vou dem Pulsschlag überzeugen." Er griff bei diesen Worten nach dem Handgelenk der Gräfin, die sich halb^ aufgerichtet und der Kammerfrau einen bezeichnenden Blick zugeworsen hatte. Ohne daß der Arzt es gewahrte, hatte die Kammerfrau sich zurückgezogen und die Verbindungstür, die zum Vorzimmer führte, geschlossen. In diesem Moment schoß eine Blutwelle in die bisher bleichen Wangen der Kranken und färbte dieselben purpurn, sie schien reden zu wollen, aber ihre Lippen bebten, ohne einen Laut Hervorzubringen. Rabbi Jizchak schüttelte den Kopf. „Der Puls ist plötzlich erregt, doch scheint es nicht fieberhafte Erregung — es scheint vielmehr, als wäre bte Gemütsverfassung der Frau Gräfin —" „Das ist's," fiel die Kranke flüsternd ein, indem sie lachermals die Farbe wechselte. „Ihr seid' ein geschickter Arzt, Ihr laßt 'euch nicht beirren durch ein vereinzeltes Symptom wie eure welschen Kollegen im verwichenen'Winter; wäre ich länger dort geblieben, sie hätten mich sicher unter die Erde kuriert." Rabbi Jizchak erwiderte nichts, er Hatte eine dunkele Phiole hervorgezogen und zählte vorsichtig eine Anzahl Tropfen in ein kleines mit Wasser gefülltes Glas. „Das wird hoffentlich die Nerven beruhigen; doch muß ich dringend ersuchen, jeden aufregenden Gedanken zu bannen. Der festen Willenskraft der Frau Gräfin dürfte das gelingen." Sie schüttelte heftig den Kopf, während das Blut ihr abermals in die Wangen stieg, bis hoch hinauf in die Schläfen. Der Arzt zog die Stirn in Falten, er neigte sich zu der Kranken, stützte ihr mit der einen Hand den Kopf und hielt ihr mit der anderen das Medizingläschen an die bebenden Lippen. Sie leerte es in einem Zuge und atmete sichtlich erleichtert auf. ■; : (Fortsetzung folgt.) . . - -

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