Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 11 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692625--04583-2699410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
tz-daLtio» ««d chefchäftsfterr-: Srsnlcfurt s. 112.. vilbeler-raße 4/6, Lcke LleichstraKr fetefon 10507. Hera«-geV-r: SalA ^els. . , JnsertionLpreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Die Rektamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— ftei ins HauS. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Ander Mk. 2.— __ ••1 1 7. Jahrgang. Freitag, den 26. Adar 5669 119. Marz 1909). Nr. 11. Inhalt des HauplblatteS. Artikel: Die Konferenz der russischen Chowewe- Zion..— Brief aus Ungarn. — Die zionist. Sitzungen in Köln. — Aus den Geschehnisien des Tages — Aus aller Welt. — Feuilleton: . . Als das Meer sie verschlang. — Die Tochter des Kardinals. — Wachen-Kalender. — Fa miliennach richten. Die Konferenz der russischen Chowewe-Zio«. (Rückblick und Ausblick.) Von Dr. M. G., Odessa. II. Neberr der Agrarfrage wandte die Konferenz ihre besondere Aufmerksamkeit der „Arbeiterfrage" zu. Sic stellte den Grundsatz auf, daß im Interesse ejner normalen Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina systematisch Maßnahmen ergriffen lverden müßten, um jüdische Lohnarbeit in Palästina bodenständig zu mach en und vertrat dabei den Standpunkt, hauptsächliche Bedeutung nur dem Landarbeiter bcizumessen, da Palästina vornehmlich ein agrikulturelles Land und seine Industrie mit der Landwirtschaft eng verbunden ist. Die Konferenz nahm daher im einzelnen eine Reihe von Beschlüssen an, die in oer Hauptsache den landwirtschaftlichen Lohnarbeiter betreffen. Diesen Beschlüssen lag die Anschauung zugrunde, daß das geeignetste Mittel, die Lage des jüdischen Arbeiters zu verbessern und seine Position auf dem Arbeitsmarkte zu befestigen, darin besteht, ihn seßhaft zu machen und an einen bestimmten Ort zu binden. In diesem Sinne genehmigte die Konferenz den vom Odcssaer Komitee hierin bereits eingeschlagencir Weg, anerkannte die Zweckmäßigkeit der Schaffung von Arbeiterkolonien und legte es dem Komitee nahe, im Einvernehmen mit den anderen Kolonisationsgesellschäften seine Tätigkeit nach dieser Richtung unter Berücksichtigung der bereits gemachten Erfahrungen fortzusetzen. Indes soll das Hilfswerk des Komitees an die Arbeiter keineswegs darauf beschränkt sein, den Arbeitern in der Nähe der bestehenden Kolonien kleine Landparzellen gegen langfristige Ratenabzahlnng zur Verfügung zn stellen; es soll auch, nach Maßgabe seiner finanziellen Mittel, alle diejenigen ökonomischen und kulturellen Einrichtungen und Unternehmungen der Arbeitergruppen und -Verbände, die zweckdienlich erscheinen (medizinische Hilfeleistung, billige Küchen u. dgl) tatkräftig fördern. Auch auf eine geeignete Zusammensetzung des Arbeiterkontingents soll das Komitee Einfluß zu gewinnen suchen, indem es — unter Vermeidung einer künstlichen Aufmunterung, der Emigration — den Zufluß von Elementen nach Palästina verstärkt, die den härten Bedingungen der; agrikulturellen Lohnarbeit in einem Lande mit verhältnismäßig niedriger Kultur gewachsen sind. Die Konferenz befaßte sich des ferneren eingehend mit dem Jnformationswesen. Sie erblickte im Informationsdienst „einen der wichtigsten Faktoren für ein allseitiges Gedeihen des jüdischen, ökonomischen und kulturellen Lebens in Palästina" und erklärte „die weitere Entwicklung und Stärkung der Palästinainformationsbüros, sowohl in Palästina selbst, als auch außerhalb desselben" für-dringend geboten. Diese Büros sollen, tvie vielfach hcrvorgehoben wurde, nicht nur dem Emigranten die Ueberfahrt bezw. Niederlassung durch fachgemäßen Rat erleichtern, sondern noch die weitere und umfassendere Aufgabe verfolgen, das volkswirtschaftliche Leben Palästinas auf allen Gebieten des Handels, der Industrie und der Landwirtschaft systematisch zu studieren, sich über die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage an Kapital und Arbeit fortwährend und planmäßig zu informieren und aus dem Laufenden zu erhalten. In diesem Sinne nahm die Konferenz auch die folgenden Resolutionen an: „Das Komitee hat daher mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die weitere Existenz der von ihm mit 'Hilfe der anderen jüdischen Gesellschaften und Institutionen ins Leben gerufenen Informationsbüros in Palästina und außerhalb Palästinas sicherznstellen". Ferner: „Zwecks weiterer Entwicklung und Erweiterung des Palästina-Jnforniationsdienstes schlägt die Generalversammlung dem Komitee vor, auch künftighin, nach dem Beispiele seiner bisherigen Tätigkeit, die anderen jüdischen Gesellschaften und Institutionen in Rußland und im Anslande zur Beteiligung an Aufwand und Arbeit der Palästina- Informationsbüros heranzuziehen". Einen Hauptpunkt der Verhandlungen der Konferenz bildete das Schul- und Erziehungswesen in Palästina. Eine Zehr lebhafte Debatte entspann sich über die Frage, ob das Komitee für allgemeinen Elementar- und Mittelschulunterricht von ausgeprägt nationalem Charakter Sorge tragen oder aber speziell den „utilitaristischen", profesionellen Unterricht Pflegen soll. Die von der Konferenz aufgestellten Leitsätze und gefaßten praktischen Beschlüsse kamen in den 10 Resolutionen zum Ausdruck, die in Nr. 8 dieser Blätter veröffentlicht wurden. Zur oben skizzierten Streitfrage nahm die Konferenz in Resolution 3 Stellung, die folgendermaßen lautet: ,,a) Die Generalversammlung empfiehlt dem Komitee, auch künftighin, neben seiner Tätigkeit zugunsten der allgemeinen, elementaren und Mittelschul-Bildung, allerlei professionelle Kurse nach Maßgabe des erwachsenden Bedürfnisses zu fördern; b) Die Generalversammlung empfiehlt dem Komitee, die Kolonialschule den Bedürfnissen der Agrikultur in dem Maße anzupassen, als. dies von kompetenter Seite für zweckmäßig erachtet wird." — .Von den anderen Resolutionen verdient besonders der Beschluß hervorgehoben zu werden, in Palästina ein Seminarium für Kindergärtnerinnen zn gründen und zn unterhalten. Dies waren also die praktischen Ergebnisse der Konferenz. Man sieht, daß es keine lkebertreibung ist, wenn ihr von verschiedenen Seiten, — auch von Seiten der nur sehr bedingten Anhänger Ussischkins und des Odessaer Komitees — große Sachlichkeit und bedeutende praktische Ergebnisse nachgerühmt werden Die Erkenntnis der Wichtigkeit des gegebenen Moments, Arbeit»- und Opferfreudigkeit, eine gehobene, von glaubensstarkem Enthusiasmus getragene Stimmung, ein klares, sicheres Ziel und das Bestreben, ein einheitliches, planmäßiges Vorgehen aller Organe, die unserer großen Bewegung dienen, zu erzielen, — das waren die Charakteristika, die der Konferenz den. Stempel ausdrückten. Und so dürfte denn die Erwartung des Vorsitzenden in Erfüllung gehen, daß „bei der Mobilisierung der Kräfte für unsere großen Aufgaben der kleinen „Chowewe-Zion"-Organisation vielleicht eine bedeutende Rolle zufallen werde". Wenn ich noch am Schlüsse das Verhältnis des Odessaer Komitees und der Chowewe-Zion überhaupt zur allgemeinen zionistischen Organisation, wie dies auf der letzten Konferenz zum Ausdruck kam, charakterisieren möchte, so wüßte ich nichts besseres zn sagen, was für dieses Verhältnis so kennzeichnend wäre, als indem ich aus dem Schlußwort des Vorsitzenden des Komitees und der Konferenz folgenden Passus zitiere: „Ich freue mich, daß meine Voraussage in Erfüllung gegangen ist. Wohl sind 'in der Beratung die Meinungen oft auseinander gegangen; es war aber ein Streit um der guten Sache willen, eine „machloketh l'schem schamcüm". Am Ende haben wir doch in allen Fragen vollständige Einmütigkeit erzielt. Wir sind in der Hauptsache unter uns einig; unsere etwaigen Meimmgsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen sind daher eine interne Angelegenheit, die keinen 'Außenstehenden angeht. Wir bilden ein einheitliches Ganze mit unseren Freunden und Gesinnungsgenossen aller Länder; unser Generalstab ist dort, wo alle Fäden unserer Arbeit zusanimenlaufen, dort wo unser berufener Schiffskapitän ist. Wir hier wollen nur eins: immer mehr leisten als die anderen, immer die gefährlichsten Posten einnehmen. Und in diesem Sinne sind die Ergebnisse unserer Arbeit hier von großem Wert auch für unsere höchste Instanz, für jene große Versammlung, zu der sich die Vertreter unserer Brüder in allen Ländern ein^ finden werden." Wir können die Gesinmmg, die äiis diesen Worten Ussischkins spricht, nur freudig begrüßen.