Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 9. Arankkurker AsraeÜt^cheS FamüieEakt. Seite 3. Prügelknabe, an dem sowohl die erbitterten Polen wie die antisemitischen Bündlcr ihr Mütchen kühlen. Kein Wunder, daß dje Juden immer mehr diese ungastliche Stätte verlassen. Ueber den RückgangdcrjüdischenBevölkeriingiin Kreise Witkowo wird neuerdings berichtet: „In den Städten und Dörfern unseres Kreises geht seit einigen Jahren das Judentum beständig zurück. In Schwarzenau waren vor zehn Jahren noch fünfzehn jüdische Familien vorhanden, die aber jetzt bis auf sieben zurückgegangen sind. In Powidz ist die jüdische Gemeinde vor einem halben Jahre aufgelöst worden, weil nur noch eine jüdische Familie dort wohnt. Schon vor drei Jahren wurde die israelitische Gemeinde Mieltschin aufgelöst. Dort lebt nur noch eine jüdische Person, eine Ortsarme. Beide Gemeinden sind der Gemeinde Witkowo zugeteilt worden, die durch die Ueberweisnngen keine Vorteile, sondern Nachteile' durch Uebernahme neuer Lasten hat. In Zydowo, das früher Stadt >var, hat kürzlich der letzte jüdische Besitzer sein Grundstück verkauft und ist weggezogen." (1.) Hagenau i. Elf. Das vor einigen Jahren hier gegründete Knaben Waisen haus zählt bis jetzt 11 Zöglinge. Zwar liegen noch viele Anmeldungen vor; dieselben können aber vorläufig nicht berücksichtigt werden, weil die nötigen SDiitief noch nicht vorhanden sind, um eine größere Ausstattung zu beschaffen. Der Berwaltungsrat wandte sich daher an die drei Bezirkskonsistorien mit der Bitte, in den einzelnen Gemeinden Listen aufstellen zu lassen, in denen sich die besser bemittelten Mitglieder verpflichten, einen jährlichen Beitrag zu zahlen. Außerdem wurden an die verschiedenen jüd. Lehrer Bitten gerichtet, sie mögen hei Gelegenheit des Purimfestes Sammlungen 'durch Kinder veranstalten, um auch auf diese Weise dein Institut Geld zuzusühren. ll) Reubreisach, Lber-Els. Vergangenen Samstag abend wurde das A n w e s e n des hiesigen Getreide- und Mehlhändlers L. Samuel durch Feuer zerstört. Es ist dies nun das dritte Mal, daß die Leute vom Brandschaden heimgesucht wurden. Der Brand war dadurch entstanden, daß ein Geisteskranker das Nachbarhaus angczündet hatte. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Oesterreich-Ungar». Wie». Beim Samstagsbummel an der Universität kam es wiederholt zu erregten Zwischenfällen. Die deutschnationale Studentenschaft war zum heutigen Bummel besonders zahlreich erschienen, da bekannt war, daß die jüdischakademische Verbindung „Unitas" anläßlich ihres fünfzehnjährigen Stiftungsfestes eine festliche Auffahrt (!!) vor der Universität plane. Um 12 Uhr Mittags begann auch tatsächlich die Auffahrt der „Unitas". Ihre Mitglieder waren aber infolge eines Verbots des Rektorats nicht in Farben, sondern mit Frack und Zylinder und mit Couleurbändern erschienen. Wttlerweile hatte die deutschnationale Studentenschaft die Stiegenaufgänge zur Rektoratskanzlei besetzt, so daß die Mitglieder der „Unitas" nur "mit schwerer 'Mühe zum Rektorat gelangen konnten. Als dann die jüdischnationalen Studenten jckbziehen wollten, konnten sie die dichtbesetzte Stiege überhaupt nicht passieren. Erst als Universitätsdiener Raum geschaffen hatten, konnten sie unter stürmischen Pereatrufen der deutschen Studentenschaft in die Aula gelangen. Als sie nun dort einen Bummel veranstalten wollten, wurden sie von.den deutschen Studenten daran gehindert und aus der Aula gedrängt, worauf sie sodann ihre Wagen bestiegen und wegfuhren. Ledenburg... Die Wmve Samuel Fischer spendete 20000 Kronen zur Errichtung eines jüdischen Armenhauses. Rußland. Petersburg. Abermals wird eine weitere B. eschränkungdes Juden Wohnrechts geplant. Bekanntlich dürfen jüd. Kaufleute erster Gilde (einer Steuer im Betrage von 800—1000 Rub.) aus dem Ansiedelungsgebiete sich .auch außerhalb dieses Rayons zeitweilig aushalten oder Handelsangestellte dorthin entsenden, um Wareneinkäuse zu besorgen. Bor kurzem hat sich nun der Gehilfe des Ministers des Innern Krhschanowski an den Senat mit dem Ersuchen gewandt, das Gesetz dahin zu „erläutern", daß die Polizei die betreffenden Kaufleute, bezw. ihre Handelsangestellten in jedem einzelnen Aufenthaltsfalle außerhalb des Ansiedelungsgebietes genau kontrollieren solle, ob sie die Waren und zwar nur die Waren ihrer Branche auch Wirklich einkaufen. Zu welchen Plackereien und Erniedrigungen dies bei den russischen Polizeiverhältnissen führen würde, ist klar. Die ganze Vergünstigung würde'unter solchen Bedingungen überhaupt nur noch sehr wenig in Anwendung kommen. Ms der Senat früher einmal sich mit diesem " Vorschlag befaßte, hat er ihn kurzerhand als ungesetzlich zürückgewiesen. Anders jetzt! Selbst gegen die Einholung eines Gutachtens seitens des Handelsministers über die Folgen, die daraus für den Handel eventuell entstehen könnten, sprach sich ein Teil der Senatoren des Departements I, das sich mit der Angelegenheit zu befassen hatte, aus, so daß demnächst der gesamte Senat die Frage des Gutachtens zu entscheiden haben wird. Da aber der Vertreter des Ministeriums des Innern schon bei der erwähnten partiellen Senatsverhandlung gegen alle Propositionen auf sachliche Prüfung, die der Handelsministergehilfc O st r o g r a d s t r vertrat, energisch Front machte, jo ist wohl kaum auzunehmen, daß die neue Beschränkung abgelehnt werden wird. „Ruß. zlorresp." Petersburg. Das Ministerium des Innern beabsichtigt, Maßnahmen zu treffen, um den Zuzug finnischer Inden nach Petersburg zu verhindern. Bis jetzt hatten nämlich diejenigen Juden, die ein Jahr in Finnland wohnten, das Recht, unbehindert nach Petersburg zu kommen und sich dort niederzulassen. 9hm soll ihnen dieses Recht genommen werden. Nur eine spezielle Erlaubnis des Stadthauptmanns, die natürlich nur die ganz Reichen werden erwerben können, 'soll in Zukunft die sinnländischen Juden zum Aufenthalt in Petersburg ermächtigen. Wie gehässig diese Verordnung ist, wird klar, wenn man bedenkt, daß eben jetzt eine große Anzahl von Juden aus Finnland ausgewiesen worden ist. Schließlich ist es ja wahr, es gibt in Finnland kaum mehr als 3000 Juden, und mehr als zwei Drittel von diesen werden wohl auch die antisemitischen Freiheitsbettler in Finnland im Lause der Zeit nicht ausweisen können, — aber auch diese paar, tausend Juden kann man doch nicht auf der Straße umkommen lassen? — In deni Dorfe S n a n i m k a wurden sämtliche Juden ausgewiesen. Der Ausweisungsbefehl erstreckte sich auch auf die Juden, die schon vor der Veröffentlichung der temporären Gesetze von 1884 in Snanimka ansässig waren. „9t. I. K." Amerika. New-Nork. Sein 25jähriges Bestehe.n feierte das Jüdische Technikum , das, indeni es die Kinder der Einwanderer neuen Berufszweigen zuführt, zur Lösung des Einwandcruugsproblems beiträgt. Das Institut hat gegenwärtig ca. 400 Schüler. Präsident Roosevelt sandte ein Glückwunschschreiben, in dem er die Anstalt als „würdig des höchsten Lobes" bezeichnet. In 9N o n t r e a l (Kanada) wurde der Schächter S. L o m b o n zu 15 Tagen Arrest loegcit Geflügelschächte ns verurteilt, da das Geslügelschächten eine „Tierquälerei" sei. Im Arrest wurde dem Verurteilten die Beschaffung ritueller Kost verweigert, so daß er von trockenem Brote leben mußte; auch die direkte Intervention Rabbiners Glaser bei dem Gonveneur bewirkte nichts. Palästina. Jerusalem. Hier ist die Genickstarre ausgebrochen. Aus telegraphisches Ersuchen hat der Verein „Lemaan Zion" in Frankfurt a. M. ein Quantum Serum nach hier abgesandt. — In Jaffa wurde ein Jüd. M aur e rv e rb and gegründet. Er will besonders eine sachgemäße Erlernung des 9Naurerhandwerkes erreichen. — Die jüd. Arbeiterorganisation „Hapoel Hazair" bemüht sich eifrig, ihre Mitglieder zur Naturalisation als Türken zu veranlassen. Personalien. Frankfurt a. M. Im Alter von 70 Jabren verschied Herr S a m u e l 9? e u st a d t, der Jahre lang dem Borstande der jüd. Gemeinde angehörte und bis vor wenigen Jahren in der Leitung zahlreicher Wohltätigkcitsinstitutionen wirkte. Der Verstorbene war eines der angesehensten Vertreter des hiesigen Bankierstandes. Frankfurt a. M. Bankier Dr. Karl Sulzbach erhielt den Roten Adlerorden 4. Kl. Berlin. Professor Felix Liebermann wurde von der Universität Oxford honoris causa der Grad eines Doktors of civil law verliehen. Berlin. Fabrikbesitzer und Handelsrichter Georg Baschwitz erhielt den Kronenorden 4. Kl., Professor Dr. Edmund Meyer den Roten Adlerorden 4. Kl. und Bankier Hermann Meyer den Titel Kommerzienrat. Görlitz. Fabrikbesitzer Satiy Heymann erhielt den Titel Kommerzienrat. Metz. Simon Salomo n wurde zum Mitgliede des lothringischen israel. Konsistoriums gewählt. Posen. In Berlin, wohin er vor 12 Jahren verzog, verschied der Rentier Gustav Krönt h a l, Mitglied des Aufsichtsrats der hiesigen Straßenbahn und der Chem. Fabrik Akt.-Ges. vorm. Moritz Milch u. Co., Mitbegründer des hiesigen Kunstvereins und Stifter des LedererbrunnenS in der Wilhelmsallee. — Die Ritsche - Flatau'sche Waisenanstalt für- Mädcheu hat durch den Heimgang der Frau Lina G o l d e n r i n g, die dem Vorstande dieses Institutes seit dessen Begründung im Jahre 1872 angchörte, einen schweren Verlust erlitten. Czarnikau. Nach schwerem Leiden verschied das Mitglied des Vorstandes der jüd. Gemeinde I o s c p h C r o h n. Altona» 3. März. Gestein fand in der hiesigen hochdeutschen i s r a e l i t. Gemeinde die Wahl der G e m e i n d v e r t r e t e r statt. Zum Vorstand wurde Kaufmann Wolf I. Möller und zum Gemeindevertreter Amtsgerichtsrat Wollm a n n gewählt. Wien 1. März. Der bekannte Bankier Alb ert Landau, einer der reichsten Juden Wiens, ist heute inr 80. Jahre seines Lebens gestorben. — Ferner verschied hier Geheimrat H. M. L. Exzellenz Kraus, ehemaliger Statthalter . von Böhmen, der seine außergewöhnliche Karriere seiner Taufe verdankte. Paris. In der letzten Sitzung der Akademie der Inschriften zu Paris wurde Theodor Rein ach mit 23 Stimmen gegen Fournier, auf den 21 stimmen entfielen, zum Mitglied gewählt. Paris. Rabbiner Profeffor Israel Lebt und Bildhauer Emanuel Hannaux wurden dem Central-Comite der Alliance Israeli t s Universelle kooptiert. London. R. M. Sebag-Montefiore und 9l. B. Birnbaum erhielten von der Universität Oxsort die Würde eines Magisters der freien äüitftc. — In Kiii gsto n ans Jamaica verschied Charles E. de Mercado, einer der angesehensten Bürger der Insel. Mercado wurde 1863 in Kingston beboren, besuchte die Universitäten London und Heidelberg, und wurde dann Teilhaber der Firmen Lascelles, de Mercado u. Co. in Kingston, A. O. Lascelles u. Co. in New Jork und E. A. de Paß u. Co. in London. Er gehörte eine Zeitlang dem Parlamente an; auch war er längere Zeit Präsident der Bereinigten jüd. Gemeiiwen Jamaicas. London. Für den zurückgetr-tenen Lord Swaythling wurde Joshua M. Levy zum Präsidenten des „Shechita Board" gewählt. — Sir Fauchel-Philipps, gewesener Bürgermeister von London, verheiratete seinen Sohn an eine Christin und wohnte der Trauung in der protestanttschen Kirche bei. ,Lewish Chronicle" verlangt den Rücktritt Philipps' als Präsident des jüdischen Hospitals. Petersburg. Baron H. G ü n z b u r g, ist — 76 Jahre alt — einem schweren Krebsleiden erlegen. Baron G. stand ans traditionell - jüd. Boden und übte eine solch' große Wohltätigkeit, daß er einen großen Teil seines riesigen Vermögens hergab. Sein Sohn David ist einer der hervorragendsten jüd. Gelehrten. Beim Könige Ahasverns. Von Scholanm Aleichem (Deutsch von F. Hurwitz.) Als ich ein lleiner Junge war — wisset Ihr, wen ich beneidete? Ahasverns! Nicht jenen Ahasverns, der über 127 Königreiche von Haudn bis Kusch regierte nein nicht diesen — sondern Kopel*) den Schneider mit der goldenen Papierkrone auf dem Haupte und dem goldene» Scepter, einer langen vergoldeten Besenrute, in der Hand. 9luch Mordche den Bizekönig (Levi der Schuster) mit dem langen angeklebten Flachsbarte und dem langen auf die Rückseite umgewenbeten Kastan beneidete ich sehr. Wasti die Königin (Mote der Tischler) in dem Kleide über dem Kaftan und dem um das Gesicht geschlagenem Tuche, welches den Bart verdecken sollte, auch diese Königin erweckte meinen Neid. Und wje schön war Ester die Königin (Oser der Unterschames) mit ihrer grünen Schürze? Und' was fehlte Haman (Joschke der Behelser) mit dem zerbrochenem Hute auf dem Kopfe? 9lber mehr alls alle beneidete ich den Waisenknaben Veiwil, der im zweiten Theaterstücke „Ber- *) Am Purim führen in den russischen und polnischen Städtchen Leute aus der armen Bevölkerung, meistens Behelser (Unterlehrer der hebräischen Schulen), sogenannte Purimspiele auf, in denen die Personen der Megillah vorkomme«.