Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lette 4. kauf von Josef" mitzuwirken Pflegte. Er gab die Rolle von Josef und trug deshalb ein roteS Hemd. Die Brüder rissen ihm das Hemd vom Leibe und stürzten ihn in eine Löwengrube. Der arme Josef (d. h. Beiwil der Waisenknabe) kniete nieder, faltete die Hände und flehte die müden Tiere an, ihm kein Leid zuzufügen, und dabei sang er ein tieftrauriges Liä>, dessen innige Melodie tief znm Herzen drang: „Schlangen und Eidechsen Verschließet Euer Maul, Verschließet Euer Maul! Wisset Ihr denn, O, wisset Ihr denn, O, wisset Ihr, wer ich bin? Ich bin Josef Hazadik (der Fromme). Ein Enkel von Jsak, Jakobs ein Sohn, Jakobs ein Sohn!" Trotzdem Josef Hazadik ein armer Waisenknabe war — er schlief im Bethause .und verdiente sich durch Botengänge kaum etwas zuin essen — und ich der Sohn eines Nugid (reicher Mann) und der Enkel meines Großvaters Reb. Mayerl, hätte ich gar zu gerne mit ihm getauscht, nur wegen des einen Tages Purim. * Als der liebe lustige Purim herankam, lugte ich schon am frühen Morgen neugierig durchs Fenster, um die Komödianten" zu erblicken. Sie gingen von Haus zu Haus, stets von einer ganzen Schaar mutwüliger Jungen begleitet, die lustig und fröhlich im kalten Schnee barfüßig daherliefen. Warum darf ich nicht zwischen diese lustige Gesellschaft mich mengen? Warum nicht auch mal ein Kind zwischen Kindern sein? Allein ich bin ja der Sohn eines Nngid, der Enkel von Reb. Mayerl! sind da muß ich sein säuberlich .stets zu Hause hocken und erst abends mit den Großen zusammen zum Großvater zur Sude (Festessen) gehen. — ,Mas schaust Du dich immer um?" frägt mich der Vater, als ich im Gehen die „Komödianten" erblicke und ihnen nachschaue. — „Du darfst ein bischen schneller gehen!" meint die Mama „bist ja schon ein großer Knabe, wirst ja schon, mit Gottes Wille, in Kurzem 8 Jahre bis 120!" „Lasset ihn", sagt mein älterer Bruder Moschele, „er wlll die „Komödianten" sehen. Ich glaube sogar, er hat selber große Lust, die Komödianten zu bewundern." „Geh schon, geh!" sagt mein Rebbe (Lehrer) Reb Jtzie, mir einen gelinden Rippenstoß versetzend. Ich schaue traurig zur Erde, gehe zusammen mit den Erwachsenen und mache mir gar düstere Gedanken: „Immer nur mit den Großen; immer nur mit dem Rebben! . . morgens und abends, Samstag und Feiertag stets nur mit dem Rebben! Wenn ich ihn los werden könnte! . ." * * * Der Großvater Reb. Mayerl ist der reichste .Mann des Städtchens. Er thront wie ein Monarch in . seinem Reiche. Der große schöne Saal ist taghAl beleuchtet. Ein großer silberner Hängeleuchter spendet sein Licht. von der Mitte der Decke, und an den Wänden sind Tomhak -Hcsses (Wandleuchter) angebracht. Auf den: Tische prangen ein neunarmiger schwerer Silberkandelaber und viele, viele Silberleuchter. Letztere benützt die Großmutter Nechame nur zweimal im Jahre: Pesach zum Seder und Purim zur Sude. * Ganz obenan des .Tisches, in einem grünem Plüschsessel sitzt der Großvater, — Ein kleiner Mann mit sillerweißen Haaren. Er trägt einen langen Seidenkaftan, einen gestrickten Seidengürtcl und ein Streimel.*) Vor ihm auf dem Tische liegt ein großmächtiger, mit Rosinen geschmückter, safrangelber Purim-Kolitz (Berches). Genau an der Mitte des Tisches sitzt die Großmutter Nechame.'^Sie trägt ein goldfarbenes, reich geputztes Seidenkleid, ein Sterntüchel .(Art Diadem) von Brillanten, Diamanten und Perlen, ein reiches Perlenkollier, Brillantohrringe und viele Fingerringe. Neben ihr steht eine große Platte mit den verschiedensten Fischen, süßen und saueren, mit Rosinen und allerlei Gewürzen bereiteten. Sie ist grade dabei, die Fische zu verteilen; ihr freundliches Gesicht strahlt und lächelt, und die Brillanten funkeln und glänzen. — Rings um den .Tische fitzen alle Onkel und Tanten mit all ihren Kindern, Jungen und Mädchen. Die Kinder tragen alle gleiche Namen, immer nach denselben Großeltern, Tanten und Onkeln. Als erster in der Reihe saß der Onkel Zudek mit der Tante Ziwje und drei Jungen: Moschele, Herschele, Welwele und zwei Mädchen: Sarele, Feigele. Dann kamen der.Onkel Naftali und die Tante Debarela mit vier Jungen: Moschele, Herschele, Welwele, Nutele und drei Mädchen: Sarele, Feigele, Ruchele. *j Pelzmütze für Samstag und Feiertage, Fvanyurter JsraeÄWeS Aamüienölait. Dann saß der Onkel Abraham mit der Tante Losie und fünf Jungen: Moschele, Herschele, Welwele, Nutele, Jankele und vier Mädchen: Surele, Feigele, Ruchele, Feibele. Und so ging es unbeschrien weiter: sechs Jungen und fünf Mädel, sieben Jungen und sechs Mädchen — und so immerfort weiter und immer dieselben Namen sich wiederholend. Die Familie war sehr zahlreich; wieviele ihrer waren, weiß ich selber nicht. Der Großvater tvollte einmal aus Neugierde nachzählen und begann: „Nicht eins, nicht zwei, nicht?rei, nicht vier"*) da unterbrach ihn die Großmutter ganz entsetzt: „Auf meine Feinde gesagt! Was fällt Dir ein, warum zählst Du? Ich habe unbeschrien genug Teller, es wird für Alle reichen!" Sobald die ganze Familie versammelt ist, betimmt der Großvater selber die Tifchordnung. Er hält aus Ordnung und gute Sitte, und es muß bei ihm alles nach dem Schnürchen gehen. — Er etzt einen Onkel neben den anderen, eine Tante neben die andere. Uns Kinder ordnet er so, daß nicht Bruder neben Bruder oder Schwester neben Schwester zu sitzen kommen, denn Geschwister pflegen ich nicht gut zu vertragen; er bestimmt nun einen Moschele neben einen fremden Herschele und einen fremden Herschele neben einen fremden Welwele, dann einen Welwele neben einen fremden Nutele und so immer weiter, bis endlich alle gliicklich untergebracht sind. Nur für mich war leider kein Gefährte geblieben, und so erhielt ich als Tischnachbar meinen Plagegeist den Rebben Reb. Jtzie. Dieser war nämlich nicht nur mein Lehrer, sonder» auch mein Erzieher, eine Art Gouvernante. Er hörte nicht auf, an mir herumzumeistern, mich zu belehren, wie und was ich alles tun solle! „Wenn Du bei Tische sitzest, lehrte mich meine Gouvernante Reb!r Jtzie, „sollst Du wie ein Mensch sitzen; die Hände nicht auf dem Tische halten und beim Essen nicht sprechen. — Wenn Du Nudelsuppe 'ißt, darfst Du mit dem Löffel nur soviel Nudelst als Suppe schöpfen, damit die Nudeln nicht nachhängen. — Nach jedem Löffel Suppe sollst Du den Löffel weglegen, den Mund remwischen und dann wieder einen Löffel Suppe nehmen, dann wieder den Löffel weglegen und den Mund reinwischen; nicht hastig einen Löffel nach dem anderen herunterschlürfen wie ein Bauer. ..." Reb Jtzie wäscht sich zum Essen, setzt sich neben mich, und trotzdem er mit seinem Beten, Tabakschnupfen und dgl. sehr in Anspruch genommen ist, schaut er doch stets mit einen: Auge auf mich, ob ich wie ein Mensch sitze. — Schauschanes — Jakow" (Gesang am Purim) beginnt der Großvater mit angenehmer, wohlklingender Stimme zu singen, indem er mit Daumen und Zeigefinger den Takt dazu schlägt. — „Zoholu — weschumechu" (frohlocken und freuen sich) fällt die ganze Tischrunde im Chore ein. . . Allerlei Stiinmen erklingen, immer lauter und fröhlicher ertönt der Gesang. Man segnet „Mordechoi", man flucht „Haman", — möge es nur in Erfüllung gehen, was man ihnen alles wünscht! * „Die „Komödianten" sind da!" meldet Tauchen, der Bediente. - Dieser ist ein älterer Jude mit braunem Kaftan; er duzt-« jedermann, nur nicht die Großellern. Kaum hören wir" Kindcu diese frohe Botschaft, da springen wir vom Tische auf und umzingeln neugierig den König Ahasverus mit seiner goldenen Krone. — „Gut Jomtow!" rufen die Purimspieler laut und fröhlich uns zu und stellen sich in Reih und Glied. Auf einem goldenen Sessel nimmt König Ahasverus Platz. Dann tritt Memuchen (Chaiin der Bäder) hervor und singt: „Bin ich mir Memuchin, von der Wächterschar! Bin ein junger Herr, dies erkennt Ihr an meinem Haar, Kann auch auf einem Fuße springen, Und mit einer süßen Stimme fingen!" — Da frägt ihn König Ahasverus: „Sage mein lieber Knecht Memiche», Wozu kämest Du herzukriechen?" Da antwortet Memuchen: — „Solle der gnädige König kicken (schauest Wie man nicht will vor Haman sich bücken!" Nun braust der König im Zorn auf: ,Wer wagt nicht zu gehorchen meinen Worten, Die ich befahl in allen Landen und Orten?" Memuchen antwortet: „Ein verfluchter Jude, welcher tut Schabes halten. Sein Kaftan hat rückwärts keine Spalten Auf den achten Tag tut er die Knaben beschneiden Wie kannst Du König solches in Deinem Königreiche leiden?" Der König erwidert: „Den Juden bringet her, den Rangen, *) Es ist bei uns Juden nicht üblich, Menschen zu zählen,. und man sagt daher höchstens: Nicht eins, sticht zwei üsw. ' . Nr. 9. Sofort wird er auf einem Baume hangen l" Da singt Memuchen: herein, herein herein! . Bruder Mondrisch mein!" (Schluß.folgt). Kaiser t rieürlcn Quelle - Offenbach a. M. — Gegen Gicht und Bhenmattamns bewährt« Wocheu-Kalertver. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 6. März (--- 13. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 05 Min. in Berlin 6 Uhr 35 Min. Wochenabschnitt: Tezawe. — Die Herrichtung des goldenen Leuchters. Tagtäglich hatte ihn der Priester zu reinigen, mit reinstem Olivenöl zu füllen und anzuzünden: ein Symbol des in Israels Mitte rein strahlenden Thoralichtes. Der Priester ist der Thoralehrer. — Sodann sind die Priesterkleider.genau beschrieben. Der gewöhnliche Priester . trug 4 Gewänder: Beinlleider, Leibrock, Gürtel, Mütze; der hohe Priester 8 Gewänder: die vorgenannten, dazu einen .Ueberrock, einen Efodmantel, einen Brustschild, ein Stirnblech mit der Aufschrift „Heilig dem Ewigen". Am unteren Saun: des Obermantels waren goldene Glocken und goldene Granatäpfel abwechselnd befestigt. Das Geläute kündete die Ankunft des Hohenpriesters im Heiligtum an. Im Brustschild 12 Edelsteine mit den 12 Stämmenamen; auf über die Schultern laufenden Trägern 2 Edelsteine mjt je 6 Stämmenamen. Auch die Pricsterlleider haben symbolische Bedeutung: der Gürtel z. B. scheide den tierischen Unterkörper von dem menschlich schönen Oberkörper. Die Steine auf Brust und Schulter besagen: Der Priester trägt Israel voll Liebe auf dem Herzen, er trägt die Vertantwortung (Last) für sie auf den Schultern. — Am Ende des Wochenabschnittes die Vorschrift für die siebentägige Priesterweihe, die Weihe, das Tomid? Opfer (bestäub. Opfer) und der Befehl, den Raucher^ oder goldnen Altar zu errichteil und täglich darauf Rauchwerk---(Gewürze)- zil verdampfen. Beständiges Opfer und Raucherrstcrk jeden Tag morgens Fnb abends. (Ihm entspricht unser Morgen/- und Minchogebet.) Lehre daraus: Jeden Tag sei unser Leben Gott geweiht. P a r s ch a S S o ch a u r. — Wir gedenken in diesem Abschnitt der ruchlosen Tat Amaleks. Es geschieht deshalb gerade vor Purim, da der Judenfeind Haman Amaleks Sprötzling war. Amalek wollte nach dem Meeresdurchzug Israels der ganzen Welt durch seinen plötzlichen Ueberfall zeigen, daß er allein den Judengott nicht fürchtet, vor dem damals alle Völker zitterten. (Siehe Ende des Meereslied!) Menschenmacht^ über Gottesmacht Ä — Wir hassen jede trotzig - stolze Auflehnung gegen' Gott als ein „Seicher-Amolek", ein Erinnerungsuud Wahrzeichen amalekitischen Sinnes. Das ist der Sinn von Parschas Sochaur. Nicht Menschenhaß befiehlt unser Gesetz; ist doch sogar die FeindeSliebe des öfteren zur Pflicht gemacht. Es ist ausdrücklich erllärte Pflicht, „Parschas Sochaur" zu lesen b-zw. zu hören. Das „Jauz er" dieses Sabbat spricht von den mancherlei Kämpfen, die Israel mit Amalek hätte. — Kein Zidkoscho Zedek zü Mincho. — Sonntag (7. März) ist Purim. Es erinnert an die wunderreiche Rettung Israels zur Zeit der Perserherrschaft, ungefähr 500 Jahre vor dem Jahre I. Ahasveros, König von Persien, glaubt der lügenhaften Anklage seines Ministers Haman, Israel sei staatsgefährlich. Dabei hatte Mordochai dem Ahasveros das Leben gerettet. Haman-bekam die Erlaubnis, alle Juden vertilgen zu dürfen. Durch das Los wird hierzu der 14: War bestimmt. Esther, Mordochais Nichte, die inzwischen Königin geworden, leistet Fürsprache für ihr Volk. Haman wird entlarvt und an den für Mordychäi bestimmten GalgM. gehängt. Mordochai-wird Ministei:, bei' den'Juden