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Neue jüdische Presse · 1909-03-12 · Heft 10 (12.3.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 10 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter FsraelitiMes Familienblait. Nr. 10. der anderen Wand MHt ein LötzerneS Bett, Li» hoch an die Decke mit Polstern gefüllt. Gegenüber dem Ofen steht ein altes Kanapee; auf dem Kanapee schläft ein schwarzer Kater. Vom Ofen luken schwarz, grane und blaue Aeuglein neugierig herunter. ,Zer, Kinderchen!" ruft ihnen Josef freundlich zu und winkt sie mit den Fingern herbei. Die schwarzen grauen und blauen Aeuglein lassen sich nicht lange bitten. Einzelweise lassen sie sich vom Ofen Heruntergleiten. Sie sind nur notdürftig mit kurzen, zerrissenen Hemdchen bekleidet. Sie kommen auf Josef vertrauensvoll zu, schmiegen sich zärtlich an ihn und legen wie kleine Schäfchen ihre Krausköpfchen ans seinen Schoß, damit er sie streichle. „Ihr seid hungrig?" frägt sie Josef. — „Gleich werden wir essen. Wir haben Euch recht viele schöne und gute Sachen mitgebracht." Und er rechnet ihnen atf die „guten Sachen" vor, die sie heute bekommen. — Ahasverus nimmt..endlich ein Gläschen, füllt es mit Branntwein und leert es zu Ehren des heiligen Purimfestes. Mle folgen seinem Beispiele, und dann sehen sich alle an den Tisch, außer Freide Ettel, die beim Ofen beschäftigt ist. Sogar der schwarze Kater springt vom Kanapee, streckt seine Glieder, gähnt und, stellt sich an den Tisch, hoffend, auch etwas von der Sude zu erhaschen. Freide Ettel bringt stark gepfesferte Fische mit Kartoffeln, und trotzdem die Fische nicht mit allerlei Gewürzen, wie beim Großvater Rcb Mayer, bereitet sind, scheinen sie doch sehr schmackhaft zu sein; nur haben sie einen Fehler, daß sie voller Gräten sind. Alle essen aus einem Teller, was mir besonders gut gefällt. Nach den Fische» trinkt man wieder Branntwein, und nun beginnt hie rechte Fröhlichkeit. Alle stehen auf, faffen sich hei den Händen, tanzen und singen: ,Mas wir seien, seien wir; Aber Juden seien wir! — Was wir haben, haben wir; Aber Zuris (Leid und Sorge) haben wir!" „Busskaja piesna (ein russisches Lied)!" schreit Mondrisch. . Und die Komödianten — in tollem Uebermut mit den Füßen stampfend, tanzend und springend — beginnen ein russisches Lied: „Nado *) znatz (man muß verstehen) Kak guliatz (wie lustig zu sein), Pered bogem (Bor Gott) Odwetziatz (dies zu verantworten)! My pijom, my gulajim (wir trinken, wir sind lustig) Weatu melcch, chaj wekajim (und Du bist unser ewig lebender König) Sollen wir Juden trinken lcchajim (aufs Wohl) Beschunu habu be Jerischolajim (kommendes Jahr in Jerusalem)." „Nicht wahr, bei uns ist cs gut?" frägt mich Josef. Er hat inzwischen seinen Hunger gestillt und wie umgewandelt. - ' Er nimmt Branntwein, giebt auch mir und zieht mich mit zum Tanze. Ich weiß zwar nicht, warum ich so fröhlich bin; — doch ich fühle mich ganz glücklich, unendlich glücklich! Plötzlich. . . . * . * Plötzlich öffnet sich die Tür, und — ich erblicke meinen Vater und den Rebben Reb Jtzie! Mir wird's finster vor den Augen! Was der Vater sich wohl dachte, als er mich in dieser Gesellschaft tanzen sah, weiß.ich nicht. Nur sah ich, daß er wie versteinert stehen blieb. Wir schauten uns alle sprachlos an; keiner von »ns konnte ein Wort hervorbringen. Da kam Mcmuchen seiner Gewohnheit gemäß mit einem lustigen Reim: ,Mas schauet Ihr so grimmig drein? Sollen wir lieber lustig sein! Purim ist's heute im Land, Da gehts außer Rand und Band! Fröhlich sollen wir sein, Trinken viel güten Wein, Verbeißen mit guten Fladen, — Gefunden hat sich ja Euer Schaden!" Und dies singend, bietet er dem Vater ein Gläschen Branntwein und Fladen dar. Allein der Vater schiebt ihn wortlos bei.Seite. Memuchen fühlt sich nicht beleidigt, sondern reimt wieder einen Gassenhauer und stürzt fröhlich einen Schluck hinunter Dann ruft er Mondrisch zu, auch etioas zu leisten und den Reichen einen ,,Mi**) schebeirach" zu machen. Dieser beginnt, die reichen Leute der Stadt furchtbar zu schimpfen und zu fluchen, alles in Versen. — „Warum schweiget Ihr, Rcb Ascherel?" frägt mein Rebbe de» Vater, indem er eine tüchtige Tabakprise nimmt. *) Volkslied, aus russisch, hebräisch und Jargon zusammengesetzt. **) Segensspruch des KantorS für das Wohl der Gemeinde, hier in ironischem Tone gemeint. „Ihr seht doch, daß sie betrunken sind!", antwortet der Vater zornbelebend, nimmt .mich fest bei der Hand, — und wir verlassen alle drei ohne Abschied die Stube des Königs Ahasverus. Draußen bleibt der Vater einen Augenblick 'tchen, schaut mtr ins Gesicht und versetzt mir zwei tüchtige Ohrfeigen. „Das ist nur ein Angeld," sagt er, „die rechten Prügel bekommst Du erst zu Hause. . . . Ein Junge im neunten Jahre soll Purimspielern, Komödianten nachlaufen!" . . Und er übergiebt mich meinem Rebben mit der Mahnung, mir einen Denkzettel fürs ganze Leben zu geben. . . . Ich vergieße keine Träne, ich fühle nur, daß mir eine Dange brennt und daß das Herz mir zentnerschwer ist. Ich denke nicht an die zu gewärtigende Prügel, an den Zorn des Rebben; — meine Gedanken sind ganz wo anders. Sie weilen beim Könige Ahasverus, bei Josef Hazadik, bei den kleinen nackten Kinderchen mit den Krausköpfchen, und in den Ohren tönt mir immerfort das russische Lied: „Nado znatz, kak guliatz, pered bogem, odwietzah my pijom, my gulajem weatu melech chaj wekajim Sollen wir Juden trinken lechajim beschnnu habu bejerischulajim!" Bunte Chronik. Ein Interview m i t G i a c o m o M e y e r b e c r. Nr. 13 des Jahrgangs 1864 der „Arch. isr." enthält ein interessantes Interview, das Alexander Weil! im Sommer 1863 in Baden-Baden mit Meyerbeer hatte. Es seien hier die interessantesten Momente der Unterhaltung der Vergangenheit entrissen. Herr Weill erzählte dein Komponisten, man werfe ihm vor, daß er nichts für die Synagoge komponiert habe, worauf dieser erwiderte: „Das wundert mich nicht. Seit 30 Jahren werfen mir die deutschen Christen vor, daß ich nur Judcnck musik mache; — da müssen mir notwendigerweise die Juden zum Vorwurf machen, das; ich keine Judenmusik komponiere." Meyerbeer erzählte dann, daß er den Plan zu einer Oper „Moses" im Kopfe getragen, ihn aber hauptsächlich deshalb wieder anfgegeben habe, weil er des Hebräischen unkundig sei. „Um Jude zu sein, ja, um nur etwas Jude zu sein, muß man" — fuhr er fort — hebräisch verstehen; wie man französisch verstehen muß, um Franzose zu sein. Denn das Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine Nationalität. Die Nationalität bleibt uns schon darnm, weil »ran sie uns immer vorwirft, selbst dann, Ivenn die Religion schon verschwunden ist. Wenn ich eine» Sohn hätte, uno rvenn ich' diesen hätte in der jüd. Religion erziehen wollen, — ich hätte ihn hebräisch lernen lassen. Das ivenige, das mir vom Judentum geblieben ist, verdanke ich einigen biblischen Worten, einigen Erinnerungen an daS Hebräische. Nicht nur die Jungen, s o n d e r n a u ch die Mädchen müßte» im Alter v on 3 Jahren an f a n g c n, hebräisch zu lernen; sie würden dann niemals der Gefahr ausgesctzt fein, ihre Religion >v e ch s e l n z u wolle n." Hier warf der Jntervietver ein, tvarum Mcyerbeer bei einer solchen Anschaunngsweise gestattet habe, daß seine Töchter sich taufen ließen. „Warum? Ich glaubte damals, daß ein Vater nicht das Recht habe, die Religion seiner Kinder von Geburt an zu bestimmen, und ich ließ daher meinen Kindern die Freiheit, die Religion nach ihren; Ermessen zu wählen. Heute aber glaube ich, das; der Vater die Pflicht hat, seine Kinder in seiner Religion zu erziehen." „Glauben Sie, daß das Studium der hebräischen Sprache allein genüge, ein jüdisches Denken anzuregen?" „Sicherlich. — „Dien, Gott" sagt mir nichts. „Der Herr" ist ebenso christlich, tpie jüdisch; auch „der Ewige". Aber der „Schcm Hewaje" sagt mir etwas, besonders wenn ich weiß; das; dies ein geheimnisvolles Wort ist, welches die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft vereinigt." Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Geehrte Redaktion! Es scheint, daß man in der Hauptsynagoge die wenigen ständigen Besucher noch hinaustreibe» will. Letzten Samstag wurde auf den verstorbenen Hernn Henry Seligman eine Gedenkrede gehalten, trotzdem das Halten von Gedenkreden an Sabbaten und Feiertagen vom Religionsgesetz aus verboten ist. Dann erlebten wir Purim eine neue Ueberraschung durch die Abschaffung der Megilla; an deren Stelle wurde die Pnrimgeschichte deutsch vorgetragen. Auch die Trennung von Männern und Frauen beim Gottesdienste scheint man allmählich aufheben -zu wollen. Man steht aus allem nur dal »ine Bestreb»»: allmählich all' das, was der jüdischen Tradition angehört, auSzumerzrn. — Ist vielleicht das Ableben deS Herrn Henry Seligmann schuld an diesen Neuerungen des Synagogenvorstandes? C i v i s. Kaiser Friedrich Quelle '- Ottenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt.!Koche mit Luft! — Brate ohne Fett. — „SANOGRES“ Bleueste Koch- und Bratcasserole.!Kain Trockenwerden!!Kein Verbrennen! IKein Anhängen!!Kein Verkochen! Alleinvertrieb: Lampert cfc Rülir? Mainzer Landstrasse 178. Man verlange Prospekt. Wohack Mlota« "Ä““*1;«. Inhaber: M.. WallaU. Porten, Juwelen, Gotdwarenm :. ~ Auf Wunsch Ausw&hlsendungen. Wocheu-Salertder. (Zeitangaben nach dem Laach.) SamStag, den 13. März (= 20. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 55 Mm. Sabbat-AuSgang in Frankftrrt a. M. 7 Uhr 16 Min. in Berlin 6 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: Ki-Sisso. — Israel soll eine gleichheitliche Schekelsteuer bringe» zur Stiftshütte. (Nach der Tradition zur Anfertigung der Silberfüße zu den Brettern bestimmt.) Am Eingang des .Stiftszeltes soll ein kupfernes Waschbecken stehen. Auszählung der Gewürze zur Bereitung des Salböls. Die verschiedenen Spezereien zur Herstellung des Näucherwerks. Nachahmung beider verboten. Das Gebot des Sabbat als Bundeszeichen. — Die Geschichte von der Anfertigung des goldenen Kalbes: Moses weilt auf dem Berge, unl. das übrige Gesetz zu empfangen. Das Volk wird nngeditldig, zweifelt an Moses Rückkehr und zwingt Ahroil zur großeil Nationalsünde. Aus Ohrringen und anderem Schmuck entsteht das goldene Kalb. Moses kehrt vom Berge zurück. In Entrüstung zerbricht er die Steintaseln. Gott will das Volk vernichten. MoseS wünscht sich selbst den Tod. Die ergreifende Fürbitte Moses für Israel. Gott verzeiht das große Verbrechen. Der Gott treu gebliebene Stamm Levi schart sich um Moses; sie bestrafen die Sünder durch's Schwert, Gott außerdem durch eine Seuche. Moses schlägt nun die Stiftshütte außerhalb des Lagers auf. Gott Ivill nicht selbst das Volk mehr führen. Moses fleht von neuem um Wohlwollen, Gott willfahrt ihm. — Moses steigt auf den Berg, um zum zweiten Male steinerne Tafeln zu erhalten. (Moses Fürbitte — Waj' chal — ist Thoravorlesung an den Hauptfasttagen. Die Scherben der ersten Tafeln lverden in der hl. Lade aufbewahrt zur Erinnerung.) Die Gebote der Fernhaltung vgn Vermischung mit den heidnischen Ureinwohnern Palästmas, der Pflicht der Wallfahrten und der Weihe der Erstgeborenen. — Moses Antlitz strahlt beim Abstieg vom Berge der Sonne gleich; er verhüllt sich, wenn er zum Volke redet. P a r s ch a s - P o r o h: „Parschas Poro", der Abschnitt von der „roten Kuh", ist rätselhaften Inhalts. (4. Bch. M. Kap. 19.) Wir hören von einer vollständig roten Kuh, die als Sühnopfer geschlachtet werden sollte, um dann zu Asche verbrannt zu werden. In den Brand warf inan Zedernholz, Isop und Karmesinfaden. Die Asche wurde in verschiedenen Urnen aufgehoben. Wenn nun jemand eine Leiche berührte oder ein Grab, eineir Leichenknochen, Leichenstaub oder Gefäße, die mit Toten in Berührung kamen, oder wer „mit einer Leiche unter einer und derselben Bedachung geweilt", der war „tome" (uilrein) mindestens 7 Tage. . Er wurde vonr Priester „entsündigt" oder gereinigt: man füllte ein Gefäß mit Quellwasser, mischte darin von der .Asche der roten Kuh und besprengte mit dieser Misch- 'ung vermittelst Usop-Stengelchen den „Unreinen" am 3. und 7. Tage. Erst dann war der Genus; gewisser Opfergaben oder eventl. der Eintritt ins Heiligtum gestattet. (Im Sinne dieses Gebotes gelten >vir heutzutage alle als „Unreine", da wir kein Sprengwasser besitzen!- — Das Gebot der roten Kuh gehört zu den sogenannten „Chnkim", Satzungen, von denen wir keinen Grund wissen. Nie auch werben wir den wahre» Grund erfahren, alle Erklärungsärten bleiben mir Versuche. Die Verordnung führt an das größte Problem, unseres

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