Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fceite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Str. 9 * c: I r-. I R ■i, R s r - i »■ r. \ % d *■ ■-i- K- Sind diese Banausen und Totengräber wirklich so stark, daß sie das Schicksal der jüdischen Nation und der jüdischen Kultur in eine Maus umwandlen können? Nein, sie sind nicht stark, sondern träg und lassen sich schieben, statt selbst zu schieben. Der ganze Prozeß der Karrikieruug ist nur auf ein Mißverständnis zurückzuführen. Als zu Beginn des verflossenen Jahrhunderts aus vielen jüdischen Kehlen das Menschheitslied erscholl, stimmten sie auch wacker ein, — und noch heute singen sic dasselbe Lied, obwohl cs von niemandem mehr gesungen wird, — aber cs ist ein Lied, das „reichlich lohnet .... Und sic singen Menschheit, Deutschland, zum Gaudium der Menschheit und zum Gaudium Deutschlands, — aber zum Unglück des jüdischen Volkes, aus dessen Schicksal sic eine Maus gemacht haben und noch machen. Da unten aber, im Lande des weißcil Zaren, rufts laut: Judenvolk, Juden, Judenstamm, unserem Volke ein Land, ein Schicksal, eine Zukunft. — — Stimmet ein und tötet die Maus. . . . Aus den Geschehnissen des Tages. Der Zentralverein dcut scher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat es in seinem 16jährigen Bestehen nicht vermocht, beliebt zu werden. Es liegt das an seiner negativen Tätigkeit, die hauptsächlich darin besteht, sich bei Verletzungen der Gleichberechtigung der Juden im Instanzenweg zu beschweren. Die Antisemiten haben ihm deshalb den Namen Denunziantenvcrein gegeben, und die große Masse der Judenheit ist ihm gegenüber gleichgültig geblieben, weil sich trotz seiner Beschwerden aus dem Gebiete der Zurücksetzung der Juden nichts geändert hat. Diese Gleichgültigkeit hat nun aber einer Erbitterung weiter jüdischer Kreise gegen den Zentralverein Platz gemacht. Und das kam so: Bei den jüngsten Stadtverordnetenwahlen in Berlin hielt es Justizrat Löwinsohn mit seiner Stellung als Vorstandsmitglied des Zentralvereins vereinbar, für den Täufling Mugdan zu propagieren. Es wäre nun selbstverständlich gewesen, daß diesem übertoleranten Herrn Justizrat seitens seiner Vorstands-Kollegen das Bedauern über seine Handlungsweise ausgesprochen worden wäre; jedoch das geschah nicht, — im Gegenteil: als Justizrat Löwinsohn seine Demission anbot, da wurde sie abgelehnt. Jetzt war dem Vorstand noch eine Gelegenheit geblieben, sein Mitglied Löwinsohn vor der jüdischen Oeffentlichkeit zu decken, nämlich die Generalversammlung, die am 22. Februar stattfand. Es hätte genügt,;u erklären, daß Justizrat Löwinsohn als ein sehr eifrige» Mitglied der Freisinnigen Vousparici gcg.aubc haue, für den Kandidaten der Freist Volkspartei, trotz dessen späten Taufscheins, Propaganda treiben zu müssen, in Zukunft werde er sich aber der öffentlichen Meinung fügen. Doch der Vorstand beliebte einen andern Weg: er machte die öffentliche jüdische Meinung mundtot, indem er den Berichterstattern der jüdischen Presse den Zutritt versagte, die Versammlung mit Gesinnungsgenossen Löwinsohns bevölkerte und den Vertretern der Opposition das fteie Wort möglichst erschwerte. Und was war das Ende vom Lied? Trotzdem Justizrat Löwinsohir^ die Erklärung abgab, er werde in der gleichen Situation stets wieder so handeln wie im Falle. Mugdan, wurde er wieder in den Vorstand gewählt. Wir haben bei dem Zentralverein wieder einmal das für die heutigen Zustände innerhalb der deutschen Judenheit typische Bild. Die Mitglieder glauben, mit ihren Beiträge» ihrer Pflicht den Vereinen gegenüber ledig zu sein — und für den Zentralverein zahlen nicht weniger als 23000 Juden den geringen Jahresbeitrag! — und überlassen die Sorge für 'die Verwendung ihrer Gelder den wenigen, die am Ruder der Vereine stehen. Und da zu den Generalversammlungen außer einigen herbeizitierten guten Freunden der Vorstandsmitglieder häufig kaum jemand erscheint und sich so der Vorstand ohne Opposition selbst wiederwählen kann, so vergessen die Herren des Vorstandes leicht die Rechte der Mitglieder und finden sich bald in T>ie Rolle von Selbstherrschern. Und noch eines lehrt die Geschichte des Zentralvereins: Man gibt bei uns Juden zu leicht sein Scherflein; sonst hätte man schon längst einmal danach fragen müssen, ob denn diese besondere Organisation des Zentralvereins nötig ist. Es hat doch den Anschein, daß die Arbeit des Zentralvereins noch ganz bequem von dem Verba nded er deutsche» Juden mitgelcistet werden könnte, der ja nur politische Arbeit zu leisten hat. Mit der Gründüng des Verbandes der deutschen Juden war der Zentralverein überflüssig geworden. Aus aller ZAeU. Deutsches Reich. Berlin. Die von dem .Deutsch-JiraestGemeinde Kund" vor sieben Jahre als selbständiger Verein errichtete Jüd. Arbeitcrkolonie in Weißensee wurde im vergangenen Jahre von.635 arbeits- und obdachlosen Juden ausgesucht. Mit den .am L Januar 1908 vorhandenen 88 Personen beschäftigte die Kolonie im Lause -es Jahres 723 Personen mit Rohrflechterei, Pianoforte-Poliererei und Bürstenfabrikalion. 633 Personen verli ßen die Kolonie wieder, und zwar 225, weil sie Stellung gefunden, 208, um zu ihrer Familie zurückzukehren, 87, um ins Ausland und 22, um zum Militär zu gehen; von den übrigen mußten 22 wegen Uebertretung der Hausordnung die Anstalt verlassen. Berlin. Der .Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums" beschäftigte sich in einer sehr zahlreich besuchten Versammlung mit einer Reihe von Vorkommnissen in der jüd Gemeinde. Herr S. Wedel!, der Vorsitzende, wies darauf hin, daß die Verwaltung der „Medizinalrat Dr. Kohn - Stiftung .für jüdische Lehrlinge" jüngst in einer öffentlichen Bekanntmachung in den hiesigen politischen Zeitungen junge Leute, ivelche den Sab bat nicht halten, zur Bewerbung um die ihr zur, Verfügung stehenden Stipendien aufsorderte. Die genannte Stiftung enthält bekanntlich den ausdrücklichen Vorbehalt, daß ihre Wohltaten nur solchen zugänglich gemacht werden dürfen, ivelche den Sabbat entweihen. Aus diesem Grunde hat die jüdische Gemeinde zu Posen, der diese Stiftung ursprünglich zugedacht war, deren Annahme verweigert. Ist eß schon empörend, daß die Berliner jüdische Gemeinde eine solche Verhöhnung unscrers Heiligsten, wie sie in dieser Stiftung zum Ausdrucke kommt, ohne das von Posen gegebene Beispiel zu beachten, sich gefallen ließ, so übersteigt es alle Grenzen, wenn im Namen der jüdischen Gemeinde zu Berlin durch Bekanntmachung in öffentlichen Blättern Prämien für die Entweihung des heiligen Sabbats angeboten werden. Redner verbreitete sich weiter über die „Angelegenheit Dr. Kellermann", gegen dessen weitere Verwendung als Leiter einer Religionsschule der Bereinsvorstand auf Grund einer in öffentlicher Versammlung beschlossenen Resolution bei den Gemeindebehörden vorstellig, won diesen aber abschlägig beschieden worden ist, weil wegen dessen literarischer Tätigkeit kein Anlaß dazu vorliege. Redner zitierte hierauf eine Reihe von Aeutzerungen, die Dr. Kellermann gemacht und dem Drucke übergeben hat, wonach der Thora und der Tradition der Offenbarungscharakter schlechtweg bestritten und die Thora als Ergebnis priesterlicher und pharisäischer Machinationen hingcstellt wird. Auch der fogenamiten Ethik des Judentums, die Herr Kellermann nach Ausscheidung aller spezifisch jüdischen Pflichten allenfalls noch gelten läßt, spricht er jeden Ofsenbarungschorakter ab. In der Gedankenrichtung dieses Herrn gibt es natürlich auch für den Gottesglauben keinen Platz. Mit Bedauern konstatiert Redner,, daß die in ausführlicher Petition den Gemeindebehörden vorgetragenen Forderungen des Vereins, wozu in erster Linie die Einsetzung eines auf dem Boden der Ueberlieferung fußenden Rabbinats gehört, noch immer bei diesen kein Gehör gefunden haben. In der hierauf sich cntspinnenden Debatte ergreift zunächst Herr Konrad Schätzer das Wort. Er führte aus: Wer wie Herr Kellermann selbst in seinen Predigten einen pantheistischen Standpunkt vertrete, der mag seinen Forscherdrang wo immer betätigen, es sei aber ein Unding, von einem solchen Manne die Herzen unserer Kinder in Verwirrung setzen und aus dem väterlichen Glauben hinausdrängen zu lassen; wenn der Vorstand der Gemeinve behauptet, er lasse allen religiösen Richtungen Gerechtigkeit widerfahren, so straft er durch seine Handlungsweise diese Behauptung einfach Lügen. Herr Direktor Lichten st ein erklärte, daß er zwar im persönlichen Leben den Forderungen des überlieferten Judentums nicht immer gerecht zu werden vermöge, sich aber mit Stolz den Bestrebungen des Vereins anschließe. Er greift wiederum auf die Angelegenheit des s. Zt. von dem Vorstande gemaßregelten „Dr. Emil Cohn" zurück, meint, wenn ein Vorstand einen Dirigenten Kellermann, dessen Wirksamkeit mit Recht so viel Anstoß erregt, duldet, man es für unbegreiflich finden muß, daß er ersteren ohne weiteres aus dem Amte gedrängt hat. Führt man für Dr. Keklermann ins Treffen, daß dessen Richtung in der Gemeinde Anhänger findet, so kann dies für die Richtung des Dr. Cohn mit viel größerem Rechte behauptet werden. Herr Dr. Fink wieder führte aus, daß das überlieferte Judentum erst dann den ihm gebührenden Platz im Gemeindcleben erlangen kann, wenn.es alle seine versprengten Anhänger in einer einheitlichen Organisation zusammensaßt. Alle Erfolge des öffentlichen Lebens zeigen sich heutzutage immer nur als Ergebnisse von Massenbewegungen. Zahlreiche Ansätze seien ja in den vorhandenen ,,Vereinss»nagogen" mit ihren Rabbinern gegeben. In ihrer Isolierung verschwinden sie in dem großen Gebiete der Berliner Gemcinoe, vereinigt werden sie einen Machtfaktor bilden. Auch die Rabbiner dieser Synagogen sind infolge der schwankenden Verhältnisse ihrer Stellung mehr als alle anderen auf Zusammenschluß und gegenseitige Unterstützung und Förderung angewiesen, zumal ein einheitliches Streben - hier leichter als überall sich Herstellen lasse, da sie fast alle den Standpunkt des überlieferten Judentums vertreten. — In der weiteren Diskussion wurde sich mit der „Vereinigung für liberales Judentum" und einer Artikelserie in der „Allg. Ztg^ d. Judent." beschäftigt. Köln a. Rh. D e Ende November von der zionistischen Ortsgruppe gegründete Jüd. Lesehalle ist nach Agrippastraße 19 verlegt worden und wird mit einer Bibliothek und voraussichtlich auch mit Unterrichts- und Fortbildungskursen für Ausländer verbunden. Sie untersteht nunmehr einem Kuratorium, bestehend dus der Zionistischen Ortsgruppe, der Rheinlandloge und dem- Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Karlsruhe. Rach den .Mitteilungen - des statistischen Landesamts" über die S^-nerbefugnis für allgemeine kirch- ' ' liche Zwecke entfiel im Jahre 1908 bei der evangelischen Kirche ein V e r m ö g e a s st e u e r a n s ch l a g von 3752 Jfc, bei der katholischen Kirche ein solcher von 293 JL und bei der Lanbessynagoge ein solcher von 19 037 M. Pro Bekenner; der Einkommensteueranschlag betrug bei der evangelischen Kirche 241 Mark, bei der katholischen Kirche 123 M und bei der Landessynagoge 1274 Jk durchschnittlich pro Bekenner. Wer da weiß, wie traurig sich die Erwerbsverhältnisse bei der jüdischen Landbevölkerung gestaltet haben, der wird vorstehende für die Juden günstige Zahlen auf die Rechnung weniger sehr Reicher unter ihnen stellen. Auch das Fehlen einer jüdischen Arbeiterbevölkerung erklärt die Zahlen; man sollte nur einmal tausend jüdische Arbeiterfamilien aus Rußland kommen lassen, und die Zahlen würden sofort tief sinken. München, Pu im 5669. Per dem bicsigen Schwurgericht wurde folgender Fall verhandelt: Anläßlich der jüngsten Wasserkatastrophe bewilligte die Verwaltung einer israelitischen Kultusgemeinde unter dem Widerspruch der zufällig wenigen anwesenden Verwaltungsjuristen einen bescheidenen Betrag für 10 geschädigte Kultusgemeinden. Mit Juristen ist nicht ^ut Kirschen essen. Diese erstatteten Anzeige. Vier Mitglieder der Verwaltung, drei Rentiers und ein Güterhändler, sowie ein Zionist erschienen auf der Anklagebank. Die anderen hatten sich durch Flucht der Verhandlung entzogen. Sie werden stccstbrieflichwerfolgt. Erstere waren angellagt des Verbrechens gegen das bayerische Judenedikt, der ZioniÜ wegen Verleitung dazu. Die angeklagten Verwaltungsmitglieder erklären sich für nichtschuldig wegen Mangels des Bewußtseins der Strafbarkeit. Der Zionist erklärte sich für schuldig der Verleitung, aber nur indirekt. Der Staatsanwalt hielt gegen die Verwalt ungs in itglieder die Klage voll aufrecht und beantragte für jeden Fall ein Jahr Zuchthaus, insgesamt für jeden derselben 10 Jahre Zuchthaus; der Zionist sei freizusprechen, weil die Verhandlung überzeugend ergeben Habe, daß die Verwaltung gar nichts von Zionisten wisseir wolle, dieselben vielmehr wegen utopistischer Verranntheit gar nicht strafrechtlich verantwortlich seien. Die Verteidiger beantragten Freisprechung für alle Angeklagten, da nicht einmal der Staatsanwalt angeben konnte, welcher Paragraph des Strafgesetzbuches oder auch des Judenediktes verletzt worden sei. In der Replik betonte der Staatsanwalt, daß das sachverständige Gutachten der Kultusgemeindeverwaltungsjuristen zu einer strengen Bestrafung hinreiche. Das Urteil lautete auf Freisprechung für den Zionisten; gegen die anderen Angeklagten soll noch das Gutachten des Tischbi herangezogen werden. Einstweilen wurde die Unfähigkeit der Angeklagten als Verwaltungsmitglieder ausgesprochen, auch des Zionisten. Mordechai. Minden (Wests.) Den hier beschästigr n i u j s i s chjüdischen Zigarettenarbeitern und Arbeiterinnen ist auf Veranlassung des Ministers des Innern durch die hiesige Polizei aufgegeben worden, bis zum 1. April d. I. das preußische Staatsgebiet zu verfassen, obwohl nichts gegen die Leute vorliegt, sie auch der öffentlichen Armenpflege noch nicht zur Last gefallen sind. Gesuche um Verlängerung der Frist, oder vum Zurücknahme durch die Betroffenen und deren Arbeitgeber waren erfolglos. Pose«. Den Juden in der Provinz Posen wird durch die fehlerhafte Polenpolitik der Regierung die Existenzmöglichkeit immer schwerer gemacht. Der jüdische Gewerbetreibende ist. der