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Neue jüdische Presse · 1909-03-12 · Heft 10 (12.3.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 10 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ferenz schloß sich indes dem Standpunkt des Komitees an und lehnte es ab, der Tätigkeit desselben irgend welche Schranken aufzulegen. Sie ging dabei von der Ansicht aus, daß es dem Komitee, welches auf eine vieljährige Tätigkeit in Palästina zurückblickt und in unmittelbarer Berührung mit Land und Leuten steht, in diesem wichtigen Momente überlassen sein müßte, überall anregend und milwirkend einzugreifen. Ohne irgendwie die eigenen Kräfte überschätzen, oder die Leistungsfähigkeit anderer unterschätzen zu wollen, stimmte die Konferenz ihrem Vorsitzenden bei, der in seiner Eröffnungsrede die Rolle der Chowewe-Zion in diesem Momente in folgenden Worten kennzeichnete: „Bei der Mobilisierung der Kräfte für unsere großen Aufgaben dürfte vielleicht unserer kleinen Gesellschaft eine bedeutende Rolle zufallen. Die offene See durchkreuzen die großen Schraubendampfer, nahe am Strande aber werden diese im Schlepptau lleiner Dampfböte in Bewegung gesetzt. Unser Leines Komitee, das nahe an unserem Hafen liegt, wird sich erlauben, Ihnen eine Reihe von Plänen vorzulegcn, die nicht iure seine eigene Tätigkeit, sondenr auch die anderer Gesellschaften und Organisationen betreffen." Es verdient hervorgehoben zu werden, daß, trotz der erwähnten Opposition in der Debatte, bei der A b st i m in u n g vollständige Einmütigkeit herrschte, sodaß die Resolutionen zur „Agrarfrage", wie übrigens auch alle arideren Resolutionen, einstimmig augeiwmmeu wurden. Ueber diese anderen in einem zweiten Kapitel. Nus den Geschehnissen des Tages. Wie jetzt bekannt wird, ist die Wiener j ü d. - akadem. Verbindung „Unitas" auf das Skandalöse ihrer Handlungsweise rechtzeitig aufmerksam gemacht worden, und zwar von einem Manne, dessen weitherzige Auffassung in religiösen Dingen niemand bezweiseln wird; — ist dieser Mann doch sogar so „liberal", an der Kollegenschaft von Schwiegervätern christlicher Schwiegersöhne in dem Vorstände der Israel. Kultusgemeinde keinen Anstoß zu nehmen. Kultuspräsident Dr. Alfred Stern lehnte nämlich die Einladung der „Unitas" mit der Begründung ab, daß er es entschieden mißbllligen müsse, wenn eine offiziell jüd. Verbindung für eine Veranstaltung grade den Freitagabend sich aussucht und offiziell Samstag Vormittag eine gemeinsame Auffahrt zur Universität auf das Programm stellt. Auch die gesäurte jüd. Presse Oesterreichs ohne Unterschied der religiösen Richtung verurteilte scharf die „Unitas"; — nur eine Stimme der Billigung war zu vernehmen: Die „I ü d. Z e i t g.", das offizielle Organ der österr. zion. Organisation, bekommt cs nicht nur fertig, sich rnit der „Unitas" solidarisch zu erklären, nein — sie geht noch weiter und bringt das Kunststück zu Wege, alle die, die das Vorgehen der „Unitas" verurteilen, als „Fanatiker oder böswillige Heuchler, die selber keine religiöse Vorschrift einhalten, aber koscherer tun als irgend einer" an den Pranger zu stellen. Die Begriffsverwirrung, die in Wien bei Christ' und Ino' akut ist, scheint ja nachgerade schon die bedenklichsten Formen anzunehmen! — Also ein Fanatiker oder ein böswilliger Heuchler muß man sein, wenn man die korporative öffentliche Mißachtung jüdischer Gesetzesbestimmungen nicht gutheißt! Was denken diese Herren sich denn bei dem Herzl'schen Ausspruch: Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Mckkehr ins Judenland? Was heißt denn bei ihnen das Nationale des Judentums? Und ist es diesen Nationaljuden nicht bekannt, daß ohne die Sabbatheiligung die jüdische Nation vor 2000 Jahren nicht nur das Land, sondern auch das Dasein eingebüßt hätte, daß nur die Sabbatheiligung die jüdische Nation bis zum heutigen Tage vor dem Untergang bewahrte, daß also die Sabbatheiligung das hervorragendste nationale Gut der jüdischen Nation ist? Haben sie auch keine Ahnung von der Sabbatheiligungsbewegung in der gesamten zivilisierten Menschheit, deren Segen heute Gläubige und Ungläubige preisen? Oder wollen sie den jüdischen Sabbat auf den christlichen Sabbat verlegen? — Die Nichtverletzung des Sabbats ist für jede jüdische Vereinigung mindestens eine Angelegenheit des Taktes, — für eine nationale jüdische Vereinigung ist sie aber e i n heiliges nationales Gebot. Grabe von der jüdischen akademischen Jugend sollte man doch verlangen dürfen, daß für sie die Zugehörigkeit zum nationalen Judentum etwas anders als ein Sport und auch etwas anderes Frankfurter JsraÄibWK FamilirnAatt. als ein Chauvinismus ist, wie er in den österreichichen Parlamenten so üppig blüht. Ihr, der jebildeten akademischen Jugend, ollte es am ersten klar sei», daß die Treue zu einem Volke vor allen Dingen die Hoch Haltung der Tradition dieses Volkes fordert, denn in seiner Tradition k0mm t am meisteu die Eigenart eines Volkes zur Geltung. Vertiefung in die Geistesschätze des jüdischen Volkes und Vertretung der Welt- und Lebensanschauung des jüischen Volkes durch die Tat sind so selbstverständliche Voraul Atzungen für alle, die dem jüdischen Volke Existenzberechtigung und Zukunft geben wollen, daß man wahrlich darüber kein Wort verlieren sollte. Bedenken die Herren denn nicht, tvie sehr sie mit ihrem gedankenlosen Handeln die zionistische Bewegung schädigen? Wenn , der Zionismus in Westeuropa bei der großen Masse bisher keine Ausbreitung fand, so. geschah es, weil die Zionisten auf halbem Wege stehen blieben, — weil sie wohl ihren Blick nach Palästina richteten, nicht aber auf den Kreis,, in dem sie leben und dem sie zu beweisen haben, daß der Zionismus seine Anhänger zu besseren Juden macht. Passieren aber solche Dinge wie in Wien, dann verdirbt man sich sogar unter,, den Assimilantcn die Agitation für den Zionismus. Es ist endlich einmal Zeit, daß dies ausgesprochen wird. Durch die Umwälzung in der Türkei haben sich die Aussichten für das jüdische Volk so günstig wie noch nie seit der Vertreibung aus Palästina gestaltet/ Wer sich heute Zionist nennt, der soll wirllich mit Leib und Seele ein treuer Sohn des jüdischen Volkes sein; — mit Halb Heiken macht er sich in dem gegenwärtigen schwerwiegende» Momente eines Verbrechens schuldig! Und deshalb darf das zionistische Aktionskomitee keine Verhöhnungen des jüdischen Rechts und der jüdischen Sitte innerhalb der zionistischen Bewegung dulden; deshalb muß das Aktionskomitee grade jetzt mit allem Nachdruck auf.H erzls Ausspruch Hinweisen, daß der Zionisdie Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland bedeutet. Das Aktionskomitee tagt nächste Woche; hoffentlich findet es endlich einmal ein energisches Wort nach feinem bisherigen passiven Verhalten! - Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin, 8. März Der Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur veröffentlicht das folgende Preisausschreiben: „Der Unterzeichneter Vorstand des „Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Berlin" setzt hierdurch einen Preis von 500 Jk aus für eine Erzählung aus dem jüdischen Leben oder aus der jüdischen Geschichte, die sich zum Abdruck im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" eignet. Der Umfang darf nicht vier Druckbogen übersteigen. Außerdem wird ein Preis von 300 JL für die zweitbeste Erzählung gleichen Inhalts ausgesetzt. Die Manuskripte müssen bis zum 15. Juni d. I., und zwar anonhm mit einem Motto und verschlossenem Kouvert an den Vorsitzenden des Vereins, Herrn Dr. Gustav Karpeles, W. Kurfürstenstraße 21/22, eingesandt werde». Das Preisrichteramt haben übernommen die Herren Professor Dr. M. Phillppson, Redakteur Dr. I. Kastan und Rabbiner Dr. Emil Levy hier. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur erhält das Recht der Veröffentlichung beider Erzählungen im Jahrbuch. Das Verlagsrecht steht dem Autor zwei Jahre nach der Veröffentlichung zu. Das Resultat des Preisausschreibens wird seinerzeit öffentlich mitgeteilt werden." Berlin. Inder Repräsentantenversammlung der jüd. Gemeinde referierte Prof. Blaschke über einen Antrag des Vorstandes zur Herausgabe einer deutschen Bibelübersetzung. Redner bczeichnete es als eine der größte» jüd. Gemeinde Deutschlands würdige Aufgabe, eine Bibelübersetzung zu schaffen, die allen Anforderungen entspricht. Diese Bibel soll auch als Geschenk der Gemeinde bei der Barmizwahfeier dienen. Eine Kommission von drei Sachverständigen (Rabbiner Dr. Ellbogen, Prof. Maybaum und Direktor Holzmann) bejaht hie Notwendigkeitsfrage und hat bercits 36 Gelehrte des In- ,und Auslandes namhaft gemacht, die als Mitarbeiter in .Betracht kämen. Die vorläufigen Kosten sind mit 20000 Mk. veranschlagt In der Debatte über diesen Gegenstand der Tagesordnung wünschten Prof. Geiger und Ignatz Cohn die Feststellung der Bedürfnisfrage. Justizrat L a ch m a n n führte namens des Vorstandes aus, die .Bedürfnisfrage sei so ellatant, baß der Vorstand annehmen zu können glaubte, daß eine Verneinung dieser Frage ausgeschlossen fei, und man deshalb der Repräsentantenversammlung gleich eine detaillierte Vorlage gemacht habe. Prof. Nr. 10 Kali scher stimmte für den Vorschlag des Vorstandes, ebenso Dr. Minden, der die Herstellung einer neuen guten Bibelübersetzung als eine große Leistung der Gemeinde bczeichnete. Prof. K a l i s ch e r meinte, es werde vielleicht befürchtet, daß man eine tendenziöse Uebersetzung schaffen wolle, diese Befürchtung sei falsch und unnötig. Nachdem sich noch Geheimrat Dr. ,B l n m e n t a l für die Annahme der Vorlage des Vorstandes ausgesprochen hatte, wurde dieselbe angenommen. lb) Stratzbnrg. Die Unterhandlunaen der hiesigen jüdischen Gemeinde mit den verschiedenen Losinhabern des Terrains, welches zur Anlegung des neuen jüdischen Friedhofes benötigt wird, sind nunmehr soiveit gediehen, daß zur prasiischen Ausführung geschritten werden kann. Hierzu benötigt die Gemeindeverwaltung aber Geld, und sie hat daher von dem Gemeinderate die Genehmigung erhallen, eine Anleihe von 18000 Ji. bei der Boden- und Kommunalkreditbank zu 4o/o aufnehmen zu dürfen. — Verflossene Woche hielt Rabbiner Dr. E. W e i l l - Buchsweiler im jüd. Literaturverein einen gut besuchten Vortrag über „Die Juden in ihrer Beziehung zuni Sabbat in der modernen Zeit." Kernpunkt der Rede war die Aufforderung zur Gründung eines zweiten Schomrc-Schabbos Vereins. Am Schluß der Rede zeichneten sich sofort über 40 Anwesende als Mitglieder ein. Es entspann sich aber nachher eine Debatte zwischen Angehörigen der isr. Religionsgesellschast und anderen Herren. Elftere betrachteten, den neu crrichteteir Verein als ein Konkurrenzverein des ihrigen und wollten die Unterschriften zu ihre» Gunsten gezeichnet wissen. Dem stellte der Referent gegenüber, daß der von den Mitgliedern der Religionsgesellschaft gegründete Verein nicht zu richtigem Gedeihen kommen wolle, — und zwar deshalb, weil er von demselben gegründet. Er erhoffe ein besseres Gedeihen beim neuen Vereine, welcher in der Hauptgemeinde gegründet; ein späteres Zusammengehen beider Gruppen sei ja nicht ausgeschlossen. — Man ist auf die weitere Entwicklung dieser Angelegenheit gespannt. München. Im 4 Morgenblatt der „Frankfurter Zeitung" vom 7. März findet sich ein A n s s ch r e i b e n des k g l. daher. Bezirksamts Dürkheim, wonach dort ein Rabbiner gesucht wird, „der in seinen religiösen Anschauungen einerzeitgemäß liberalen Richtung huldigt." Diese Bedingung im Ausschreiben einer königl. b a Y e r. Behörde ist höchst seltsam. Es ließe sich dieser Passus noch verstehen, wenn das Ausschreiben von der Kultusverwaltung erfolgte. Me kommt aber ein dem bayer. Ministerium untergeordnetes Organ dazu, nur einen solchen Rabbiner zu suchen, der „zeitgemäß liberal" ist? Wenn eine katholische oder protestantische Kirchenverwaltnng einen Geistlichen sucht, würde die kgl. Staatsregierung gewiß eine „liberale" Bedingung nicht stellen. Warum wird dies bei der jüdischen Besetzung betont und gerade in Dürkheim, wo doch der bisherige Inhaber konservativ war? Oesterreich-Ungar«. Budapest. In der „Allg. Jüd. Rundschau" lesen wir: „Wenn irgend eine Erscheinung geeignet ist, den ungesunden Entwicklungsprozeß der ungarischen Orthodoxie, die totale Unfähigkeit ihrer Führer, ja den Mangel der bescheidensten Forderung: des einfachen guten Willens ellatant zu beweisen, so ist es die beispiellose Vernachlässigung der Bachurim- und Jeschiwafrage. Monat, auf Monat, Jahr auf Jahr verstreicht, und unsere'Bachurim vegetieren loeiter ohne Hilfe, und unsere Jeschiwas gehen zurück und bilden weiter beschämende Stätten von Not, Entbehrung und Hoffnungslosigkeit. Wir nennen nur eine von vielen: B o n h h a d. An der Spitze derselben steht ein Gaon, der es verstanden hat, den echt jüdischen Geist, unverfälschte Orthodoxie in seiner Gemeinde aufrecht zu erhalten und ihre Opferwilligkeit für seine Jeschiwa zur äußersten Leistungsbereitwilligkeit zn steigern, der seine ganze Liebe und eisiigste Lehrtätigkeit seiner Jeschiwa zuwendet; und doch ist die Zahl der Bachurim in derselben seit wenigen Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen. ' Und trotz dieser Verminderung mußten einige Bachurim in das Land hinausgesandt werden, um milde Gaben für den notleidenden Teil der Jeschiwa zu sanimeln, von denen zwei derselben jetzt als Opfer ihrer traurigen Pflichterfüllung im Arrest schmachten, weil die Gendarmen und Stuhlrichter nun einmal nicht eknsehen wollen, baß die ungarischen Jeschiwas, resp. ihre Frequentanten aufs Schnorren .angewiesen sind. — —" Die Zeitung weist sodann auf den vor zwei Jahren mit großem Applomb gegründeten Bachurini - Unterstützungsverein „Zaun'Kedauschi m" hin, von dessen Tätigkeit man nichts merke, und macht für die Mißstände die Hunderter-Kommission der orthodoxen Zentralkanzlei und die orthodoxen Gemeinde-Präsidenten verantwortlich. Sie ist der Ansicht, daß die Frage der Bachurim-Bersorgung

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