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Neue jüdische Presse · 1909-03-12 · Heft 10 (12.3.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 10 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Israitkfrtrter Zstiklitisihks familiralilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnemrntSpreiS pro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. Dü. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert tot In- und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Dü. 1,50, sonstige Litoder Dü. 2.— GedaKttoir tttti. chefchäftsstett-: Frankfurt a. m.. vildelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße 10507. Kal« , '7 Insertion-Preise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Hrllamezeile. ioo .. Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach lleberetnkunft. - ' 7. Jahrgang. Freitag, den 19. Adar 5669 (12. März 1909). Nr. 10. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Konferenz der russischen Chowewe- Zion. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus allerWelt. — Personalien. — Feuilleton: Beim Könige Ahasverus. — Bunte Chronik. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Aus derGeschäftswelt. — Briefkasten. — Kunst undLiteratur.—Familiennachrichte'n. Die Konferenz der russischen Chowewe-Zion. (Rückblick und Ausblick.) Bon Dr. M. G., Odessa. I. ■ Mit großem- Interesse sah mau 'in weiten Volkskreisen der Konferenz der Chowewe-Zion entgegen. Die Neugestaltung der türkischen Staatsverhältnisse, die eine spontane Bewegung zugunsten der praktischen Palästina-Arbeit mit sich brachte, und das der gegenwärtigen Le i t u n g d e r Chowewe- Zion — nliäs dem Odessaer. Komitee mit Ussischkin an der Spitze — weit u nd breit entgegengebrachte Vertrauen hatten die 7. Konferenz der Chowewe-Zion zu einem wichtigen Ereignisse gemacht. Und die Konferenz hat die in sie gesetzten Hoffnungen voll und ganz gerechtfertigt. Aus den versch iedensten Städtern und Ortschaften Rußlands waren Mitglieder und Delegierte zur Konferenz herbeigeeilt; drei Tage lang war man mit ernsten, sachlichen Beratungen über unsere wichtigsten Zeit- und Streitfragen beschäftigt, und das Ergebnis dieser eifrigen, unermüdlichen Arbeit, deren würdiger Verlauf auch nicht einen Augenblick gestört wurde, war ein Arbeitsprogramm, das von gesunden modernen, realpolitischen Prinzipien getragen ist. In drei Worten faßte Ussischkin in seiner Eröffnungsrede dieses Arbeitsprogramm zusammen: Land, Arbeit und Schule, und diese drei Punkte waren auch das Um und Auf der Verhandlungen und Beschlüsse der Konferenz. Ich darf die Kenntnis dieser Beschlüsse beim Leser voraussetzen und will mich daher darauf beschränken, die Prinzipien und Richtlinien der zukünftigen Tätigkeit des Odessa er Komitees auf diesen Gebieten, wie sie chm durch die Konferenz vorgezeichnet wurden, kurz zu skizzieren: Das charakteristischste Merkmal dieser Konferenz, das ihr den Stempel des Außerordentlichen aufprägte, war die Erkenntnis der Wichtigkeit des gegebenen Moments. Diese Erkenntnis gab gleichsam das Leitmotiv ab zu allen Reden und Beschlüssen. Man war sich darüber klar, daß die objektiven Bedingungen zur Zeit sehr günstig sind, daß die Möglichkeit für eine großzügige kolonisatorische Tätigkeit in Palästina gegeben ist, daß man jetzt, bei energischer Arbeit, alles gewinnen, aber auch, bei Untätigkeit und Jitdolenz, alles verlieren kann. „Wir müssen uns klar darüber werden," sagte Ussischkin in seiner Eröffnungsrede, „daß uns große Aufgaben bevorstehen .... Die Neugestaltung der türkischen Staatsverhältnisse legt uns große Pflichten auf. Die Verjüngung des OttoinanenreicheS kann für unsere Sache entweder „ssam chann" oder „ssain moweß" werden. Wenn wir die Aufgabe der Zeit begreifen, wenn wir die 'Neuregelung der rechtlichen Normen in gehöriger Weise zu gebrauchen verstehen und eine rege, intensive Tätigkeit auf allen Gebieten des ökonomischen und kulturellen Lebens entfalten, so wird unsere Arbeit unzweifelhaft von Erfolg gekrönt sein. Tun wir es aber nicht, so werden es andere tun. Palästina wird dem Volke gehören, welches zuerst Kapital, Arbeit und Intelligenz dorthin bringen wird." Und in seinem Generalreferat über „die Kolonisation Palästinas in der Vergangenheit und die Aussichten für die Zukunft" sagte er: „Der Moment ist überaus günstig. Unsere Arbeit kann nun in viel rascherem Tempo vor sich gehen, als bis jetzt. Wir können jetzt in Monaten das leisten, wofür wir früher Jahre brauchten; wir können aber auch in Monaten verlieren, >vas wir im Laufe von Jahren schufen." Diese Erkenntnis, dieser Ton waren in sämtlichen Verhandlungen der Konferenz vorherrschend, und nicht init Unrecht rechnete es ein Redner (Rechtsanwalt Grünbaum, Warschau) der Odessaer Konferenz als besonderes Verdienst an, daß sie zuerst aus die wichtigen historischen Ereignisse im Ottomanenreiche in gehöriger Weise reagierte. Diese Reaktion bestand aber nicht in einer bloßen Kundgebung über die Wichtigkeit des Moments, sondern — wie bereits erwähnt — vielmehr in einem präzisen Arbeitsplan nach allen drei Richtungen unseres Zeit-Programms: Land, Arbeit und Schule. Hinsichtlich des ersten Punktes wird die Aufgabe des Odessaer Kontitees, tot Sinne der Beschlüsse der Konferenz, eine doppelte sein. Das Komitee wird es sich zunächst angelegen sein lassen, den Drang nach Palästina speziell nach Boden er w erb in Palästina, der sich jetzt in weiten Volkskreisen bemerkbar macht, in die richtigen Bahnen zu leiten, Plan und Ordnung in diese spontane Bewegung zu bringen, für ein einheitliches, zweckdienliches Vorgehen der betreffenden Personen und Gruppen zu sorgen, „ebenso auch mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zur Realisierung der Kanfaktionen selbst beizutragen". Zu diesem Behufe wird das Komitee .nicht nur in Rußland Terraingesellschaften ins Leben zu rufen bestrebt sein, sondern es wird auch in Palästina in Gemeinschaft mit den anderen dort wirkenden Institutionen ein Organ zu schaffenhaben, vermittelst dessen sämtliche Landkäufe — gesellschaftliche sowohl wie private — vorzunehmen. wären. Auf diese Weise soll nun dafür gesorgt werden. daß die gegenwärtige Landerwerbs-Bewegung nicht in den Sand verlaufe, resp. nicht Plan- und ziellös vor sich gehe und unerwünschte Formen -annehme. Die Konferenz sah aber sehr wohl ein,' daß damit die „Land"-Frage noch lange nicht erschöpft wäre. Sic schloß sich vielmehr der Ansicht des Referenten des Komitees, Agronom S ü ß nt a n n, an, daß die hier skizzierte organisierende und informiereirde Tätigkeit noch lange nicht ausreicht, um weiteren geeigneten Kreisen die Niederlassung in Palästina als Landwirte zugänglich zu machen. „Die Privatinitiative auf dem Gebiete der Landwirtschaft," führte Herr Süßmanu aus, „stößt auf große Schwierigkeiten. In jedem anderen Lande gibt es von Staats und Gcsellschafts lvegen Institutionen, die für die Bedürfnisse der Landwirtschaft Sorge tragen. In Amerika z. B. kann der Emigrant unter sehr günstigeit Bedingungen Land erhalten, auch die nötigen Produktionsmittel stehen ihm auf Abzahlnng zur Verfügung. Nicht so in Palästina. Hier ist der Emigrant, der sich der Landwirtschaft zuwenden Ivitt, ausschließlich auf sich selbst angewiesen. Der Aufivand für eine noch so bescheidene kleinbäuerliche Einrichtung beträgt cm 13 000 Francs (folgt eine detaillierte Rechnung). Man sieht also, daß nur verhältnismäßig wohlhabende Leute in der Lage sind, sich in Palästina als Laitdwirte niederzulassen, während tatsächlich die weniger wohlhabenden ein viel geeigneteres Kolonisationsmaterial abgeben tvürdeir. Daraus geht die Notwendigkeit eines Instituts für Agrarkredit mit Evidenz hervor." In diesen Worten kommt der vom Komitee immer vertretene und wiederholt betonte Standpunkt zuin Ausdruck, daß eine erfolgreiche Betätigimg auf dem Gebiete der agrikulturellen Kolonisation — und somit des gesamten volkswirtschaftlichen Lebens überhatrpt — nur dann zu erwarten sei, wenn man den zttr Agrikultur berufenen und geneigten Kreisen durch Kreditgewährung auf langfristige Abzahlung zu Bodenbesitz verhilft. In diesem Sinne faßte nun die Konferenz den Beschluß, an dem Zustandekommen eines Instituts fiir Agrarkredit nach Kräften mitzuarbeiten und beauftragte das Komitee, „mit den verschiedensten Kolonisationsgesettschaften und Privatkapitalisten in Verbindung zu treten, mit mit gemeinsamen Kräften ein entsprechendes Kreditinstitut ins Leben zu rufen," wobei das Komitee seinerseits zugunsten des Agrarkredit-Fonds spezielle Summen zu gewinnen suchen, ferner auch nach Ermessen einen Teil seiner speziellen Revenues zur Verfügung zu stellen haben wird. In der Diskussion über diesen Punkt war freilich geltend gemacht worden, daß das Komitee auf diesem Gebiete höchstens tuti die Initiative ergreifen und anregend wirken, nicht aber effeftiv Mitarbeiten könne. Manche gingen sogar so weit, die Tätigkeit des Komitees lediglich auf das Gebiet des Schul- und Jnformationswesens einschränken zu wollen, und so geschah die merkwürdige Tatsache, daß das Exekutivorgan für eine erhebliche Belastung seiner Funktionen und seines Etats eintrat, während aus der Mitte der aufttaggebenden Körperschaft der entgegengesetzte Wunsch zum Ausdruck gebracht wurde. Die Kon-

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