Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Frankfurter JsraeÜVlsche« FamLienLlakt- Eerte 3. und. der geistigen, moralischen und sozialen Hebung der Jeschiwas nur in Verbindung mit den Talmud- Thora-Schulen und den konfessionellen Schulen ge» löst werden kann, und verlangt daher die Gründung eines orthodox-jüdischen Schulvereins. Schweiz. Basel. Dem mit 77 673 Frcs. bilanzierenden Kassenbericht der jüo. Gemeinde entnehmen wir folgende Ziffern: Die Mitgliederbeiträge betrugen 39,757 Fr., Mizwos - Erträge 2445 Fr., Aufnahme-Gebühren 1695 Fr., Synagogenplatz-Mieten 11.708 Fr., Schlachtgebühren 2031 Fr., Friedhofseinnahmen 2746 Fr., Hausmieten 2350 Fr. Die Gehälter betrugen 27.780 Fr., Pension 3600 Fr., Reinigung, Heizung und Gärtner 1643 Fr., Gas, Wasser und Elektrizität 1767 Fr., Unterhalt der Gebäulichkeiten 1316 Fr., Religionsschule 1069 Fr., Zinsen und Amortikation 10.026 Fr., Chor 1321 Fr., Friedhof 1354 Fr., Armenkasse 3405 Fr. Dem Reserve-Fonds wurden 8655 Fr. überwiese». Rumänien. Bukarest. Der neue Erzbischof empfing aufs freundlichste eine jüdische Deputation und ließ 400 Fr. an jüdische ArINc verteilen. H—r. Rußland. Petersburg. 50 Abgeordnete der Reichsduma haben folgenden Protest gegen den D u m a p rä s i d e n t e n diesem überreicht: „In der 'Abendsitzung vom 3. März (18. Febr.) 1909 haben mehrere Redner verschiedentlich das Schimpfwort „Jid" („Jüdchen") gebraucht. Der Präsident hat es kein einziges Mal für nötig befunden, die Redner deshalb zur Ordnung zu rufen. Wir sind der Meinung, daß dieses Verhalten des Präsidenten unrichtig ist und ersuchen den Präsidenten, die Redner zu ermahnen, in Zukunft solche Redensarten zu unterlassen." Palästina. Jerusalem. Verschiedenes. Bisher mußten türkische Juden beim Ankauf von Boden-oder Häusern sich schriftlich verpflichten, dieselben nicht an ausländische Juden zu vermieten. Jetzt ist diese Beschränkung abgeschafft worden. Die hiesigen jungen S e f a r d i m (spauiolische Juden) haben einen Verein gegründet, der die j ü d. Emigration nach Palästina geistig und materiell fördern und auf dem Gebiete des Erziehungswesens sich betätigen soll. Eine vom neuen Verein «unberufene öffentliche Versammlung war sehr stark besucht. — Das zion. Palästinaamt erließ einen Aufruf, worin die Notwendigkeit eines von der gesamten palästinischen Judenheit eingesetzten und auerka nuten Palästina-Rates hervorgehoben wird. Sämtliche jüdischen Gemeinden in Palästina werden in dem Ausruf aufgefordert, eine zu diesem Zwecke einzuberufende Konferenz durch Vertreter zu beschicken. Die Einzelheiten über die Vorbereitung dieser wichtigen Konferenz, die Ende Nissan stattfinden soll, werden noch publiziert werden. „N. I. K." Amerika. New-Park. Im Monat Januar sind hier 3310 jüdische Einwanderer gegen 4 889 ini Januar 1908 gelandet. Davon kamen aus Rußland 2 235, ans Oesterreich 581, ans Ungarn 299 und aus Rumänien 133. Es blieben 2 417 in New Dork, während 893 sich nach anderen Plätzen der Vereinigten Staaten begaben. Personalien. Frankfurt a. M. Im Alter von 57 Jabren verschied Herrn Jakob Lazarus Posen, Chef der Silberwarenfabrik Lazarus Posen Wwe., ein Mann, der infolge seines vornehmen Charakters, seiner Wohltätigkeit und seiner hervorragenden Fachkenntnisse sich in weitesten Kreisen hohen Ansehens erfreute. Der Verstorbene wurde als Sohn des Rabbi Elieser Posen, eines bedeutenden Talmudgelehrten, geboren und verlor schon srüh seine» Vater, sodaß er, nachdem er in Bamberg im Silberwarengeschäste seines Onkels seine Lehre beendet hatte, sofort in das Geschäft der Mutter eintreten mußte. Er lebte in den echt jüdischen Traditionen seines Elternhauses und hatte das Gluck, seine Kinder im gleichen Geiste aufwachsen zu sehen. An der Realschule der Israel. Religionsgesellschast unterrichtete er mehrere Jahre honoris causa Kunstgeschichte. Stuttgart. Stellvertretcr-BürgerauLschußobumnn Wolf-Heilbronn erhielt das Berdienstkreuz und Dr. med. L e v i - Psalzgrafenweiler den Titel Sanitätsrat. Dr. med. L e v i - Stuttgart wurde zum Stabsarzt ernannt. Freiburg. Das Elias Ro thsch ild' sch e Ehepaar feierte in körperlicher und geistiger Rüstigkeit sein 60jähriges Ehejubiläum. PeiSkretscham(Oberschles.) SimonBerliner, Vorsteher' der Synagogengemeinde, wurde einstimmig zum Stadtverordneten vor st eher gewählt. Königsberg Professor Dr. L. Saalschütz erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Wien. Die Industriellen Max Duschnttz und Paul Lembcrger erhielten den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse. Budapest. In Saramo versch ed 105jährig der Metzger Markus Schwarz. Petersburg. Dem vorwöchentlichen Nekrolog über Baron H o r a z G ü n z b u r g sei heute bezüglich seiner jüd. Tätigkeit nachgesügt: Zum ersten Male trat er 1863 in die Oeffentlichkeit als einer der Gründer der „Gesellschaft zur Förderung der Aufklärung unter den Juden." 1870 war er einer der Sachverständigen, die von der Kommission zur Beratung der Judensrage unter dem Vorsitz des Ministers des Innern vernommen wurden. 1882 leitete er die große jüdische Versammlung, die mit Erlaubnis der Regierung in Petersburg stattfand. Als 1687 unter dem Präsidium des Grafen Pahlen eine neue Kommission zur Beratung der Judenfrage zusammentrat, wurde er aufgefordert, daran teilzunehmen. Seit 1893 bekleidete er den Vorsitz im Petersburger Zentralkomitee der ,,Jca;" eine der jüdischen Kolonien in Argentinien ist nach seinenr Namen benannt. Auch in der. jüdischen Gemeinde von St. Petersburg hatte Baron Günzburg mehrere 'Ehrenämter inne, so das des Vorsitzenden der Synagoge. Petersburg. Die Hinterbliebenen des Baron Günzburg erhielten auch von dem Großherzog von Hessen ein Beileidstele gramm. Baron.Günzbnrg war von 1868—72 Generalkonsul von Hessen-Darmstadt und erhielt 1871 mit Erlaubnis der russischen Regierung vom hessischen Großherzog den Barontitel. Beim Könige Ahasverus. Von S ch o l a u m A l eiche m (Deutsch von F. Hurwitz.) (Schluß). Es kommt herein Mordecho, Mondrisch genannt; er trägt einen großen Flachsbart und beginnt sein Plädoyer vor dem Könige, indem er diesem seinen Stammbaum vorrechnet. Abraham, Jsak und Jakob seien seine Seides (Großeltern), Die 613 Gottesgebote seine Eides (Zeugen). Dann endet er mit wehmütigem Gesänge: „Ach und Weh ist unser Geschick, der Wüster, Wenn Hainan ist Dein verantwortlicher Minister." * * * „Du bist Joses der Zadik?"*) wende ich mich an den Waisenknaben Beiwil, der müde und mit einem Jammergesichte abseits dasteht. „Ja!" antwortet der arme Junge. „Wirst Du auch mitspielen?" frage ich ihn neugierig. „Wenn man es mich heißen wird, so tue ich cs", antwortet er und beugt sich an mein Ohr, — „gicb mir ein Stückchen von Eurem Piirjmkaulitz." „Man wird es merken und mich anschreien," erwidere Ich ganz leise. „Nimm rasch —, daß es Niemand merkt," sagt er, und seine Äuglein glänzen. „Stehlen?" frage ich. „Heißt das denn gestohlen?" „Was denn heißt dies? — Genommen?" „Ich hin furchtbar hungrig, seit 'morgens habe ich noch nichts In meinem Mund gehabt," sagt er leise, und seine Augen betrachten den Kaulitz mit Heißhunger. Alle Welt hat nur Augen für die Vorstellung, ich gehe langsam an den Tisch, nehme vorsichtig ein Stück Seinmel und stecke es ihm heimlich zu. Er schiebt die Semmel rasch iu seine Tasche und drückt mir dankbar die Hand. „Bist ein guter Junge. — Gott lohne es Dir reichlich!" * * -st ' „Sollen Ivir auch den Verkauf Josefs spielen?" srägt König Ahasverus, indem er die goldene Krone ablegt und seine alte Mütze aufseht. „Genug, genug!" meint der - Großvater und giebt Ahasverus eine Silbermünze. Dann befiehlt er dem Diener, einen Besen zu holen und den Schmutz tvegznfegen, den hie Komödianten initgebracht. Ini Zinimer wird eine Ordnungmacherei, Stühle werden hin- und hergeschoben, und während die Familie wieder ihre früheren Plätze einnimmt, laufe ich auf die Straße, um für einen Augenblick die Komödianten zu begleiten. „Komm mit!" sagt mir Josef der Zadik und nimmt mich bei der Hand. „Komme mit uns; — ich habe Dich gerne. Du hist ein herziges Kind, sehr herzig." „Wohin?" frage ich, und mein Herz klopft ungestüm. „Zunl Könige Ahasverus," lautet seine Antwort. „Wir spielen heute nicht mehr, wir gehen zum Könige Ahasverus zur Sude." (Festessen). Er nimmt mich bei der Hand, und wir stampfen mutig über den Straßenkot. Die Nacht wird immer dunkler, der Kot je weiter ins Stäbchen hinein immer tiefer, trotzdem scheint es mir, daß ich Flügel habe. . . daß ich bald frei in die Lüfte hinaufschweben werde, weit weit hinauf. „Ich fürchte mich," sagte ich zu Jojef und klammere mich ängstlich an seine Hand. „Warum fürchtest Du, Närrchen?" entgegnet er, indem er zugleich die Semmel, welche ich ihm gab, verzehrt. „Dorten wird eine Sude sein, und Du wirst schöne Lieder singen hören." „Wie gut Eure Semmel schmecken," fährt er eifrig fort, „sie zergehen ordentlich im Munde!! Ich begreife nicht, wie man solche «emineln vor sich aus deni Tische sehen kann, ohne sie gleich zu essen. — Habt Ihr oft Semmel?" „Täglich," antworte ich mit Stolz. „Und Fleisch?" „Auch täglich." „Täglich?" srägt er verwundert. „Ich esse kaum einmal in der Woche — am Samstag — Fleisch — und auch das nicht immer. Wenn mich ein reicher Mann zu Samstag mitnimmt, bekomme ich etwas Fleisch. Manchesmal bin ich aber bei einem armen Manne, und der hat selber nichts. Ich lebe ja nur von Gnadenbrot. Oser der Schames *) — Kennst Du ihn? — Oser ist mein guter Engel, Gott erhalte ihn. Er giebt mir mal ein Stückchen Brot, mal eine Kartoffel!! Er Ist eine gute Seele, ein guter Jude!" „Wo ist Dein Vater?" „Ich.habe keinen." „Deine Dtutter?" „Ich habe keine Atntter." „Wo sind Dein Großvater, Deine Großmutter?" „Ich habe weder Großvater, noch Großmutter." ,Ankel? Tanten? Brüder, Schwestern?" „Ich habe keine Onkel, keine Tanten, keine Brüder, keine Schwestern, ich habe Niemanden auf Gottes weiter Welt, ich bin ein alleinstehender Waisenknabe!" Ich schaue ans sein blasses Gesichtchen und auf den bleichen Mond am Himmel, — und ich glaube, daß sie beide die gleiche Farbe haben. Ich schmiege mich fester an ihn, und wir folgen, mit unfern kleinen Füßchen rasch laufend, „den Komödianten" nach. * * * „Hier wohnt König Ahasverus," zeigt nlir Josef, — und ivir betreten alle ein kleines, sinsteres Stübchen. „Freide Eitel, heraus vom Bettel! (Bett)" ruft pathetisch Ahasverus seinem Weibe zu. Die Purimspieler, die den ganzen Tag über gespielt und gesungen, lieben auch dann schon nur in Versen und Reimen zu sprechen. — Die Frau Ettel ist eine schwache, kranke Frau, die beständig hustet und sich nur mit Mühe aufrecht hält. „Die schönen Fische, gebet zu Tische!" ruft Memuchen „Kaulitz haben wir allene. Aufzuknacken mit die Zähne, Und Fladen und Flädel Und Pnrimknödel. Auch Branntwein ein Fläschel, Gab uns Reb Leschije Häschel! Mondrisch bind ans den Sack, Sonst bekommst Du einen Knack!" Monürisch entgegnet mit einem noch längeren Reim. Da sagt Wasti: „Ihr nehmt 'Euch zuin Essen, — Und an's Geld habt Ihr vergessen!" ,Masti ist kein Schicker (Trunkenbold) Und weiß: das Geld ist der Jker (Hauptsache)" ruft Humen, und ihm.stimmt.auch Königin Ester, ebenfalls in Versen redend, bei. Jetzt — >vie es an's Teilen kommt, vergißt man schon an die Poesie und wird ganz prosaisch. Den größten Anteil erhält Ahasverus, was stillschweigend von allen anerkannt wird, da es von jeher so Brauch ist. Wie es zu den anderen kommt, giebt es starke Meinungsverschiedenheiten, — allein König Ahasverus legt sein Machtwort ein und allmählich beruhigen sich die Gemüter. Er ist der Leiter der Truppe, u!!d alle beugen sich seinem Urteile. Ich betrachte inzwischen die Behausung des Königs. Inmitten der Stube steht ein großer Tisch mit einem groben, dunklen Tischtuch bedeckt. An einer Seite befindet sich die Schneiberwerkstätte, mi *) Frommer. *) Schames (Synagogendiener).